1990 - Domplattentreffen in Köln - Bericht im Glasnost Juli 1990 - Teaser

1990: Waver Treffen auf der Domplatte in Köln – Bericht über einen Vorläufer des WGT

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Für einen großen Teil der Szenegänger ist das Wave-Gotik-Treffen ein gewichtiger Teil ihres dunkeldüsteren sozialen Lebens. Hier trifft man Bekannte und Freunde aus der ganzen Welt, die aufgrund von Globalisierung deutlich geschrumpft zu sein scheint. Seit nahezu 30 Jahren ist das Festival, das jährlich zu Pfingsten in Leipzig stattfindet, der Inbegriff des Szene-Treffens. Doch subkulturelle Treffen hat es auch schon vorher gegeben. Das Wave Treffen in Köln, das auf der Domplatte zu Füßen der berühmten gotischen Kirche stattfand, ist so ein Prequel – einer der Vorläufer der Erfolgsserie WGT.

In der im Juli 1990 erschienenen Ausgabe des Magazins “Glasnost” berichtet der Autor vom Besuch des Treffens, das auf die Bewohner und anderen Besucher der Stadt so gewirkt hat, wie es einige Jahre später auch in Leipzig empfunden wurde:

1990 - Domplattentreffen in Köln“Haben Sie hier ein Treffen?” war die häufigste Frage, die die Kölner Bürger an diesem Tag stellten. Ein ungewöhnliches Bild bot sich schon, als sich mehrere hundert schwarz gestylte Waver und Gothics und einige Punx zu einem friedlichen Happening vor dem Kölner Dom versammelten. Man traf alte Freunde und schloss neue Bekanntschaften, Informationen wurden ausgetauscht und Kontakte zwischen Städten ausgebaut. Mit neugierigen Blicken blieben die Passanten stehen. Viele sprachen ganz unerschrocken  mal einen Waver oder eine Waverin an und fragten offenherzig nach Sinn und Hintergrund der schwarzen Erscheinungen. 

Dabei war auch viel Unsicherheit und Angst zu spüren. Die Souvenirläden rund um den Dom hatten Hochkonjunktur im Verkauf von Kreuzen und Rosenkränzen. So wundert es nicht, dass die Bürger hinter dem martialischen Styling vieler Teilnehmer von einer neuen Jugendrevolte bis zur Teufelssekte alle möglichen Bedrohungen vermuteten. Ebenso ratlos stand die Polizei dem Phänomen gegenüber, weshalb sie sich vernünftigerweise im Hintergrund hielt.

Für so manchen Bürger war es dann eine ganz neue positive Erfahrung, dass Jugendliche trotz exotischen Aussehens friedlich und freundlich sein können. Insofern provozierte der Massenaufmarsch nicht Empörung sondern eher Verständnis und Toleranz. Blamiert hat sich nur die Kölner Gastronomie. Zahlreiche Gaststätten verweigerten hungrigen Wavern den Zutritt.

Mittlerweile haben sich Waver natürlich in so ziemlich jeder Stadt etabliert, wenn es sie denn überhaupt noch gibt. “Exotisches” Aussehen ist jedenfalls schon ein paar Jahre lang mehr kein Grund für Gastronomen, Gäste abzuweisen. Im Gegenteil. Wer möchte, findet im Spontis-Archiv auch Video-Aufnahmen vom 1993er Treffen auf der Kölner Domplatte.

Viel erstaunlicher dürfte für viele Leser sein, wie sich damals so ein Treffen organisiert hat, von woher die Leute alle gekommen sind, wie man davon erfahren hat und ob noch im Anschluss daran noch etwas unternommen hat. Ich würde mich freuen, den ein oder anderen Erfahrungsbericht in den Kommentaren von Zeitzeugen zu finden.

1990 - Domplattentreffen in Köln

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Mone vom Rabenhorst
Autor

Ich bin gerade etwas nostalgisch.
Ich habe hier noch 4 Videos aus der Zeit in recht guter Qualität, u. a. Domplatte 1991, Zwischenfall, Lurie, etc., die bisher noch nirgendwo hochgeladen wurden. Habe ich Dir die eigentlich schon mal gezeigt? Verschicken darf ich die leider nicht, das habe ich damals dem Ersteller versprochen. Ich hänge mich noch mal dahinter, warum die nicht irgendwo online gestellt werden. Vielleicht kriegen wir das ja doch irgendwie hin.

123einerlei
Gast
123einerlei

Tja, 1993 war der Zug echt abgefahren. Überall nur noch hängende Haarfrisuren. Waver waren in D-land irgendwie nur so von 1985 bis 1988 richtig “true”. Alles was danach noch in diese Richtung ging und dann zu diesem “Gothic mit Plateauschuhen und Zopf” wurde (sorry, an alle die sich dadurch jetzt abgewertet fühlen – das ist nur meine persönliche Meinung – ihr findet bestimmt auch irgendwen doof, also müsst ihr da jetzt auch einstecken können – ausserdem steht man da ja wohl drüber, oder?) war dann nicht mehr mein Ding. Trotzdem waren das (bis´88) die Jahre, in denen ich mich klamottenmäßig am wohlsten gefühlt habe. Schnallenschuhe, schwarzer Mantel und Rosenkranz war einfach das Beste. So ein paar wenige “Übriggebliebene” sind ja in dem Video-link noch zu sehen. 1988 war ich in meinem Umfeld der letzte Waver, die anderen hatten sich zu jeansjackentragenden Langhaarigen o.ä. weiterentwickelt. Es gab da zwar schon so ein paar “Nachwuchswaver”, aber die waren irgendwie aus meiner damaligen Sicht nicht “echt”. Was natürlich im Nachhinein betrachtet totaler Blödsinn ist, weil ich ja am Anfang 1985 auch noch nicht “richtig echt” war. Nach ´88 ging es bei mir dann auch Richtung Hardcore-Punk (ja, auch mit Jeansjacke) und mit langen Haaren. Der Mensch fühlt sich nunmal in seiner Peer-Group am wohlsten. Egal. Jetzt bin ich 47 und trage immer noch am liebsten schwarz. Meine Haare stelle ich aber mittlerweile nur noch mit Öko-Produkten hoch (täglich und auch auf der Arbeit), und natürlich sind sie auch kürzer als 10 cm, denn das Zeug hält nunmal nicht so gut. Aussenrum sind sie wieder abrasiert. Wenn ich heute etwas anders machen könnte, würde ich vielleicht die Zeit von 2000-2008, in der ich versucht habe, “normal” zu werden anders gestalten, denn: Es hat nicht funktioniert! Einen Versuch war’s immerhin wert.
smile

Mone vom Rabenhorst
Autor

Robert,
es geht ja nicht um den Ersteller der Videos, der ist gerne bereit, sie herauszurücken. Es geht eher um eine Person, die sich offensichtlich für “früher” schämt und nicht in derartigen Videos auftauchen möchte und dann herumzicken würde. Nichtsdestotrotz: Ich habe noch mal nachgehakt. Ich darf die Videos an Dich weiterleiten. Ich muß sie nur noch mal durchsehen, ob diese eine Person wirklich nicht drin vorkommt und mit jemand anderem muß ich noch kurz Rücksprache halten, weil er an einem Video auch mitgewirkt hat. Sehe hier aber kein Problem. Einen letzten Punkt klären wir dann noch per PN. Wenn Du den hinbekommst, steht einer Erstaufführung bei Spontis nichts mehr im Weg. smile

*danneinenordenverdienthat

Auseklis
Gast
Auseklis

Mein Reden. Der Sargnagel kam Mitte der 90er, als selbst die Newcomer-Bands nix mehr veröffentlichten. Musikalisch war die Wave-Szene komplett ausgedorrt. Und die Bands, die dann in die Charts stürmten, hatten mit Wave nicht mehr sonderlich viel zu tun, siehe Project Pitchfork. Die unhandliche Alpha-Omega-Blechbox, die schon den Waver-Nachwuchs dazu animierte, nach Zerspringen der CD vor Wut die toupierten Haare auszureißen, stellt so ‘ne Art Schlusskapitel dar. Ach was, eigentlich war’s schon die ‘IO’…

Ende der 90er sah das dann so aus, dass die Schwarze Szene praktisch nur noch eine Handvoll Bands aus der Früh-90er Dark-Wave-Ära kannte, darunter Wolfsheim, Deine Lakaien, Project Pitchfork, Das Ich und Goethes Erben. Der Rest war vergessen, getilgt und wurde praktisch nicht an die nachkommende Generation weitergegeben. Zig Bands von ehemaliger Bedeutung waren wie vom Erdboden verschluckt. Zusammen mit den ’80er Bands waren es hunderte. Wenn eine Szene ihre Wurzeln vergisst, weiß man, dass es vorbei ist.

Kralle
Gast
Kralle

Ich hab noch soooo viele Fotos vom Plattentreffen! Seufz! Schee war’s!!!

Durante
Gast
Durante

Zitat 123einerlei:

Gothic mit Plateauschuhen…

…ausserdem steht man da ja wohl drüber, oder?

Hihihihi… XD
(Bin übrigens völlig deiner Meinung: “Schnallenschuhe, schwarzer Mantel und Rosenkranz war einfach das Beste.”)

@Kralle:

Schee war’s!!!

…auch Bayer? wink

@90’s:
…”Relatives Menschsein” vermisse ich zugegebenermaßen ziemlich… sad