Marens WGT 2026 – Das Tor zur Freiheit!

Der letzte Herbst brachte mit Wind und Nebel wieder einmal mehr die Erkenntnis, dass der Erlebnis- und Erholungsgehalt von Wochenenden oft überbewertet wird: „Ich starre an die Wand und tue nichts…“ In den Supermärkten deuteten bereits Lebkuchen und Spekulatius auf den unerbittlich nahenden Höhepunkt familiärer Idylle und Friedfertigkeit hin. Doch plötzlich, inmitten dieser lähmenden Starre erschien im November der Silberstreif am Horizont: Die ersten Bandankündigungen fürs WGT 2026! Welche Bands das waren spielte dabei zunächst keine Rolle.

Wichtig war nur die Verheißung WGT und ein möglicher Weg aus der Tretmühle der Verpflichtungen. Mit Ostern nahmen die Vorbereitungen an Fahrt auf: Genaueres Reinhören ins Line-up, Bearbeiten einer schwarzen Hose, die sehnsüchtig darauf gewartet hatte, vergruftet zu werden, ebenso wie das Verschönern eines Paares von Outdoorstiefeln, für den Fall, dass Leipzig zu Pfingsten überflutet werden sollte, man kann ja nie wissen.

Und plötzlich, drei Tage vor der Abfahrt: Ich fühlte mich plötzlich krank, schwach und ausgelaugt. „Und wenn wir dich in den Zug setzen müssen, du fährst nach Leipzig“, verlautete es von meinem Anhang. Die Vorstellung mit einer Gruftmutter an Pfingsten zu Hause zu sitzen, die gerade das WGT verpasst, ist meiner Familie nicht angenehm. Ich beschloss zwei Tage zu schlafen, es half.

Deathrock – destruktiver Soundtrack, der Fesseln sprengt

Dank der Deutschen Bahn kam ich Freitagabend so spät an, dass es nicht mehr für die Bändchenausgabe oder anderweitiges Programm reichte. So konnte ich ausgeruht in den Samstag starten. Eine sehr freundliche Begegnung gab mir da bereits kurz nach Verlassen des Hotels das Gefühl: Ich bin in meinem schwarzen Biotop angekommen!

Und wieder einmal war das Täubchenthal Ausgangspunkt meiner musikalischen WGT- Reise. Ich kam dort zu Nox Novacula an, die Graveyardqueen bei ihren WGT-Empfehlungen vorgestellt hatte. Dass sie eine solch enorme Sogkraft auf die schwarzen Scharen haben würden, hatte ich nicht erwartet. Keine Chance, zu meinem Lieblingsplatz weiter vorne, links von der Bühne zu gelangen! Doch die Sängerin der Band schaffte es mit ihrer markanten Stimme auch die hinteren Reihen des Publikums zu elektrisieren, und ihre Energie reichte aus, um einen dunklen Reigen im gesamten Saal zu entfesseln.

Während es viele nach dem Auftritt nach dieser Band in der Pause nach draußen zog, um frische Luft zu schnappen, nutzte ich nun die Gelegenheit, um mich weiter nach vorne zu arbeiten. Sandra stand bereits vorne. Erneut hatte uns eine Band, auf die wir beide uns besonders gefreut hatten, an einem Ort, den wir besonders mochten, zusammengeführt. Nach einer überschwenglich-ungruftigen Begrüßung fieberten wir nun gemeinsam gespannt dem Auftritt von Altar De Fey entgegen. Dass deren Heimat, das sonnige Californien, hinter der heiteren Party-Fassade schon immer eine Brutstätte für wundervolle Morbidität war, überrascht nicht. In der Heimat des Death- Rock hatte Jim Morrison bereits knapp ein halbes Jahrzehnt zuvor seinen Tanz am Abgrund zelebriert.

Schon das Äußere des Frontman und Sängers Jake Hout war von einer grandios finsteren Ästhetik geprägt: Schwarzes Make-up, schwarze Kleidung, und im Schultergürtelbereich schwarze, abstehende Lederbesetze, die an Rabenfedern erinnerten. Dazu trug er High Heels. Der Gitarrist Kent Cates – ebenfalls eine äußerlich auffällige Erscheinung – entlockte seinem Instrument die aggressiven und gleichzeitig melodischen Klangfolgen, die den dunklen Sound dieser Band ausmachen, während Sänger Jake Hout mit theatralischer Mimik und Gestik den Songs über Tod und Verderben zusätzlich Ausdruck verlieh. Passend zu Veil of Death verhüllte er sein Haupt sogar mit einem Totenkopf besticktem Schleier.

Den Höhepunkt seines dramatischen Auftrittes bildete eine waghalsige Aktion, mit der er Jungs von der Security kurzzeitig verzweifeln ließ. Er begab sich zu einem der metallenen Stützpfeiler seitlich der Bühne und begann diesen emporzuklettern – immer noch die High Heels tragend! Während vielen Zuschauern der Atem stockte, spielten die übrigen Bandmitglieder unbeirrt weiter. Zu einer sich ekstatisch steigernden Folge von Gitarrenriffs erreichte Jake Hout seinen angestrebten Platz nahezu auf Augenhöhe mit den Zuschauern auf der Galerie. Von dort ließ er seinen düsteren, schreienden Gesang ins Publikum erschallen, wobei er einen Fuß und einen Arm vom Pfeiler löste und den Oberkörper weit in den freien Raum zurücklehnte.

Ein wahrer Dämon, welcher der Unterwelt entstiegen war, damit die Menge ihm huldigen konnte! Doch seine Unsterblichkeit unter Beweis zu stellen, blieb ihm erspart, da sich ihm die Arme der besorgten Security- Leute entgegenstreckten, um ihm bei seinem Abstieg wieder sicher auf den Boden zu helfen.  Natürlich war diese Aktion nicht ungefährlich und natürlich waren wir froh, als Jake Hout wieder sicher die Erde erreichte, aber dennoch jubelten wir innerlich darüber.

2026, eine Zeit, in der alles in unserer westlichen Welt durch Sicherheitsregularien reglementiert ist, damit auch ja niemand im eigenen WC ertrinkt: Und da setzt sich jemand einfach darüber hinweg, bringt Security und Fans gleichermaßen zum Erstarren und bewegt sich nicht nur musikalisch, sondern auch physisch am Abgrund: Wir konnten gar nicht anders, wir mussten das feiern!

Der Intensität dieses Auftrittes und der Hitze geschuldet benötigten Sandra und ich eine längere Pause, und so nahmen wir unseren Platz im Zuschauerraum wieder zu UK Decay ein, eine Band, die genau diese Bruchstelle markiert, als Punk düsterer wurde und sich zu verändern begann. Dieser Band, die sich bereits 1978 formiert hatte, gelang es im Täubchenthal die Zuschauer mit auf eine Zeitreise zu den frühen Ursprüngen der Szene zu nehmen. Das Erstaunliche dabei war: Das Publikum, das diesen Auftritt frenetisch feierte, bestand nicht nur aus Post-Punk und Gothic-Rock Veteranen der ersten Stunde, sondern auch aus deutlich jüngeren Menschen.

Die besonders wilde Reihe direkt vor der Bühne lief zur Höchstform auf, und das zu dem Song, UK Decay, der von der Trostlosigkeit Großbritanniens in den 1970er Jahre handelt – ist das nicht anachronistisch? Ich denke nicht: das Gefühl in einem System zu leben, das den eigenen Verfall nicht zur Kenntnis nimmt, ist heute mindestens genauso aktuell wie damals und nicht auf Großbritannien beschränkt. So waren die rohe Energie und die Wut von damals auch heute noch ungebrochen beim Auftritt der Band spürbar.

Täubchenthal – Spiegel eines Lebensgefühls

Vielleicht fragt sich jemand, der meine vergangenen zwei WGTs (2024 und 2025) mitverfolgt hat, warum ich schon wieder gerade dem Täubchenthal so viel Aufmerksamkeit widme. Nun, sicher liegt es daran, dass dort bisher immer Bands aufgetreten sind, die perfekt als Verstärker meiner schwarzen Seele funktionieren: Ob es jetzt die Sexgang Children mit ihren dunkel- kryptischen Texten waren, oder And also the Trees mit melancholisch poetischem Naturbezug oder dieses Jahr eben, zusammen mit anderen, Altar de Fey, die sämtlichen Dämonen der Finsternis entfesselten– immer hat die Musik, die ich dort zu hören bekam, mein schwarzes Herz zum Schwingen gebracht.

Auch der Veranstaltungsort selbst besitzt seinen eigenen Charme, vor allem durch den Außenbereich, der zwischen den Konzerten zum Verweilen einlädt. Sandra und ich nutzten die Gelegenheit für eine gemeinsame Auszeit auf der Holztribüne und sogen dort die Atmosphäre unserer Umgebung ein: Um uns herum so viele schöne Menschen, schön weil sie einfach ihr Innerstes nach außen trugen und dadurch dem Ort Authentizität verliehen. Über uns der weite Himmel – ein Gefühl von Freiheit!  Wie sehr hatten wir uns inmitten unserer Verpflichtungen im Alltag danach gesehnt. Und nun spürten wir, wie uns Leichtigkeit umfing: Einfach durch die Nacht wandeln, Musik inhalieren, ganz nach den eigenen Bedürfnissen.

Maren und Sandra auf der Holztribüne im Täubchental

When we were young – Die Energie ist zurück

Da für mich dazu auch tanzen gehört, zog es mich später in dieser Nacht noch zur „When We Were Young Party“ in den Felsenkeller. Auch dort kam es bei meiner Ankunft gleich zu Begegnungen mit lieben Menschen, die mir das wunderbare Gefühl gaben: „Du kannst auf dem WGT allein frei durch die Dunkelheit schweben und bist dennoch gut aufgehoben, da Du nie wirklich einsam bist.“ Da über diese Party bereits vor dem WGT bereits alles Wesentliche in dem Interview, das Robert mit dem Macher der Party Thomas geführt hat, bleibt mir nur, Folgendes festzuhalten: Persönlich hoffe ich, dass diese Party noch lange besteht, und zwar dort, wo sie jetzt stattgefunden hat – im Felsenkeller. Für mich hat das weniger mit Nostalgie zu tun, da ich an das meiste dieser Musik ohnehin nicht herankam, als ich jung war.

Nein, für mich ist das endlich einmal eine Party, auf der durchgängig die Musik aufgelegt wird, die mir gefällt, zu der ich tanzen will! So erklärt sich auch meine Rückkehr zum Hotel bei Morgendämmerung. Endgültig vergessen war mein desolater Zustand vor der Anreise zum WGT.

Harte Landung im Alltag

Nach zwei weiteren wundervollen WGT–Tagen blieb sie auch mir nicht erspart – die unsanfte Landung im Alltag, die bereits auf der Rückreise stattfand, während ich in Mannheim am Bahnhof stand und auf meinen Anschlusszug wartete. Dieser hatte sich mit der Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn natürlich erheblich verspätet, und so blieb ich auch leider von den Gesprächsfetzen in der stickigen Luft, die mich umgab, nicht verschont. Aber das Feiern der Dunkelheit auf verschiedenste Weise bleibt unvergessen, und ich werde von den Begegnungen, den Gesprächen und den Umarmungen vieler lieber Menschen in diesen Tagen zehren, denn sie machen am Ende das WGT zu etwas so Schönem.

Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Sandra, die mir ihre Aufnahmen aus dem Täubchenthal zur Verfügung gestellt hat.

Maren

Schwarzer Wildwuchs abseits jeglicher Szene-Hotspots. Wird von allem ästhetisch Dunklen und Morbiden seit jeher magisch angezogen. Genießt Dunkelheit gerne in der Wildnis. Einzelgängerin, aber offen. Spürt Zugehörigkeit zur Szene seit dem Kontakt zu Spontis. Das schwarze Herz schwingt am stärksten durch „The Doors“, „The Cure“ und „Deine Lakaien.

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