27 Juli

Von Szenen, Subkulturen und der Wichtigkeit eigener Abgrenzung

Verfasst von Diskussion: 21 Kommentare

An einem, sagen wir, Freitagabend postet jemand, nennen wir sie Morticia Dunkeldüster, eine Aufnahme von einer vermeintlich schwarzen Veranstaltung in eine Facebookgruppe. Darauf zu sehen: Schwarzromantiker in aufwändigen Roben, Waver in Pikes und Haremshosen, Steampunks mit mechanisch ausfahrbaren Flügeln, Cyber, die sich mit Menge und Fülle der Plastikdreads und an schreienden Neonfarben gegenseitig überbieten, ein Pärchen in Uniformen, die an die SS erinnern, ein Kerl in Schottenrock mit Bärenfell und Vikingerhorn, ein Latexpferdchen und irgendwas mit Hörnchen, Glitzer und Feenzauberstab. „Alles das ist die schwarze Szene“ schreibt sie dazu und schon nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Altgoten springen aus ihrer Gruft und beschreien, das viel bessere früher und sprechen nur den Wavern und Gruftis eine Existenzberechtigung in der wirklichen Szene zu. Angelockt davon schlagen die Toleranzverfechter und „wir-haben-uns-alle-lieb“ Konsorten in die Tasten. „Toleranz!“ schreien sie, „soviel zur Toleranz in der Szene„. Auf verlorenen Posten kämpfen einige Mutige um eine sachliche Diskussion. Schon fließen die ersten bissigen Kommentare in die Tasten und bis zur Beleidigung ist es auch nicht mehr weit. „Es geht um die Lebenseinstellung“ sagen die einen. Andere rezitieren (lückenhaft) eine vermeintliche Entstehungsgeschichte „der Szene“, die damals auf Ibiza begann. Oder irgendwie damals im Teutoburger Wald, die Sache mit den Urgoten. Oder irgendwie so ähnlich….

Die Diskussionen zur „schwarzen Szene“ vor und unmittelbar nach dem WGT haben es gezeigt: Darüber, was „die Szene“ ist, wer und was dazu gehört und wie diese zu definieren ist, gibt es so viele Meinungen wie es Facebook-User gibt. Mindestens. Diskussionen über „die schwarze Szene“ enden alle – so sicher wie das Amen in der Kirche – immer wieder an ein und dem selben Punkt: Ist die „schwarze Szene“ überhaupt (noch) eine (richtige) Szene? Ist sie eine Subkultur? Sind es viele? Passen die Merkmale überhaupt überein oder ist mittlerweile nach fast 30 Jahrzehnten nicht doch alles anders? Und was die ominöse geteilte Lebenseinstellung von der immer wieder gesprochen wird, ohne das diese jemals deutlich benannt und definiert wird, damit zu tun?

Schweißerbrillen auf Glitzertotenköpfen können den verstaubten Grufti durchaus irritieren

Szene und Subkultur werden nicht nur in diesen Diskussionen schwammig verwendet, sondern generell und allgemein wird wenig unterschieden zwischen den beiden. Was jetzt kommt? Eine Definition? Eher ein Versuch. Darüber, dass „die schwarze Szene“ nicht so simpel und einfach mit zwei Worten zu beschreiben ist. Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede und die Wichtigkeit von Abgrenzung.

Was ist denn jetzt eine Szene eigentlich?

Eine Szene ist im Grunde erst mal ein Geflecht sozialer Interaktionen, das auf gemeinsamen Interessen, Überzeugungen, Vorlieben, Geschmäcker oder auch gemeinsam bevorzugten Konsumgüter beruht. Wichtig ist also eine Vergemeinschaftung, welche sich auf einen gemeinsam geteilten Aspekt des Lebens bezieht. Ein definierter thematischer Rahmen ist das zentrale Element einer solchen Szene und stellt den gemeinschaftlichen Aspekt der jeweiligen Szene dar, der auf die Mitglieder ausgerichtet ist. Es sind Gemeinsamkeiten, wie Einstellungen, Präferenzen und Handlungsweisen und kann sich auf einen Musikstil, eine Weltanschauung, spezielle Konsumgüter oder bestimmte Stile beziehen. Menschen treffen hier freiwillig zusammen und das Konstrukt der Szene unterstützt Identitätsbildung und Sozialisation.

Szenen können daher auch als Gesinnungsgemeinschaft verstanden werden, die einen bestimmten Lebensbereich abdecken. Es sind lockere Gemeinschaften von meist temporärer Dauer, mit geringen Verbindlichkeiten, diffusen Grenzen und recht unkomplizierten Ein- und Austrittsmöglichkeiten. Wirklich Teilhabe am Szeneleben ist jedoch nur dann möglich, wenn man sich szenetypsiche Kenntnisse aneignet und diese anwenden kann. Szenen bestehen mitunter aus vielen Kleingruppen, die sich durch eine gemeinsame Szenekultur (Kleidungsstil, Musik) miteinander verbunden sind. Durch die Medien entsteht die Möglichkeit Szene weltweit zu etablieren.

Wie unterscheidet sich eine Subkultur von einer Szene?

Durch das Sytling wird die Zugehörigkeit zu einer Subkultur ausgedrückt

Die Gemeinsamkeit von Szene und Subkultur ist eine Konzentration auf ein bestimmtes Thema, die Zugehörigkeit unabhängig der sozialen Schicht, ein gemeinsamer Lebensstil sowie ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Darüber hinaus sind beide gekennzeichnet durch eine spezifische Form der Selbststilisierung, einer gemeinsamen Einstellung und der Altersheterogenität, wie typische Treffpunkt und Events. Im Gegensatz zu Szenen haben Subkulturen jedoch engere Grenzen und sind eindeutiger bezüglich der Mitgliedschaft und der Abgrenzung von Individuen und Gruppen (und Abgrenzung bedeutet immer auch Ausgrenzung). Sie bilden einen „geschlossenen Interaktionskontext“ mit exklusiven Qualitäten und haben einen höheren Verbindlichkeitsgrad. Subkulturen können so genommen auch Teilkulturen von Szenen sein.

Die Bezeichnung der Subkultur bezieht sich generell auf eine Teil- oder Gegenkultur innerhalb einer Gesamtkultur. Kulturen beziehen sich auf Merkmale einer menschlichen Gesellschaft, die nicht biologisch sind, also auf: Institutionen, Bräuche, Werte, Vorlieben, Bedürfnisse, Kunst, Glaube, Moral, Recht etc.. Subkulturen heben sich in mehreren Punkten deutlich von dieser gesamtgesellschaftlichen Kultur ab. Ihre Mitglieder verweigern sich herkömmlichen Konsum-, Leistungs- und Anpassungsleistungen. Sie haben durch die Unterschiede zwischen dem von ihnen zelebrierten Lebensstil und dem Stil der Gesamtkultur mitunter ein hohes Konfliktpotential.

Subkulturen werden daher ganz bewusst als Lebensform mit ihren Werten und Normen als Alternative zur Kultur der Gesamtgesellschaft gewählt und zielen auf die Veränderung aktueller Zustände. Sie kennzeichnen sich aus durch die Ausbildung gemeinsamer grundsätzlicher Vorstellungen, Fertigkeiten, Verhaltensweisen und Gerätschaften, sowie eines eigenen Stils, welcher sich im Image (äußeres Erscheinungsbild), Haltung (Körpersprache) und gebrauchten Vokabular manifestieren.

Szene, Subkultur oder beides?

Irgendwie sind wir hier ja schon fast bei der Krux, denn bei der großen in „der schwarzen Szene“ herrschenden Vielfältigkeit kann man kaum noch von „gemeinsamen Interessen, Überzeugungen, Vorlieben, Geschmäcker oder auch in der Szene favorisierte Konsumgüter“ sprechen. Was sind denn die gemeinsamen Interessen, Überzeugungen und Vorlieben? Was ist das gemeinsame Thema? Ist es Tod und Vergänglichkeit oder die Musik? Und wie kann man diese eine Gemeinsamkeit nennen, wenn sich die Stile mittlerweile so voneinander unterscheiden und sich so weit von den (teils) gemeinsamen Ursprüngen entfernt haben?

Musikalisch findet man in der schwarzen Szene mittlerweile so ziemlich alles. Einen Teil davon kann man logisch aus einer (parallelen) Entwicklung und Entstehungszeit herleiten, objektiv erklären und einordnen. Bei anderen musikalischen Strömungen wird es schon wieder schwierig. Zählen denn dann die gemeinsamen Wurzeln noch? Die geteilte Entstehungsgeschichte verschiedener Untergruppierungen? Oder anders gefragt: Sind dann diese Strömungen wirklich Teil der „umfassenden Szene“, oder fühlen sich diese nur mehr mit der Szene assoziiert? Weil sie dort ein Auffangbecken finden, weil sie dort nicht abgewiesen werden? Weil, um es provozierend zu formulieren, es nicht für eine eigene Szene reicht? Und werden wirklich noch die gleichen Konsumgüter favorisiert? Und dann, am Ende dieser ganzen Frage, steht eigentlich eine große: Kann man noch von „der schwarzen Szene“ sprechen? Denn die Farbe alleine, mag ich behaupten, reicht nicht um von einer Szene zu sprechen, da gehört schon mehr dazu.

Meine Antwort wäre, je länger ich darüber nachdenke daher: nein. Nein, kann man nicht, weil die grundsätzlichen Merkmale nicht ausreichend erfüllt sind. Wo sind denn die zentralen Elemente, wie der „thematischer Rahmen“, die „Gemeinsamkeiten, wie Einstellungen, Präferenzen und Handlungsweisen“ und wo der „eine Musikstil, eine Weltanschhauung, spezielle Konsumgüter oder bestimmte Stile“ beziehen. Ganz zu schweigen von einem „Zusammengehörigkeitsgefühl“. Das ich nicht lache. Meiner Erfahrung nach fühlen viele Menschen in „der vermeintlichen Szene“ sehr viel, nur kein Zusammengehörigkeitsgefühl, eher Abneigung. Es gibt keine „schwarze Szene“ (mehr), das sind viele Subkulturen und ein paar Verrückte, die mal Aufmerksamkeit brauchen oder nicht wissen wann sie ihren Kram sonst anziehen sollen, oder einfach nur das Bedürfniss haben zu einer Gruppe zu gehören – Inhalt und Hintergrund stehen dabei nicht immer im Vordergrund.Und jetzt, meine Lieben, sind wir schon bei der Subkultur, oder den Subkulturen, welche sich unter dem Schirm „der vermeintlichen schwarzen Szene“ eingefunden haben:

Cyber mit Nutella-Glas

Nutella-Cyber-Fee? Mir eröffnet sich leider nicht, wo hier der Bezug zur schwarzen Szene ist (Foto: Tobias Blank)

Jetzt sind wir bei Gruppengrenzen und Abgrenzung von Einzelnen und Gruppen beim „‚geschlossenen Interaktionskontext‘ mit exklusiven Qualitäten und höheren Verbindlichkeitsgrad“ und bei „spezifische Form der Selbststilisierung“. Im Grunde ist doch vieles was „die vermeintliche schwarze Szene“ betrifft eine Frage der subkulturellen Zugehörigkeit. Eine Frage der kleineren Gruppe, deren man sich zugehörig fühlt und eigentlich wird es auch hier erst konkret, was „Thema und Lebenstil“ angeht. Hier finden wir diesen „eigenen Stil, das eigene Image (äußeres Erscheinungsbild) und die eigene Körpersprache“. Bei Schwarzromantikern, Batcavern und EBMlern etc. kann man diese Dinge (zumindest teilweise) ausgeprägt beobachten.

Klingt erst mal gut. Und dann, dann kommt die Sache mit der „Verweigerung von herkömmlichen Konsum-, Leistungs- und Anpassungsleistungen.“ und da wird das Eis meiner Meinung nach auf einmal deutlich dünner. Was wird sich denn subkulturellspezifisch verweigert?
In allen Bereichen, mag ich doch mal meinen, findet sich genau das – zumindest je nach Individuum – normaler Konsum, erfüllen von Leistungserwartungen und Anpassungsleistungen – Geld fällt meist halt nicht vom Himmel und (Szene-) Leben will finanziert sein. Derartige Verweigerungen spielen sicher auch eine Rolle. Man trägt nicht was alle tragen, Leistung ist vielleicht nicht so wichtig und einige Anpassungen werden nicht vorgenommen. Aber reicht das Ausmaß und ist das homogen genug? Ich würde behaupten nein. „Die vermeintliche Szene“ ist eben doch erwachsen geworden und mit ihr „die Subkulturen“. Eine homogene Ausrichtung würde ich hier per se nicht unterstellen, sondern beobachte eher individuelle Interpretationen und Ausprägungen.

Und warum das Ganze?

Meiner Meinung nach, ist ein ganz großes Problem, das oftmals wenig unterscheiden wird und häufig unterschiedliche Ideen von Konzepten herrschen. Oft habe ich das Gefühl, dass eine gute Diskussion schon gar nicht entstehen kann, weil nicht vom Gleichen geredet wird. Zum anderen denke ich, kann das ein Ansatzpunkt sein über „die vermeintliche schwarze Szene“ und die „Subkulturen“ und deren (fehlende) Inhalte zu reden. Und jetzt können wir über die Toleranzfrage reden und darüber, warum ich finde, dass eine „Subkultur“ nicht per se tolerant sein kann, aber auch, warum das „der vermeintlich schwarzen Szene“ gerne angedichtet wird.

„Teil der Szene“ zu werden geht heute unglaublich schnell, weil diese so enorm ausdifferenziert ist und klare Definitionsmerkmale vermissen lässt. Hier macht das Thema Toleranz dann auch Sinn, weil unter dem Schirm dieser unklaren Szene vieles akzeptiert wird. Es wird aber auch deutlich, warum von dieser Toleranz innerhalb der Subkulturen keine Rede sein kann: weil eben diese subkuturelle Basis von Abgrenzung und Zugangsbarrieren lebt und weil Subkulturen immer was von einem exklusiven Verein haben. Weil genau das einer der Faktoren ist, die sie aufrecht erhalten und weil man dann ungerne von außen „zwangsentgrenzt“ und mit allem möglichen in einen Topf geworfen wird. Weil Subkultur ohne Definitionsmerkamle nicht mehr funktioniert und „die vermeintlich schwarze Szene“ eigentlich schon keine Szene mehr ist, sondern eher ein Schirm unter dem sich vieles vor dem Regen verkriecht. Wir können nicht von „der einen schwarzen Szene“ sprechen, aber wir brauchen – meiner Meinung nach – eine Diskussion, oder zumindest einen Gedankenanstoß und eine Grundlage, über die wir subjektive Ansichten und objektive Aspekte wieder näher zusammen rücken können.

Das heißt jetzt nicht, dass man als Schwarzromantiker nicht auch EBM mögen und die Veranstaltungen genießen darf und das man sich als Mittelalterfan zum WGT nicht aus dem heidnischen Dorf begeben sollte. Das heißt aber, dass man dann eben nicht Teil dieser spezifischen Subkultur ist, sondern lediglich Interesse an spezifschen Inhalten dieser hat. Dass heißt nicht, dass man sich als Menschen nicht sympathisch sein kann, das heißt aber, das man nie zur selben Subkultur gehören wird und zum Wohle aller besser auch nicht so tut. Und das alles erklärt auch warum es in der Regel als reichlich bescheiden empfunden wird, wenn Uninformierte und Ahnungslose sich meinen etwas aneignen zu können und mit Inhaltsleere unterwandern zu müssen. Subkulturen sind nicht durch Definitionen Außenstehender einfach anpassbar und auf Grund der Abgrenzung ist das hat auch nicht so pralle, wenn Außenstehende meinen sie sind nun Teil davon und müssen allen anderen erklären wie es wirklich ist und war. Damals auf Ibiza oder so….

Und das ist auch der Punkt warum diese Diskussion ausgelöst von Morticia Dunkeldüster so hochgekocht ist. Die einen wollen zu einer exklusiven Gruppe gehören, aber sich nicht anpassen und diese Selbst definieren – funktioniert so einfach nicht und geht nur schleichend. Die anderen haben sich in einen sehr spezifischen Bereich zurückgezogen um dort Gleichgesinnte zu finden und unter sich zu sein – was sie nicht mehr sein können, weil lauter andere auch dazu gehören wollen. Das knallt aufeinander – und dann knallt es in den sozialen Netzwerken. Ja, ich bin ein Verfechter der Gruppengrenzen, was nicht heißt, dass ich Menschen, nicht als Menschen schätzen kann, ich kann sich nur nicht schätzen als verkleidete Hampelmänner, die keine Ahnung von Wave und Pikes haben…

 

21 Kommentare

  1. Ganz viel hochgestochener Text, am Ende bleibt aber dennoch nur ein Wall an Dogmen übrig. Das und jenes ist Subkultur, das und dies nicht. Typisches Problem End-90er Jahre Gruftis: Man möchte unter sich bleiben. Dogmatisch eben. Am besten sich nicht weiterentwickeln. Echte Alt-Waver aus den 80ern würden an dieser Stelle die Hände übern Kopf schlagen und ganz weit weg rennen. Und Szene-Leute aus Russland, Türkei, Polen und anderen autoritären Staaten gleich mit.

    Und wenn man fies wäre, könnte man ja mal den Text replizieren. Nur, aus „Subkultur“ wird eine „Rasse“. Aus einem „EBMer“ wird ein „Mensch nahöstlicher Herkunft“. Ich will Dir nicht unterstellen rassistisch zu sein. Liegt mit fern. Jedoch: Deine Argumentationskette ist den von Rassisten nunmal nicht ganz unähnlich. Und auch das Motiv ist sehr ähnlich: Unter sich bleiben. Nur keine Veränderungen zulassen.

    Meine Frage: Muss das im Jahr 2017 wirklich noch sein? Hhhmmm, vielleicht hat das ja doch nen Grund, warum Neonazis in der sog. „Gothic-Szene“ seit Jahr und Tag so ein leichtes Spiel haben… Nur mal so als Denkanstoß.

  2. Hallo Flederflausch,
    ich habe den Eindruck, dass da aktuell auch so ein „Selfie-Phänomem“ eine Rolle spielt und das betrifft alle Subkulturen und Szenen gleichermaßen.
    Nimm dafür zum Vergleich mit dem WGT das Connichi in Kassel. Ursprünglich hatten die Veranstalter das als reines Manga-Treffen geplant. Anfangs traf sich auch nur diese Gruppe dort. Inzwischen findest du dort neben Steampunk, Schlümpfen, Zombies auch alles andere was so auftritt. Es gibt dort ähnlich wie der Clara-Zetkin-Park den Stadthallengarten wo man schaulaufen kann. So etwas scheint eine Art „Selfie-Szene“ anzuziehen, die von Veranstaltung zu Veranstaltung tingelt ( egal was für ein Thema ) um sich da in Szene zu setzen. Auf Fotografen wird sehnsüchtig gelauert.

    Ein wichtiger Aspekt für die vielschichtige „Schwarze Szene“ ist sicherlich auch die gastronomische Infrastruktur. Hatte Gothic einmal eine relativ flächendeckende städtische Infrastruktur mit Shops, Lokalen, Bühnen und Tanzflächen ist davon ja leider nicht mehr so viel übrig geblieben. Das zwing „schwarze“ Gruppen mit Interessenüberschneidungen natürlich zur Kooperation.
    Gabrielle beklagt in „Steampunk: Mit Volldampf in die eigenständigen Subkultur“ das mehr über Steampunk als über Gothic in Medien berichtet wurde. Daran haben die natürlich ein Interesse. Schließlich gilt der Goth als Rebell und Aufrührer, der Steampunk dagegen steht im Ruf eine gewisse Untertanen-Mentalität zu haben. Da ist es eindeutig interessant die Gothic-Szene tot zu melden und Steampunk zu fördern.
    Ich möchte bei der Gelegenheit an die klassischen Punks erinnern. Da es ihr Selbstverständnis war, ein Dorn im Auge der etablierten Gesellschaft zu sein, wollte man sie natürlich los werden. Zuerst kam die schlechte Presse, dann feindliche Übernahme. Plötzlich war Leder mit Nieten allgemeine, offizielle Mode und alle sollten sich so kleiden. Leider war der Angriff sehr wirksam. ( Als Rebell musste man sich jetzt ein anderes Image zulegen. )
    Ich rate daher nicht zu sehr auf die Presse zu schielen und dort auf objektive Berichterstattung zu hoffen. Die Medienzaren sind konservativ und haben alle Interessen uns zu schaden. Rechnet also er mit demagogischen Artikeln die Goth schaden sollen.

    Wichtig für die Szene-Gründung und den Szene-Erhalt ist meiner Meinung nach unbedingt die interne Kommunikation zu sichern und möglichst eine eigene Infrastruktur aufzubauen und vor allem zu erhalten. Dafür sollte man sich konstruktiv engagieren. Daher sind Veranstaltungen wie das WGT eigentlich sehr wichtig. Leider haben wir da aber die Kontrolle verloren. Was ich dort jedoch für einen ganz wichtigen, sehr guten Ansatz halte ist das differenzieren der Gruppen bei solchen Großveranstaltungen. Das man dieses Jahr gesagt hatte: das Viktorianische Picknick findet hier statt, die Steampunk’s treffen sich dort, halte ich für ein gutes Konzept. Dann entsteht nicht so eine Beliebigkeit, es wird etwas familiärer aber trotzdem gibt es an weiteren Örtlichkeiten die Möglichkeit zu gruppenübergreifenden Kontakten.

    Noch etwas zu dir Axel:
    Ich habe noch nicht davon gehört das ein Goth einen Steampunk ins Konzentrationslager stecken wollte :-)
    Wie ist es denn bei dir mit den Dogmen? Wenn du das Flederflausch vorwirfst, dann finde ich musst du dich da auch an die eigene Nase fassen.
    Man darf doch nicht so tun als wenn Goth oder ähnliche Erscheinungen eine rein rationale Sache wären. Im Gegenteil, das ist ganz, ganz tief Emotional. Wenn ein Dark-Romantic-Paar Arm in Arm auf einer Friedhofsbank sitzt und zu seiner Lieblingsmusik gemeinsam vor sich hin träumt, dann können das nur die Beiden so zusammen. Da gibt es ein emotionales Verstehen, eine Seelenverwandschaft die nur die Beiden so zusammen empfinden können. Glaubst du so etwas funktioniert auch wenn da statt dessen ein Black-Metal-Fan dabei ist? Ist es nicht nachvollziehbar das sich das Romantic-Paar gesucht hat und jetzt unter sich bleiben will?
    Das heißt doch nicht das die Beiden andere diskriminieren oder verachten.
    Gefühle sind nun einmal nicht beliebig.

  3. Axel, man kann den Text kritisieren wie man will aber eventuell wäre es möglich zu akzeptieren, dass Menschen nun einmal unterschiedliche Ansichten haben und zwar zu jedweder Jahreszahl. Ungeliebte Meinungen kriminalisieren zu wollen, weil man sonst offenbar keine Argumente kennt, sieht mir nach einer wesentlich ausgeprägteren Nähe zu totalitärem Gedankengut aus, als irgendetwas dessen, was die Verfasserin dieses Artikels geäußert hat.
    Man könnte von deinem Standpunkt aus durchaus auch vernünftig diskutieren ohne auf „2017“ und „Nazi“ zurückzugreifen. Ich weiß nicht ob sowas wirklich jedesmal sein muss, wenn jemand mal keine Lust auf eine allumfassende Verschmelzung zu gesichtsloser Ursuppe hat.

    Edit: Oha, da hat sich meine Antwort mit der von Ghost Hunter überschnitten.

  4. An sich bin ich zufrieden damit, ich selbst zu sein, ein Alt-Goth mit Zugehörigkeitsgefühl zur Szene seit ihrem Bestehen in allerdings sehr wechselhafter Intensität. Nun blieb es nicht aus, dass ich mich immer wieder vor die Frage gestellt sah, was denn das eigentlich sei – von Außenstehenden oft in aller Unschuld, aber auch in den sattsam bekannten Diskussionen in diversen Foren. Nachdem ich irgendwann eine Weile ernsthaft über diese Frage nachgedacht und auch die gängigen Antworten anderer verglichen habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es eine landläufig konkrete Antwort nicht gibt.

    Doch das heißt nicht, dass ich überhaupt keine Antwort habe. Sie ist nur etwas … exotisch, vorsichtig ausgedrückt. Denn sie basiert auf den Begriffen und Modellen der Chaosmathematik: Im Ursprung gab es eine kleine, im Kern bereits recht schwer zu fassende Gruppe, deren Merkmal äußerlich Klamotten, Frisuren und ein Musikgeschmack war, in Wahrheit jedoch ein gewisser innerer Abstand zur Mainstream-Gesellschaft (hier verstanden als Bezug zu einer abstrakten statistischen Mitte). Der Abstand war nicht weit genug, um in Aktionen oder gar eine politische Bewegung umzuschlagen, aber doch so weit, dass Unterschiede spürbar wurden. Auf dieser Basis kam es dann Schritt für Schritt zur Bildung weiterer Fraktale, und wie das eben in der Chaostheorie ist, sind diese den früheren irgendwie ähnlich, ohne dass sich eine klassisch hermeneutische Einheitlichkeit erkennen lässt.

    Wenn wir heute, nach der xten Iteration, auf „die Szene“ blicken, sehen wir folglich etwas wie eine große Wolke aus vielen kleinen Wolken, die faktisch zwei Dinge gemeinsam haben: Strukturelle Ähnlichkeiten in einem relativ abstrakten Sinn und das Bestreben, Abstand zur gesellschaftlichen „Mitte“ (siehe oben) zu halten bzw. immer wieder neu einzunehmen – wobei letzteres keinesfalls als bewusste, politische Haltung missverstanden werden darf (auch da gibt es Ausnahmen), eher als ein allgemeines Unbehagen am Buntmenschentum. Mit diesem Denkansatz stellt sich z. B. die Kleidungsfarbe Schwarz nur als ein Oberflächenphänomen dar. Vielmehr dient die Kleidung, wo sie entsprechend genutzt wird, jenem Heraustreten aus der Mitte, das eben das tiefere Wesensmerkmal des Goth ist. Dies kann das Schwarz des Trad oder Mopey Goths sein, aber eben auch entlehnte Formen in Pastell oder dem Braun der Steampunks.

    Letzteres bringt mich auf ein weiteres Phänomen, das vor allem für Außenstehende zur Verwirrung beiträgt: Es gibt einige weitere „Szenen“ mit ähnlichen strukturellen Merkmalen wie z. B. die Mittelalterfans oder die Steampunks. Sie haben ihre eigenen Ursprünge, doch sie bewegen sich quasi auf der gleichen orbitalen Umlaufbahn – nicht mehr der Mitte verbunden, aber nicht weit genug, um ideologisch bzw. politisch zu wirken. Damit entstehen Berührungspunkte und Überschneidungen, in Einzelbiografien auch direkte Mischungen.

    Der Wunsch manch altgedienter Goths nach Überschaubarkeit bzw. einer gewissen Verlässlichkeit ist verständlich. Es ist unsere menschliche, tiefste Sehnsucht nach Stabilität und der Gewissheit, zu etwas dazuzugehören. Ich sehe darin auch noch keinen per se rassistischen Ansatz. Was in breiter Front fehlt, ist ein weitergehendes Verständnis dessen, wozu man eigentlich gehört – eben weil die Diskussion über das wahre Gotentum sich fast ausschließlich um Oberflächenphänomene dreht. Da Goth sich jedoch seit zwei Jahrzehnten beharrlich weigert auszusterben und fröhlich weitere Fraktale produziert, wäre es vielleicht mal an der Zeit, tatsächlich eine eigene Theoriebildung in Gang zu bringen.

  5. Ich kann Axels Kritik teilweise nachvollziehen. Generell unterlegen „Szenen“ und „Subkulturen“ immer gesellschaftlichen Wandel. Und das ist auch gut so, sonst würden wir vielleicht, überspitzt gesagt, immer noch auf dem Stand von 1955 sein und zu rock’n’roll-Akkorden in Lederklamotten oder Petticoats in der Milchbar rumlungern ;) Ich halte auch nicht viel von konservativen Strömungen und dem „früher war alles besser“ gerede.

    Die ganzen Diskussionen rund um die Frage, was denn nun eigentlich „Gothic“ ist, wird mit jedem Text, den ich hier oder auch anderswo lese, immer verschwommener, sodass auch der Begriff selbst für mich nicht mehr richtig greifbar ist.

    Um es kurz zu halten (und da wiederhole ich meine Ansicht): Gothic ist nach meinem Empfinden in erster Linie ein auf modische Parameter ausgelegte Subkultur, ein textiles „memento mori“. Dahingehend entsteht schon eine klare Abgrenzung zu jenen anderen Gruppen wie den Mittelalterleuten, den EBMlern usw.

    In unserer egozentrischen und überindividualisuierten Welt, bei der jeder sich via Sozialer Netzwerke vor allem optisch zu profilieren hat, entsteht sehr schnell das Bild größter Beliebigkeit. Teilweise mag das auch stimmen, allerdings sehe ich diese ganzen Entwicklungen nicht so eng. Natürlich gibt es viele, die sich von dieser karnevalesken Atmosphäre angezogen fühlen. Doch das liegt eben auch daran, dass die gigantomanischen Festivals (ich nehme mal das WGT da raus) Sammelbecken für solche „Partymenschen“ sind, die sich mehr wegen der Musik als wegen einer subkulturellen Identität auf den Weg dorthin machen.

    Man muss nicht alles tolerieren, aber auch nicht alles so eng sehen. Große Veranstaltungen führen zu großen Menschenansammlungen. „Gothic“ will jedoch nach romantischen Verständnis eher die Einsamkeit. Insofern passt das sowieso nicht zusammen. Dort, wo das Filtrat übrig bleibt und sich Menschen aktiv um „Subkultur“ bemühen, entstehen auch interessante Neuerungen. Die finden sich aber nicht auf dem M’era Luna, Amphi oder sonstwo. Sie sind eben „subkulturell“ und nur denen vorbehalten, die wirklich unter die Oberfläche tauchen. Alle anderen suchen nur nach optischer Exotik und bleiben an der Oberfläche. So ist das nun mal.

    @Ghost Hunter: Zu den Punks – und das gilt für alle Sub- und Jugendkulturen: Jede dieser Bewegungen beginnen als Auflehnung gegenüber der Gesellschaft, werden aber irgendwann auch von jener assimiliert und in die Popkultur als weichgespülte Form integriert. Im besten Fall findet, wie bei den „Genialen Dilletanten“ eine Musealisierung statt. Der Gothic-Kultur wird das auch widerfahren (oder widerfährt es bereits).

  6. @Axel: Deine Anspielung auf latenten Rassismus in Flederflauschs Artikel finde ich völlig daneben. Auch was das „unter sich bleiben“ mit Dogmatismus zu tun haben soll, geht an mir vorbei. Wenn ich ehrlich bin, trägt nichts aus Deinem Kommentar zur sachlichen Diskussion bei, sondern geht am Thema vorbei und soll lediglich provozieren.
    Aber hey, weil du es bist, hier ein kleiner Exkurs in Sachen Gothic. Unsere Subkultur lebt von der Abgrenzung und der Intoleranz gegenüber dem, was nicht zur Subkultur passt. Das bezieht sich aber auf Interessen und Verhalten, nicht auf Rasse oder meinetwegen auch die geschlechtliche Identität, falls du dieses Fass jetzt auch noch aufmachen willst. Es ist unserer Subkultur also völlig egal, welche Hautfarbe du hast, aus welchem Land du kommst oder welchem Geschlecht du Dich zugehörig fühlst. Nicht egal ist jedoch die Farbe der Kleidung oder einer gewissen Leidenschaft für das Düstere oder Morbide. Klingt simpel, ist aber so. Das hat mit dem von Dir konstruierten Rassismus nichts zu tun, Deiner Argumentation nach kannst du jeder Subkultur Rassismus andichten.
    Auch steht das, was Flederflausch schreibt, nicht gegen eine Weiterentwicklung oder Veränderung. Im Gegenteil. Da hast du es Dir in Deiner Denkweise ein bisschen einfach gemacht. Innerhalb einer Subkultur gibt es immer Veränderungen und Entwicklungen, solange die Grenzen eben dieser nicht berührt werden. Aber ich erkläre es einfacher: Neue Musik finden wir gut, wenn sie ein bisschen düster, melancholisch oder traurig klingt und idealerweise auch davon handelt. Neue Kleidungsstile sind auch interessant, wenn sie schwarz sind.
    Und ja, vor allem 2017 ist der Schrei der Gothics nach Abgrenzung wieder besonders groß. Eine erdrückende Last von jahrelang falsch gelebter Toleranz hat die Subkultur an den Rand zum Karnevalsverein gebracht.
    @Ghost Hunter: Sehr guter Kommentar, der mich an einigen Stellen neugierig gemacht hat.

    „Das zwingt „schwarze“ Gruppen mit Interessenüberschneidungen natürlich zur Kooperation.“

    Ich kann der Argumentation folgen, aber diese Schnittmengen gab es IMHO immer schon. Damals noch mit den Punks oder meinetwegen auch den Mods. Nur wenn eine lokale Szene groß genug war, etablierte sich ein eigenständiger Laden für Gothics. Ich glaube eher, dass sich im Laufe der Jahre eher eine Infrastruktur „aufgeblasen“ hat, die nun wegen der kleiner werden lokalen Gruppen, der sich wandelnden Altersstruktur und nicht zuletzt wegen des Konkurrenz-Kampfes, in sich zusammenfällt.

    „Ich rate daher nicht zu sehr auf die Presse zu schielen und dort auf objektive Berichterstattung zu hoffen. Die Medienzaren sind konservativ und haben alle Interessen uns zu schaden.“

    Dahingehend habe ich meine Haltung auch geändert und stimme Dir vollkommen zu. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass wir wieder mehr „negative“ Berichterstattung gebrauchen könnten, um uns als Subkultur wieder abgrenzen zu können. Berichterstattungen „vom netten Grufti aus Leipzig“ haben schließlich mit dazu beigetragen, dass es überall krieselt. Den Abschnitt zum WGT kann ich daher nur unterschreiben. Sehr gut!
    @Traconias: Messerscharfe Analyse. Sehr lesenswert, vielen Dank. Genau um die im letzten Absatz von Dir beschriebene Theoriesuche finde ich spannend:

    „Da Goth sich jedoch seit zwei Jahrzehnten beharrlich weigert auszusterben und fröhlich weitere Fraktale produziert, wäre es vielleicht mal an der Zeit, tatsächlich eine eigene Theoriebildung in Gang zu bringen.“

    Tatsächlich reicht eine reine Reduktion auf Klamotten und Musik kaum noch aus, um dieser Tage eine Subkultur zu beschreiben. Die Fraktale, wie Du sie treffend nennst, haben ja nicht umsonst Schnittmengen mit der ursprünglichen Bewegung. Am ehesten glaube ich da an den Inhalt und die Form der Ästhetik, die „Gothic“ ansprechend findet. Grob in den Raum geworfen sind das Interessen für das Abseitige, Tabuirisierte, Morbide und Traurige wenn man so möchte. Blöd gesagt: Ist derjenige, der sich „Gothic“ nennt, aber mit Friedhöfen und der morbiden Ästhetik nichts anfangen kann überhaupt noch „Gothic“?
    Ich spüre immer mehr eine inhaltliche Diskrepanz unter den Leuten, die sich auf dem WGT als „Gothic“ bezeichnen. So erscheint mir der Grufti, den ich gesprochen habe, sehr gruftig – aber Friedhöfe findet er doof, historisches Interesse ist kaum vorhanden und auch Wissen über Okkultismus beschränkt sich darauf, wie er bei „The Witcher 2“ vor dem virtuellen Schloss das Rätsel der Totenköpfe lösen kann.
    Hast du auch „Theorien“ zur Identitätsstiftung?

    @Daniel: Ist Gothic tatsächlich nur eine Mode? Ist das fehlende Element ein klaren, inhaltlicher Bezug? Ich stimme Dir in soweit zu, als dass Gothic genau dieses Eindruck erweckt, es aber durchaus einen Bezug zu Themen wie beispielsweise der Vergänglichkeit gibt. Oder findest du nicht?

  7. Erstmal danke für diesen tollen Artikel! Eigentlich könnte man ganze Bücher füllen um darauf zu antworten.

    Als ich Mitte der Achtziger langsam durch die Musik (Duran Duran, Toten Hosen, Ärzte, Visage, U2, Depeche Mode, Human League, The Cure, The Sisters of Mercy, etc.) in die schwarzen Gefilden kam war es ungleich schwerer als es heute ist.Es gab kein Internet, keine Medien die darüber berichteten. Erfahrungen, Mode, Musik musste man erleben, auf sich einwirken lassen. Man war kreativ, Musik wurde auf Tapes getauscht, CDs gab es nicht.

    Es definierte sich ein Zusammenhalt, man wollte dazu gehören. Es gab Hierarchien die es zu erkunden galt. In der Gesellschaft war man Außenseiter, in der Gruppe fühlte man sich geborgen. Am Wochenende ging man nicht einfach raus, man machte ein Ritual daraus. Eines Erlebnisreise!

    Gothic? Gab es damals nicht. Ein Begriff, von den Medien hervorgebracht, soll heute eine Szene definieren? Damals sagte man „man war ein schwatter (Ruhrgebiet-Slang = Schwarzer)“
    Es gab die Grufties, die Ebmler (von denen einige evtl. noch Industrial hörten), die Waver oder Dark-Waver. Es gab Gothic-Rock, aber niemand nannte sich „Gothic“.
    Unsere Schuhe waren Docs (alles andere war Nachahmer-Pipi-Kram), Creeps, oder Pikes. Klamotten von der Stange? Gab es nicht! Und wenn dann eher selten. Musik und Mode waren die ersten Grundpfeiler denen das „morbide“ folgte. Auf Friedhöfen liebte man die Stille, die Kunst das vergangene! Man trotzte dem sterblichen sah im Tod nicht nur negatives. Und dann natürlich SCHWARZ! Die Farbe Schwarz definierte einfach alles in dieser Szene!
    Toleranz? Ja, gibt es. Alter, Geschlecht, Hautfarbe, etc., interessierte keinen, aber damit hörte es auf. Es wurde und wird auch heute noch gelästert ohne Ende! Wer hat eigentlich die Behauptung aufgestellt die Szene wäre/war Tolerant?

    Mitte der 90er fing das erste Szenesterben wohl an. Und um das zu kompensieren assimilierte man alles was nicht bei 3 auf dem Baum war. Mittelalter, Renaissance, Fetisch/SM, Cyber Goth, etc.

    Mal ernsthaft, aber CyberGoth? Neon Würmchen die mit Ihren Wadenwärmern rumlaufen wie Sydne Rome (Lets Move Aerobic) auf Speed.

    Cyber Goth ist das beste Beispiel dafür wie die Szene herunter gekommen ist! Die haben ja Null Gemeinsamkeiten mit der Szene! OK, die Musik, aber ist ein Punkt abgehakt schon das Kriterium für Szenezugehörigkeit? Dasselbe gibt für Mittelalter, Steam Punkt, etc. Es wurden Nischen in die Szene geschoben. Aber vom wem eigentlich? Es sind die Medien, die versuchen durch mehr Konsumenten Ihr Produkt erfolgreicher zu verkaufen. Erste Mittelalter Bands tauchten in den Szene Zeitschriften auf da war diese Genre nocht nicht Ansatzweise Teil von der schwarzen Szene.

    Veranstaltungen wie z.B. das Amphi dienen oft nur noch dazu 1x im Jahr Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Leute wollen Ihre 15 Minuten Fame, unterstützt von den trotteligen Szenezeitschriften-Fotografen die so etwas dann Tolerante, offene Szene zelebrieren.

    Ich glaube die Szene ist schon lange Tod! Man erhält sie künstlich am Leben und arrangiert sich mit den Ruinen die noch übrig geblieben sind. Das hat doch jede Subkultur hinter sich. RocknRoll, Hippie, etc. wer will denn noch behaupten das diese Subkulturen überlebt hätten. Und trotzdem gibt es diese noch, sie werden weiter gelebt, im kleinen vielleicht, aber gelebt. Und so wird auch der Grufti, der EBMler, der Waver nie aussterben. Die Musik ist zeitlos, die Mode überlebt und solange es gleichgesinnte gibt wird es überleben.

    Abschließend möchte ich Wikipedia zitieren, denn ich finde die Einleitung passt sehr gut:

    Die Schwarze Szene ist eine in den späten 1980er Jahren aus der Anhängerschaft des Dark Wave und Independent entstandene Szene. Sie entwickelte sich aus einer jugendkulturellen Gemeinschaft über Jahrzehnte hinweg zu einem altersunabhängigen sozialen Netzwerk, dessen große Gemeinsamkeit in einem ästhetischen, selbstdarstellerischen und individualistischen Konzept liegt. Sie gilt als Gemeinschaft, die sich über szeneinterne Symbole, Medien und Treffpunkte definiert, besonders szenespezifische Veranstaltungen und Diskotheken sowie die unterschiedlichen Strömungen der szeneeigenen Mode. Zu den gemeinsamen Interessen der Szene gehören Musik, Kunstund Mode sowie die Auseinandersetzung mit philosophischen, neureligiösen oder von der Gesellschaft als negativ wahrgenommenen Themen- und Tabubereichen. Insbesondere findet vor dem Hintergrund des individualistischen Konzeptes eine Auseinandersetzung mit den Themenkomplexen Tod, Sterblichkeit, Traurigkeit, Trauer und Melancholie, klinische Psychologie und Psychopathologie statt.
    Dabei ist die „Szene“ weder musikalisch noch modisch als homogene, in sich geschlossene Gruppe zu verstehen. Sie gliedert sich in unterschiedliche Strömungen, die sich zum Teil in ihren musikalischen und modischen Vorstellungen diametral gegenüberstehen.[1] Die musikalischen Vorlieben der unterschiedlichen Anhänger der Schwarzen Szene sind geprägt von einem „Stilmischmasch, der das Spektrum von avantgardistischem Bruitismus über elektronische Popmusik, alte Musik […], (Neo-)Klassik und Folk bis (Punk)Rock, Techno und Ambient“ abdeckt.[2] Als Sammelbezeichnung für die Gesamtheit dieser in der Szene rezipierten Musik wird in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur der Ausdruck Schwarze Musik bevorzugt genutzt.
    Als kleinster gemeinsamer Nenner, und damit als zentraler Aspekt der Vergemeinschaftung, wird die Farbe Schwarz mit all ihren Symbolwerten benannt. Sie gilt hier unter anderem als Ausdruck von Ernsthaftigkeit, Dunkelheit und Mystik, aber auch als Symbol für Hoffnungslosigkeit, Leere, Melancholie und als Bezug zu Trauer und Tod

    Sollte jmd. Rechtschreibfehler finden so bitte um Zusendung per Schneckenpost, freue mich immer nicht nur Rechnungen zu bekommen!

  8. Danke Traconias für den interessanten Kommentar

  9. @Robert: Gothic ist nicht nur Mode, aber sie folgt meines Erachtens einem bestimmten Kleidungscode. Das tun zwar andere Subkulturen auch, aber nicht in diesem Maße wie hier.

    Vielleicht noch ein grundlegender Gedankengang zum Thema „Musik in der Gothic-Szene“ – und da meine ich mich, etwas besser auszukennen: Ich denke, dass die musikalische Vielfalt auch darauf begründet ist, dass die Szene ihre Anfänge mit dem Ende des Punk in seiner ursprünglichen Form genommen hat. Ein kurzer Exkurs:

    Für mich wenigstens bleibt der Eindruck bestehen, dass die musikalischen Epochen seit Rock’n’Roll eine ziemliche Linearität aufweisen. Erst kam Rock’n’Roll, dann kam der Beat, dann die psychedelisch angehauchte Hippie-Sound, der in bombastischen Mini-Opern anschwoll und immer filigraner wurde. Am Ende stand Disco in der Tradition. Als Punk kam und so ziemlich alle Strukturen auf links gekrempelt hat (auch und vor allem die Vertriebswege) begann für mich ein Nebeneinander der Stile, die bis heute anhält. Gothic oexistierte neben New Wave, New Romantic und Post-Punk. Dass da Überschneidungen stattfinden, liegt ind er Natur der Dinge. Und nicht zu vergessen: die Erschwinglichkeit des Synthesizers machte viele ehemalige Punkmusiker neugierig, erlernte Akkorde auf dieser Maschine zu spielen. Plump gesagt: „Gothic“ ist, was die Musik anbelangt, unabhängig vom Stil, sondern muss einen „melancholischen Kern“ besitzen. Ich halte The Cure, Joy Division, Sisters Of Mercy, The Specimen ebenso für Gothic wie Diorama, Diary Of Dreams, Deine Lakaien, aber auch VNV Nation, Apoptygma Berzerk oder Covenant besitzen dieses „Gothic“-Gen. Selbst, und das habe ich schon mehrmals betont, eine Lana Del Rey müsste als düster angehauchte Chanteuse dem einen oder anderen Gruftie zusagen – auch wenn sie das nie offen zugeben würden, weil dann doch wieder alte Abgrenzungsmuster greifen.

    Hier allerdings finde ich die Diskussionen um Musik die „untrue“ ist, im höchsten Maße lächerlich. Ich erinnere mich an die Kritiker, die Bands wie Wolfsheim und Deine Lakaien Verrat an der Szene vorwarfen. Was lächerlicheres gab es nicht. Leider hat sich das bis heute nicht geändert (siehe Unheilig).

    Vielleicht sind auch deswegen heutige Subkulturen nicht mehr musikalisch so eindeutig. „Techno“ gibt es auch nicht. Es gibt Trance, Ambient, Acid, Hardcore, Gabber, selbst TripHop oder auch teilweise Future Pop sind in der Techno-Szene angekommen.

  10. @Robert – danke für das Lob! Ich muss gestehen, dass ich kein sehr fleißiger Theoretiker bin. Ich habe nicht soo viel gelesen, dass ich da mit weitergehenden Ansätzen und Quellen aufwarten könnte. Ich denke auch, dass die bisherige Theorieabstinenz in der Szene zum Teil damit zusammenhängt, dass man nach vielen negativen Erfahrungen mit dem Analysiertwerden durch außenstehende Wissenschaftler verschiedenster Culeur den Abstand nicht nur zur gesellschaftlichen Mitte, sondern auch zu deren akademischen Auswüchsen halten möchte.

    Am ehesten glaube ich da an den Inhalt und die Form der Ästhetik, die „Gothic“ ansprechend findet. Grob in den Raum geworfen sind das Interessen für das Abseitige, Tabuirisierte, Morbide und Traurige wenn man so möchte.

    Dazu würde ich gern noch ergänzen, dass dies ein Teil – der sichtbarste, auffälligste und auch außerhalb der Szene bekannteste – jenes grundsätzlichen Abstandnehmens ist. Wenn ich da etwas tiefer reinschaue, sehe ich ein grundsätzliches Merkmal: die Suche nach einer alternativen Realität im Hier und Jetzt, und zwar in einer für andere urbane Szenen oder Subkulturen unbekannten Tiefe. Die alternative Realität kann in der Vergangenheit gesucht werden (Bsp. Victorian Goth), in der Zukunft (Bsp. Cyber Goth) oder in einer Parallelwelt, die sich (manche) Goths tatsächlich sehr weitgehend schaffen. Auf den ersten Blick passt zwar die Beschäftigung mit dem Morbiden und namentlich dem Tod nicht in diese Sichtweise; immerhin ist dies ja ein sehr reales Phänomen. Doch bei genauer Betrachtung sehen wir, dass wir auch hier zuerst Abstand von der Alltagsrealität nehmen müssen – von einer Welt nämlich, die trotz aller Blutrünstigkeit keinen Zugang mehr zum Tod selbst hat, seit man sich der alten religiösen Vorstellungen weitgehend entledigt hat.

    Um den Gedanken weiter zu veranschaulichen, habe ich einmal eine Parallele zum Drag gezogen (und zwar jener Form, die man vor allem in den USA findet, was nur wenig mit der älteren, europäischen Travestie zu tun hat): Für eine Drag-Queen sind ihr ganzes Leben, ihr Körper, ihr Alltag, die gesamte Lebenssphäre Gegenstand ihrer Kunst. Sie ist ihr eigenes, lebendes Kunstwerk. Das findet man bei Goths – und meines Wissens nur dort – ebenfalls, natürlich in sehr unterschiedlicher Stärke. Doch Goth beschränkt sich nicht auf Kleidung und Musik. Es gibt Ästhetiken fürs Wohnen und Einrichten, sogar für Autos, es gibt touristische Trampelpfade (ich meine nicht nur Festivals, sondern Städte und Landschaften) und es gibt eigenständige Weiterentwicklungen exogener kultureller Elemente wie z. B. im Tribal Fusion Tanz. In diesem Wegwollen aus dem trübbunten Alltag ist Goth übrigens nicht nur der Gothic-Strömung des 19. Jahrhunderts verwandt, sondern tatsächlich auch dem Himmelsstreben der ursprünglichen Gotik.

    In Letzterem liegt vielleicht auch die wichtigste Ursache für das Nicht-Sterben-Wollen der Szene: Die Realität liefert beständig tausend gute Gründe, auf Abstand zu ihr zu gehen. Im weitesten Sinne eskapistische Subkulturen gab es ja zu allen Zeiten. Nur haben wir eben heute die Medien und Mittel, ein bestimmtes Modell dieses Abstandnehmens weltweit zu verbreiten, und die Musik schafft dazu die nötige Aufmerksamkeit und Anziehungskraft. So kommen plötzlich Goths aus Südamerika, Russland und sogar der VR China … nicht weil das jemand bewusst gewollt hätte oder wir eine geheime telepathische Energie ausstrahlen, sondern weil die Mathematik dahinter überall dieselbe ist.

  11. Sowohl im Artikel als auch in den Kommentaren sind meiner Meinung nach einige problematische Punkte enthalten, auf die ich kurz eingehen möchte:

    Flederflausch unterscheidet soziologisch korrekt zwischen Szene und Subkultur, ihren Schlußfolgerungen daraus kann ich aber nicht zustimmen. Aus meiner Sicht argumentiert sie, dass es eine klar bestimmbare und definierbare „Gothic“-Subkultur gibt (stark vereinfacht: Pikes, Schwarz, Konsumfeindlichkeit, Okkultismus und Friedhöfe), die sich nicht nur eindeutig von anderen Subkulturen innerhalb der Szene unterscheidet (wo fangen diese denn genau an?), sondern auch ziemlich statisch in Hinblick auf ihre Codes und Werte ist. Mir stellt sich dabei aber die Frage: Wenn es tatsächlich so ist: wie konnte diese Subkultur (mutmaßlich komplett fertig aus dem Nichts) entstehen und über so lange Zeit bestehen bleiben? Wo finde ich die Mitglieder dieser Subkultur? Im Alltag, abseits von Diskotheken und Festivals, sind sie mir nämlich noch nicht begegnet. Dazu kommt aber, dass nach ihrer Argumentation auch niemand in diese Subkultur eintreten kann, denn ein Entwicklungsprozess dahin würde zwangsläufig über offenbar nicht-kompatible Vorstufen verlaufen, was wiederum das Ergebnis verwässern und damit unerreichbar machen würde. Insofern stimme ich Axels erstem Absatz zu (aber auch nur diesem). Aus meiner Sicht verkennt Flederflausch, dass die Szene (und auch die von ihr offenbar präferierte Subkultur) eben nicht nur von depressiven Nihilisten, sondern auch vom Gegenteil, etwa den New-Romantics, deren Rebellion eher in möglichst buntem und extrovertiertem Auftreten bestand, extrem beeinflußt wurde, denn deren Erscheinungsbild war aus meiner Sicht ein prägendes Vorbild für das später monochromatische Erscheinungsbild eben jener Subkultur.

    GhostHunters Kommentar fällt aus meiner Sicht in den Bereich Verschörungstheorien, geboren aus Halbwissen und Paranoia. Zumindest hierzulande funktionieren Medien nämlich (noch) nicht ganz so, wie er es sich offenbar vorstellt.

    Gabrielle beklagt […] das mehr über Steampunk als über Gothic in Medien berichtet wurde. Daran haben die natürlich ein Interesse. Schließlich gilt der Goth als Rebell und Aufrührer, der Steampunk dagegen steht im Ruf eine gewisse Untertanen-Mentalität zu haben. Da ist es eindeutig interessant die Gothic-Szene tot zu melden und Steampunk zu fördern.
    […]Die Medienzaren sind konservativ und haben alle Interessen uns zu schaden. Rechnet also er mit demagogischen Artikeln die Goth schaden sollen.

    Mir ist nicht klar in welchem Zusammenhang der Steampunk der breiteren Öffentlichkeit mit einer „Untertanen-Mentalität“ aufgefallen sein sollte (Quellen?), und das im Gegensatz zum „Goth als Rebell“. Ich kann mich an keinen einzigen Artikel aus den letzten 20 Jahren erinnern, in dem Goths als „Rebell[en] und Aufrührer“ beschrieben werden.
    „Medienzaren“ gibt es hier in der Form auch nicht (zumindest nicht so, wie es aus anderen Ländern bekannt ist), aber zugegeben eine Zahl größerer Verlage mit einer Vielzahl von (auch meinungsbildenden) Publikationen. Dennoch ist unsere Medienlandschaft weit davon entfernt, gleichgeschaltet zu sein, denn es gibt immernoch eine noch größere Zahl an unabhängigen Zeitungen, Webseiten, Blogs etc.. Wie kommt es also zu dieser Steampunk-„Invasion“ in den Medien?
    Ganz einfach: Journalisten suchen sich das am einfachsten zu erreichende und gleichzeitig aufmerksamkeitsheischendste Ziel, um mit minimalem Aufwand maximale Aufmerksamkeit zu erzielen. Auf das WGT bezogen heißt das: Journalisten, Fotografen und alle, die sich dafür halten, gehen am Freitag zum Victorianischen Picknick. Dort müssen sie keinen Eintritt zahlen, haben die maximal mögliche Menge an Selbstdarstellern, die freiwillig über sich reden und für Bilder posen, und können so innerhalb weniger Minuten genug Material für einen oder gar mehrere Beträge sammeln. Denn die meisten dieser Journalisten und Fotografen werden pro Bild oder pro Wort bezahlt. Aufgrund der eher extrovertierten Art der Steampunkszene versus der eher introvertierten Gothic-Subkultur sind dort natürlich mehr Steampunks als Trad-Goths anzutreffen, und schon haben wir Beiträge, die Steampunks zum Szenemittelpunkt erklären. Es ist eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung für die Medienmacher und keine von „den Mächten“ gesteuerte Entwicklung.

    Ich möchte […] an die klassischen Punks erinnern. Plötzlich war Leder mit Nieten allgemeine, offizielle Mode und alle sollten sich so kleiden. Leider war der Angriff sehr wirksam. (Als Rebell musste man sich jetzt ein anderes Image zulegen.)

    Das ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, kein mediales. Die Gesellschaft als Ganzes integriert Dinge, die ihr fremd oder bedrohlich vorkommen, mit der Zeit, um die „Bedrohung“ zu entschärfen. Dies ist aber mitnichten von einzelnen „Medienzaren“ gesteuert, sondern ein normaler gesellschaftlicher Mechanismus (kann man bei diversen Soziologen, Kulturwissenschaftlern und Philosophen, z.B. Adorno, nachlesen, Dank und Lob an Daniel für seinen letzten Absatz im ersten Kommentar). Natürlich gibt es innerhalb unserer Gesellschaft auch Eliten, die enormen Einfluß auf die Medien und die Politik haben, aber meiner Meinung nach sind Goths auf die Gesamtgesellschaft bezogen so unterrepräsentiert, dass sie von diesen Eliten eher zur Ablenkung als Feindbild aufgebaut als marginalisiert und als „nette Leute von nebenan“ beschrieben werden würden (wer sich für Elitenforschung in Deutschland interessiert, sollte sich die Beiträge des Soziologen Michael Hartmann anschauen).

    Mir erschließt sich nicht, warum einige Beitragende unter Mißachtung der historischen Entwicklungen offenbar glauben, dass eine Szene oder Subkultur in ihren spezifischen Ausprägungen statisch sein, nur kontrollierten Zugang erlauben und damit auch noch über längere Zeit überlebensfähig sein kann. Natürlich bin ich auch kein Freund einiger Teilbestandteile dessen, was heute under dem Label „Schwarze Szene“ zusammengefasst wird, aber ich sehe auch nicht, dass die Szene überleben kann, ohne sich anderen Einflüssen zu öffnen.
    Mal ganz abgesehen davon, dass einerseits der Individualismus gefeiert und gleichzeitig Uniformität gefordert wird, halte ich die Haltung: „du bist untrue und ein Hampelmann, weil ich deinen Stil nicht mag“ für unglaublich borniert und kurzsichtig.

  12. Uff, so viele unterschiedliche Kommentaren. Ich hoffe ich konnte auf alle etwas eingehen…

    @Axel: Erst wollte ich dir nur ein Faceplam-Gif widmen, jetzt möchte ich doch versuchen auf die einzugehen und, die Spitze kann ich mir nicht verkneifen, das tun, gegen was du dich verwehrst: eine wirkliche Diskussion anstreben, ohne Dogmatismus…Ich finde es ist ein ganz natürliches menschliches Bedürfnis zu einer Gruppe zu gehören, diese mit zu gestalten und in dieser in gewissen Teilen unter sich zu bleiben. Das muss nicht beinhalten andere zu verurteilen und kategorisch auszuschliessen. Das habe ich auch nicht getan und es wird im Blog auch immer wieder herausgestrichen: Es ist gut und schön „andere“ dabei zu haben, die sich anständig verhalten – dann spielt es keine Rolle, ob diese ein grünes Shirt tragen – man genießt zusammen und teilt etwas: Aber sie sind dann halt keine „Gruftis“ „Waver“ oder was auch immer. Diese Menschen sind auch nicht die, um die es in diesem Text geht. Es geht um die inhaltsleeren, konsumverbendeten Mitläufer die zur Ausschlachtung einer Subkultur und Szene beitragen und mit daran wirken, dass diese zu einer leeren und quietschigbunten Hülle wird. Kleiner Hinweis: dieser Text bezog sich nicht nur auf Äußerlichkeiten ;)
    Dein Rassismusargument finde ich völlig daneben und ich bin ehrlich gesagt auch wütend über die herrschende Diskussions-…. „Kultur“ kann man es gar nicht nennen, bei der unreflektiert das Rassismusargument ausgepackt und eine Dichotomie produziert wird ohne Feinheiten und Graustufen zu sehen. Rassismus funktioniert übrigens auf der Grundlage von von außen zugeschriebenen Identitäten und Eigenschaften (um in dem Slang zu bleiben: Gruppe X sagt über Gruppe Y nationalsozialistische Argumente wie: alle Juden haben eine Hakennase, sind von minderer Intelligenz und geldgierig. Das ist rassistisch). Szene und Subkulturen fungieren hingegen auf Basis selbstgewählter Identitäten (Person X und Guppe X schreiben sich selbst diese und jene Eigenschafen zu). Es geht hier zudem mehr um einen Definitionsversuch um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen.
    Unter sich bleiben ist das eine, wie bereits erwähnt, sind auch andere gerne willkommen, als Bereicherung. Über die Veränderungen und Erweiterung wird in Spontis oft genug und wohlwollend berichtet. Hier sollte man unterscheiden zwischen Weiterentwicklungen und Veränderungen und davon differenzierten neuen Strömungen, welche man im Kontext der Ausgangslage nur schwerlich als Weiterentwicklung beschreiben kann

    @GhostHunter: Das „Selfie-Phänomen“ ja. Das verbindet sich meiner Ansicht nach mit einer Frage und Suche nach Anerkennung. Was mich wiederrum fragen lässt warum es eine Tendenz zu geben scheint diese so sehr von außen und von einer breiten Öffentlichkeit zu erlangen. Das verbindet sich für mich aber auch mit dem Internet und der Möglichkeit an breiten Angeboten teil zu haben aber auch breite „Angebote“ zu teilen.
    Mein Eindruck zur „Infrastruktur“ ist allerdings ein anderer, ich habe vor allem in letzter Zeit, vielleicht habe ich es ja vorher nur nicht bemerkt, dass es eine sehr lebendige Szenekultur gibt und viele Angebote und Möglichkeiten. Wenn auch einige davon mittlerweile mehr online zu finden sind. Ich sehe das sich viel selbstorganisiert und vernetzt wird. Da steht sehr viel Engagement dahinter.
    Von „Interessen die uns schaden sollen“ zu sprechen finde ich allerdings überzogen. Meiner Ansicht nach geht es hier eher um eine Sensationslust und auch deine Argumentationskette zu Steampunks ist für mich nicht nachvollziehbar. Vielleicht könntest du das weiter erläutern. Zumindest ich finde es schwer, die von dir gezogenen Schlüsse diesbezüglich nachzuvollziehen und an beobachteten Phänomenen festzumachen.
    @Traconias: Ich finde deine Theorie sehr interessant und halte den Gedankengang für plausibel und möchte meinen, dass wir im Endeffekt versuchen etwas ähnliches zu sagen und dafür unterschiedliche Begriffe nutzen. Was du beschreibst, die Analyse aus der Aussenansicht, ist wohl ein allgemeines „Problem“ in „wissenschaftlichen“ (oder journalistischen) Texten, die an verschiedenen Stellen breit diskutiert wird, für die aber bisher noch keine wirklich umgängliche Lösung gefunden wurde. Diese kann es meiner Meinung nach auch nicht geben, geht man davon aus, dass es wenig gibt was einfach so ist (Schwerkraft zum Beispiel ist so. Punkt) und vieles eine Frage der Interpretation und Auslegung ist und eine wirkliche Objektivität nicht grundsätzlich erreicht werden kann. Ich würde anderen Subkulturen jedoch im Vergleich zu „Gothic“ die Tiefe nicht zwingend absprechen wollen

    @Daniel: Ein Wandel passiert immer und diesen wollte ich auch nicht in Abspruch stellen oder als grundsätzlich negativ betiteln Siehe auch den Kommentar an Axel. Weiterhin schliesse ich mich hier Roberts Kommentar bezüglich des modischen Aspekts an…

    @Armin: Ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar und deine Berichte von „damals“

    @Victor von Void:Eine interessante Beobachtung. Mit scheint, wir haben da unterschiedliche Erfahrungen gemacht oder eine andere Interpretation. Ich finde, man trifft diese Menschen sehr wohl auch ausserhalb der subkulturellen Räume. Oftmals weniger offensichtlich, aber ich „sehe“ sie immer wieder. Durch meine Argumentation, und möglicherweise war das missverständlich, sollte nicht ausgeschlossen werden, dass ein Zugang möglich ist. Das ist er. Immerhin sind nicht alle „Kinder der 80er“. Der Zugang beinhaltet aber einen gewissen Beweis von Authetizität und der kann nicht einfach durch das Tragen bestimmter Kleidungsstücke oder dem Konsum von Musik erbracht werden. Der Zugang basiert, neben der Authentizität, meiner Meinung nach auch auf einem bestimmten subkulturell spezifischen Wissen und einem „gelebten Inhalt“, der mitgebracht wird.
    Strömungen wie den New Romantics möchte ich ihre Berechtigung nicht absprechen. Es gint durchaus subkulturelle Kreise, die meiner Ansicht nach auch analytisch gut unter das Dach „Gothic“ passen. Aber das ist genau das was ich meine. Ein New Romantik ist ein New Romantik und kein Waver. Was nicht ausschliesst auch Elemente aus anderen subkulturellen Bereichen zu mögen und zu schätzen. Mir geht es vielmehr um Strömungen, welche mir zusammenhangslos erscheinen und um, ich nenne es platt und überspitzt, „Inhaltsleere Mitlufer, Aufmerksamkeitsheischer und blinde Konsumenten“.
    Das ist keine Statik implizieren wollte habe ich weiter oben bereits erörtert ;)

  13. @Flederflausch Ich habe den Artikel noch einmal mit deiner Antwort im Hinterkopf gelesen und stimme dir zu, dass es keine Merkmale gibt, die die Schwarze Szene als Ganzes umfassend definieren könnten und dass es aber innerhalb der Szene Subkulturen gibt, die zumindest etwas klarer abgrenzbar sind. Wie du auch in deinem Kommentar anmerkst, funktionieren Szenen und Subkulturen über selbsgewählte Identitäten und Zuschreibungen bestimmter Merkmale, die idealerweise nicht von außen vorgenommen werden. Die wichtigen Worte dabei sind „selbstgewählt“ und „Selbstzuschreibung“. Ich vermute, du beziehst das auf die komplette Subkultur, aus meiner Sicht ist das aber nur für Individuen möglich, deren Überschneidungen dann die Subkultur bilden. Vereinfacht gesagt: ich gehöre einer Subkultur an, weil ich es so gewählt habe. Da stößt aber meiner Meinung nach dein Ansatz über die klare Abgrenzung und Definition einer Subkultur (die so klar meistens eben nicht möglich ist) an seine Grenzen. Du bemühst die „Authentizität“ als Marker für die Zugehörigkeit. Aber bin ich denn wirklich authentisch, wenn ich mich maximal an eine Gruppe anpasse, nur um die Torwächter derselben zufrieden zu stellen und Zugang zu erhalten? Wo beginnt denn die „echte“ Authentizität, wenn nicht dort, wo ich mich eben nicht den Codes und Wertvorstellungen anderer unterwerfe? Oder andersherum: kann ein durch und durch rationaler Mensch, der Esoterik eher ablehnend gegenübersteht, Teil einer Szene oder Subkultur sein, bei der „Beschäftigung mit Okkultismus“ ein oft genanntes, aber nicht das definierende (Haupt-)Merkmal ist? Wie ist es, wenn er nur vorgibt, Okkultist zu sein, um sich der Subkultur anzudienen, aber in seiner täglichen Praxis nicht vor dem Einschalten Kaffeemaschine die Mächte um Beistand anruft? Oder Pikes nicht seinem Geschmack entsprechen und er lieber Docs trägt? Und gibt es wirklich das eine Merkmal (oder auch die 3, 4 Merkmale), das eine Subkultur 100%ig von anderen abgrenzt und damit als Mitgliedsausweis für diese zählen kann?
    Und nun kommt der vielleicht wichtigere Teil dabei: wie hält stärkere Ab- und Ausgrenzung eine Szene von unerwünschten Einflüssen frei, ohne in Gesinnungsjustiz abzugleiten und die jeweilige Szene oder Subkultur eher kurz- als langfristig ebenso hohl und inhaltsleer werden zu lassen und von innen heraus zu zerstören? Fördert eine so starke Ab- und Ausgrenzung nicht mehr den Schein als das Sein? Wie soll die notwendige Weiterentwicklung zustande kommen? Beispiele für Subkulturen und Organisationen, in denen mehr geheuchelt wird, als alles andere, gibt es doch wohl genug. Keine Frage: niemand hier findet es toll, dass Leute als Beispiel für die Szene präsentiert werden, für die es nur ein Wochenendnervenkitzel ist, mal in Schwarz raus zu gehen oder sich in ein Karnevalskostüm zu werfen. Aber das sind, und da sind wir uns glaube ich alle einig, Randerscheinungen, denen man außerhalb des Rahmens eines Festivals wie des WGT im Zusammenhang mit der Szene eher selten begegnet. Inwiefern soll also eine Zersplitterung der Szene in ihre Subkulturen und deren stärkere Abgrenzung voneinander den Erhalt und den Zusammenhalt derselben fördern? Wären z.B. Wave-Veranstaltungen, die jemand, der nach Meinung der Subkulturwächter kein Waver sondern „nur“ ein Batcaver oder Rivethead ist, nicht betreten darf, in irgendeiner Form hilfreich? Ich hatte mal in einer anderen Diskussion einen (sehr relaxten) Dresscode für Schwarze Veranstaltungen in die Diskussion geworfen, das wurde aber beinah unison abgelehnt, weil dann der Zugang für szeneaffine aber nicht szenekonforme Leute verwehrt wäre. Wie aber willst du die Abgrenzung dann anders durchsetzen? Mal ganz abgesehen davon, dass sich z.B. regelmäßige Veranstaltungen für einzelne (Teil-)Subkulturen wenn überhaupt nur in großen Ballungsräumen etablieren könnten, was wiederum potentielle Anwärter, die geografisch isolierter leben, ausschließen würde (und nein, das Internet ist definitiv kein 100%iger Ersatz). Wäre es nicht sinnvoller, die Gemeinsamkeiten zu betonen und sich ansonsten in Ignoranz gegenüber Randerscheinungen, die dazu noch zum Teil recht kurzlebig sind, zu üben?

  14. Ich halte Okkultismus absolut nicht für ein zentrales Merkmal, ich würde es eher mit einem kritischen Blick auf Religion allgemein bezeichnen. Ich habe in meinen mittlerweile fast 28 Jahren Szene-Dasein nicht einen einzigen Grufti/Gothic getroffen, der sich intensiv mit Okkultismus befasst hat – mit Religionen diverser Couleur hingegen schon. Die meisten lehnen den christlichen Glauben (jedoch nicht seine Werte) ab und sind entweder bewusst atheistisch oder beschäftigen sich eher mit Naturreligionen oder dem Buddhismus.

    Ich habe mich immer dagegen gewehrt, in eine Schublade mit Satanisten gesteckt zu werden, und bin froh, dass diese klischeehaften Medienberichte endlich ein Ende haben, die mich falsch stigmatisieren. Daher sehe ich es durchaus kritisch, wenn solche Thesen wie dass zu unserer Subkultur ein Interesse an Okkultismus gehören soll, aufgestellt werden.

    Ich wage sogar zu behaupten, dass manche, die sich eigentlich gar nicht für Okkultismus/Satanismus interessiert haben, durch eben solche Klischees überhaupt damit begannen, sich damit zu befassen – weil sie denken/dachten, man müsse sich damit auskennen, um dazuzugehören und anerkannt zu werden.

  15. Vielen Dank Victor von Void für Deine Worte zum Journalismus und diesen – gelinde gesagt – dämlichen Verschwörungstheorien. Ich bin seit fast 30 Jahren Journalistin und noch nie hat ein Politiker bei mir geklopft und mir befohlen, eine Szene oder gar irgendwas anderes zum Zwecke eines bestimmten Ziels so oder so darzustellen. Es gibt natürlich eine Verstrickung von Politik, Wirtschaft und Journalismus, die darauf beruht, dass die Leser, Hörer, Zuschauer für nix mehr Geld ausgeben wollen – schon gar nicht für gut recherchierte Informationen und Artikel. Da kann sich jeder mal gerne selber an die Nase packen. Gibt es ja alles umsonst im Internet, ne?! Also müssen alle Redaktionen massiv sparen (schick mal den kostenlosen Praktikanten!) und sich durch Werbung finanzieren. Da die Wirtschaft aber nicht selten mit der Politik klüngelt, werden die einen oder anderen Meldungen, die den Geldgebern negativ ausgelegt werden könnten, halt einfach mal nicht oder nicht so groß veröffentlicht. Ein aktives Falsch-Berichten auf Anweisung habe ich noch NIEMALS irgendwo auch nur ansatzweise erlebt und ich kenne keinen einzigen ernsthaften Journalisten, der sowas tun würde. Und hallo? Was interessiert die Politik eine völlig unbedeutende Subkultur, die weder politisch aktiv ist, noch sich sonstwie zum Weltgeschehen oder der Wirtschaft äußert? Ich kann diesen Bullshit von Journalisten-Bashing nicht mehr hören/lesen. Wir sollten mal lieber alle froh sein, dass es noch immer Journalisten gibt, die unter Einsatz ihres Lebens und gegen alle Widerstände investigativen Journalismus betreiben und als Kontrolle der Machenschaften von Politik und Wirtschaft dienen. Ohne dieses Kontrollorgan könnten die nämlich machen, was sie wollen. Im Boulevard-Journalismus, den Victor beschrieben hat, läuft es exakt so ab: Hohe Aufmerksamkeit für wenig Geld. Fertig, aus! Aber wer Boulevard-Magazine für ehrlichen Journalismus hält, ist selber Schuld.

  16. @Tanzfledermaus Der Okkultismus sollte eigentlich mehr ein zugegebenermaßen extremes und willkürliches Beispiel zur Illustration für ein Szenemerkmal sein, dass sich nicht rein auf Äußerlichkeiten stützt und daher bei einem Individuum erst einmal schlicht nicht überprüfbar ist. Zumal es in der Regel ja auch (gothseidank) keine Richtlinien für szenekonformes Denken gibt, an denen man sich orientieren müsste. Ich hätte auch Kirchen-/Religionsfeindlichkeit, Interesse für Friedhöfe (wie sieht das aus: gelegentlicher Besuch, auf Gräbern schlafen? Was ist da das „korrekte“ Mindset?) oder sonst etwas wählen können. Mir ging es mehr darum, zu zeigen, dass einige (selbstgewählte) Merkmale von Subkulturen schlicht nicht zur Unterscheidung und damit auch nicht zur Inklusion oder Abgrenzung taugen. Denn gerade im Bereich solcher eher schwammigen Merkmale dürfte jedes Individuum seiner eigenen Auslegung folgen.

    @Orphi Gern geschehen! Ich sehe das genauso wie du, insbesonders da solche Verschwörungstheorien natürlich auch gern von Leuten, die tatsächlich nicht ganz „sauber“ sind, genutzt werden, um leicht beindruckbare Mitglieder der Gesellschaft für Ideologien zu gewinnen, die keiner realistischen Überprüfung stand halten, und dafür Andere ungerechtfertigt oder zumindest aus den falschen Gründen diskreditieren. Statt Qualitätsjournalismus zu fördern und den Leuten seinen Wert zu demonstrieren, wird er dadurch zerstört. Und seien wir ehrlich: wir bräuchten in allen Bereichen definitiv mehr Qualität und weniger Zirkus.

  17. Diese Diskussion mitzuerleben ist sehr bereichernd für meine momentane Situation. Denn seit ich Mutter bin und wenig Zeit für mich habe, empfinde ich das identitätsstiftende Element meiner „Welten“ als ziemlich vertrakt. Will sagen: nicht nur die Szene(n) sondern auch die Entwicklungen des eigenen Habitus müssen verifiziert, reflektiert und erweitert werden. Kann schon jemand behaupten mit dreißig Jahren noch immer derselbe Grufti zu sein wie in seiner lauten Jugend?

  18. Nein, ich zumindest kann, in der zweiten Hälfte der 30er angekommen, nicht mehr behaupten der Selbe zu sein wie…. auf die Festivalbändchen schau… sagen wir mal 2004. Was ich aber behaupten kann ist, das ich in der Szene immer noch optisch und akustisch ansprechendes Neues entdecke. Sowohl mein Mode, wie auch mein Musikgeschmack, haben sich wenn denn nicht ganz geändert, dann doch stark erweitert. Mittlerweile halte ich es mit „ich weiß, das ich nichts weiß“, und „etwas was sich nicht mehr verändert, ist tot“ (wobei ich diesen Satz bei ner ähnlichen Diskussion zum Thema und in der Szene Tracht(en) und Veränderungen vor Jahren gehört habe…überall die selben Diskussionen). Ich empfinde es dabei sehr erfrischend selber die Grenzen nicht mehr so eng zu ziehen im Kopf, und es macht mich nicht alt, sondern hält mich jung. Anderer Seits empfinde ich Diskussionen über Grenzen und Schubladen, Schwarz und Weiß, mittlerweile als ermüdent… wenn nicht sogar nervig… weil meine Murmel auf den Schultern nunmal nicht mehr in diesem Betriebssytem läuft. Einmal ins Kleine… Über die Jahre hab ich einige Leute kennen gelernt, bei einigen waren die Wege im Kopf und Leben nicht ausreichend für eine längere und tiefere Freundschaft, oder es geht mal zusammen, dann wieder auseinander, andere sind jetzt Teil der Familie. So, vom kleinen aufs Große zurück… Trotz aller Differenzen bei den Leuten, sie schaffen es immer wieder sich in Discotheken, oder auf Festivals zu treffen, teils zu Zehntausenden, und alles friedlich und lebendig am laufen zu halten. Irgendein gemeinsamer Kern ist also da, und der Wille etwas weiter führen zu wollen. P.S. Wo ich Journalismus und Politik lese, eine Journalistin haben wir also hier, und ich wäre dann die Person mit Parteibuch und Amt. Damit bin ich also raus aus der Szene, weil die Szene ja unpolitisch ist. ;-p ;-) Außerdem ist guter Journalismus in meinem Leben sehr wichtig, und ich lese regelmäßig einiges mehr als Sonic oder den Orkus. Wenn man schaut was einige Zeitungen, Magazine, oder MDR/NDR(ARD),ARTE… zeigen, ist es für die Szene teilweise wirklich um einiges besser geworden. :-)

  19. Passt vielleicht nicht 100% zum Thema des Artikels, wohlgleich es auch um vermeintlichen Elitismus und Szenezugehörigkeit geht:

    https://www.youtube.com/watch?v=94sXHC_4z_U

    Angelica Benedict, die auf YouTube bekannt für ihre sehr interessanten Schilderungen über die amerikanische Goth Szene der 90er ist, hat einen „rant“, wenn man es so nennen möchte, veröffentlicht, der ziemliche Wellen geschlagen hat. In dem Video gehts kurz gesagt um die Verwässerung des Goth Begriffs und die Reduzierung der Szene-Identität auf Äußerlichkeiten und Konsumgier. Sie kritisiert vor allem die online „Szene“ und ihre Gier nach clicks, views, likes und der obsessiven Liebe des Gesehen-werdens.

    Ich denke, dass das Web und sein Einfluss, allen voran durch die sogenannte „Youtuber“ Gemeinde, auch betachtet werden muss, wenn man eben das Thema der Abgrenzung bespricht. Denn der Trend im Web ist, dass die Leute, um es jeden Recht zu machen und ja nicht weniger views und daher weniger Geld zu bekommen, die „Goth is what you make it“ Schiene fahren. Goth Channels sind voll von Make up tutorials en masse, hauls, Outfit of the day and clickbait scheiß (sry, ich weiß einige hier kennen und mögen Freyja/It’s black Friday, aber seit dem Frankreich drama und den darauffolgenden hunderten clickbait videos kann ich sie nicht mehr so ernst nehmen). Schaulauf passiert ja längst nicht mehr nur am WGT.

    Inzwischen hat es sich einfach so sehr in die Hirne der Menschen gebrannt, auch unterstützt von gewissen Web „Promis“, dass Goth(ic) nur ein chicer Look mit einem nebulösen „Lebensgefühl“ ist. Jeder kann heute sich schwarz anziehen oder zumindest so tun, als wäre er/sie total edgy und sich Goth oder schwarz nennen. Die Massen haben es ja schon vorgemacht. Natürlich gibts den Kern, aber der war ist und wird immer eine Minderheit bleiben. Der Großteil der Leute interessiert sich nicht für Inhalte jenseits von shopping hauls, Killstar Klamotten um hunderte Euros und sich ablichten lassen, entweder für die Zeitung oder für den social media account. Musik spielt da keine Rolle mehr, man pickt sich einfach, was man grade braucht und verweist dann drauf, dass das alles ja nur eine Lebenseinstellung sei.

    Und dann ist da noch der ganze Aspekt der kommerzialisierung. Im Video so schön angeführt. Aber es spricht ja Bände, wenn Mitglieder einer vermeintlich anti-konsum subkultur sich von Firmen instrumentalisieren lassen und offensichtlich gesponsterte Artikel reviewen und so den Firmen die Kosten für Werbung ersparen. Denn aus Liebe schenkt ein Unternehmen keine Produkte gratis an Blogger/Youtuber.

    Und ja, größtenteils liegt das alles eben an der Kommerzialisierung. Goth ist über 30 Jahre alt und wurde schon mehrmals vom Mainstream und der Mode verwurstet. Schocken kann Goth ja den Durchschnittsmenschen nicht mehr und die Kleidung kann man überall kaufen. Eine Entwicklung, die leider abzusehen war und die man kaum aufhalten kann, dennoch ist es gut, wenn man mal darüber diskutiert und Leuten ihre Oberflächigkeit bewusst macht. jedenfalls meine Meinung.

  20. Leider ist es so, daß gewisse „Szenen“ (insoweit diese noch für jeden sichtbar/offenbar existieren) nach all den Jahren ihrer mehr-oder-weniger-Beständigkeit klischeebelastet von der Öffentlichkeit eingeordnet werden (und nicht nur „können“…). Aus einer ehemals eher als irgendwie „kulturelle“ (… – sic!) Randerscheinung zu typisierenden Bewegung wurde eine Art („gesellschaftliche“ ?) Institution, die herummeinend von jedem gedeutet werden kann. Auch wenn man immer noch einen Exotenbonus bezüglich Outfits und landläufiger quasi-„Exklusivität“ bei Prozessionen wie dem WGT-Schaulaufen zelebriert, so ist das Mitmischen bei den „Freaks“ mittlerweile fast schon zu einem Volkssport für den Eventhansel geworden, der auch mal so richtig „auffallen“ möchte – und seine 15 min. of fame sucht. Nichts leichter (und seichter) als das: Over-The-Top-Aufrüschen zum Anlass von „Schwarze Szene“-Megaevents und hinterher abtauchen. Die moderne Medien- und Konsumgesellschaft ermöglicht ja vieles.
    Nun ja, irgendwie gibt es auch seit jeher derlei Strömungen innerhalb der „richtigen Szene“ (das Wort „authentisch“ erspare ich mir lieber…), die Motivation hierzu dürfte wohl einer gewissen Geltungssucht geschuldet sein, die ja einen gewissen „Individualismus“ suggeriert…

    Aber nun ist ja nicht aller Tage WGT, M’era Luna, „Amphi“, Mittelaltermarkt mit Burgfräuleinversteigerung, Viktorianischer Zirkus mit Zeppelinsteigenlassen, irgendeine bei derlei VA integrierte Nacktarschparade, etc.- aber klar: schon richtig, daß man nicht damit übertreiben sollte, wie gehörig die „Szene“ vor den Hund gekommen sei. Oder aber nur nach dem Schein zu sehen, bzw. diesen allgemeingültig zu werten, „szenisches“ (und gerade allzu aufgesetztes) Outfit ist nicht alles! Wir alle sind ja geneigt, den öffentlichkeitswirksamen Superlativen Augen und Ohr zu schenken, und damit zu verallgemeinern. Nein, ausserhalb der Events gibt es auch sowas wie den „Szene-Alltag“, das Leben zwischen den „All-Tomorrows-Parties“, es gibt allerlei Veranstaltungen, Konzerte, Tonträger-VÖs, etc., die unspektakulär an der eventheischenden Masse vollkommen vorbeigehen, und wieder nur bei dem eigentlichen Kern einer subkulturellen Strömung der „Szene“ ankommen und/oder Interesse finden. Dabei muß man natürlich vorsichtig sein, sich nicht wieder zu sehr elitär zu geben, denn das läuft auch wieder kontraproduktiv aus dem Ruder – hatten wir ja alles schon…

    Jetzt kann man natürlich sich persönlich und auch wieder „individuell“ von einem gewissen Firlefanz deutlich distanzieren (so eine z.B. „Cyber Nutella Fee“ – muhahaha! an dieser Stelle, es sei uns allen gegönnt… – ist ganz gewiss nicht meine Welt, dafür habe ich auch letztlich nur einen Lacher übrig…), aber ein (kollektiver) Abgrenzungswahn- oder -Dogma, bzw. das Vorzeigen klischeehafter Paraphernalien des „echten“ „Gothtums“ hätte ja tatsächlich etwas Selbstbeschränkendes und irgendwie auch wieder Sektenhaftes an sich (man ist ja schliesslich auch wer, wenn man nicht z.B. mindestens 5 Paar Pikes täglich auslatscht, oder eine grenzwertige Schwarte von Aleister Crowley im Bücherschrank hat…). Aber wenn es einen „Trend“ geben würde, bei dem die „Szene“ sich im Schnitt wieder etwas mehr auf’s Wesentliche konzentrieren würde, anstatt beim optischen Höherweiterschnellerlächerlicher durchaus munter mitzumischen, wäre ich bestimmt nicht allzu traurig…

    An dieser Stelle möchte ich es auch damit gut sein lassen, und weitgehende Zustimmung zu den Beiträgen #13 von Victor von Void und #19 von Avensis kund tun (da steht vieles, was ich auch noch vorgebracht hätte). Und den Beitrag #9 von Daniel würde ich – rein auf musikzentrierter – Basis gerne mal auseinanderpflücken (aber bitte nicht als „zerpflücken“ deuten). Aber dafür ist hier kein Platz, dies wäre schon wieder Thema für eine eigene Diskussion…

  21. @Victor von Void: Im Endeffekt sind Selbstzuschreibungen individuell, ja. Ich würde aber sagen, dass es dann eine kollektive Komponente gibt, wenn eine Gruppe von Menschen sich über bestimmte Merkmale definiert und durch die Annahme dieser Merkmale diese legitimiert. Hier können wir einen Blick auf kollektive Identitäten werfen. Es gibt Modelle kollektiver Identitäten, die davon ausgehen dass Angehörigen einer Gruppe in einem Prozess der Selbstbeschreibung und –erfindung aktiv an der Aus- und Weiterbildung kollektiver Identitäten mitwirken, die Adaption zur Gruppe freiwillig erfolgt und die Anerkennung der Zugehörigkeit wechselseitig zwischen den Mitgliedern stattfindet. Dieser Mechanismus, der am Ende ja ein Mechanismus der Gruppenbildung ist, funktioniert auch in anderen Kontexten, deshalb bin ich durchaus der Meinung, dass sich eine Form der kollektiven Gruppenidentitäther ausbildet. Ich würde die Gruppenzugehörigkeit auch nicht über maximale Anpassung beschreiben. Gruppenzugehörigkeiten basieren ja auf dem Teilen bestimmter Merkmale, aber nicht darauf, dass man alle Teilen muss oder sonst keine anderen Merkmale haben kann. Das macht die Authentizität doch gerade aus, nichts anzunehmen, was nicht zu einem gehört, aber auch nicts zu verleugnen was zu einem gehört. Im Bezug auf Okkultismus möchte ich mich Tanzfledermaus anschliessen. Meines Eindruckes nach ist das ein Element mit dem gerne gespielt und provoziert wird, aber keines was für einen Großteil „der Szene“ oder einer des Subkulturen wirklich ein identitäres Merkmal ist (im Sinne davon, dass dieses ernsthaft praktiziert wird). Am Ende ist es dann noch auch eher die Kombination der Merkmale. Wenn wir davon ausgehen, dass Aus- und Abgrenzung wechselseitig durch die Gruppenmitglieder aufgebaut wird, dann liegt es doch an der Reflexion dieser, dass die eigene Gruppe nicht zu einem hohlen und inhaltsleeren Gebäude verblasst. Funktioniert nicht immer, viele Bewegungen haben sich selbst von innenheraus zerstört, weil sie die Balance zwischen Entwicklung und wichtigen Grundsätzen nicht geschafft haben. Falsch finde ich es aber immer nur unreflektiert eine Weiterentwicklung zu fordern, ohne zu sehen, dass diese nicht nur positiv sein muss, sondern auch völlig daneben gehen und genau zu dieser Inhaltsleere führen kann.
    Ich habe übrigens nie behauptet, dass der Zusammenhalt „Der Szene“ durch die subkulturelle Abgrenzung gefördert wird. Ich sagte lediglich es würde der Diskussion (und vermutlich auch den einzelnen Subkulturen) gut tun, wenn man sich innerhalb dieser mehr auf die eigentlichen Kernelemente konzentrieren würde und vorallem zwischen „der Szene“ und ihren Subkulturen unterscheidet. Sind diese „Grufti-Karnevalisten“ wirklich Randerscheinungen? Ich möchte das mal ernsthaft anzweifeln und anfügen, dass wir hier nur über Eindrücke diskutieren können, nicht über Tatsachen….Weiterhin hat niemand gesagt, dass jemand aus Subkultur X nicht zu Veranstaltungen der Subkultur Y gehen darf. Ganz ehrlich, diese pauschalen Rundumschläge und Schwarz-Weiß Malereien stören mich massiv! Ich denke die Diskussion is soweit fortgeschritten, dass wir uns einig sind, dass die Äußerlichkeiten nur ein teil sind und dass jemand formal nicht dazu gehört nicht mitfeiern darf. Es geht um das Selbstverständnis, um das Bewusstsein, um die Frage, was ist der Kern und was ist es nicht und was spielt keine Rolle. Die Abgrenzung setzt sich dann schon von alleine durch, denn die, die nur mal kucken wollen, oder mal was „verrücktes“ machen. Die gehen dann schon von ganz alleine wieder, wenn sie merken, dass sie da nicht reinpassen können und so nicht toleriert werden. Die Auseinandersetzung (mit der Sache), die man reizen könnte, ist den meisten dann schon zu viel. Klar gibt es solche Veranstaltungen nur in städtischen Gebieten, es hat ja auch niemand gesagt, dass es nicht auch gemischte Veranstaltungen geben kann. Was sind denn die Gemeinsamkeiten? Ich finde übrigens nicht, dass Subkulturen, die sich schon seit den 80ern halten kurzlebig sind….
    Um auf deine Antwort auf Tanzfledermaus einzugehen: Wenn Merkmale von Subkulturen nicht zue Unterscheidung oder Abgrenzung reichen. Was tut es dann? Durch was definiert sich dann eine Subkultur?

    @Tanzfledermaus: Wie oben geschrieben, ich denke der Okkultismus ist für viele eher eine Spielart und eine Möglichkeit zu kokettieren. Eine Beschäftigung mit etwas ist ja erst Mal nicht schlecht. Hier geht es am Ende doch um’s Hinterfragen und den Umgang damit. Es gibt ja immerhin einen Unterschied, ob man sich mit Okkultismus befasst, oder tatsächlich ein Ritual durchführt bei dem Schaden entsteht oder welcher als Teil einer Ideologie darauf abzielt andere Menschen negativ zu beeinflussen.
    @Danke Orphi für deine Worte, die kann ich nur so unterschreiben.
    @Le_lys_noir: Danke auch dir. Das ist doch gerade der Punkt: in der Diskussion und dem Aushandlungsprozess bleiben…
    @Avensis: Danke für den Videohinweis, ich hatte leider noch nicht die nötige Ruhe dazu mir diesen in Gänze anzusehen und muss zugeben, dass ich aus dieser ganzen YouTube / Instagram etc. „Gothic“ Welt ziemlich raus bin, das ging einfach an mir vorbei…Ich kann da kein Urteil zu treffen, würde aber vermuten, dass sich hier doch ein großer Einflussfaktor befindet, zumindest auf sehr netzaffine Menschen. Die Suche nach Aufmerksamkeit betrifft aber nicht nur „die Szene“ das ist in vielen Bereichen so und ein breit diskutierter Trend.
    Was du beschreibst mit dem Einfluss dieser Kanäle führt uns doch eigentlich genau wieder zurück zu dem wesentlichen Punkt: die notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema, die Suche und die Lust auf diese Suche, nach Informationen und Hintergründen. Gerade um die Inhaltsleere zu vermeiden.
    Da ich wie gesagt, diese Strömung nie so verfolgt habe, würde ich mich freuen, wenn du dir bekannt Youtuber aus „der schwarzen Szene“ mal mit mir teilen würdest ;)

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