Interview mit der „Goth Slipper“ Macherin: Warum die Szene Pikes-Hausschuhe braucht

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Irgendwann, so um den Jahreswechsel, stolperte ich über ein recht eigenartiges Bild von Pikes. Als Liebhaber dieses ungewöhnlichen Schuhwerks habe ich mir das Foto näher angesehen, denn sie sahen nicht ganz so aus, wie die Modelle, die bereits meinen Schuhschrank bevölkerten. Waren die etwa vollständig aus Fleece gefertigt? 

Tatsächlich. Bei näherer Betrachtung entpuppten sich die schwarze Fleece-Pikes als  waschechte Pikes Hausschuhe! Das kleine Label aus Berlin, das sich „young-BAT“ nennt und diese ungewöhnlichen „Goth Slippers“ anfertigt, musste sich ein paar unverschämte Interviewfragen von mir gefallen lassen. Ich wollte wissen, wer hinter der jungen Fledermaus steckt und wie man auf die Idee kommt, das ultimative Schuhwerk für echte Gruftis auch als Hausschuh zu fertigen.

Kathrin, der Kopf hinter dem Label, ist 30 Jahre alt, lebt in Berlin und ist ausgebildete Maßschneiderin und damit rein fachlich prädestiniert, um aus schwarzem Fleece Hausschuhe zu fertigen. Seit 2007 betreibt sie ihr Label „young-BAT“, das die Deathrocker, Batcaver und Postpunker mit all den Dingen versorgen soll, die sie zum DIY-Aufwerten der eigenen Kleidung benötigen. Neben Aufnähern, Ansteckern und Buttons bietet sie mittlerweile auch fertige Kleidungsstücke und Accessoires an.

Kathrin, du wirkst auf den Bildern bei Facebook nicht wie jemand, der die Szene nur als Phase oder Jugendsünde behandelt. Wie bist du in die Szene gekommen und wann hat das mit der Näherei angefangen?

Kathrin mit 14 Jahren.

In der Szene bin ich seit etwa 16 Jahren. Als im Alter von 13 Jahren immer mehr Menschen aufgrund meiner düsteren und rockigen Kleidung auf mich zukamen und mich als Grufti bezeichneten, fing ich an mich zu informieren was das denn überhaupt sein soll. Gar nicht so leicht in Zeiten ohne Facebook und ich informierte mich dann mit Hilfe von vielen Büchern und CDs aus allen umliegenden Büchereien.

Da es mir damals noch nicht möglich war, Festivals oder Partys zu besuchen und meine Eltern hart gegen meinen neuen Lebensstil vorgingen, bin ich zwar schnell extrem, aber auch recht autonom in die Szene gewachsen, was im Nachhinein hilfreich war um meinen eigenen Stil zu entwickeln. Seit etwa 10 Jahren lasse ich mich in die Schublade der Batcaver, Deathrocker oder Gothpunks stecken.

Bereits zu Beginn fing ich an sehr viel selbst zu nähen, erst von Hand, dann mit der Nähmaschine meiner Mutter. Welche 13jährigen haben schon das Geld sich in Gothic-Läden einzukleiden?

young-BAT auf dem Dark Market
Kathrin auf dem jüngsten Dark Market

Das mit der Näherei ist dann schnell ausgeartet. Ich lernte mit Hilfe eines Nähforums (natronundsoda – sagt vielleicht manchen noch was) Schnitte zu erstellen, habe bei vielen Swaps1 mitgemacht und angefangen selbst Anleitungen zu schreiben.

Nachdem immer mehr Freunde und Bekannte aus der Szene anfragten ihnen auch Sachen zu fertigen, blieb nur die Entscheidung das Ganze etwas professioneller aufzuziehen. So kam es 2007 das erste Mal zu einem kleinen Stand auf dem Apocalyptic Factory Festival mit Batcave-Blazern, Aufnähern und anderen Kleinigkeiten.

Es kam so gut an, dass es sich schnell etabliert hat. 2010 war ich das erste Mal mit einem Stand auf dem Gothic-Pogo Festival (Leipzig), seit 2012 kann man auch über meinen Shop fündig werden.

Die Szene braucht alles Mögliche. Schwarze Hosen, schwarze Leggings, schwarze Oberteile, jede Menge Buttons, Haarfärbemittel, Unmengen an Haarspray und natürlich spitze Schuhe. Warum jetzt noch Pikes-Hausschuhe?

Heutzutage kann sich NATÜRLICH keiner mehr ernsthaft „Grufti“ nennen, der nicht eine beeindruckende Pikes Sammlung zu Hause hat. Original 80er Pikes, eigens angefertigte und entworfene Pikes (von einem der 2 großen Pikeshersteller), verschiedene Materialien, Farben, Designs und nun eben auch Pikes Hausschuhe.

Wer auf Pikes steht, wird sich zu Hause – egal ob alleine oder mit Freunden – einfach wohler fühlen auch dort die Lieblingsschuhe tragen zu können.

Außer dem wohligwarmen Gefühl an den Füßen, bekommt man ein wohligwarmes Gefühl etwas besonderes zu besitzen. 

Ich gehe stark davon aus, das du Pikes gut findest und versuche gerade nachzuvollziehen, wie man auf die Idee kommt, warme und vor allem bequeme Pikes herzustellen. Bis du mal mit Pikes auf dem Sofa eingeschlafen und hast Dir dann gedacht: „Gar nicht so schlecht!“? Wie bist du auf die Idee gekommen, solche Hausschuhe zu machen?

So wie die meisten meiner Sachen basiert die Idee auf der Lösung eines „Alltagsproblems“. Ich war mit meinem Freund auf der Suche nach spitzen Schuhen. Dabei mussten wir feststellen, dass ihm die meisten Pikes aufgrund seines muskulösen Körperbaus einfach nicht stehen.

Da ich bereits etwas Erfahrung mit dem Umbau von Stiefeln zu pikeartigen Modellen und mit der Herstellung von Hausschuhen hatte, entwickelte sich die Idee der Pike Hausschuhe um auch ihm ein Pärchen zu ermöglichen. Eines kalten Herbstabends entstand der erste gestreifter Fleeceprototyp in meiner Schuhgröße. Kurz danach ein zweiter voll ausgearbeiteter Prototyp in seiner Größe. Aus diesem entwickelte sich dann das fertige Modell, das ich nun anbiete.

Du verkaufst in deinem DaWanda-Shop neben Unmengen an tollen Accessoires, auch Klamotten, Wärmflaschen, Katzenspielzeug und Gardinen. Wie kam es dazu, einen Grufti-Tante-Emma-Laden aufzumachen?

Grufti-Tante-Emma Laden klingt etwas ramschig. Das ist es aber nicht. Alles ist auf hohem Niveau selbstgefertigt. Ich habe einfach keine Lust die Kommerzschiene zu fahren. Natürlich könnte ich mich auf weniger Produkte beschränken und damit sicherlich auch meine Gewinnmarge erhöhen, das hieße aber auch, dass ich viel höhere Stückzahlen anfertigen müsste und irgendwann wie üblich in Fernost anfertigen lassen müsste.
Wie anfangs erwähnt, entwickelte sich alles aufgrund vieler Anfragen von Freunden und Bekannten. Es ging darum auch Freunden, die nicht nähen können, eigene Unikate zu ermöglichen. Die Szene lebt ja durch ihre Individualität (bzw. sollte es) und genau das möchte ich so leben und unterstützen.

Viele Ideen entstehen in meinem Alltag. Oft sind es Dinge, die ich für mich fertige und dann das Interesse von Freunden wecken, wie die Gardinen oder die Wärmflaschen.Mit Kleidung ist es ähnlich. Manches habe ich mir zuerst angefertigt, Freunde wollten das Stück dann auch so oder so ähnlich.

Ich bekomme auch immer wieder Sachen von Freunden, die aufgemotzt werden müssen, daraus entstehen oft neue Ideen und manchmal auch Techniken mit denen ich dann weiterarbeite und manches entwickelt sich einfach aus einem Bedürfnis, wie warme Accessoires für den Winter nach meinem ersten Return to the Batcave Festival in Polen, auf dem wir alle ganz schön gefroren haben.

Deine Goth Slipper kosten rund 55€ und in Zeiten, in denen wir Hausschuhe, die von tibetanischen Kindermönchen mundgeklöppelt wurden, für 5€ bei sogenannten Textil-Discountern kaufen können, musst Du Dir die Frage gefallen lassen, warum Deine Hausschuhe teurer sind.

Naja, wir sprechen von handfertigten kleinen Stückzahlen aus eigener Werkstatt in Berlin. In diesen 55 € stecken:

  • Materialkosten. Wer sich mal informiert was stabile 2 Reißverschlüsse, ein Meter guter Fleece, Klettband, Bügeleinlage und ABS Farbe kosten, wird ganz schön Augen machen
  • diverse Abgaben, Steuern, Gebühren;  von Sozialabgaben, die bei Angestellten der Arbeitgeber übernimmt, über Kosten für die Bereitstellung der Produkte im Online-Shop inkl. Kosten für Bezahlsysteme bis hin zu einem Rechtsanwalt, der in Deutschland aufgrund der sich monatlich ändernden Online-Gesetze und geldgeilen Abmahnanwälten nötig ist
  • Zeit für Entwicklung des Prototyps, Fotos, Einstellen der Sachen in den Online-Shop
  • Instandhaltung und Anschaffung von Maschinen inkl. Strom, Wasser usw.
  • der Rest nennt sich dann Lohn einer ausgebildeten Maßschneiderin, der sich in Deutschland mit dem eines Frisörs vergleichen lässt. Ein Lohn für den viele noch nicht mal aufstehen würden.

Ich betreibe mein Label schon immer neben einem regulären Job, um die Preise nicht doppelt so hoch kalkulieren zu müssen wie nötig. Außerdem möchte ich auch meine Ideale einhalten, wie beispielsweise keine Massenware anzubieten, keine Asiawaren „weiterverkaufen“ zu müssen, wie andere kleine Labels, und weder Kinderarbeit noch Umweltverschmutzung in Fernost zu unterstützen.Man kann sich ja mal aufgrund des eigenen Stundenlohns ausrechnen wie lange man dafür arbeiten müsste und dann entscheiden ob einem meine Arbeit soviel Wert ist oder nicht. ;)

Was planst du für 2018 und wo kann man deine handgefertigten Goth Slipper einer genaueren Betrachtung unterziehen?

Die Daten von Märkten und Festivals auf denen ich bin, finden sich auf den ersten Blick auf meiner Seite www.young-BAT.de In Berlin findet man mich regelmäßig auf verschiedenen Märkten.

In den letzten Jahren haben sich 2 Festivals etabliert, das Gothic-Pogo-Festival und das Return to the Batcave Festival. Dort bin ich wie in den letzten Jahren wieder mit großem Stand vertreten.

Erstmalig bietet sich mir dieses Frühjahr die Möglichkeit mit einer neueren erfolgreichen Deathrock Band auf Europa-Tour zu gehen. Dort werde ich eine kleine Auswahl meiner Sachen anbieten können. Details werden sobald bekannt natürlich auf meinen Seiten (Shop, Facebook, Instagram) veröffentlicht. Manchmal bringe ich auch spontan Sachen mit auf Partys, vor allem wenn ich weiter reise, wie zur Punks Undead. Seit Jahren würde ich gerne nach Augsburg zum Young & Cold Festival. Bisher war es logistisch ein Problem, dieses Jahr bin ich zuversichtlicher.

Ein Tipp: Da ich aufgrund meiner breiten Produktpalette nicht immer alles mitnehmen kann, ist es immer sinnvoll mich vorher anzuschreiben, wenn man etwas Bestimmtes live begutachten will. ;)

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Einzelnachweise

  1. Zu einem vorgegebenen Thema fertigt man einer ausgelosten Person ein Accessoire oder Kleidungsstück und bekommt dafür im Gegenzug etwas von jemand anderem gefertigt[]
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Tanzfledermaus

Saucoole Idee! Auch optisch sehr ansprechend – hab mir gleich welche bestellt smile

Ronny Rabe
Ronny Rabe

Schöne Idee – nur der Preis schreckt mich ab . Werde sie mir aber auf alle Fälle auf der GPP mal anschauen und dann …. mal schauen wink
und “ Pikes kann man nie genug haben “ … das hat mal jemand gesagt wink

Victor von Void

Ich gehöre zwar zur Nur-Boots-Fraktion, aber diese Idee finde ich mal großartig. Der Preis geht meiner Meinung nach auch völlig in Ordnung, wenn man bedenkt, wie teuer Stoff und Reißverschlüsse etc. sind, wenn man nicht im Industriellen Maßstab kauft, und dass alles hierzulande handgenäht ist.
Ich finde, das ist ein sehr gutes Beispiel für die DIY-Mentalität, die die Szene früher geprägt hat, und die mit dem Aufkommen von Szene-Labels und Szene-Klamotten bei H&M und Co. leider verloren gegangen ist…

Gruftfrosch
Gruftfrosch

Ich hab zwar schon Pikes für daheim zum „reinschluppen“, aber ganz ehrlich…DIE hier muss ich einfach haben….

Tanzfledermaus

Tja, schade, weder auf meine Bestellung noch auf eine Nachfrage vor ca. 1 Woche gab es bislang eine Reaktion… sad

young-BAT
young-BAT

Hallo Tanzfledermaus, tut mir Leid, dass das mit dem Kontakt nicht klappt.
Versuche dich schon die ganze Zeit zu erreichen.
Bestellbestätigung ging sofort nach der Bestellung raus. Auf deine Nachricht habe ich dir noch am selben Tag bei Dawanda geantwortet. Sind die Nachrichten vielleicht in deinem Spam-Ordner gelandet?
Ansonsten schreibe mir doch bitte auf youngbat500@Yahoo.de

Tanzfledermaus

Oops, da ist wohl irgendwie was schiefgelaufen… kriegst gleich Post!