Der Pfingstflüsterer – Marcus Rietzsch im Interview

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Die Spatzen haben es bereits von den Dächern geflüstert: Das Pfingstgeflüster – der melancholische und romantische Rückblick auf das Wave-Gotik-Treffen 2014 – ist erschienen. Enthusiasten haben ihr Exemplar bereits gesichert und sind auch dieses mal mit Eindrücken abseits der üblichen Berichterstattung verwöhnt worden. Mit Artikeln von Myk Jung, Edith Oxenbauer, Christian von Aster, Norman Liebold, Ursula Oehme, Bettina Bormann, Sabrina Kirnapci, Dr. Christine Schlott, Mozart, Katharina und Parm von Oheimb, Thomas Manegold, Guldhan und Anne Clark ist dem Herausgeber Marcus Rietzsch wieder eine schwarze Mischung gelungen, die wieder einmal zeigt, wie Facettenreich der Begriff “Gothic” tatsächlich sein kann. Auch ich hatte die Ehre, wieder einmal einen Artikel beizusteuern. Wer neugierig ist, kann das Pfingstgeflüster für 8,90 Euro bestellen.

Marcus Rietzsch brachte das Pfingstgeflüster 2005 zur schwarzen Welt, der das Gefühl der Leere bekämpfen wollte, dass die Tage in Leipzig unweigerlich hinterlassen, wenn man sich wieder dem erdrückenden und lauten Alltag widmen muss. In dem Buch “Black Celebration” schildert er 2011 seine Beweggründe: “Die allgemeine Berichterstattung vermochte es nie, sich erfolgreich gegen die Nacht-WGT-Melancholie zu stemmen. Leider viel zu selten wurde der Blick auf die Gesamtheit der schwarzen Subkultur mit ihrer enormen Vielfalt – auch neben der musikalischen Reichhaltigkeit – gelenkt. Wo war die Reichhaltigkeit dieser Szene, welche zu Pfingsten in Leipzig kompakt und eindrucksvoll zu Tage trat und tritt? Wo die freundliche Stadt, die Lesungen, die ausgestellten Bilder, die Menschen hinter der Fassade? Aus dem Wunsch heraus, das unvergleichliche, während der Pfingsttage in Leipzig vorherrschende Flair für uns und andere länger zu bewahren und die Schwermütigkeit zu mildern, entstand die Idee, einen umfassenden Rückblick mit großformatigen Bildern, Stimmen und Stimmungen und Schilderungen persönlicher Erlebnisse zu gestalten.

Dieses Jahr möchte ich mir eine ausführliche Rezension sparen, das haben andere Autoren bereits viel besser getan: Ivonne von Deepground findet infamerweise und tatsächlich einen Kritikpunkt, während Robin von Cryptic-Trails dem Magazin die Ehre zu Teil werden ließ, nicht als Klo-Lektüre zu enden.  Ich möchte die Gelegenheit und das bevorstehende 10-jährige Jubiläum dazu verwenden, mich dem Menschen hinter dem Magazin zu widmen und habe Marcus Rietzsch für ein Interview gewonnen:

Spontis: Wie so oft weiß man auch beim Pfingstgeflüster nicht wirklich, wer oder was sich hinter den Kulissen verbirgt. Die Personalie Marcus Rietzsch wirkt sehr extrovertiert und ist geprägt von unzähligen Veröffentlichungen. Du bist Fotograf, Herausgeber, Autor und Journalist, betreibst zahlreiche Internetseiten, hast bereits einige Bildbände herausgebracht und veröffentlichst seit 2005 das Pfingstgeflüster. Der Mensch Marcus Rietzsch bleibt im Schatten seiner Werke, bei deinem Selbstporträt “versteckst” du Dein Gesicht hinter einem Polaroid. Wie kommst du zu Deinen zahlreichen Fähigkeiten und wie würdest du den Menschen hinter der vorgehaltenen Fotografie beschreiben?

Marcus Rietzsch: Das Selbstporträt mit dem Polaroid (muss man diesen Ausdruck eigentlich jüngeren Menschen erklären?) 1Für die Unwissenden: “Polaroids” nennt man die Bilder einer Sofortbildkamera, die sich im Sprachgebrauch nach dem Hersteller Polaroid, der seit 1937 die Idee vermarktet, benannt. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Kamera, die unmittelbar nach dem Drücken des Auslösers das Bild auswirft, das nach kurzer Zeit vollständig entwickelt ist. Ganz ohne den Film abzugeben oder die Bilder an Fotodienste zu verschicken. Mehr erfährt man unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Polaroid ist sogar ein Kompromiss. Anfänglich verwendete ich eine Aufnahme, auf der ich mein Gesicht mit einer Hand abschirmte: „Bitte keine Fotos.“ Dabei geht es nicht um ein Verstecken, sondern vielmehr um ein Zurücknehmen der eigenen Wichtigkeit. Für mich war es immer von Bedeutung, dass die geschaffenen Werke und nicht der Mensch im Mittelpunkt stehen. Sowohl bei mir als auch bei anderen. Wobei ich denke, dass Bilder und Texte, sofern sie aus einem inneren Antrieb bzw. aus einer großen Leidenschaft heraus entstanden sind, viel über einen Menschen aussagen können.

Wie beschreibt man sich selbst? Wahrscheinlich sieht man seine eigene Person ganz anders als andere. Ich würde mich nämlich nicht als extrovertiert darstellen. Dazu bin ich oftmals doch zu sehr der typisch fränkischen Natur erlegen. Und obwohl mich viele Vorgänge auf diesem Planeten unendlich wütend machen, würde ich mich als relativ zufriedenen Menschen bezeichnen (zumindest in meinem eigenen kleinen Kosmos). Bei persönlichen Angelegenheiten bin ich größtenteils hoffnungsvoll und optimistisch, in anderen Bereichen eher pessimistisch (oder realistisch).

Und um auf den ersten Teil Deiner Frage zu antworten: Die meisten wichtigen Fertigkeiten wie das Ablichten von sehenswerten Motiven mit der Kamera oder das Aneinanderreihen von Sätzen, die vielleicht später von einigen Menschen mit Interesse gelesen werden, habe ich mir größtenteils autodidaktisch angeeignet.

Für Spontis hat Marcus - nach einigen Bitten - das Polaroid zur Seite gelegt.
Für Spontis hat Marcus – nach einigen Bitten – das Polaroid zur Seite gelegt.

Spontis: Ich schreibe nun schon eine Weile für das Pfingstgeflüster und auch wenn dieses Interview zu einer Dauerwerbesendung mutiert, halte ich das Magazin für das beste was zum und über das WGT erscheint. Als ich es erstmals in den Händen hielt, grübelte ich darüber nach, was sich hinter dem Titel “Pfingstgeflüster” verbirgt. Klatsch und Tratsch? Unausgesprochene Geheimnisse und Legenden um das jährliche Festival in Leipzig? Oder ist es gar dem Gefühl der schwarzen Szene geschuldet, den Alltag einfach mal leiser zu stellen? Deshalb kann meine erste Frage nur lauten: Wie kam es zum dem Titel?

Marcus Rietzsch: Du hast es vollkommen richtig erkannt. Der Titel ist unserer Vorstellung von (der) Szene geschuldet. Ein gewisses In-sich-gekehrt-sein. Es ist aber auch als Gegenpol zur allgemeinen reißerischen Berichterstattung zu verstehen, die sich zumeist nur wenig Zeit nimmt und nur einen oberflächlichen Blick auf das WGT wirft. Letztendlich dürften wohl vorwiegend die Verkaufszahlen wichtig sein. Minimaler Aufwand, maximaler Absatz. Was in der Vergangenheit leider allzu oft schreiende Überschriften und Bilder leicht bekleideter Damen zur Folge hatte.

Spontis: Auch mich überraschst du jedes Jahr mit der erlesenen Auswahl an Autoren und Themen, die immer ein wenig neben dem stehen, was man – oberflächlich betrachtet – in einem “WGT-Magazin” erwarten könnte und nichts mit der üblichen Berichterstattung über das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig zu tun haben. Welche Idee steckt dahinter?

Marcus Rietzsch: Der Beweggrund, dieses Magazin ins Leben zu rufen, war die von Dir angesprochene übliche Berichterstattung, die das WGT und die Szene auf einen schwarz-bunten Karneval reduzierte. Mir fehlten die aus meiner Sicht spannenden und interessanten Themen und anderen Sichtweisen abseits des oberflächlichen Schaulaufens, das zugegebenermaßen durchaus auch ein Bestandteil des WGTs ist.

Spontis: In der Vergangenheit konntest du immer wieder bekannte und unbekannten Autoren, Musiker und Künstler für eine Mitarbeit begeistern. Wie wählst du die Menschen aus, die du für das Pfingstgeflüster gewinnen möchtest?

Marcus Rietzsch: Die Auswahl ist eine rein subjektive und profane Angelegenheit und unterliegt unterschiedlichen Kriterien. So kann beispielsweise die Herkunft entscheidend sein. Ich fand es spannend, die Sichtweise einer japanischen Band zu erfahren, die sich in ihrer Heimat in einer viel kleineren und komplett anderen Szene bewegen. Auch die Bedeutung für die Szene und die Sympathie können eine Rolle spielen. Und letztendlich selbstverständlich die Bereitschaft, für das Pfingstgeflüster etwas zu Papier zu bringen.

Spontis: Du bist Herausgeber der Zeitschrift, betätigst Dich als Autor, kümmerst Dich um das Layout und bist auch für einen Teil der Fotografien verantwortlich. Darüber hinaus bemühst du Dich mit einer bewundernswerten Geduld um die vielen Autoren die dem Magazin seinen subkulturellen Facettenreichtum bescheren. Die Einnahmen des Magazins decken dabei lediglich die Produktionskosten. Es geht Dir weder um Reichtum noch um Ruhm, warum machst du das alles?

Marcus Rietzsch: Um wie viel trauriger und ärmer wäre diese Welt, wenn der einzige Antrieb Geld und Ruhm wäre? In erster Linie mache ich das Pfingstgeflüster, weil es mir „Spaß“ bereitet und ich hoffe, damit auch ein Stückweit „dem Kern der Szene“ gerecht zu werden. Es erfüllt mich mit Zufriedenheit, wenn die jeweils aktuelle Ausgabe vor mir liegt und natürlich zaubern positive Rückmeldungen ein Lächeln in mein Gesicht.

Spontis: Wie hat sich das Pfingstgeflüster im Laufe der Zeit verändert und hat das Pfingstgeflüster auch Dich verändert?

Marcus Rietzsch: 2005 habe ich fast alle Fotografien selbst angefertigt, was extrem kräfteraubend war. Im Gegensatz zu dieser ersten Ausgabe zeichne ich mich nun nur noch für einen Teil der Fotoaufnahmen verantwortlich. Mittlerweile verteilt sich dies auf mehrere Fotografenschultern. Bei den Konzertimpressionen beispielsweise fangen Andreas Liem und Michael Küper die unterschiedlichen Stimmungen perfekt ein. Mein Anteil hält sich hier in sehr überschaubaren Grenzen. Und auch bei den Besucheraufnahmen, die zum größten Teil nicht im Vorübergehen entstehen, sind verschiedene Fotografen tätig, denen ich sehr dankbar bin; wird dadurch doch die Verschiedenartigkeit der Besucher – zumindest visuell – wiedergegeben.

Ich bin mir nicht sicher, ob mich das Pfingstgeflüster verändert hat. Sicherlich haben sich einige Ansichten geändert. Obwohl mir beim Fotografieren der Besucher wenig Zeit bleibt, diese ausführlich kennenzulernen, musste ich doch die eine oder andere Einschätzung ad acta legen. Hinter so mancher Fassade steckte mehr als ich dachte. Einige Besucher passten so gar nicht in die für sie ausgewählten Schubladen. Eine durchaus erfreuliche Erkenntnis. Leider verfestigte sich aber auch der Eindruck, dass die Szene in ihrer unüberschaubaren Gesamtheit nur ein Querschnitt durch die Gesellschaft ist. Mit allen Oberflächlichkeiten und biederen Ansichten.

Spontis: Nächstes Jahr erscheint hoffentlich das 10. Pfingstgeflüster. Gibt es schon Pläne und Gedanken zur Jubiläumsausgabe? Vielleicht sogar eine kleine Feier auf dem WGT?

Marcus Rietzsch: Inhaltlich wollen wir unseren Kurs fortsetzen. Es soll wieder eine vielfältige Ausgabe werden, die sich von der allgemeinen Berichterstattung abhebt und Inhalte bietet, die auch Menschen, die das WGT nicht besuchen konnten, Freude bereitet. Was eine Würdigung des Jubiläums im Rahmen des WGTs angeht, stecken wir momentan mitten in den Planungen. Da jedoch noch nichts konkret ist, kann ich an dieser Stelle leider auch noch keine weiteren Informationen geben.

 

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Schemenkabinett
Gast

Ein äußerst interessantes Interview. Wir schätzen Marcus’ Engagement sehr, jedes Jahr ein so ansprechendes Magazin über das Treffen in Leipzig zu veröffentlichen.

Flederflausch
Editor

Dem kann ich mich nur anschließen. Für mich ist das Pfingstgeflüster immer der gelungene endgültige Abschluss des einen WGTs und der Startschuss für die Vorfreude auf das nächste Jahr (nur noch 223 Tag!!!)

Shan Dark
Gast

Um wie viel trauriger und ärmer wäre diese Welt, wenn der einzige Antrieb Geld und Ruhm wäre?

Das ist sehr wahr, wurde nur selten so schön ausgedrückt. Klingt ganz nach Marcus. Von dem Du sogar ein extrem gutes Portraitfoto bekommen hast – Wahnsinn!! (Wenn wir uns das nächste Mal sehen, muss ich wissen, welch immaterielle schwarze Güter dafür angeboten wurden :P )

Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Pfingstgeflüster ja so richtig erst zum Gothic Friday und zum 1. Spontis-Treffen kennengelernt. Mittlerweile geht es nicht mehr ohne! Eine Bereicherung und mal eine ganz andere Form eines Fanzine.

Manuela
Gast
Manuela

Ich freu’ mich!

Marcus
Gast

Den drei Gewinnern (und natürlich allen Käufern und Mitlesern) wünsche ich viel Vergnügen bei der Lektüre.