WGT 2026: Herrscht hier wirklich der Kommerz?

Man hört immer wieder, dass „echte“ Gruftis dem WGT fernbleiben wollen, weil es zu viel Kommerz und zu wenig ein ehrliches Treffen ist. Auch ich bin versucht, dem sofort zuzustimmen, denke dabei zum Beispiel an die Einladung in den Freizeitpark Belantis vor mittlerweile zehn Jahren. Doch ist das wirklich Kommerz? Will die Stadt nur Geld mit dem schwarzen Zauber machen oder sind das nicht in Wirklichkeit die Geister, die wir selbst gerufen haben?

Tiefgründigkeit statt Kommerz – so ließe sich der Wunschzettel der „echten Gruftis“ für ein solches Szenetreffen vielleicht zusammenfassen. Schauen wir uns also das Rahmenprogramm des WGT jenseits der Konzerte an. Wenn Lesungen über schwarze Romantik, historische Trauerrituale oder philosophische Themen stattfinden, sind die Säle gefüllt. Die Leute stehen Schlange, um an speziellen Friedhofsführungen teilzunehmen, Ausstellungen in den Leipziger Museen zu besuchen oder sich Theaterstücke und klassische Konzerte anzusehen. All diese Angebote treffen genau den Nerv der Szene. Die Faszination für das Morbide, für Vergänglichkeit und für die Ästhetik vergangener Epochen wird dort im Alltag des Festivals ganz real gelebt. Doch wer bietet das Rahmenprogramm an?

Fotoausstellung im Fahrradladen (3)

Wenn die Stadt der Szene die Tür öffnet

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass es eine Symbiose aus Leuten direkt aus der Szene und städtischen Institutionen ist. Gerade beim kulturellen Rahmenprogramm passiert etwas sehr Spannendes, denn hier beteiligt sich fast die halbe Stadt Leipzig. Einerseits gibt es viele Angebote, die zu hundert Prozent aus der Szene für die Szene stammen. Wenn dort Lesungen stattfinden, sind es oft szenebekannte Autorinnen, Musikerinnen oder Expertinnen, die eng mit dieser Subkultur verwoben sind und Vorträge über Tod, Vergänglichkeit oder beispielsweise Okkultismus halten. Auch viele kleine Kunstausstellungen, Lesebühnen oder Fotoprojekte werden von Künstlerinnen organisiert, die das ganze Jahr über in dieser Subkultur leben und arbeiten. Andererseits – und das macht das WGT weltweit einzigartig – beteiligen sich Leipzigs Kulturinstitutionen intensiv an diesem Festival.

Für dieses Pfingstwochenende holen die großen städtischen Museen extra ihre morbiden, historischen oder düster-romantischen Exponate aus den Archiven und kuratieren spezielle Sonderausstellungen für die Gäste des Wave-Gotik-Treffens. Die Kulturstätten setzen passende Stücke auf den Spielplan, denn sie wissen, dass das WGT-Publikum diese Hochkultur sehr schätzt und die Säle füllt. Selbst die Friedhofsverwaltung des Leipziger Südfriedhofs bietet spezielle kulturhistorische Führungen über das Gelände an.

Es ist also keineswegs so, dass sich irgendwelche völlig branchenfremde Geschäftsleute ein pseudointellektuelles Feigenblatt ausdenken, um den Festivalbesuchern das Geld aus der Tasche zu ziehen – schließlich sind viele Angebote im Festivalpreis enthalten. Vielmehr handelt es sich um eine gewachsene Zusammenarbeit – oder sollte man es nicht sogar „Gastfreundschaft” nennen? Die Szene bringt den inhaltlichen Anspruch, die eigenen kreativen Köpfe und das riesige Interesse mit und die Stadt Leipzig und Kulturschaffende jenseits des Festivalprogramms öffnen ihre Türen und schneidern ihr eigenes Angebot passgenau auf dieses ganz spezielle Publikum zu.

Führung Johannisfriedhof 2022 (2)

Die Leipziger bieten dieses spezielle Programm an Pfingsten an, weil sie aus jahrelanger Erfahrung genau wissen, was die Besucher und Besucherinnen lieben. Die Tiefsinnigkeit der Szene beweist sich in diesem Fall also nicht dadurch, dass sie jedes Theaterstück oder jede Ausstellung selbst produziert, sondern dadurch, dass ein solches Bedürfnis nach diesen Inhalten auf einem Musikfestival überhaupt vorhanden ist – völlig egal, ob das Angebot von einem Künstler aus den eigenen Reihen oder einer studierten Kunsthistorikerin der Stadt Leipzig präsentiert wird. Die Szene pickt sich aus dem riesigen Angebot der „normalen” Welt genau die Dinge heraus, die zu ihrem Lebensgefühl passen, und integriert sie in ihre eigene Welt. Und das WGT sammelt die Angebote an einem Wochenende und macht sie zugänglich.

In Subkulturen wird wahnsinnig schnell mit dem Begriff „Kommerzialisierung” um sich geworfen, sobald irgendwo Eintritt verlangt wird oder jemand merkt, dass sich mit einer bestimmten Zielgruppe Geld verdienen lässt. Natürlich reiben sich die Hoteliers in Leipzig an Pfingsten die Hände, die Preise für Übernachtungen schießen durch die Decke, und wenn der Bäcker um die Ecke plötzlich schwarze Brötchen backt oder ein WGT-Bier für teures Geld über die Theke geht, dann ist das ganz klar ein knallhartes Geschäft. Aber echte Kommerzialisierung einer Szene würde ja eigentlich bedeuten, dass man die Ideale und die Kultur der Szene weichspült, sie völlig massentauglich macht und als billiges, oberflächliches Konsumprodukt an den normalen Mainstream verkauft, so wie es zum Beispiel passiert, wenn große Modeketten plötzlich zerrissene Punk-T-Shirts als neuen Sommertrend vermarkten. In Leipzig passiert bei diesen Veranstaltungen aber genau das Gegenteil. Die Stadt nimmt die Szene in ihren ganz spezifischen, nischigen Interessen absolut ernst und schnürt ein hochkarätiges Paket, das fast ausschließlich für genau diese schwarzen Gäste gemacht ist. Und mal ehrlich: Welcher Gruftie freut sich nicht über ein schwarzes Eis oder andere „Überraschungen“ in der Stadt?

Man muss das auch mal ganz praktisch sehen: Eine reine DIY-Underground-Szene könnte es sich logistisch und finanziell niemals leisten, für ein Wochenende so viele Locations zu mieten, die Museen umzugestalten oder historische Archive für spezielle Ausstellungen zu öffnen. Erst durch das Angebot vor Ort entsteht diese Tiefe und Qualität im Rahmenprogramm, die das Treffen einzigartig macht. Es ist also ein maßgeschneidertes Angebot, für das die Szene zwar direkt und indirekt bezahlt, das sie aber inhaltlich enorm bereichert. Die Stadt stellt die Infrastruktur zur Verfügung, damit die Besucher ihre Vorliebe für dunkle Romantik, Historie und Kunst – und von mir aus auch für schwarzen Kitsch und gruftiges Essen – ausleben können. Das wäre im reinen Szene-Underground gar nicht machbar. Es ist ein klassisches Geben und Nehmen, das extrem gut funktioniert und der Szene an diesem Pfingstwochenende mehr nützt als schadet.

WGT 2026: Die Agra-Halle und der ehrliche Konsum

Natürlich ist die Szene nicht immun gegen den Kapitalismus. Ein Beispiel ist die Agra-Messehalle, die während des Treffens zu einem gigantischen schwarzen Einkaufszentrum mutiert. Wenn man dort durch die Gänge läuft, merkt man schnell, dass es nicht nur um handgemachte Kunstwerke echter Szene-Designer geht, sondern dass auch massenhaft importierte und teils stark überteuerte Kleidung von der Stange verkauft wird. Man kann nicht leugnen, dass das WGT auch eine gewaltige Wirtschaftsmaschinerie geworden ist.

T-Shirts in der Agra-Messehalle

Sobald ein Festival jedoch fast zwanzigtausend Besucher zählt, kann es nicht mehr dieser intime, pure Underground sein, bei dem sich jeder kennt und alles aus Idealismus geschieht. Die Shopping-Hallen und das Posieren für Instagram wirken auf den ersten Blick natürlich oberflächlich und wie der endgültige Ausverkauf der Szene. Das sind eben die Dinge, die extrem laut sind und die man sofort sieht, wenn man das Gelände betritt oder sich die Bilder im Internet anschaut. Die Seele eines solchen Treffens verschwindet jedoch nicht, sondern zieht sich zurück und teilt sich in verschiedene Nischen auf. Das Wave-Gotik-Treffen hat zum Glück nicht nur eine große Hauptbühne oder eine Flaniermeile, sondern verteilt sich mit unzähligen Locations über die ganze Stadt Leipzig. Während draußen im Park also die Influencer ihre aufwendigen Kostüme in die Kameras halten und die Leute in den Messehallen viel Geld für Kleidung ausgeben, sitzen ein paar Straßen weiter andere, hören einem Vortrag zu oder schauen sich eine Band an und leben genau dieses alte, ursprüngliche Gefühl der Szene weiter. Die Seele der Subkultur ist also definitiv noch da. Man muss sie nur aktiver suchen als vielleicht noch vor fünfundzwanzig Jahren, weil sich eine Schale aus Touristen, Konsum und Schaulustigen darum gebildet hat.

Im Grunde ist es wie in einer belebten Großstadt: Nur weil es dort eine laute, touristische Einkaufsstraße gibt, in der alles auf Konsum ausgerichtet ist, heißt das nicht, dass es nicht auch kleine, versteckte Viertel mit ganz viel Charakter gibt, in denen das echte Leben stattfindet. Die Kommerzialisierung ist also der Preis, den die Szene für ihr Überleben und ihre fantastische Infrastruktur zahlt. Ohne das Geld der breiten Masse und der Schaulustigen könnten die vielen kleinen, wertvollen Kulturangebote, Museen und Theaterstücke in dieser Qualität wahrscheinlich gar nicht finanziert werden.

Kommentare

Kommentare abonnieren?
Benachrichtigung
guest
0 Kommentare
älteste
neuste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

WGT 2026

Alle Informationen und Artikel über das 33. Wave-Gotik-Treffen 2026

Spontis-Treffen 2026

Das 13. Spontis-Family-Treffen findet am Pfingstmontag hinter der Moritzbastei statt.

Diskussion

Entdecken

Friedhöfe

Umfangreiche Galerien historischer Ruhestätten aus aller Welt

Dunkeltanz

Schwarze Clubs und Gothic-Partys nach Postleitzahlen sortiert

Gothic Friday

Leser schrieben 2011 und 2016 in jedem Monat zu einem anderen Thema