ZDF-Doku über Exorzismus: Wer hier wirklich an Dämonen glaubt

„Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ – die neue ZDF-Doku über Teufelsaustreibung in der Gegenwart. Sehenswert. Und ein guter Anlass, einmal zu sortieren, wer in dieser Geschichte eigentlich an das Böse glaubt. Wir waren es nie.

Ich halte Teufelsaustreibung für Unsinn. Das gleich zu Beginn, damit niemand vermutet, hier werde mit wohligem Schauder ein Mysterium umkreist. Die ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ eröffnet mit einem Satz von Baudelaire: „Die schöne List des Teufels ist es, uns zu überzeugen, dass es ihn nicht gibt.“ Gemeint bin damit vermutlich ich. Ich nehme das Kompliment.

Trotzdem habe ich die 43 Minuten mit mehr Gewinn gesehen, als der Titel erwarten ließ. Max Damm und Emely Sporrer haben keine Geisterbahn gebaut, sondern ordentlich recherchiert. Sie begleiten vier Welten, die sich gegenseitig kaum kennen, und lassen sie nebeneinanderstehen, statt sie vorzuführen.

Vier, die an das Böse glauben

Da ist Pater Jörg Müller, katholischer Priester und Psychotherapeut, der sich seit vierzig Jahren mit dem Bösen beschäftigt und – das überrascht – am nüchternsten von allen darüber spricht. Er warnt ausdrücklich davor, hinter jedem seelischen Problem gleich einen Dämon zu vermuten. Den vermeintlich verfluchten Kuhstall, den er mit Weihrauch ausräuchert, weil eine Bäuerin den Neid der Nachbarn fürchtet, betrachtet man als katholisch sozialisierter Mensch nicht ganz ohne Rührung – und als alles andere als das auch nicht ganz ohne Heiterkeit.

Da ist das LOROSA-Gebetsteam um Rose de Jesus, eine junge, freikirchlich-charismatische Generation von „Befreiungsdienst“-Anbietern, die ihre Arbeit selbstbewusst auf Social Media inszeniert. Berufung als Jesus-Nachfolge, dokumentiert in Reels.

Da ist Jan, ein Aussteiger. In einem „Victory Camp“ seiner Gemeinde sollte ihm ein „Geist der Homosexualität“ ausgetrieben werden. An dieser Stelle hört das Volkskundliche auf und das Eigentliche fängt an: dort, wo Glaube und seelische Gewalt nicht mehr auseinanderzuhalten sind.

Und da ist Dr. Nicole Bauer, Religionswissenschaftlerin, als ordnende Stimme. Sie beschreibt treffend die Spannung unserer Gegenwart: ein säkularer öffentlicher Diskurs bei gleichzeitig wachsendem Bedürfnis nach Spiritualität. Am Ende lässt sie offen, ob es den Teufel nun gibt. Ich tue das nicht, aber dazu später.

Dem Film ist nur eines vorzuwerfen, und die taz hat es zu Recht getan: Er traut seiner eigenen Recherche nicht ganz. Dräuende Musik, Nebelschwaden, Spielfilmgrusel – das hätte er nicht nötig gehabt. Es ist der einzige Moment, in dem die Doku mit genau der Sensationslust kokettiert, die sie eigentlich dokumentiert. Ein schmaler Grat, wie ich finde.

Worum es wirklich geht

Interessant ist hier nicht der Grusel, sondern der Preis, den jemand dafür zahlt. Der Film verweist auf Anneliese Michel, die 1976 an Unterernährung starb, nachdem an der epilepsiekranken Studentin zahllose Austreibungen vollzogen worden waren. Das ist der Bezugspunkt, an dem sich seither alles abarbeitet – und die Erinnerung daran, dass am Ende dieser Logik ein Sarg stehen kann.

Die beunruhigendste Spur führt aber nicht in die Vergangenheit, sondern ins Netz – wohin auch sonst. Der selbsternannte Internetexorzist „Nature 23″ verspricht auf TikTok und YouTube vor allem jungen Frauen, sie von „Dämonen“ zu befreien. Wer das einordnen will, hört am besten die einjährige Recherche des SZ-Magazins, den sechsteiligen Podcast „Dämon – Der Exorzist aus dem Internet“ von Marvin Ku. Das Muster, das dort beschrieben wird, ist kein Zufall: Er sucht gezielt psychisch erkrankte Menschen, bevorzugt mit dissoziativer Störung. Nach eigenen Angaben melden sich Hunderte pro Jahr bei ihm. Gegen ihn stehen schwere Vorwürfe im Raum – psychische und körperliche Gewalt, Machtmissbrauch, sexualisierte Übergriffe bis hin zu Minderjährigen. Aufgedeckt hat den Fall maßgeblich eine Hackerin, nicht eine Behörde. Beratungsstellen wie Sekteninfo NRW warnen seit Längerem. Die Frage, die sich die Reporter stellen, ist die richtige: Warum stoppt ihn niemand?

"Der Teufel in mir – Exorzismus heute": In einem Kellerraum liegt eine Matratze auf dem Boden. Darauf ist ein Fixiergurt montiert.
Im Internet tummeln sich selbsternannte Exorzisten. Sie arbeiten bei der Teufelsaustreibung auch mit Fixierung und Schmerzen. | © Honorarfrei – nur für diese Sendung inkl. SocialMedia bei Nennung ZDF und Mathias Fiene.

Genau hier wird aus meiner Skepsis Ablehnung. Nicht, weil hier Aberglaube praktiziert wird – Aberglaube ist erlaubt, und wer Karten legt oder Engel anruft, soll das gern tun. Sondern weil dieser Aberglaube sich ausgerechnet die Menschen sucht, die sich am wenigsten wehren können. Wer einem Menschen in einer psychischen Krise einredet, sein Leiden sei ein Dämon und er allein könne ihn vertreiben, betreibt keine Spiritualität. Er betreibt Zugriff.

Das leise Versagen der Institution

Die Kirche kommt dabei besser weg, als sie sollte. Offiziell, heißt es bei der Deutschen Bischofskonferenz, sei Exorzismus „eigentlich kein Thema“ – obwohl das Ritual seit 1614 geregelt ist und nach wie vor Exorzisten in kirchlichem Auftrag unterwegs sind. Dieser Rückzug ins Ungefähre, vollzogen nach dem Fall Michel, hat die Nachfrage nicht beendet, sondern nur die seriösen Ansprechpartner abgeschafft. Übrig bleibt eine Versorgungslücke, in die genau jene selbst ernannten Heiler stoßen, vor denen man eigentlich schützen müsste. Tabu statt Aufklärung. Wer Betroffenen keine verlässliche Anlaufstelle bietet, überlässt sie den Kellern – im Fall von „Nature 23″ ist das wörtlich zu nehmen.

Und ja: Ich glaube, dass das Ganze auf einem Irrtum über die Welt beruht. Dämonen erklären nichts, was Neurologie, Biografie und Psychotherapie nicht besser erklären. Aber der Irrtum ist nicht der Skandal. Der Skandal ist, was er mit verletzlichen Menschen macht.

Die falschen Verdächtigen

Bleibt eine Frage, die der Film gar nicht stellt, die mich als Teil der Schwarzen Szene aber nicht loslässt. Jahrzehntelang waren wir es, die im selben Atemzug mit Okkultismus, Satanismus und Grabschändung genannt wurden – fabriziert von einer Presse, die sich gern ein paar sensationslüsterne „Gruftis“ vor die Kamera holte. Belegt wurde davon nie etwas; die religionswissenschaftliche Einordnung ist eindeutig, und auch die nüchterne Bestandsaufnahme der Szene kommt zu nichts anderem.

Diese Doku liefert nun, ganz ohne Absicht, die Pointe dazu. Wo wird heute tatsächlich an Dämonen geglaubt, wo werden sie ausgetrieben? Nicht bei uns. Bei uns wird das Dunkle getragen, gehört, gelesen, betrachtet. Wir gehen auf Friedhöfe aus Melancholie, nicht aus Anbetung; wir kennen die satanische Bibel, ohne an sie zu glauben; wir spielen mit dem Schauer aus neugieriger Distanz. Das Dunkle ist uns ein Spiegel, kein Herr. Während andernorts Menschen an Matratzen gefesselt werden, sind ausgerechnet die vermeintlichen Satanisten diejenigen, die kühl und interessiert danebenstehen. (Wer den Beleg sucht, erinnere sich an den „Marsch für Satan“, mit dem das WGT 2019 den „Marsch für Jesus“ augenzwinkernd beantwortete.)

Vielleicht ist das die gotischste Haltung überhaupt: das Finstere schön zu finden, gerade weil man ihm keine Macht über sich zugesteht. Der Exorzist glaubt. Wir schauen nur hin.

„Der Teufel in mir – Exorzismus heute“, Dokumentation von Max Damm und Emely Sporrer, 43 Minuten, in der ZDF-Mediathek.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Timper
Timper (@guest_68257)
Vor 54 Minuten

Vielen Dank zu dem interessanten Artikel. Werde ich mir in Ruhe anschauen.
Klingt interessant.
Verrückte Dinge im 21 Jahrhundert.
Oder eher kriminelle Dinge.

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