Es ist vorbei! Das größte Festival der schwarzen Szene. Wieder waren es Tausende, die Leipzigs Straßen dunkel färbten. Egal ob Schwarzromantiker, Batcaver, Death-Rocker oder Waver. Und ein weiteres Mal gab es, neben dem regulären WGT-Programm, viele parallel laufende Szeneveranstaltungen. So konnte sich jeder, ganz individuell, die Zeit in Leipzig vertreiben. Auch die, die ohne Festivalbändchen in der Stadt unterwegs waren.
Während für viele der Alltag schon wieder in vollem Gange ist, nutze ich die restlichen freien Tage, um meine Gedanken zu ordnen. Es gab viele Eindrücke, die auf mich einströmten. Sowohl positive als auch negative. Und so manches ließ die Frage wachsen „Bin ich 2027, beim 34. Wave-Gotik-Treffen noch dabei?„.
Umbruchstimmung
Schon jetzt sind einige Dinge anders als in den vergangenen Jahren. So habe ich mich diesmal nicht für ein Zimmer vormerken lassen. Der Ärger darüber, dass mein Hotel wenige Tage vor dem WGT den Preis um 150 Euro senkte, saß tief. Immerhin kam das nur den Kurzentschlossenen zugute. Solche Machenschaften, die in der Hotelbranche normal zu sein scheinen, stoßen mich ab.
Und nicht nur die Wehmut darüber, dass es vorbei ist, blieb diesmal aus. Auch das Hochgefühl, das man sonst mit nach Hause nahm, stellte sich nicht ein. Schon früh bemerkte ich beim Festival, dass mir kleine Konzertabende inzwischen lieber sind. Das lag nicht zuletzt an der Ignoranz, die mittlerweile beim WGT Einzug gehalten hat.
Dass sich Menschen nicht mit einer Geste entschuldigen, wenn sie einen versehentlich anrempeln, ist geschenkt. Jeder hat ein anderes Verständnis von Höflichkeit und andere Bedürfnisse. Bei einigen Konzerten wurde aber auch bewusst gedrängelt. Dies hatte zur Folge, dass ich kurz vor dem She Past Away Konzert eine Auseinandersetzung hatte.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt!
Jeder möchte eine gute Sicht haben, das kann ich absolut verstehen. Mir geht es nicht anders. Und mit meinen 168 cm bin ich nicht wirklich groß. Daher suche ich mir immer rechtzeitig einen Platz in den vorderen Reihen.
Dass bei bestimmten Künstlern der Andrang dann riesig ist, bleibt nicht aus. Wenn sich aber größere Personen von hinten nach vorne, an mir vorbei quetschen wollen, hört für mich der Spaß auf. Und so kam es zur Diskussion, mit einem uneinsichtigen Herren.
Unterstützt wurde ich von einem jungen Mädchen, welches hinter mir stand. Auch sie war nicht viel größer. Gemeinsam versuchten wir klar zu machen, dass wir sein Gedrängel nicht in Ordnung finden. Es hätte zur Folge, dass wir nicht mehr viel sehen können. Unsere Worte prallten ab. Letztendlich war es aber die Menschenmasse vor uns, an der sein Vordringen scheiterte.
In solchen Momenten trennt sich in der Szene die Spreu vom Weizen. Es zeigt, wer noch Werte in sich trägt und für ein respektvolles Miteinander ist. Und manchmal sind Schwarze eben auch nur ein Abbild unserer „Ich“ bezogenen Gesellschaft. Gegenseitige Rücksichtnahme – ein Fremdwort.
Ausnahmen bestätigen die Regel
Natürlich erlebte ich auch das komplette Gegenteil! Das kann und möchte ich nicht leugnen. So fragte jemand, ob alles okay sei, als ich platt auf dem Fußboden der Konzertlocation saß. Bei Astari Nite bot mir jemand wiederum sein Platz an. In diesen Momenten merkte man das Gemeinschaftsgefühl in der Szene. Und es fühlte sich gut an.
Ich möchte natürlich auch die anderen Begegnungen und Unterhaltungen hervor heben. Sei es mit Besuchern, mir bekannten Gesichtern, Angestellten des Südfriedhof oder dem Sicherheitspersonal der Moritzbastei. Jede davon war angenehm und bereichernd. Aber besonders in Erinnerung blieb mir eine ältere Dame aus England. Sie stand beim Astari Nite Konzert mit in der Reihe und war einfach nur zuckersüß. Mit ihrer fröhlichen Art steckte sie an.
Ist die Szene noch ein Schutzraum?
Meinen Safespace musste ich dennoch immer wieder aufs Neue suchen. Und manchmal tat ich es vergeblich. Das Gefühl von „Daheim“ oder „Hier bin ich unter Meinesgleichen“ kam dieses Mal nicht richtig auf. Und während sich manche darüber freuten, dass es schwarze Muffins gab und die Leipziger sich komplett auf das Schwarzvolk einstellten, konnte ich nur irritiert meine Braue heben.
In meinen Augen ist das WGT schon längst kein Treffen mehr, wo Menschen unter ihresgleichen sein können. Das WGT ist zu einer Attraktion für Schaulustige geworden. Familien, die einen Wochenendausflug machen, um etwas Besonderes zu sehen. Als wären Schwarze eine Art Exoten im Zoo. Nicht zu vergessen diejenigen, die sich in schwarze Kleidung werfen, um unter uns nicht aufzufallen. Nur dass wir mit dem Schwarz, welches wir tragen, wesentlich mehr verbinden als nur eine Farbe.
Auch wenn ich die Rufe nach Gatekeeping schon wieder höre: Es muss mal ausgesprochen werden! Denn ich denke, es werden einige sein, die es ähnlich sehen. Nur trauen sich wenige, es auch zu äußern. Eben genau wegen solcher Leute, die die Meinung anderer nicht hören wollen. Andere Ansichten lieber im Keim ersticken oder verspotten.
Musikalische Erlebnisse
Neben all diesen Dingen gab es natürlich auch Konzerte. So ergab sich endlich die Gelegenheit, Ductape live zu sehen. Sie erfüllten meine Erwartungen voll und ganz. Auch Dlina Volny, die im Anschluss spielten, konnten mich unterhalten. Beide waren Acts, die ich schon in einer meiner Formel-Goth-Ausgaben dabei hatte. Meine Neugier auf sie war also entsprechend groß.

Da der Spielplan dieses Jahr gut gestaltet war und ich einige der Künstler schon live erlebt hatte, gab es für mich keine Überschneidungen. Ich nutzte die Möglichkeit, meine Favoriten und unbekannte Projekte zu sehen. Selbst für Nox Novacula fand ich etwas Zeit. In diesem Moment bereute ich natürlich, dass ich ihr Konzert, letztes Jahr in Dresden, nicht wahrgenommen hatte. Sie waren einfach fantastisch! Von ihnen bekam man totale Energie geboten. Sängerin Charlotte nahm mit ihrer Präsenz die komplette Bühne des Täubchenthal ein. Ständig lief sie von einer in die andere Ecke.
Astari Nite, welche zuvor spielten, traten mit ungewohnten Klang auf. Bei ihnen vernahm ich eine große Veränderung. Das Romantische und Verträumte in ihrer Musik, war kraftvollem Gitarrensound gewichen. Und man spürte nicht nur, wie dankbar Sänger Mychael war, sondern auch, wie viel Spaß die Musiker hatten.


Die größte Überraschung war für mich Adam Usi. Bereits vor einigen Jahren stieß ich auf ein Lied von ihm, welches mir sogar gefiel. Ich hatte ihn aber nie weiter verfolgt. So tauchte er auch nicht auf meiner diesjährigen To-Do Liste auf. Hier kann ich von Glück reden, dass er der Act vor Nuovo Testamento war. Denn schon mit seinem ersten Stück, welches er darbot, konnte er mich für sich gewinnen.
An dieser Stelle muss ich Adams Stimme hervorheben. So etwas Feines und Klares habe ich selten gehört. Dazu sehr gefühlsbetont. Einfach zum Dahinschmelzen. Er wusste aber auch das Publikum zu unterhalten. Man hatte Spaß, ihm zuzusehen. Und mit seiner lockeren Art sorgte er für so manchen Lacher. Er nahm die Dinge mit Humor.
Gut eingestimmt, ging es im Anschluss mit Nuovo Testamento weiter. Für sie hatte ich Nox Novacula vorzeitig verlassen. Noch zu gut waren mir die Einlassprobleme der Moritzbastei in Erinnerung. So war ich letztes Jahr, nach dem Toilettengang gezwungen, mich erneut an die lange Schlange zur Veranstaltungstonne anzustellen. Dass ich zuvor schon drin war, interessierte nicht. Dieses Jahr war es wesentlich besser gelöst und der Einlass fand schon am Haupteingang statt. So konnte man sich in der Moritzbastei frei bewegen. Ich hoffe, dies behält man künftig so bei.
Nuovo Testamento, die ihre WGT-Premiere feierten, wurden mit riesigem Jubel und offenen Armen empfangen. Meine anfänglichen Bedenken beim Sound des ersten Liedes verschwanden schnell. Und so konnte ich das eine oder andere Lieblingslied genießen. Aber nicht nur ich genoss! Das gesamte Publikum tanzte. Es fühlte sich an wie eine einzige große Party. Zwischen den Stücken jubelten die Leute immer wieder so laut, dass Chelsey kaum zu Wort kam.
Neue Wege
Neben den abendlichen Konzerten, stand dieses Jahr auch das Rahmenprogramm auf meiner Liste. Mein erster Anlaufpunkt war das Leichenwagentreffen am Wilhelm-Leuschner-Platz. Bei meinem Eintreffen herrschte schon reges Treiben. Viele Neugierige waren gekommen. Sie schauten, wie sich im Minutentakt, die Wagen einreihen. Beides machte ein entspanntes Anschauen der Fahrzeuge leider schwierig.
Hier zeigte sich schnell, dass da nicht viel mit Safe Space ist. Das Publikum war bunt gemischt, und neben den Leichenwagen zogen auch die Schwarzen so manch Blitzlicht auf sich. Noch vor der Abfahrt des Konvois zog ich weiter.
Ebenfalls auf der Liste stand der Südfriedhof. Er öffnete seine Türen zu Krematorium und Trauerhalle. Große Faszination lösten die bunten Fenster im Krematorium in mir aus. In der Trauerhalle verweilte ich anschließend eine ganze Weile und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Ich genoss die Entschleunigung und Ruhe, die ich für mich fand. Aber auch ein Friedhofsrundgang mit der Schwarzen Witwe stand noch an.
Treffpunkt war der Vorplatz der Feierhalle. Mit jeder Minute mehr färbte sich der Platz schwarz. Wie viele es wirklich waren, zeigte sich erst innerhalb des Rundgangs. Die schwarze Witwe nahm es aber mit Humor. Sie erzählte uns von der Totenwache und wie einst aus Haaren Schmuck gefertigt wurde.
Neben Bildmaterial lockerte ihre witzige Art die Erzählungen auf. Diese waren verständlich und interessant gestaltet. Und wie ich bei einzelnen Unterhaltungen raushörte, war so mancher nicht das erste Mal, bei einer ihrer Führungen, dabei.
Gestört wurde meine Aufmerksamkeit von einem Herren mit Kamera. Dieser kam mitten im Vortrag auf mich zu und fragte nach einem Bild. Ich lehnte dankend ab und wandte mich wieder der Witwe zu. Auch hier war schnell klar: Safespace gibt es an diesem Ort nicht. Sollte ich diesen etwa wirklich nur in kleinen Konzertlocations finden?! War das Festival, welches für Menschen wie mich gemacht war, nicht eigentlich auch mal dafür gedacht gewesen?!?
Die Seele baumeln lassen
Auch wenn mir bewusst war, dass ich im öffentlichen Raum mit wenig Safespace rechnen musste, zog es mich zum Dark Markt und dem Dark Affair. Hier hatten es mir vor allem die kleinen Stände mit DIY-Produkten angetan. Ich finde es toll, dass Menschen noch selbst aktiv werden. Und auch, dass man ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Kunst und ihr Können zu zeigen.
In diesem Jahr genoss ich es sehr, etwas durch die Gegend zu streifen. Und so landete ich Montagnachmittag im Heidnischen Dorf. Bis dahin war ich nur Freitag zum Konzert, kurz vor Ort gewesen. Nun ließ es die Zeit zu, sich genauer umzusehen. Obwohl die Wochenendtouristen weg waren, war das Areal noch gut gefüllt. Einige standen vor der Konzertbühne. Andere verweilten auf der Wiese und den Sitzgelegenheiten.

Die Temperaturen der letzten Tage, die sowohl draußen als auch in den Locations herrschten, hatten vielen zu schaffen gemacht. Und auch ich lief nur noch auf Sparflamme. Die Füße waren tot, die Energie weg, und der Fächer konnte auch nicht mehr viel ausrichten. Mir blieb am Abend nur noch der vorzeitige Rückzug ins Hotel, wo ich die restlichen Sachen für meine Abreise packte.
Auf eine Frage habe ich bisher allerdings noch keine Antwort gefunden, „Wo findet man beim WGT noch Safespace?!“. Was ist eure Meinung dazu? Bzw. worin seht ihr euren Safespace? Lasst es die anderen und mich gerne wissen!



Einen intimen Rückzugsort kann man nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit finden. Das gab es glaube ich noch nie und wird auch nicht so sein.
Dafür sind die verschiedenen Veranstaltungsorte gedacht. Zumindest die kleinen. In der Agra eher weniger mit dem großen Besucherstrom.
Wärst du in der tollen Peterskirche mit der fantastischen Atmosphäre und dem Konzert von The Beautiful Gemina gewesen hättest du ihn zu 100% gehabt.
Es war für mich das beeindruckendste Erlebnis vom WGT. Der Applaus sprach für sich.
Falsche Erwartungen führen oft zu Enttäuschung.
Einen Rückzugsraum wirst du nur dort finden, der nicht öffentlich ist.
Was mich etwas ärgert ist das maßlose Event ausnutzen der Hotels mit ihren frechen Preisen. Dieses Jahr war ich mit Zelt da, will mir aber nächstes Jahr ein Hotel gönnen. Pfingsten ist früher und das Wetter kann wechselhaft sein. Die Preise sind ganz schön happig wie ein Blick ins Internet zeigt.
Aber da kann das WGT eher nichts für.
Dass ich im öffentlichen Raum einen Safespace finde, hatte ich keine Hoffnung. Aber bei Veranstaltungen, die direkt in Verbindung mit dem WGT stehen, hätte ich mir einfach eine etwas intime Atmosphäre gewünscht. Und selbst in den Veranstaltungsorten hatte man nicht immer diesen gewünschten Safespace. Siehe diesen unsympathischen Drängler. Safespace entsteht vorallem auch durch die anwesenden Menschen. Ein Safespace hat ja auch etwas mit „fühlen und empfinden“ zu tun.
Ich kann einige deiner (
graveyardqueen) Erlebnisse nachvollziehen (große Menschen, die sich vordrängeln, unhöfliches, unsoziales oder schlicht aus Dummheit resultierendes Benehmen), aber für mich als introvertierten Menschen ist es schon ein Safespace, wenn ich mich in halbwegs vertrauter Umgebung in der Menge Gleichgesinnter mehr oder weniger anonym (und ohne großartige Interaktion) verlieren kann. Wenn ich dann noch einige bekannte Gesicher sehe (auch wenn ich die Leute nicht persönlich kenne), ist bei mir sehr schnell dieses wohlige Gefühl da, irgendwie angekommen zu sein.
Ich versteh was du meinst! Siehe mein Kommentar Richtung Timper. Safespace hat auch etwas mit den Menschen, die einen umgeben…egal ob bekannt oder fremd, zu tun.
Tatsächlich war der Aufenthalt in der Trauerhalle des Südfriedhof ein kleiner Safespace für mich.
Schöner Bericht. :) Mein jährlicher Safe Space ist einfach meine innere Ruhe, denke ich. Ich nehme keinem etwas übel, grenzüberschreitende Situationen habe ich aber zum Glück noch nicht erlebt. Für lange Klo-Schlangen und Gedränge bei großen Bands kann keiner der Gäste was. Also überhäufe ich auch Schubser und Miesepeter mit Freundlichkeit. Die meisten sind dann so überfordert ob der Nettigkeit, weil sie es wohl nicht erwartet haben, dass ganz liebe Situationen entstehen. So werden Drängler und Rempler manchmal sogar noch zu einem netten Gespräch oder man konnte zumindest deren düstere Miene etwas erhellen und etwas Gemeinschaftsgefühl schaffen. Als Bonus bin ich auch selbst ausgeglichener und besser drauf, wenn ich mir nicht die Laune vermiesen lasse. Win-Win 🦇
Ich tue mir das Gedränge vorne selten an. Von etwas weiter hinten geht das auch. Und letztlich ist für mich die Musik wichtiger als der visuelle Eindruck. Ausnahme – es ist eine „aktive „ Show, Theater zb. Dann sieht’s etwas anders aus. Gedränge finde ich störend. Das passiert dann, wenn man die Clubs oder die Location bis auf den allerletzten Platz vollstopft.