Man hört immer wieder, dass „echte“ Gruftis dem WGT fernbleiben wollen, weil es zu viel Kommerz und zu wenig ein ehrliches Treffen ist. Auch ich bin versucht, dem sofort zuzustimmen, denke dabei zum Beispiel an die Einladung in den Freizeitpark Belantis vor mittlerweile zehn Jahren. Doch ist das wirklich Kommerz? Will die Stadt nur Geld mit dem schwarzen Zauber machen oder sind das nicht in Wirklichkeit die Geister, die wir selbst gerufen haben?
Tiefgründigkeit statt Kommerz – so ließe sich der Wunschzettel der „echten Gruftis“ für ein solches Szenetreffen vielleicht zusammenfassen. Schauen wir uns also das Rahmenprogramm des WGT jenseits der Konzerte an. Wenn Lesungen über schwarze Romantik, historische Trauerrituale oder philosophische Themen stattfinden, sind die Säle gefüllt. Die Leute stehen Schlange, um an speziellen Friedhofsführungen teilzunehmen, Ausstellungen in den Leipziger Museen zu besuchen oder sich Theaterstücke und klassische Konzerte anzusehen. All diese Angebote treffen genau den Nerv der Szene. Die Faszination für das Morbide, für Vergänglichkeit und für die Ästhetik vergangener Epochen wird dort im Alltag des Festivals ganz real gelebt. Doch wer bietet das Rahmenprogramm an?
Wenn die Stadt der Szene die Tür öffnet
Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass es eine Symbiose aus Leuten direkt aus der Szene und städtischen Institutionen ist. Gerade beim kulturellen Rahmenprogramm passiert etwas sehr Spannendes, denn hier beteiligt sich fast die halbe Stadt Leipzig. Einerseits gibt es viele Angebote, die zu hundert Prozent aus der Szene für die Szene stammen. Wenn dort Lesungen stattfinden, sind es oft szenebekannte Autorinnen, Musikerinnen oder Expertinnen, die eng mit dieser Subkultur verwoben sind und Vorträge über Tod, Vergänglichkeit oder beispielsweise Okkultismus halten. Auch viele kleine Kunstausstellungen, Lesebühnen oder Fotoprojekte werden von Künstlerinnen organisiert, die das ganze Jahr über in dieser Subkultur leben und arbeiten. Andererseits – und das macht das WGT weltweit einzigartig – beteiligen sich Leipzigs Kulturinstitutionen intensiv an diesem Festival.
Für dieses Pfingstwochenende holen die großen städtischen Museen extra ihre morbiden, historischen oder düster-romantischen Exponate aus den Archiven und kuratieren spezielle Sonderausstellungen für die Gäste des Wave-Gotik-Treffens. Die Kulturstätten setzen passende Stücke auf den Spielplan, denn sie wissen, dass das WGT-Publikum diese Hochkultur sehr schätzt und die Säle füllt. Selbst die Friedhofsverwaltung des Leipziger Südfriedhofs bietet spezielle kulturhistorische Führungen über das Gelände an.
Es ist also keineswegs so, dass sich irgendwelche völlig branchenfremde Geschäftsleute ein pseudointellektuelles Feigenblatt ausdenken, um den Festivalbesuchern das Geld aus der Tasche zu ziehen – schließlich sind viele Angebote im Festivalpreis enthalten. Vielmehr handelt es sich um eine gewachsene Zusammenarbeit – oder sollte man es nicht sogar „Gastfreundschaft” nennen? Die Szene bringt den inhaltlichen Anspruch, die eigenen kreativen Köpfe und das riesige Interesse mit und die Stadt Leipzig und Kulturschaffende jenseits des Festivalprogramms öffnen ihre Türen und schneidern ihr eigenes Angebot passgenau auf dieses ganz spezielle Publikum zu.
Die Leipziger bieten dieses spezielle Programm an Pfingsten an, weil sie aus jahrelanger Erfahrung genau wissen, was die Besucher und Besucherinnen lieben. Die Tiefsinnigkeit der Szene beweist sich in diesem Fall also nicht dadurch, dass sie jedes Theaterstück oder jede Ausstellung selbst produziert, sondern dadurch, dass ein solches Bedürfnis nach diesen Inhalten auf einem Musikfestival überhaupt vorhanden ist – völlig egal, ob das Angebot von einem Künstler aus den eigenen Reihen oder einer studierten Kunsthistorikerin der Stadt Leipzig präsentiert wird. Die Szene pickt sich aus dem riesigen Angebot der „normalen” Welt genau die Dinge heraus, die zu ihrem Lebensgefühl passen, und integriert sie in ihre eigene Welt. Und das WGT sammelt die Angebote an einem Wochenende und macht sie zugänglich.
In Subkulturen wird wahnsinnig schnell mit dem Begriff „Kommerzialisierung” um sich geworfen, sobald irgendwo Eintritt verlangt wird oder jemand merkt, dass sich mit einer bestimmten Zielgruppe Geld verdienen lässt. Natürlich reiben sich die Hoteliers in Leipzig an Pfingsten die Hände, die Preise für Übernachtungen schießen durch die Decke, und wenn der Bäcker um die Ecke plötzlich schwarze Brötchen backt oder ein WGT-Bier für teures Geld über die Theke geht, dann ist das ganz klar ein knallhartes Geschäft. Aber echte Kommerzialisierung einer Szene würde ja eigentlich bedeuten, dass man die Ideale und die Kultur der Szene weichspült, sie völlig massentauglich macht und als billiges, oberflächliches Konsumprodukt an den normalen Mainstream verkauft, so wie es zum Beispiel passiert, wenn große Modeketten plötzlich zerrissene Punk-T-Shirts als neuen Sommertrend vermarkten. In Leipzig passiert bei diesen Veranstaltungen aber genau das Gegenteil. Die Stadt nimmt die Szene in ihren ganz spezifischen, nischigen Interessen absolut ernst und schnürt ein hochkarätiges Paket, das fast ausschließlich für genau diese schwarzen Gäste gemacht ist. Und mal ehrlich: Welcher Gruftie freut sich nicht über ein schwarzes Eis oder andere „Überraschungen“ in der Stadt?
Man muss das auch mal ganz praktisch sehen: Eine reine DIY-Underground-Szene könnte es sich logistisch und finanziell niemals leisten, für ein Wochenende so viele Locations zu mieten, die Museen umzugestalten oder historische Archive für spezielle Ausstellungen zu öffnen. Erst durch das Angebot vor Ort entsteht diese Tiefe und Qualität im Rahmenprogramm, die das Treffen einzigartig macht. Es ist also ein maßgeschneidertes Angebot, für das die Szene zwar direkt und indirekt bezahlt, das sie aber inhaltlich enorm bereichert. Die Stadt stellt die Infrastruktur zur Verfügung, damit die Besucher ihre Vorliebe für dunkle Romantik, Historie und Kunst – und von mir aus auch für schwarzen Kitsch und gruftiges Essen – ausleben können. Das wäre im reinen Szene-Underground gar nicht machbar. Es ist ein klassisches Geben und Nehmen, das extrem gut funktioniert und der Szene an diesem Pfingstwochenende mehr nützt als schadet.
WGT 2026: Die Agra-Halle und der ehrliche Konsum
Natürlich ist die Szene nicht immun gegen den Kapitalismus. Ein Beispiel ist die Agra-Messehalle, die während des Treffens zu einem gigantischen schwarzen Einkaufszentrum mutiert. Wenn man dort durch die Gänge läuft, merkt man schnell, dass es nicht nur um handgemachte Kunstwerke echter Szene-Designer geht, sondern dass auch massenhaft importierte und teils stark überteuerte Kleidung von der Stange verkauft wird. Man kann nicht leugnen, dass das WGT auch eine gewaltige Wirtschaftsmaschinerie geworden ist.
Sobald ein Festival jedoch fast zwanzigtausend Besucher zählt, kann es nicht mehr dieser intime, pure Underground sein, bei dem sich jeder kennt und alles aus Idealismus geschieht. Die Shopping-Hallen und das Posieren für Instagram wirken auf den ersten Blick natürlich oberflächlich und wie der endgültige Ausverkauf der Szene. Das sind eben die Dinge, die extrem laut sind und die man sofort sieht, wenn man das Gelände betritt oder sich die Bilder im Internet anschaut. Die Seele eines solchen Treffens verschwindet jedoch nicht, sondern zieht sich zurück und teilt sich in verschiedene Nischen auf. Das Wave-Gotik-Treffen hat zum Glück nicht nur eine große Hauptbühne oder eine Flaniermeile, sondern verteilt sich mit unzähligen Locations über die ganze Stadt Leipzig. Während draußen im Park also die Influencer ihre aufwendigen Kostüme in die Kameras halten und die Leute in den Messehallen viel Geld für Kleidung ausgeben, sitzen ein paar Straßen weiter andere, hören einem Vortrag zu oder schauen sich eine Band an und leben genau dieses alte, ursprüngliche Gefühl der Szene weiter. Die Seele der Subkultur ist also definitiv noch da. Man muss sie nur aktiver suchen als vielleicht noch vor fünfundzwanzig Jahren, weil sich eine Schale aus Touristen, Konsum und Schaulustigen darum gebildet hat.
Im Grunde ist es wie in einer belebten Großstadt: Nur weil es dort eine laute, touristische Einkaufsstraße gibt, in der alles auf Konsum ausgerichtet ist, heißt das nicht, dass es nicht auch kleine, versteckte Viertel mit ganz viel Charakter gibt, in denen das echte Leben stattfindet. Die Kommerzialisierung ist also der Preis, den die Szene für ihr Überleben und ihre fantastische Infrastruktur zahlt. Ohne das Geld der breiten Masse und der Schaulustigen könnten die vielen kleinen, wertvollen Kulturangebote, Museen und Theaterstücke in dieser Qualität wahrscheinlich gar nicht finanziert werden.



Das Thema wird auch einfach nicht alt ;)
Ich verstehe nicht warum manche Leute meinen da immer so einen Terz drum machen zu müssen. Man muss das WGT wirklich nicht vergöttern, aber genauso wenig muss man es unnötig schlecht reden, finde ich. Ich versuche daher mal eine etwas differenzierte Meinung abzugeben.
Das WGT ist sicherlich alles andere als eine Nischenveranstaltung und bei der Größenordnung und Vielfältigkeit der Programmangebote ist es in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung schier unmöglich das Ganze allein mit DIY und Herzblut auf dem Level zu halten. Von daher finde ich die Vorwürfe bezüglich der Kommerzialisierung immer etwas über das Ziel hinaus geschossen, da sie verkennen wie viel Arbeit und Mitgestaltung auch von der Stadt Leipzig selbst zum Erfolg beigetragen werden.
Nachdem ich letztes Jahr meinen Ersteindruck vor Ort sammeln konnte, habe ich nach reiflicher Überlegung beschlossen dass dieser zwar beeindruckend, aber nun auch nicht so sensationell war, dass ich das Pfingstwochenende fortan zu meiner jährlichen Pilgerpflichtreise nach Leipzig erklären muss. Das Täubchenthal war großartig und das internationale Publikum schon etwas einmaliges. Nur das Feuer was viele langjährige Besucher mit dem WGT verbinden ist bei mir in der Größenordnung halt nicht entbrannt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass unsere derzeitige gesellschaftliche und politische Lage so viel Tristesse beinhaltet, dass mir die vielen liebevollen Nebenschauplätze wie Ausstellungen und Vorlesungen zu den Themen unserer Szene wie übrig gebliebene Relikte aus besseren Zeiten vorkommen. Zeiten die noch friedlich genug erschienen um sich auf dem Friedhof oder im Museum seiner Portion Melancholie zu stellen, anstatt sie täglich in den Nachrichten aufs Auge gedrückt zu bekommen und welche ICH mir besser bei urigeren Veranstaltungen der Größenordnung Gothic Pogo von der Seele tanzen kann. Naja, ich schweife ab…
Ich für meinen Teil habe jedenfalls beschlossen lieber nur alle paar Jahre mit Vorfreude und Genuss nach Leipzig zu fahren, anstatt dass ich wie so eine Art schwarz gekleideter Rügen-Urlauber jedes Jahr hinfahre „weil man als Grufti da halt hinfährt.“ – Sowas fände ich wirklich schrecklich und auch unnötig. Was ich aber nicht verstehe ist, dass manche Leute da eine Vendetta draus machen müssen. Wenn man das WGT und Leipzig als so schrecklich empfindet, so kann man ihm auch getrost fern bleiben und sich stattdessen anderen Festivals widmen. Deutschland bietet noch genügend kleinere Festivals und darüber hinaus findet man auch in der europäischen Umgebung alternative Angebote, die man nutzen kann. Warum muss man da eine Art persönlichen Kreuzzug gegen das WGT fahren und anderen Leuten ständig erklären wie doof und kommerzialisiert das alles doch sei? Werde ich nie so ganz begreifen.
Liebe Orphi, danke für deinen tollen Artikel, der die gewachsene Symbiose zwischen der Szene und der Stadt Leipzig beschreibt. Wie du sagst, die Stadt bietet ein umfangreiches, auf die Szene zugeschnittenes kulturelles Rahmenprogramm an. Das heißt, viel Nahrung, um schwarze Herzen zu füttern. Und für Provinzgrufties wie mich, die keine schwarzen Clubs in der Nähe mit kleinen Konzerten und Tanzabenden ihr zweites Wohnzimmer nennen können, ist das WGT eine großartige Gelegenheit, dem Aushungern wieder für lange Zeit vorzubeugen. Man bekommt soviel an dunkler Kultur, Musik, Begegnungen, dass man eine ganze Weile davon zehren kann.
Dass ein Festival dieser Größenordnung auch unschöne Erscheinungen mit sich bringt bleibt nicht aus. Aber ich finde, dass jeder auch zumindest zu einem Teil dafür verantwortlich ist, wie sich der WGT Besuch am Ende für einen gestaltet. Eine exzessive AGRA-Shopping Tour brauche ich jetzt z.B. für mich nicht unbedingt. Und ich finde trotz derjenigen, die das WGT fürs knallharte Geschäft nutzen, kann man durchaus von „Gastfreundschaft“ der Stadt Leipzig gegenüber der Szene sprechen. Das erlebt man auch bei ganz alltäglichen Begebenheiten. Wenn einem beispielsweise eine szenefremde Frau in der Straßenbahn ein schönes Festival wünscht.
Ich hatte ja an anderer Stelle schon was geschrieben, aber ich möchte das hier auch nochmal tun und noch ein paar weitere Gedanken dazu dalassen.
Was ich nämlich an Deinem Text hier besonders gut finde, liebe Orphi, ist daß Du ja darauf hinweist daß es einen Unterschied gibt ob etwas von Szeneleuten organisiert oder angeboten wird, oder ob sich jemand Fremdes in unsere Nische reindrängt und uns unseren eigenen Lebensraum zurück verkaufen möchte.
Letzteres mag auch im Zuge des WGTs passieren, aber das sind dann Randerscheinungen die mitlaufen wollen.
Ich denke aber auch, wenn das Interesse direkt aus der Szene nicht dagewesen wäre, dann wäre ein WGT längst ein Ding der Vergangenheit, gewachsen ist es vor allem in den anfänglichen Jahren durch Besucher aus der Szene, und damit eben auch in einen größeren Fokus geraten. Kann man auch berechtigterweise kritisieren, aber auch ich finde eigentlich gerade die kulturellen Schnittpunkte mit der Stadt Leipzig bereichernd, also da wo es um Ausstellungen, Museen etc geht und bis jetzt hat die Orga auch noch kein szenefremdes Riesen-Unternehmen übernommen das da die große Gelddruck-Maschine drin sieht.
Ansonsten ist es eben einfach so daß solche Veranstaltungen halt bezahlt werden müssen, und das keiner ehrenamtlich als Freizeitbeschäftigung gewuppt bekommt.
Ich seh in den Kommerz-Rufen auch bisschen eine sehr doppelmoralische Sache die ich aus meinem Job kenne, und die dazu geführt hat daß ich so gut wie keine Grufti-Klamotten heute mache – diese Differenzierung, ob ein Veranstalter oder Hersteller von irgendwas aus der Szene kommt oder nicht, den schaffen manche nicht. Wenn ich jetzt hier in meiner Kellerwerkstatt in Handarbeit Teile einzeln für Leute nähe, ist das teuer – und da durfte ich mir anfangs genug „Kommerzkacke“ Vorwürfe anhören, was dann schade ist wenn man als Mensch aus der Szene gerne seine Öcken mit was verdienen wollen würde, das für die Szene ist und in die Szene gehört und gleichzeitig kreativ und erfüllend ist – eben weil es aus dem Szene-Leben entstanden ist.
Gleichzeitig hängt man sich schwarz angemalte Fast Fashion an den Hintern, von Marken die von großen Investment-Firmen aufgekauft wurden, und so uns unsere eigene Identität mit viel Marketing zurück-verkauft – die Kohle bleibt dann nicht bei Szeneleuten hängen …
Zurück zum WGT – wenn sich da Leute aus der Szene hauptberuflich mit der Organisation beschäftigen – sollte das für die auch genug abwerfen um Leben zu können, auch dann bleibt die Kohle in der Szene. Auch wenn es nur zeitlich begrenzt ist, ist es fair wenn daß was nach Finanzierung von Locations, Bands und allem was es sonst noch gibt, für die Arbeitszeit angemessen was übrig bleibt an Lohn.
Am Ende ist so ein WGT wohl auch an den Befindlichkeiten des alternden Publikums gewachsen, daß sich vielleicht nicht mehr so bereitwillig auf dem Zeltplatz für 5-6 Tage die Knochen verknittern will, sondern lieber zum Hotelbett greift, und zum ordentlichen Essen in den Lokalitäten der Stadt – daß die das ausnutzen liegt dann nicht am Veranstalter sondern eher daran daß die Nachfrage dann wohl doch irgendwo da ist.
Ein stückweit haben wir mit dem Älterwerden ja auch unsere Szene in den Alltag gebracht, wenn auch nicht immer bewusst, ich denke aber schon daß es einiges ausmacht daß wir jetzt nicht mehr in dem Alter sind wo unsere Eltern irgendwie was gegen unsere Musik und Klamotten haben, sondern – wir sind die Eltern und jucken uns nicht mehr darum was andere davon halten, damit normalisieren wir unser Gruft-Sein ja auch irgendwo selbst in der Gesellschaft … ich hoffe das war verständlich ausgedrückt, mein Kopf versucht gerade nebenbei noch ans Kofferpacken zu denken :D
Am Ende kann auch jeder selbst entscheiden, ob man zum WGT geht, wenn man es tut – was man dort mitnimmt und was nicht und es gibt sehr viel dort was abseits der medienwirksamen Massenaufläufe passiert, man muss in den vier Tagen noch nichtmal zur Agra … und das macht das WGT für mich auch aus – daß man nicht auf dem abgegrenzten Gelände für sein Ticket ein weitaus überschaubareres Programm geboten bekommt, sondern auch die Möglichkeiten hat kleine, unperfekte, handgemachte Sachen zu erleben.
Mein erstes WGT war vor 21 Jahren – eigentlich war ich da spät dran aber es hatte vorher einfach nie hingehauen … aber ich weiß daß auch 2005 schon genug Leute beklagten daß das WGT zu viel Kommerzkacke geworden wäre – und womöglich gab es das in den 90ern schon, Menschen tun sich mit Veränderungen manchmal schwer, ein bisschen versteh ich es, weil ich denke, wir Grufties sind besonders empfindlich wenn es darum geht unseren Lebensraum zu beschützen, der ja besonders in unseren jüngeren Jahren mal eine Art Safe Space vor der Normie-Gesellschaft war, aber gerade beim Kommerz-Vorwurf wäre es schön wenn man versucht sich das mal näher anzusehen – ob da wirklich szenefremde Firmen dahinterstecken die Geld aus der Szene ziehen wollen, oder ob das nicht doch auch Schwarzkittel sind,die eben nach den Regeln des Systems spielen müssen, weil sonst sowas garnicht möglich wäre. Meistens ist nämlich gerade in „billig“ die wahre Kommerzkacke drin.
So und ich geh jetzt weiter packen, ich bin dieses Jahr nämlich wieder mal komplett und mit Bändchen beim WGT, und freu mich nach der längeren Pause gerade als wärs das erste Mal :D
Hi Orphi,
danke für den interessanten Bericht.
Die vielen Kommentare zwischen „Ich fahr trotzdem hin“ und „Dann haut doch ab“ bei FB zeigen wie die Leute das Thema triggert. Wie du schriebst und wie ich es in einem Beitrag schon mal erwähnte:
„Kunst+Kultur=Kohle.“ Und das muss erwirtschaftet werden.
Und ich geb dir und den vielen anderen Recht, das WGT ist in seiner Aufmachung einzigartig.
Ich habe vorallem das Gefühl, dass einige nur die Überschrift gelesen haben und sich an dem „echte Gruftis“ aufhängen.
Dass Orphi im Prinzip aber näher bringt warum es kein Kommerz oder nur wenig sein kann, kommt bei einigen nicht an.
Ja, das Gefühl habe ich auch. Leider ist das ein Phänomen was man bei jeglicher Art von Presse findet. Man ist dünnhäutig, ließt nur die Überschrift und dann geht das Gemotze schon los. Besonders schlimm wenn Zeitungsberichte hinter einer Bezahlschranke sind. Keine Ahnung was im Text steht aber einfach mal meckern. Zum Glück ist das hier alles ehrenamtlich. (Auch dafür mal Danke!) Und trotzdem lesen es manche Leute nicht und regen sich auf.
Nach meinem Dasein als mittlerweile 9 Jahren Wahl-Leipzigerin, nachdem wir vorher teilweise 12-Stunden Flug plus 4 Stunden Bahnfahrt für die Anreise zum WGT in Kauf genommen haben, sehe ich den Aspekt der Kommerzialisierung tatsächlich gerade beim WGT im Vergleich mit anderen Großveranstaltungen in der Stadt deutlich weniger ausgeprägt.
Viel mehr sehe ich, dass die Stadt und die Menschen das ganze wie eine große Kulturveranstaltung behandeln, die eine Treffen mit Rahmenprogramm nun einmal ist. Und sich dabei auch aus ganz menschlichen Gründen darauf freuen.
Ja, Hotels sind teuer und hier und da gibt es ein wenig extra düsteren Kitsch. Aber zu Messen und anderen Veranstaltungen kosten die Hotels auch nicht weniger und zum Beispiel zur Buchmesse sehe ich genauso Kitsch und die Versuche der Geschäfte vor Ort, ein wenig extra Geld zu verdienen. Leipzig ist nun einmal eine Messestadt. Da gehört es zur Kalkulation einfach dazu, dass Gäste von außerhalb Geld mitbringen. Die Geschäfte und Restaurants wollen ja auch von etwas leben und die Mitarbeitenden sollen ihren Lohn gezahlt bekommen.
Und übrigens, kurz am Rande: Manche dieser Versuche zum WGT sind gar nicht so szenefremd, wie es vielleicht scheint. So hat ein Secondhandladen in der Innenstadt schon seit einigen Wochen eine extra WGT Ecke. Viele Mitarbeitenden dort tragen selbst aber auch das ganze Jahr über schwarz und es läuft gerne mal The Cure. Also wirkt wie Kommerz, ist aber am Ende auch einfach ein wenig Persönlichkeit der Mitarbeitenden offensiver nach außen hin ausgelebt, weil es einfach möglich ist. Besser als gehasst, angepöbelt oder schlimmeres zu werden ist das doch nun wirklich allemal.
Dafür begegnen einem die Leipziger gerade zum WGT mit wirklich unglaublich viel Gastfreundschaft. Und das auch während des Jahres. Wenn ich beispielsweise Urlaub zu Pfingsten einreichen möchte, weiß jeder sofort, warum und ich hatte sogar schon Kolleg*innen, die extra dafür mit mir Schichten getauscht haben.
Wäre das WGT durchkommerzialisiert, könnte man ohne Ticket praktisch nicht daran teilnehmen und es gäbe sowas wie VIP Tickets, VIP Lounges und Co. Ich denke, wir wissen alle, auf welche Veranstaltung ich da anspiele…
So gibt es zahlreiche Veranstaltungen, die man auch ganz ohne Bändchen, teilweise sogar mit freiem Eintritt, nutzen kann.
Für mich steht fest, dass ich auch weiterhin jedes Jahr teilnehmen werde. Zum einen, weil das WGT ja sowieso zu uns kommt – sowohl mit den Veranstaltungen direkt vor der Haustür, als auch mit unseren Freund*innen aus aller Herren Länder, die wir sonst praktisch nie alle zusammen persönlich sehen können, weil sie halt von Spanien, Italien, Polen, Frankreich, den Niederlanden, der gesamten Bundesrepublik und in manchen Jahren auch USA, China, Russland oder Weißrussland angereist kommen und zum anderen weil ich DIESE Auswahl an Musikstilen, explizit auch kleinen Bands, Kunst, Kultur, Lesungen, Vorträgen, Führungen und mehr, aus denen ich mir mein persönliches Programm zusammenstellen kann, sonst nirgends finde.
Dafür lasse ich mir dann doch gerne schwarze Brötchen mit einem freundlichen Lächeln anbieten. Ich muss sie ja nicht kaufen.
Das hast du schön geschrieben. Ich glaube nächstes Jahr bin ich auch wieder dabei! :-)
Bezüglich der Hotels…teuer sind die nur für Frühbucher, so meine neuste Erkenntnis. Kurzentschlossene zahlen in meinem Hotel, für den selben Zeitraum wie ich, inzwischen etwa 140 Euro weniger. Und da man an eine 14 tägige Stornofrist gebunden ist, kann man noch nicht Mal was machen. In der Hinsicht ist es mehr als frech, wie man als Besucher gemolken wird. Irgendwann wird das dem WGT das Genick brechen. Es gibt nicht wenige, innerhalb Deutschlands, die auf Grund der Hotelpreise fern bleiben. Ich will gar nicht wissen, wie viele es außerhalb Deutschlands sind, bei denen dann auch noch Flugkosten dazu kommen. Auch wenn das nicht direkt vom WGT gesteuert ist, diese Umstände machen es inzwischen zum Luxusgut. Und „das Personal muss auch bezahlt werden“ rechtfertigt in meinen Augen nicht, dass ein Hotel solche preislichen Unterschiede bei seinen Gästen macht. Bzw. bewusst für leerstehende Zimmer mit bezahlen lässt. So verprellt man sich die Gäste nämlich auch.
So sehe ich das auch. Zur Buchmesse läuft das ja ähnlich. Dagegen kann aber die Szene vor Ort etwas tun und Schlafplätze anbieten. „Szene hilft Szene“ , damit es eben NICHT zur elitäten Veranstaltung für Besserverdienende wird.
Das Thema Unterkunftskosten ist definitiv einer der Punkte, die auch ich kritisiere. Die Hotelbranche lässt sich solche Events extrem gut bezahlen und FeWos sind ein begehrtes Gut. Spätestens wenn man da ohne Auto anreist, kann das zum Problem oder zumindest zu einem teuren Spaß werden.
Das muss man auch nicht unnötig beschönigen, denn sowas ist leider gängige Praxis in der Hotelbranche. Höhere Nachfrage => Mehr erhoffte Gewinne => Preise schießen in die Höhe. Besonders bei großen Hotelketten, die an der Börse unterwegs sind ist sowas leider ganz normales Alltagsgeschäft. Die zu erwartenden Gewinne eines Hotels werden eben im Vorfeld berechnet und Abweichungen nach unten sind da im Nachhinein eher unerwünscht bzw. wollen von vorne herein vermieden werden. – Auch außerhalb solcher Events. Schließlich hat man seinen Shareholdern ja schon Gewinn XY versprochen. Also werden bei deiner Frühbuchung bereits unbesetzte Zimmer mit einkalkuliert. Bleiben zum Ende dann tatsächlich noch Zimmer übrig, schmeißt man sie dann eben noch im Last Minute Pool auf den Mark und streicht noch ein paar zusätzliche Gewinne ein. Und wie gesagt: Das ist nicht nur in Leipzig so. Selbst bei meiner Buchung zum diesjährigen Minicave habe ich dies zu spüren bekommen. Zur selben Zeit findet in Münster noch ein anderes Mainstream-Event statt, zu dem viele Leute pilgern. Just in der Zeit steigen die Hotelpreise. Natürlich nicht so stark wie zum WGT, aber immer noch spürbar genug.
Was Leipzig betrifft bin ich daher sehr froh, dass ich inzwischen in meinem erweiterten Bekanntenkreis jemanden aus Leipzig gefunden habe, der mir bei Bedarf eine recht günstige FeWo in der Nähe vom Täubchenthal sichern kann. Für künftige Besuche werde ich dieses Vitamin B daher definitiv in Anspruch nehmen.
Sowas sind Machenschaften, auf die ich keinen Bock habe. Da sträubt sich in mir etwas. Und aktuell nimmt es mir auch die Vorfreude auf das Wochenende.
Dann scheiße ich zukünftig halt wieder auf WGT bzw. setze auf das Glück, ob kurz vorher noch Zimmer vorhanden sind. Konzerte kann ich das ganze Jahr sehen. Und soviel besonderes gibt es im Rahmenprogramm auch nicht. Bzw. wiederholt sich das ja. Der Leichenwagentreff ist jedes Jahr, genauso wie die Friedhofsführungen.
Dem kann ich mich nur anschließen.
Ich bin ebenfalls seit 9 Jahren Wahlleipziger & freue mich jedes Jahr erneut darauf, wenn „meine“ Stadt endlich wieder ihr schwarzes Gewand anlegt. Leipzig fühlt sich dann einfach immer noch ein kleines bisschen mehr wie Zuhause an als sowieso schon.
Und wie viele hier bereits angemerkt haben, ist das WGT so vielseitig, dass man sich das rauspicken kann, was einem gefällt.
Und für mich persönlich ist es auch ein Highlight, wenn der kleine Cupcake-Laden bei mir um die Ecke jedes Jahr zu Pfingsten gruftige Cupcakes im Angebot hat. Ich kaufe dort auch außerhalb des WGTs gerne, da freue mich doch erst recht, wenn es dann ein Produkt gibt, das ich sowieso mag & das dann auch noch optisch zu hundert Prozent meinen Geschmack trifft.
Ich denke auch, dass Leipzig & das WGT inzwischen eine eingespielte Symbiose etabliert haben & bin jedes Jahr aufs Neue vorfreudig, wenn die Stadt je näher das Pfingstwochenende kommt nach & nach wieder schwärzer wird.
Ach, ich sehe das gelassen. Wenn man für viele Menschen eine Veranstaltung auf die Beine stellen will, dann kostet das nun mal. Ein gewisser Grad an Kommerzialisierung ist nun mal immer vorhanden und nicht zu vermeiden. Es ist auch immer so, dass auch szenefremde Teile in solchen Großveranstaltungen mitmischen, die auch Geld verdienen müssen, sonst ist ein solches Event nicht zu stemmen. Händler bezahlen Standgebühren und andere Veranstalter die mitmachen bezahlen auch ihren Teil. Somit kann die Gesamtveranstaltung finanziell und organisatorisch gestemmt werden.
Man muss ja nicht alles auf dem Treffen mitmachen. Man kann die Teile einfach meiden, die man nicht mag und gut ist. Das WGT ist ja groß genug. Leben und leben lassen und jeder findet dort sein Ding. Meine Meinung.
Sehe das wie du. Dort kann sich eigentlich jeder sein „Biotop“ suchen und nach seiner Façon selig werden…