Der Gebetomat – Kunst oder Zivilisationskrankheit?

„Guten Tag! Willkommen im Gebetomat. Sie haben nun die Möglichkeit, unter zahlreichen Gebeten das für Sie passende zu wählen.“ Als ich heute diese Worte im Radio hörte dachte ich zunächst an Satire oder an Science Fiction. Aber nein, es handelte sich um einen Beitrag über den Gebetomat, den es offensichtlich schon seit einigen Jahren gibt. Erfunden wurde der Automat für „Gebete to go“ von Oliver Sturm, einem Künstler und Theater- und Hörspielregisseur. Und die rote Kabine, die aussieht wie ein Passfoto-Automat, steht tatsächlich an einigen Standorten in Deutschland. Das passiert, wenn man sie betritt:

Ich bin kein religiöser Mensch, habe aber fassungslos zugehört, als ich den Beitrag im Radio hörte. Eine blecherne Kiste mit Geldschlitz und Computerstimme für die innere Einkehr zwischendurch? Das ist absurd! Das ist Stoff für einen Science Fiction Roman. Das waren meine ersten Gedanken.

Die zweiten Gedanken gingen in eine ähnliche Richtung – diesmal aber zusätzlich mit der Überlegung, dass das Gerät von einem Künstler entworfen wurde, der mit dem Gebetomat kein Geld verdient. Die etwa 50 Cent für 5 Minuten Gebet werden für den Betrieb des Geräts verwendet. In zahlreichen Interviews betont Oliver Sturm, dass er Gewinne – sofern sich welche ergeben – spenden wird.

Ist der Gebetomat also ein Geniestreich eines Künstlers, der uns darauf hinweisen möchte, dass in unserer Welt mittlerweile sogar die innere Einkehr und das Gebet dem Zeitgeist unterworfen sind? Ein Gebet für 50 Cent zwischen Hektik, Termindruck und Stress? Wählen Sie eine beliebige Religion! Was wollen Sie hören? Fürbitte bei Krankheit? Fürbitte bei Tod? Morgengebet? Tischgebet? Eigentlich genial, aber dem Künstler selber scheint es auch um die Religionen selber zu gehen. In einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur sagte er 2008:

„Es ist so, dass die Religionen alle gleichberechtigt präsentiert werden, also es gibt keine Hierarchie. Es geht auch nicht darum, die Religionen abzubilden, sondern es geht darum, das Beten abzubilden. Deswegen sind auch Gruppen vertreten, bei denen man stutzen würde: Zum Beispiel ist Scientology auch mit einem Gebet dabei oder die Solomon-Inseln.“

In einem Fernsehbeitrag von Spiegel TV sagt Oliver Sturm:

„Die Intention ist offen. Es ist ein Kunstobjekt und von daher ist die Intention vielleicht die, dass die Leute drüber nachdenken, was das eigentlich ist.“

Ja, was ist das? Kunst oder Zivilisationskrankheit? Der Gebetomat wird schließlich von den Passanten benutzt.

Weitere Infos gibt es auf der Gebetomat-Webseite mit Artikeln zur Entstehung der Idee, mit den Standorten der Automaten, einer Gebrauchsanweisung und Links zu vielen Presseberichten.

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superwiser
superwiser (@guest_17068)
Vor 11 Jahre

Kunst (Religion) darf alles! Zur Not darf Kunst (Religion) auch die Kunst (Religion) persiflieren! Einzige Bedingung dabei ist, Kunst (Religion) muss sinnfrei sein! Hier kommt es, wie so oft im Leben, nur auf die Außenwirkung an.

Gruß, superwiser

Ach ja, Kunst (Religion) als Gebrauchsgegenstand, nennt man Design.

superwiser
superwiser (@guest_17069)
Vor 11 Jahre

Ach ja, warum ich nun meinen Bildschirm öfter mit einem feuchten Tuch abwische? Schwarz zieht die Fussel an!

Gruß, superwiser

Robert
Robert(@robert-forst)
Admin
Vor 11 Jahre

Religion künstlerisch zu verarbeiten ist meiner Meinung nach mehr als erlaubt. Ich liebe es sogar, auch wenn das natürlich immer die „Betroffenen“, also die Gläubigen, auf den Plan ruft. Aber sei es drum. Das Kunst sinnfrei sein muss, finde ich im übrigen nicht – ich möchte sogar bezweifeln, das es sich bei sinnfreier Kunst überhaupt noch um Kunst handelt. Aber das mag eine Frage des Geschmackes sein.
Beim Gebet-O-Mat überlässt der Künstler die Intention dem „Zuschauer“. Ich denke für ihn symbolisiert der Apparat aber ein ganze Menge unterschiedlicher Gedanken. Ich persönlich finde die Idee gelungen, würde dafür zwar kein Geld opfern, aber ich finde es interessant die Gebetrituale in den verschiedenen Ländern kennenzulernen. Frei von jeder Wertung.

Ob das Gerät je zum ernsthaften Beten verwendet wird, wage ich zu bezweifeln, weil das Gebet, wenn wir es von der Institution Kirche lösen, eine sehr intime Sache ist.

superwiser
superwiser (@guest_17071)
Vor 11 Jahre

Nein, nein, stimmt schon, Kunst hat nunmal „funktionslos“ zu sein! Kunst hat nur einem einzigen Zweck zu dienen; einfach dazu sein!
Wenn ein Gegenstand, ein Gemälde, eine Skulptur oder eine Instalation einem praktischen Zweck dient, wird es sofort zum Design-Stück degradiert.
So natürlich auch die einhellige Definition der Künstler!

Gruß, superwiser

tobikult
tobikult(@tobikult)
Vor 11 Jahre

Das erinnert mich an das Beicht-App „confesion“ fürs iphone… Da wurde erst gar nicht geleugnet, dass die Kirche es damit ernst meint.

superwiser
superwiser (@guest_17073)
Vor 11 Jahre

Das alleine ist schon das Gemeine! Gläubige Christen und da natürlich ganz vorne die Katholiken, können alles an Schei… machen was sie wollen! Gehen am nächsten Morgen einfach ein bisschen beichten und kommen, wenn es dann mal soweit ist, doch noch in den Himmel!
Und was machen wir, wir Ungläubigen, Atheisten, Nihilisten und sonstigen Philister?
Wir müssen mit unseren Todsünden einfach weiterleben. Wenns dann ganz übel kommt, sogar bis zum Jüngsten Tag!

sorgt sich, superwiser

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