Wave-Gotik-Treffen 1999

Gothic Friday Juni: WGT-Erinnerungen und ein zwiespältiger Blick aus der Ferne (Caro)

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Wave-Gotik-Treffen 1993Caro war mittlerweile seit 18 Jahren nicht mehr beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Warum sie dem Treffen einst den Rücken gekehrt hat und warum sie dieses Jahr dann doch fast wieder dabei gewesen wäre, erzählt sie dem Gothic Friday im Juni. Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr?

Tja, was soll ich über das WGT noch großartig schreiben, was ich nicht schon bisher gesagt habe? Es gibt ja zum Glück ein paar konkrete Fragen, an denen ich mich entlang hangeln kann, und wenn ich mich irgendwo wiederhole, sei mir verziehen, denn es dient dann nur dem Kontext ;-) Das WGT 2016 ist Geschichte, ich war – mal wieder – nicht dort und kämpfe daher auch nicht mit sogenannten Post-WGT-Depressionen, kann jedoch auch leider keinen (schönen) Erinnerungen an diese nachhängen… Ehrlich gesagt, war das Spontis-Treffen der größte Anreiz, mal wieder hinzufahren. Ich hab mich nur leider von den äußerst pessimistischen Wetterfröschen abhalten lassen, was mich im Nachhinein meine Haare raufen ließ, da das Wetter sich so gar nicht an die Vorhersage hielt. Glück für das Spontis-Treffen, Pech für mich. Nächstes Jahr dann hoffentlich…

Doch dazu komme ich noch.

Warum fährst Du zum WGT? Oder warum fährst Du nicht?

Früher war das WGT für mich ein ersehntes Ereignis, und egal wie es letztendlich ausfiel, ich freute mich immer wieder aufs Neue darauf. Die Zeiten sind lange vorbei, was mehrere Gründe hat. Doch zunächst einmal das, was ich damals positiv empfand!

1998_WGT-08Obwohl ich im angeblich so flippigen und toleranten Berlin wohnte, war es damals – Anfang/Mitte der Neunziger Jahre – für mich unangenehm, als Grufti auf der Straße blöde angeglotzt oder sogar dumm angemacht zu werden. In manche Ecken der Stadt traute ich mich abends gar nicht erst aus Angst, von Neonazis angegriffen zu werden. Die Berliner Schwarze Szene verlor in den Neunzigern nach und nach immer mehr ihrer Treffpunkte, als diverse Clubs schlossen. Festivals gab es in Berlin damals nicht so viele, das im Sommer auf der „Insel der Jugend“ war so ziemlich das Highlight. Also sah es nicht so rosig aus, einige Leute wanderten auch in die Techno- und Metalszene ab.

Das WGT war dann eine willkommene Möglichkeit, ein paar Tage mit Gleichgesinnten zu verbringen, neue Leute kennen zu lernen und auch andere zu treffen, die nicht in derselben Stadt wohnten und die man damals nur durch Briefkontakt kannte. Und es war – nach den ersten zwei WGTs – auch zunehmend entspannter, sich in Leipzig zu bewegen. Anfangs schauten die Einwohner ja noch sehr skeptisch bis unverholen neugierig, man fühlte sich auch hier noch ein bisschen wie ein exotisches Tier im Zoo, auch wenn die „Masse“ eher Schutz bot. Bei einem der ersten Treffen gab es auch einen Skinhead-Alarm, was einige zur überstürzten verfrühten „Flucht“ vom Zeltgelände veranlasste. Ich weiß nicht, ob damals tatsächlich noch Skins auftauchten.Von meinen Berliner Freunden und Bekannten fuhren immer nur recht wenige zum WGT, einmal bin ich sogar nur zu zweit mit einer Freundin hingefahren. Bis auf ein Mal, als ich mit einigen Brandenburger Gruftis anreiste, die vor Ort noch eine weitere Gruppe antrafen, gab es also keine große Gruppe, in der ich mich bewegte. Eher traf ich vor Ort ein paar Bekannte, aber es ergaben sich dadurch, dass es keine Clique war, auch eher Gespräche mit Fremden und neue Bekanntschaften. In der großen Gruppe erlebte ich es, dass wir dann das ganze WGT über auch völlig unter uns blieben. Insofern mochte ich es lieber, mit wenigen Leuten anzureisen und dafür mehr von den anderen Besuchern ringsherum mitzubekommen.

Die ersten WGTs waren von den Veranstaltungen und ihren Austragungsorten noch überschaubarer, da begegnete man sich immer wieder und es gab auch vieles, was man sich gemeinsam anschaute. Das störte mich dann zunehmend, als das WGT immer größer wurde, dass sich die Leute ihren Interessen nach immer mehr aufsplitteten und man sich immer wieder mühsam zusammensuchen musste. Damals gab es ja noch keine Handys! Man hetzte irgendwann nur noch von Ort zu Ort, um entweder rechtzeitig in die Locations hinein zu kommen oder seine Leute wieder zu finden. Schon allein die Qual der Wahl, welche der vielen Angebote ich jetzt nutze und wie das alles zeitlich hinhaut, hat mich oft genervt. Da fand ich es zu Anfang, als das Meiste noch im Werk II und der Parkbühne angesiedelt war, entspannter. Okay, mit dem Größenwachstum des WGTs gab es irgendwann keinen Veranstaltungsort mehr, der alle hätte aufnehmen können. Auch ist es schon nett, wenn verschiedene Locations dabei sind, um für etwas Abwechslung zu sorgen. Letztlich hielt ich es dann so, dass ich nur noch ganz wenige Veranstaltungen besuchte, die mir wirklich wichtig waren. Gern hätte ich auch mehr mir unbekannte Bands gesehen und womöglich neue Perlen entdeckt, als nur meine Highlights abzuklappern. Doch irgendwann war es mir einfach zu viel des Angebots.

Wave-Gotik-Treffen 2012Es könnte ja zum Beispiel auch jedes Jahr unter ein anderes Motto gestellt werden (zumindest die Randveranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen etc.), anstatt immer eine riesengroße Bandbreite auf einmal zu bieten, die man eh nicht auskosten kann…

Jetzt bin ich schon mittendrin in den negativen Aufzählungen, die das WGT irgendwann für mich nicht mehr so attraktiv werden ließen. Es wurde einfach zu groß, zu unübersichtlich, zu unfamiliär und zu verwässert. Verwässert in dem Sinne, dass es sich immer mehr von den beiden „Kernen“, Wave und Gothic, entfernte. Diese wurden von anderen Stilrichtungen verdrängt, die man zwar auch zum Teil der Schwarzen Szene zuordnen kann, aber auch einiges sehr Fremde kam hinzu – ich sage nur: Cyber. Es wurde immer bunter, immer schriller, immer mehr auf Optik reduziert. Schaulaufen halt. In kleinerem Rahmen gar es das zwar auch früher, aber dass es ein derartiges Wettrüsten der Kostümierungen wurde, geschah erst im Laufe der Jahre. Ich gestehe, dass ich in den letzten Jahren auch ab und zu allein zum Fotografieren über Pfingsten nach Leipzig gefahren bin. Das hätte ich sicher nicht gemacht, wenn da nur lauter Oldschool-Waver und Gruftis rumlaufen würden. Aber es macht natürlich auch Spaß, die vielen aufwändigen Outfits zu betrachten – und auch ein wenig zu lästern, wenn jemand wirklich übertreibt oder stilistisch völlig daneben haut. Doch das zeigt mir, dass ich das WGT inzwischen mit wirklich anderen Augen sehe. Nicht mehr als Szenetreffen und „Schwarze Familie“, sondern als Massenspektakel mit Karnevalscharakter.

Seit ich einmal mit einem Wohnmobil beim WGT war, anstatt zu zelten, kann ich mir nicht mehr vorstellen, nochmal auf dem Zeltplatz unterzukommen. Lieber habe ich die Möglichkeit, meine Sachen sicher wegzuschließen, meine Lebensmittel kühl zu lagern und mich in Ruhe ohne ein enges Zelt um mich herum umzuziehen. Ungestörte Nachtruhe ist auch ein nicht zu verachtender Faktor, wenn man wie ich keine Nachteule ist und seinen Schlaf braucht. Tja, die Kehrseite an der Tatsache, dass ich ein Hotelzimmer inzwischen vorziehen würde ist, dass man so natürlich noch etwas isolierter vom Festivalfeeling ist. Beim Zelten ist man immer unter Leuten, bekommt Gespräche mit, kommt ins Gespräch, ist mittendrin. Da gibt es im Hotel weniger Möglichkeiten, anzuknüpfen. Apropos Hotel: es ist schade, dass viele gut gelegene und bezahlbare Unterkünfte schon lange im Voraus ausgebucht sind und die Preise im Allgemeinen über Pfingsten mächtig anziehen. Das schreckt mich dann auch etwas ab, da ich kein Großverdiener bin, sondern nur einen Teilzeitjob habe. Wenn man dann erstmal abwartet, welche Bands fest im Programm sind, gibt es schon kaum noch geeignete Unterkünfte.

So ergab es sich, dass ich all die Jahre immer wieder überlegte, mal wieder als zahlender Besucher zum WGT zu fahren, mich aber letztlich dann doch dagegen entschied. Zu wenig Anreiz, zu viele Menschen, zu wenig echtes Szenefeeling, zu stressig und zu teuer. Das waren meine Beweggründe. Wenn ich dann nur so zum Knipsen hinfuhr oder  Foto- und Filmbeiträge zum aktuellen WGT sah, wurde ich doch immer wieder etwas wehmütig. Aber das rechte bislang nicht, um mich umzustimmen.

Wave-Gotik-Treffen 1997In diesem Jahr hatte ich vor allem zwei Gründe, weshalb ich überlegte, doch wieder teilzunehmen – sogar ein (nicht ganz billiges) Hotelzimmer hatte ich gebucht! Zum einen hatte ich gehört, dass es immer weniger Cybers auf dem WGT geben soll, was die Atmosphäre für mich wieder interessanter, authentischer gemacht hätte. Ich hab zwar nicht wirklich was gegen Cybers, aber ich verstehe nicht, wie sie das WGT dermaßen unterwandern konnten. Die beiden Szenen haben ja nun wirklich nahezu gar nichts gemein. Der zweite Anreiz war das Spontis-Treffen, da ich gerne einige der Leute getroffen hätte, von denen ich schon Interessantes gelesen habe – und weitere Kontakte geknüpft hätte.

Das ging so weit, dass ich, als ich mich schon wieder gegen das WGT entschieden und die Hotelbuchung storniert hatte, nur für’s Spontis-Treffen nach Leipzig gefahren wäre…

Als bekannt wurde, dass die Karte nochmal 20% Preisaufschlag erhalten würde, habe ich nachgerechnet und kam auf fast 500 Euro allein für Karte und Hotelzimmer, das wäre dann doch etwas zu heftig gewesen, zumal ich gerade eine sehr hohe Tierarztrechnung zu begleichen hatte. Also wieder kein WGT… Nächstens Jahr will eine Freundin eine größere Unterkunft anmieten und hat mich schon gefragt, ob ich dabei bin. Ich hab zugesagt und wenn nichts Ernstes dazwischen kommt, werde ich nach dann mittlerweile 18 Jahren Abstinenz mal wieder eine echte WGT-Besucherin sein… inclusive Besuch beim Spontis-Treffen, stilecht mit Pikes, versteht sich ;-)

Wie war Dein letztes WGT?

Das war besagtes mit dem Wohnmobil, im Jahr 1999, das letzte WGT unter den alten Betreibern vor dem „Chaos“ im Jahr 2000. Wir sind zu viert oder fünft hingefahren, aber ich habe mit einem Freund allein im Wohnmobil „gehaust“, die anderen haben gezeltet. Es gab noch keine Handys, daher war es Glücksache, die anderen Berliner wieder zu finden. Die Parkbühne war damals ein guter Treffpunkt. Ich streifte viel allein herum und habe mich zum ersten Mal getraut, auch ein paar Besucher um Fotoerlaubnis zu bitten. In den Jahren zuvor habe ich immer nur heimlich fotografiert, was natürlich selten gute Bilder brachte. Aber auch meine genehmigten Portraits sind mit heutigen Augen betrachtet nicht der Hit, da ich damals von Fotografie kaum Ahnung hatte und mit einer analogen Kamera die Fotofehler ja erst mit Abholen der Abzüge sichtbar wurden. Aber ich bin dennoch froh, damals viele Bilder gemacht zu haben! Ich erinnere mich, dass es damals aufkam, dass sich viele Mädels kleine Hörnchen aus Haaren hochstellten. Die ersten Cybers und andere schrill-bunte Gestalten tauchten auf.
Ich freute mich tierisch über den ersten Live-Auftritt von Clan of Xymox seit langem, da kullerten auch ein paar Emotions-Tränchen bei den alten Hits.

Wie war Dein erstes WGT?

Wave-Gotik-Treffen 1993Das war 1993, also das zweite WGT. Es war überschaubar, wirklich noch familiär. Wir zelteten auf einem ehemaligen Sportplatz, die Sandbahn war Flaniermeile und manch langkuttiger Grufti zog bei dem heißen trockenen Wetter eine kleine Staubwolke hinter sich her. Vielen zerfloss das Make-up, vor allem bei denen, die sich weiße Gesichter geschminkt hatten. Ich war die einzige aus unserer Gruppe, die keinen Sonnenbrand hatte :-) Ich bin mit drei anderen Berlinern hingefahren, habe dort noch eine Brieffreundin aus Mecklenburg-Vorpommern getroffen.
Es spielten insgsamt 10 Bands: In Slaughter Natives, Morthound, Collection D’Arnell-Andrea, Xymox, James Ray Gangwar, Moonday, Lacrimosa, Sleeping Dogs Wake, The Essence und Love Like Blood. Ich wollte vor allem Love Like Blood und The Essence sehen. Lacrimosa trat angeblich betrunken auf, traf keinen Ton und wurde ausgebuht (habe ich nicht gesehen, aber es wurde mir lebhaft geschildert). Das meiste spielte sich im Werk II und im Park Mühlholz ab – dort war ein kleiner Mittelaltermarkt. Den Treffen-Becher aus Ton gab es schon, eine schöne Idee!
Wie bereits erwähnt, guckten die Leipziger noch etwas irritiert ob der schwarzgewandeten Grüppchen, die durch die Stadt zogen. Der Radius war noch kleiner, aber dafür liefen dann auch fast alle immer die gleichen Wege. Leipzig war noch sehr heruntergekommen, viele Häuser trugen sogar noch Einschusslöcher aus dem 2. Weltkrieg. Kein Vergleich mit heute!

Was ist Dein schönstes Festivalerlebnis?

Da gibt es kein wirkliches Highlight. So viele Festivals habe ich auch nicht besucht. Die Herbstnächte auf Burg Rabenstein in Brandenburg um die Jahrtausendwende waren schön, aber auch das Indie-Tours-Festival 1993 in einer Klosterruine in der Stadt Brandenburg. Da flogen sogar Fledermäuse herum, während die Bands spielten!

Was war Dein eindrücklichstes Konzert?

Zwei Auftritte meiner Lieblingsband „The Chameleons“, 2000 in Hamburg und 2013 (?) in Berlin. Ich finde es sehr sympatisch und authentisch, wie der Sänger, Mark Burgess, bei den Songs mit Mimik und Gestik mitgeht und man merkt, mit wie viel Freude er nach all den Jahren immer noch auftritt. Und diese herrlichen Gitarrenklänge!

Und: welche Festivals sind noch Teil Deines schwarzen Planeten?

Wie gesagt, Festivals besuche ich seltener. Zum einen gibt es wenige, die mich wirklich reizen, und zum anderen schaue ich mir lieber Einzelgigs ausgewählter Bands an. Dann können sie länger spielen, es gibt weniger nervige lange Umbaupausen. Manche Festivals dauern mir auch einfach zu lange. Mehr als 3 Bands mag ich mir selten nacheinander anschauen.

Tanzfledermaus
Grufti seit 1989. Umkreist in unregelmäßigen Bahnen das Berliner Szeneleben - inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Tauscht sich gerne über das Gestern und Heute aus. Stromert liebend gern mit ihrer Kamera in und um Berlin herum und hält fest, was ihrem Gefühl von Ästhetik am Nächsten kommt.

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Flederflausch
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Ich kann mir gut vorstellen, dass man dem WGT ablehnend gegenüber steht, wenn man die ersten Jahre erlebt hat und hautnah verfolgen konnte, wie sich die Veranstaltung gewandelt hat.
Danke dem Handy funktioniert das heute ja ganz gut mit dem sich wiederfinden, aber auch mir ist die Fahrerei oft zu viel und ich suche mir dann die Konzerte raus, die ich unbedingt sehen möchte und mache mir sonst lieber eine schöne Zeit mit netten Leuten.
Was du bescheibst mit dem Schulaufen finde ich auch sehr krotesk. Klar, ich schaue mir auch die unterschiedlichen Stile und „Kostüme“ an und finde vieles auch nur irgendwo zwischen peinlich, lächerich und absurd, aber immer wieder sieht man dann auch Leute, die sich wunderbar zureht gemacht haben und die Nischen, wo man in eher kleinerem Kreis sein kann gibt es ja auch ;)