Es gibt Sätze, die klingen wie ein schlechter Scherz und sind trotzdem geltendes Recht. „Ab 22 Uhr wird die Lautstärke etwas heruntergedreht“ ist so einer. Ausgerechnet in der Nacht, in der Robert Smith gerade erst warmgelaufen ist – also im ungefähren Tempo eines Gletschers, der sich überlegt, ob er heute schmelzen möchte – kommt jemand aus dem Ordnungsamt und dreht am Regler. Willkommen in der Parkbühne Wuhlheide, wo an diesem Wochenende gleich drei ausverkaufte Cure-Konzerte (10., 11. und 12. Juli, mit The Twilight Sad und Just Mustard als Support) stattfinden, und wo das Bundes-Immissionsschutzgesetz mitspielt, ob man will oder nicht.
Wer genau hinschaut, entdeckt die erste kleine Pointe schon im Zeitplan. Freitag und Samstag öffnet der Einlass um 17 Uhr, es geht um 18.15 Uhr los. Der Sonntag aber startet eine ganze Stunde früher – Einlass 16 Uhr, Beginn 17.15 Uhr. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um darin die dezente Handschrift der Nachtruhe zu erkennen: Ausgerechnet der Abend vor dem Montag, an dem halb Berlin wieder zur Arbeit muss, wird vorsichtshalber nach vorn verlegt. Robert Smith als Frühschicht – das muss man erst mal sacken lassen.
Die Wuhlheide, der Wald und die Nachtruhe
Kurz die Rechtslage, damit wir alle wissen, worüber wir schmunzeln: In Berlin gilt ab 22 Uhr eigentlich gesetzliche Nachtruhe. Weil die Wuhlheide aber in einem Waldgebiet liegt und eine Open-Air-Bühne ist, erteilen die Behörden gern eine Ausnahmegenehmigung – Kultur und Kunst, „öffentliches Interesse“, man kennt das. Der Kompromiss lautet üblicherweise: Ab 22 Uhr wird’s ein bisschen leiser, dafür darf bis 23 Uhr weitergespielt werden.
Und hier könnten The Cure ihre Erfahrung ausspielen, denn eleganter als jede Ausnahmegenehmigung wäre die Lösung, die in der Musik selbst steckt. Man legt die Kracher – „Fascination Street“, „A Forest“, „Just Like Heaven“ – einfach in die lauten Stunden vor 22 Uhr und hebt sich die leisen Nummern für danach auf. „Plainsong“, „Homesick“, das gehauchte „Faith“ oder das ohnehin gern als Schlusspunkt gespielte „Endsong“ – Songs, die sowieso mehr flüstern als brüllen. Wenn das Ordnungsamt um 22 Uhr den Regler nach unten dreht, fällt es bei einer Ballade schlicht weniger auf. Die Nachtruhe wäre eingehalten, ohne dass jemand etwas vermisst.
Was uns zu einer schönen Erkenntnis führt: Gothic ist es gewohnt, leiser zu sein als andere Subkulturen. Wo anderswo das Bier über den Zaun schwappt und der Bass die Anwohner aus dem Bett wirft, versinkt die Schwarze Szene lieber andächtig in kollektiver Schwermut. Vielleicht zahlt sich diese jahrzehntelang geübte Zurückhaltung ausgerechnet beim Lärmschutzgesetz aus. Man stelle sich vor: Zehntausend schwarz gewandete Menschen, die um 22.30 Uhr so leise mitsummen, dass der Beamte mit dem Schallpegelmessgerät nervös an seinem Gerät klopft, weil er glaubt, es sei kaputt. Gothic war selten so gesetzeskonform.
29 Songs, mehr ist nicht drin
Der Rolling Stone hat freundlicherweise nachgerechnet, und das Ergebnis ist zauberhaft präzise: Kommt die Band gegen 20.45 Uhr auf die Bühne und spielt sie bis 23 Uhr, ist Platz für „höchstens 29 Cure-Songs“. Höchstens. Neunundzwanzig.
Wer The Cure kennt, weiß, dass das für Robert Smith eher eine Aufwärmphase ist. Der Mann hat Konzerte gespielt, die länger dauerten als manche Beziehungen. Und das Schöne: Die 29 sind diesmal keine Übertreibung. Auf der aktuellen Tour spielt die Band tatsächlich rund zweieinhalb Stunden mit knapp dreißig Songs – eröffnet mit „Alone“, das Hauptset beschlossen mit „Endsong“. 29 Songs sind für Smith also nicht das Maximum, sondern das Normalmaß. Man muss sich ihn als einen Menschen vorstellen, der um 22.55 Uhr auf die Bühnenuhr blickt, kurz überlegt, ob „Disintegration“ komplett noch reinpasst, und dann milde enttäuscht feststellt, dass Berlin ins Bett muss.
Dazu kommt eine Eigenheit, die drei Abende hintereinander erst richtig interessant macht: The Cure ziehen jeden Abend andere Raritäten aus dem Hut. In Barcelona gab es „Mint Car“ zum ersten Mal seit zehn Jahren, in Polen entstaubten sie „Treasure“, das überhaupt nur eine Handvoll Mal live gespielt wurde. Wer also alle drei Wuhlheide-Abende besucht, bekommt garantiert nicht dreimal dasselbe – und darf sich fragen, welche Perle die Nachtruhe dann ausgerechnet abschneidet.
Für die einen ist es Nachtruhe, für die anderen der halbe Sinn des Lebens
Und hier liegt die schöne Ironie der ganzen Sache. Für den Anwohner, der am nächsten Morgen um sieben zur Arbeit muss, ist das Lärmschutzgesetz ein Segen. Für den Menschen, der eine Bahnfahrt und viel Vorfreude investiert hat, um „Plainsong“ in voller Lautstärke über sich zusammenbrechen zu lassen, ist die 22-Uhr-Absenkung dagegen eine kleine emotionale Grausamkeit. Der eine dreht sich zufrieden im Bett um, während der andere spürt, wie der Bass, der eben noch im Brustkorb wohnte, sich höflich verabschiedet.
Besonders pikant wird das, wenn man weiß, wie ein Cure-Set endet. Der berüchtigt gute Laune verbreitende Zugaben-Block läuft zuletzt über „The Walk“, „The Lovecats“ und „Friday I’m In Love“ – also ausgerechnet die vergnügten, poppigen Nummern, bei denen die Wuhlheide am lautesten mitsingen möchte. Sollte um 22 Uhr der Pegel sinken, erwischt es womöglich genau den Moment kollektiver Euphorie. Dass Robert Smith zu Wetterlagen einen entspannten Humor pflegt, hat er zuletzt bewiesen: Als es beim polnischen Open’er in den letzten Minuten zu regnen begann, merkte er trocken an, man hätte „Prayers For Rain“ wohl besser nicht gespielt. Man darf gespannt sein, welchen Kommentar ihm ein leiser gedrehter Verstärker entlockt.
Der Rolling Stone bringt es trocken auf den Punkt: Wer Open Airs in Berlin besucht, erlebt meist nicht die epischsten Live-Abende. Ein Kollege dort berichtete gar, er sei nach den Pixies noch im Hellen nach Hause gekommen – die mussten gegen Ende ihres Sets ohne Pause durchspielen und schafften es nicht mal mehr zu einer Zugabe, weil die Uhr auf 21.57 Uhr stand. Runter von der Bühne, Publikum jubeln lassen, wieder hoch – zu knapp. Nichts ist eben so wenig Rock and Roll wie ein Konzert, das pünktlich endet.
Ohren auf, Wecker aus
Ob es bei The Cure am Ende wirklich so kommt, weiß niemand vorher genau. Vielleicht drückt jemand kulant auf ein Auge – beziehungsweise ein Ohr. Vielleicht bleibt es bei den anvisierten 29 Songs, die für ein normales Cure-Set gerade so als Untergrenze durchgehen. Vielleicht steht Robert Smith aber auch um 23 Uhr noch da, betrachtet melancholisch den Mond über der Wuhlheide und beschließt, dass ein Song mehr die Nachtruhe schon nicht umbringt.
Wer dieses Wochenende dabei ist: Genießt es, so lange und so laut es das Berliner Landesrecht erlaubt. Und wenn um Punkt 22 Uhr der Pegel sinkt, nehmt es mit Humor. Irgendwo schläft dafür ein Anwohner besser. Das ist, wenn man so will, gelebte Solidarität in Moll.


