Wie Kinder den Tod begreifen und verstehen sollen – Pädagogischer Tabubruch in der KITA?

Ich arbeite in einer Kindertagesstätte (Kita) und entdeckte dort vor eine Weile das Buch “Tod – Projekte mit Kita-Kindern“, dass mein Verständnis vom vermeintlichen Tabu-Thema Tod gehörig durcheinandergewirbelt hat. Offensichtlich ist die Verdrängungskultur, mit der auch ich aufgewachsen bin, einem eher alternativen Ansatz gewichen, der auf das Verstehen und Begreifen setzt. Wächst damit eine neue Generation heran, die sich mit den Schattenseiten des Lebens von einer ganz anderen Seite nähert? 

(c) Wamiki-Verlag – Erika Berthold und Gerlinde Lill: Tod – Projekte mit Kita-Kindern

Doch eins nach dem anderen. Seit ich im Spätsommer dieses Jahres das Buch entdeckte, spukte das Thema in meinem Kopf herum. Nach einem Schriftwechsel mit Robert über das Buch und seinen Inhalt, habe ich mich dann dazu entschlossen, meine Gedanken dazu in einen Artikel zu schreiben. Jetzt im Dezember, wo es wieder dunkler und trüber draußen wird und man auch wieder mehr Muße zum Sinnieren und für Melancholie entwickelt, erscheint es mir passender als in der langen, heißen und sonnigen Zeit, die wir hinter uns haben.

Mehr durch Zufall entdeckte ich also ein Sonderheft zum Umgang in meiner Kindertagesstätte mit dem Thema “Tod”, welches mich sehr erstaunt hat. Ich hatte schon von der Wanderausstellung “Erzähl mir was vom Tod” gehört, die das Thema Tod für Kinder sehr anschaulich und spielerisch erklärt, Probeliegen im Sarg inklusive:

„Omas und Opas kommen mit ihren Enkeln und tauschen sich bei uns mit ihnen über Leben und Tod aus“, weiß Museumsleiterin Claudia Lorenz zu berichten. Besucher können im Labor einen nicht ganz ernst zu nehmenden Ewigkeitstrank mixen oder den ägyptischen Totengott Osiris in einer nachgebauten Pyramide besuchen. Zu sehen ist auch, dass der Tod schon lange in die Spielzeugwelt Einzug gehalten hat. Ob in Form eines Leichenwagen als historisches Blechspielzeug oder der Teufel als Handpuppe für eigene Geschichten.

Allein das fand ich schon sehr erstaunlich, da hier ein echtes und auch nicht ganz einfaches Tabu-Thema angesprochen wird, doch das Kita-Projekt-Heft war dann noch etwas ungewöhnlicher. Es wurde unter anderem von zwei Kitas berichtet, in denen das Thema behandelt wurde, auf zum Teil sehr verblüffende und krasse Weise.

Es begann, dass die Kinder der ersten Kita im Park ein totes Kaninchen fanden, mitnehmen durften und dann ein paar Tage (!) in der Kita in einem Aquarium lagerten, um zu sehen, ob es wieder aufwacht. Als es dann zu übel roch, kam es erst in eine Garage, wo es weitere Tage blieb. Allein das fand ich schon ziemlich grenzwertig, es ist ja sicher nicht ganz ungefährlich in Sachen Bakterien, sowas in einer Kita zu machen. Und dann wollten die Kinder unbedingt erleben, wie das Tier verwest, haben es in einer offenen Kiste unter einer Glasscheibe begraben, später sogar mal exhumiert. Also ehrlich gesagt, das hat mich richtig schockiert, weil das doch wirklich kein schöner Anblick ist. Sicher gehört der Tod zum Leben dazu, aber auf solch unmittelbare Weise das mitzubekommen, kann doch ganz schön nach hinten losgehen, wie ich finde. Da kam dann auch die Frage auf, was mit Menschen passiert, es wurde gezielt nach immer mehr toten Tieren gesucht, ein richtiger “Totenkult” wurde betrieben.

In der zweiten Kita durften die Kinder tote Tiere waschen, föhnen und ihnen die Zähne putzen, bevor sie begraben wurden – auch aus gesundheitlicher Sicht etwas riskant. Auf der anderen Seite finde ich es toll, dass ihnen solch eine Erfahrung ermöglicht wird und auch alle Fragen der Kinder ernst genommen wurden. Wie die Kinder auf gemeinsame Friedhofsbesuche mit der Kita-Gruppe (sogar den Besuch einer Beerdigung), Tode und Unfälle im näheren Umfeld und eben auch auf das Erleben eines Verwesungsprozessen reagiert haben, ist zum Teil wirklich erstaunlich. Und sowohl ihre Fragen als auch eigenen Auslegungen hierzu waren teils schonungslos, manchmal offen und häufig sehr fantasievoll.

Ihr könnt Euch vorstellen, dass nicht alle Eltern damit einverstanden waren – es gab jedoch einige, die das Projekt unterstützten! Das finde ich schon recht erstaunlich, weil der Tod aus unserem Alltag doch ziemlich verdrängt wurde.

Auch ich verdränge das Thema gerne und das Lesen dieses Hefts hat einiges in mir aufgewühlt. Leider gibt es keine echten Antworten auf die Frage nach dem „Danach“, vor allem, wenn man nicht religiös ist. Meine Überzeugung ist, dass unsere Existenz und unsere Wahrnehmungsfähigkeit mit dem Tod vollends erlischt, da mit dem Vergehen des Körpers und der Sinnesorgane nichts mehr übrig bleibt, was noch Wahrnehmungen, Empfindungen oder gar Gedanken haben könnte. Ich habe daher große Angst vor dem Tod, möchte nicht einfach “komplett und für immer weg” sein, keine schönen Dinge mehr erleben – und mir schon gar nicht vorstellen, was mit meinem Körper nach dem Tod passiert.

Für mich gibt es keine Frage, ich bin in meinem Fall für eine Einäscherung, und ich finde die Idee eines Friedwaldes sehr schön.

Meine erste Begegnung mit dem Thema Tod war eine überfahrene Katze im Straßengraben, an der wir öfter vorbeiliefen, als ich noch klein war (Kindergarten- oder Vorschulalter). Da guckten wir mit meiner Mutter immer wieder nach, was sich inzwischen verändert hat. Das fand ich als Kind sowohl spannend als auch gruselig und es hat mich leider auch nach dem Begräbnis meines ersten Katers immer wieder bis in meine Träume verfolgt.

Eine der schlimmsten Erfahrungen für mich, die im Laufe ihres Lebens schon viele Haustiere gehabt und verloren hat, war der Tod dieses ersten Katers vor gut 7 Jahren. Hier habe ich den Tod zum ersten Mal miterlebt – ich musste ihn erlösen lassen – und hatte auch noch ein bisschen Zeit zum Abschiednehmen. Die Trauer hat sehr lange gedauert und auch heute noch kann ich mir kaum Fotos von ihm anschauen, ohne dass mir Tränen kommen.

Die ersten und einzigen toten Menschen, die ich sah, waren meine Oma und mein Vater. Meine Oma sah ich wenige Minuten nach ihrem Tod, und da wirkte sie schon ganz fremd, so ohne vertraute Mimik. Meinen Vater hatte ich jahrelang nicht mehr gesehen und er war schon einige Zeit im Kühlhaus gewesen, erst zur Beerdigung sah ich ihn wieder. Da war das Befremden natürlich noch größer, verbunden mit sehr gemischten Gefühlen, da unser Verhältnis seit Jahren extrem schwierig war bis hin zum totalen Kontaktabbruch aufgrund seiner üblen Psychosen. Trotzdem ging mir sein Tod sehr nahe, es war jetzt eben alles endgültig.

Was mich sehr schockiert hat, war der plötzliche, viel zu frühe Tod eines lieben Freundes mit gerade mal 49 Jahren aufgrund eines mysteriösen „Unfalls“. Wenn jemand, der noch nicht viele Jahre gelebt hat, auf einmal aus dem Leben gerissen wird und verschwindet, reißt eine plötzliche, klaffende Lücke auf, ganz anders als wenn jemand lange krank oder schon sehr alt war und man sich langsam darauf vorbereiten konnte. Da sind die Ränder der Lücke fließend und weich, der Verstorbene ist langsam entglitten und nicht entrissen worden.

Der Umgang mit dem Thema Tod – Reif für eine Revolution?

Wie geht Ihr und Euer Umfeld mit den Thema um? Ist es ein Tabu, oder gibt es bestimmte Vorstellungen, die vertreten werden, die tröstlich sein können oder aber Kopfzerbrechen bereiten? Habt Ihr schon Erfahrungen mit dem Ableben nahestehender Menschen oder Lebewesen erlebt und wie seid Ihr damit umgegangen?

Findet Ihr es angemessen, schon mit kleinen Kindern das Thema zu besprechen? Hättet Ihr es Euch gewünscht, dass man Euch in jungen Jahren schon so etwas erklärt hättet – oder hattet Ihr sogar im Kindesalter jemanden, der sich mit Euch des Themas angenommen hat? Nimmt es Kindern ein Stück der Unbeschwertheit oder hilft es, sie auf mögliche Verlusterfahrungen vorzubereiten?

Es heißt ja häufig, dass Gruftis/Gothics eher bereit sind als „Normalos“, sich mit dem Tabu-Thema Tod zu befassen und hier sogar der Gesellschaft durch ihr zum Teil morbides Äußere vor Augen führen, was gerne verdrängt wird. Sollte sich das in Zukunft erübrigen? Werden Kinder, die man so in das Thema Tod und Vergänglichkeit einführt überhaupt noch etwas zu verdrängen haben?

Tanzfledermaus
Grufti seit 1989. Umkreist in unregelmäßigen Bahnen das Berliner Szeneleben - inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Tauscht sich gerne über das Gestern und Heute aus. Stromert liebend gern mit ihrer Kamera in und um Berlin herum und hält fest, was ihrem Gefühl von Ästhetik am Nächsten kommt.

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Lexi
Gast
Lexi

Dein Artikel ist richtig gut und ich finde es wichtig, dass man mit Kindern über dieses Thema spricht. Immerhin ist es was natürliches, was jeden irgendwann mal betrifft. Falls es solch ein Projekt an der Schule meines Sohnes geben würde, wäre ich dafür.
Ich habe auch einen Sohn. Mittlerweile ist er 11 aber wir haben schon ziemlich früh angefangen über den Tod zu reden, weil es ihn irgendwann beschäftigt hat, als jemand aus meinem Bekanntenkreis gestorben ist. Ich habe ihm gesagt, dass der Tod zum Leben gehört, ganz normal ist und niemand so wirklich weiß, was nach dem Tod ist, dass manche an die Wiedergeburt glauben, andere an den Himmel und widerum andere davon überzeugt sind, dass da nichts mehr ist. Letzteres fand er natürlich nicht so toll. Er hat natürlich auch Angst, dass ich irgendwann mal sterbe aber diese Angst hat ja jedes Kind irgendwann einmal. Wir reden dann immer darüber, was eventuell sein könnte. Da kommen manchmal die witzigsten Geschichten dabei raus. Sowas wie, dass wir uns als Energie im Weltall wieder begegnen und uns mit anderen Energien verbinden, um vielleicht eine ganz andere Art von Leben zu erschaffen. Vielleicht sind wir dann andere Lebewesen oder werden sogar zu einer Sonne, in einer fernen Galaxie, die anderes Leben erschafft. Diese Geschichten helfen ihm auf jeden Fall die Angst zu nehmen, mich durch den Tod zu verlieren.
Was mich betrifft, so habe ich schon einige Menschen verloren. Unter anderem auch schon recht früh meinen Vater. Ich hatte niemanden, der mit mir durch diese Trauer gegangen ist, weshalb es sehr heftig war. Jetzt wo ich älter bin und der Tod für mich schon oft ein Thema war, muss ich sagen, dass ich abgestumpfter bin und es mich nicht mehr ganz so heftig nach hinten wirft, wenn jemand stirbt. Außer bei Tieren. Das macht mich immer noch sehr traurig. Sogar wenn ein Tier eines Bekannten stirbt, dass ich nichtmal kannte.
Angst vor dem Tod an sich, habe ich nicht aber vor dem Sterben, weil es jenachdem auch mit schlimmen Schmerzen verbunden ist.

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Bevor ich mich lange zu dem Thema, als Freund der “bewussten” und “umfangreichen”, (zB “aristorkatischen”, aber auch der “normalsterblichen” katholischen) Sterbe, Vorbereitungszeit (vor dem unter die Erde bringen), und Gedenkkultur, auslasse….. und über morbiden (aber auch Jenseits) Humor, und als Jägerssohn mit landwirtschaftlicher Umgebung (tote Katzen, Hühner, Ferkel, aber auch an/totgefahrenes oder waidmännisch erlegtes Wild… blablabla… finde ich natürlich gut, dass Kinder so unbefangen mit dem Tod umgehen, und auch Gelegenheit dazu haben verschiedene Aspekte kennen zu lernen. Mein erster Gedanke war aber Disneys Coco, in dem wir seid langer Disney Abstinenz im Kino waren, und der nicht nur uns als Erwachsene gut gefallen hat, sondern auch vielen vielen Kindern und ihren Eltern. Der Tod gehört seid dem ersten Funken Lebens dazu, und ohne Verfall des ehemaligen Belebten, kein neues Leben aus den Grundbausteinen, und auch kein Platz und Ressourcen für neues Leben und neue Generationen. Die Kultur um den Tod, Bestattung, und Gedenken, ist ein erstes Indiz/Grundstein für Zivilisation. Diesen Schatz weiter zu geben ist wichtig, und gibt nicht wenigen Halt und Sicherheit in schwierigen Zeiten … Herje, jetzt ist es doch lang geworden hier… Bitte weitermachen, aber ohne ein gewisses Feingefühl wo man die Grenzen des “Anständigen” verlässt, geht es gewiss nicht…. das kommt bei mir lange vor dem Gedanken an Bakterien ;).

Daniel
Gast

Ich denke, dass gerade diese geschilderten Beispiele vom Beobachten eines Zersetzungsprozesses toter Tiere nicht gerade den Umgang mit dem Tod verbessert, sondern nur die biologischen Abläufe aufzeigt, die geschehen, wenn die Hülle nicht mehr mit Leben gefüllt ist. Die Frage, was der Tod bedeutet und was danach eventuell kommt, kann kein verwesendes Kaninchen erklären.

Ich denke, dass gerade Kinder sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen müssen, da sie ja gerade erst anfangen, das Leben zu begreifen. Das dieses auch einmal ein Ende hat, werden sie schon schnell genug in Erfahrung bringen. Ob das nun einfach ein totes Tier am Straßenrand oder der Verlust eines Verwandten oder Bekannten bedeutet, ist mehr oder weniger Zufallssache.

Generell werden die Themen wie Tod ja auch schon in den Märchen, sowohl aus Grimms Erzählsammlungen, als auch bei jüngeren Autoren verhandelt. Das reicht vollkommen aus, wenn es darum geht, sich mit dem Thema Tod zu befassen. Ansonsten kann ich tatsächlich eine Fernsehsendung empfehlen: “Wie ist das mit dem Tod?” aus der Reihe “Willi will`s wissen”. Diese Folge wurde sogar mehrfach prämiert, zu Recht wie ich finde, da sie sich kindgerecht mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzt, ohne aber zu furchteinflößend zu sein.

Victor von Void
Gast

Ich finde es wichtig, bereits Kindern begreiflich zu machen, was der Tod bedeutet. Der Tod platzt häufig unerwartet und plötzlich in das Leben der Kinder, und aus meiner Sicht ist es für sie besser, wenn sie zumindest eine Vorstellung davon haben, was passiert (ist) , als sie mit einer komplett unbekannten Situation zu konfrontieren, in der auch ihre Eltern oft völlig überfordert sind, weil sie selbst erst einmal damit klar kommen müssen. Tieren beim Verwesen zuschauen finde ich vielleicht etwas zu viel, aber ich denke, mal ein totes Tier zu betrachten hilft Kindern zu verstehen, dass das Leben irgendwie endlich und das “danach” nicht immer schön ist. Grundsätzlich glaube ich, dass Kinder ohnehin oft viel besser damit umgehen können, weil sie weniger Scheu und vorgeprägte Abneigungen haben, die zudem noch durch ihre Neugier gebremst werden. Wird ihnen dagegen die Beschäftigung damit verwehrt und eventuell auch noch irgendeinen Schwachsinn erzählt oder die ganze Sache beschönigt, wird es für sie später viel schwieriger, die Realität anzuerkennen und zu verarbeiten.
Ich bin selbst früh mit dem Tod konfrontiert worden, zum Einen durch meine Großeltern, die auf dem Land lebten und regelmäßig Hühner, Enten und Kaninchen schlachteten, zum Anderen durch den Verlust meines Vaters und Großvaters bei einem Unfall, sowie anderer Verwandter später. Für mich war der Verlust, glaube ich, durch die vorhergehenden Erfahrungen einfacher zu akzeptieren und verarbeiten.

The Drowning Man
Gast
The Drowning Man

sorry for that..aber es überkommt mich mal wieder

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man kann nicht früh genug damit anfangen, Kinder an die Thematik heranzuführen..aber Gruftis müssen sie trotzdem nicht werden..haha..

Robert
Admin

Was ich mich beim Lesen des Artikel gefragt habe, war, was man damit erreichen möchte. Möchte man den Tod wieder in eine Art Selbstverständnis zurückführen? Die Angst vor dem Tod schmälern? Oder eine gewisse Logik in den Abläufen des Leben erzeugen?

Bisher hat ja immer die Kirche das Monopol, das Leben und den Tod zu beschreiben. Himmel und Hölle, Geburt und Wiedergeburt, Erschaffung und Vergänglichkeit. Das durch den Rückzug (oder besser Verdrängung) der Kirche aus diesem Zusammenhang eine Lücke klaffen würde, war abzusehen. Daher finde ich auch die Existenz des Buches nicht weiter verwunderlich, sondern fast schon unausweichlich. Als Kindergarten eines öffentlichen Träger muss man sich heute ja möglichst “neutral” geben und 2018 den Kindern dann die christliche Sichtweise auf den Weg zu geben, sorgt im multikulturellen Berlin sicherlich für mehr Probleme.

Was ist also das Ziel einer solchen Herangehensweise? Ablösung kirchlicher Dogmen? Die Erschaffung eines Wertneutralen und biologischen Umgangs mit Leben und Tod?

Robert
Admin

Okay, das hätte ich so nicht erwartet. Möglicherweise geht es in Berlin auch nicht anders, als “multikonfessionell”. Ich nehme einfach an, dass man nicht unbedingt die große Auswahl an Kindergärten hat, wenn man in einer Metropole wie Berlin seine Kinder großzieht.

Ich hätte auch erwartet, dass man in einer kirchlichen Einrichtung die christliche Sichtweise auf den Tod präsentiert. Liege ich vielleicht falsch mit meiner Sichtweise auf kirchliche Einrichtungen? Und, auch auf die Gefahr hin das Thema zu weit auseinanderzunehmen, was sollten Kindergärten überhaupt vermitteln und was nicht?

gagates
Gast
gagates

denke es kommt bei den kindergärten immer auch auf das “zielpublikum” an, in nem katholischen dorfkindergarten im bayrischen bergland ist das publikum sicherlich homogener als in der münchner großstadt. Und kommen dementsprechend auch weniger mit Kindern, Erwachsenen in Berührung, die nicht dem 0815 weiß katholisch hetero entsprechen.
andererseits denke ich, dass gerade kinder, die katholisch und nicht gerade mal mit obligatorischen weihnachtskirchenbesuchdrivethrough abgespeist werden, immer wieder doch an das thema tod herangeführt werden, sei es durch ostern, durch das ministrieren auf beerdigungen…

Tanzfledermaus
Gast
Tanzfledermaus

Fast wären meine Nichte (fast 6 Jahre) und mein Neffe (fast 4 Jahre) vor wenigen Tagen erstmals mit dem Tod konfrontiert worden, als das Leben meiner Mutter am seidenen Faden hing. Zum Glück blieb ihnen der Anblick erspart, als es meiner Mutter so furchtbar schlecht ging, sie trafen erst ein, als sie schon wieder ein bisschen fitter war – es hatte niemand mehr damit gerechnet, dass es wieder aufwärts gehen könnte. Trotzdem war den beiden kleinen “Mäusen” die Verunsicherung deutlich anzusehen, als sie ins Zimmer kamen. Sie hatten die Oma schonmal im Krankenhaus besucht, das war nichts Neues. Diesmal war etwas anders, sie rannten nicht wie sonst zum Bett und begrüßten sie lebhaft, sondern sie kamen ganz langsam, beinahe ängstlich und ganz still zum Bett geschlichen. Erst als die Oma sich bemühte, sie so normal wie möglich zu begrüßen, entspannten sie sich allmählich. Ich weiß nicht, ob mit ihnen auf dem Hinweg über das Thema Tod gesprochen wurde, ob sie es erfahren hatten oder von selbst spürten, dass die Oma diesmal schlimmer krank ist als vorher, das habe ich noch nicht erfragt. Für mich war es gerade in Anbetracht dessen, dass ich mich durch diesen Artikel intensiver mit dem Thema befasst habe, eine seltsame Erfahrung. Meine Mutter hat sich wieder ein bisschen erholt, aber sie ist so krank, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis wir uns verabschieden müssen… Ich werde meine Schwester fragen, ob das mit den Kindern schon besprochen wurde, damit ich ihnen gegenüber nicht versehentlich falsch reagiere, wenn es so weit sein sollte…
Angst habe ich auf jeden Fall davor.

Tanzfledermaus
Gast
Tanzfledermaus

Jetzt ist es geschehen, meine Mutter ist vor einer Woche gestorben, erlöst worden von einem unschönen langen Leiden. Wie es mir jetzt geht, brauche ich wohl nicht zu (be)schreiben. Aber das soll jetzt auch nicht Thema sein.

Die Familie meiner Schwester wohnt leider sehr weit weg von Berlin und die Kinder haben ihre Oma zuletzt im Sommer 2019 gesehen, bevor es zunehmend weiter bergab ging (richtig heftig wurde es seit Weihnachten). Meine Nichte und mein Neffe sind mittlerweile knapp 7 und 5 Jahre alt, haben laut Aussagen meiner Schwester bisher sehr unterschiedlich reagiert, aber noch recht entspannt. Ihnen scheint die Vorstellungskraft des Verlusts noch zu fehlen, wobei die Ältere da eher versteht, dass es eine mit Trauer verbundene Sache ist.
Mein Neffe scheint es noch nicht verstehen zu können, er rannte nach dem Gespräch mit seiner Mama sogar aufgeregt zum Papa, um ihm fast fröhlich mitzuteilen, dass die Oma gestorben ist. Sollten die Kinder sich ihren leichtmütigen Umgang mit dem Thema auch auf der Beerdigung bewahren, wird es vielleicht ein kleiner Trost sein, der die traurige Stimmung dann etwas auflockern könnte. Ich selbst habe trotzdem Angst davor…

Robert
Admin

Tanzfledermaus : Mein Beileid. Die Erlösung kann ich sehr gut nachvollziehen, auch wenn der Verlust schmerzt. Ich habe meine Mutter unter ähnlichen Umständen verloren.

Ich finde, grundsätzlich sollte man sich für sein Verhalten, mit dem Tod umzugehen, nie schämen. Daher finde ich es fast erfrischend, wenn Kinder so Maskenlos mit dem Tod umgehen. Später ersticken sie dann in Dogmen, wie man sich zu verhalten hat, wie man gucken sollte, was man sagen darf und was man überhaupt nicht sagen darf. Ich glaube, Kinder gucken sich in solchen Situationen sehr viel von ihren Eltern oder Verwandten ab und werden möglicherweise so geprägt, wie mit dem Tod umzugehen ist.

Ich verstehe nur nicht, wovor du Angst haben solltest?

Tanzfledermaus
Gast
Tanzfledermaus

Danke, Robert. Dass Du ähnliches erfahren hast, ist nicht schön…

Meine Angst beruht zum einen auf der Befürchtung, dass die Erfahrung einer Beerdigung für die Kinder verstörend sein könnte, wenn sie auf einmal so viele Erwachsene in Trauer erleben – wo doch Trauer und Weinen in unserer Gesellschaft zu zeigen eher verpönt und selten geworden sind. Als ich mit 12 Jahren meinen Vater zum ersten Mal weinen sah (als unsere Familie zerbrach), hat es mich damals sehr verstört, das kannte ich von Erwachsenen nicht.

Zum anderen habe ich natürlich selbst Angst vor dieser Situation, der kollektiven Trauer und den eigenen Emotionen, die dann sicher hochkochen werden. Als mein Vater vor 10 Jahren starb, hat es mich selbst überrascht, wie sehr mich das mitgenommen und auf der Beerdigung übermannt hat, obwohl ich mich nach vielen unguten Erfahrungen längst von ihm distanziert zu haben glaubte. Meiner Mutter hingegen war ich immer sehr nah, was es nicht leichter machen wird. Sie war eine sehr warmherzige, liebevolle Frau.

Auch wenn es einen kleinen Trost bedeutet, dass meine Mutter nun nicht mehr leiden muss, so löste sich das Knäuel an Erinnerungen und Emotionen der letzten 14 Monate seit ihres langsamen, in Etappen verlaufenden Abschieds nicht mit ihrem Tod auf. Eher fühle ich mich, als wäre es ein Güterzug voll Belastungen und schönen Erinnerungen im Wechsel, der auf einmal (mit ihrem Tod) gegen eine Wand fuhr und noch nicht zum Stillstand kommen konnte, weil immer noch einige hintere Waggons in Schwung sind, die erst nach und nach abgebremst werden und dabei auf den bereits stehenden Teil auffahren, sich mit ihm verkeilen. Dieses Bild passt irgendwie sehr gut zu dem, was ich empfinde.

Zum Schluss noch eine sehr schöne Anekdote. Meine Nichte hat, als sie den Ort der Trauerfeier erfuhr – ein Café, mit dem wir mit meiner Mutter oft zum Kaffee & Kuchen verabredet waren – verkündet, als Andenken an die Oma für sich selbst deren Lieblingskuchen zu bestellen. Eine sehr liebe und süße Idee, auf die sie ganz allein gekommen ist, und das mit nichtmal ganz 7 Jahren…

Bibi Blue
Autor

Mein Beileid und Mitgefühl. Ein Trost ist es vielleicht, wenn ein geliebter Mensch vom langen Leiden verschont worden ist. Der Verlust schmerzt dennoch, das kann und sollte man nicht verdrängen. Dafür habe ich auch kaum Worte. Nach dem Verlust überwältigte mich nach dem Schock irgendwann die Trauer und Trostlosigkeit, die irgendwann nach und nach vom Respekt und einigen diesem Menschen würdigenden Handlungen abgelöst wurden. Jeder für mich wichtige Verlust hat mich wachgerüttelt. Ich teile Deine Überzeugung, was das „Danach“ betrifft. Wie möchte ich meine Lebenszeit noch verbringen? Bereue ich etwas Unausgesprochenes, Ungelebtes, mit dem Menschen, den ich verloren habe? Ich bekomme dadurch Zuspruch für Freimut, meine Befürchtungen, Schamgefühle und Blockaden schwinden. Dabei bin ich mir meiner Verletzbarkeit bewusst.

Als Kleinkind kann ich mich nicht an den Tod von mir bekannten Menschen erinnern. Als ich neun war und in Jugoslawien lebte, Starb der damalige Präsident Tito. Ich möchte in diesem Kontext nicht ausschweifen, bleibe bei dem Thema Tod und wie ihn Kinder wahrnehmen. Mir ist bereits am Abend aufgefallen, dass der Ton in den Nachrichten ganz anders wirkte als üblich, ziemlich bedrückt und irgendwie unsicher. Am nächsten Tag sagte die Lehrerin zu Beginn des Unterrichts: „Kinder, was sollen wir jetzt bloß tun?“ und kämpfte mit den Tränen. Die Kinder im ganzen Klassenraum schwiegen, was sonst sehr schwer zu erreichen war. Wir spürten alle die Ängste der Erwachsenen. Die meisten liefen mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Man hätte uns viel mit Worten erklären können, doch wir verstanden jenseits der Sprache, dass es einen Grund zum Trauern gab. Ich fühlte mich unsicher, hatte Zukunftsängste, leider berechtigt. Ich frage mich nun, was mich als Kind oder Jugendliche in solchen Situationen getröstet und gestärkt hat. Als ich nach dem Tod meiner Großmutter zerknirscht war und bitterlich weinte, sagte meine Tante zu mir: „Deine Oma würde dich bestimmt ungerne so unglücklich sehen.“ Ich kann es nicht mehr genau wiedergeben, es hat mir jedoch ein bisschen geholfen, mich zu beruhigen und meine Kraft auf das Behalten von meinen Erinnerungen an sie und der Kontemplation über ihre ethischen Prinzipien zu richten. Und so wie Deine Nichte als Andenken für die Oma für sich selbst deren Lieblingskuchen bestellt hat, so habe ich in meine Welt auch einige Angewohnheiten von meiner Oma eingefügt.

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