WGT Blues 2026: Was bleibt, was kommt

Ich stehe am Montagmorgen vor dem Badezimmerspiegel und versuche, mich zu begrüßen. Das, was rauskommen soll, kommt nicht – ein Krächzen, ein Rohrkrepierer, mehr ist nicht drin. Vier Tage Partytalk haben meiner Stimme den Rest gegeben, ganz ohne Alkohol, allein die schiere Lautstärke. So fühlt sich der WGT-Blues an, wenn er sich physisch manifestiert.

Eigentlich meint der Begriff etwas anderes: jenes nachhallende Gefühl, wenn alles vorbei ist, die schwarzen Sachen wieder im Schrank, die Frösche im Parkschlösschen verstummt, der Bärlauch verblüht und der Alltag wieder ankommt. Dann fehlt etwas. Was bleibt, sind Bilder, Stimmen, Begegnungen – und das leise Bedauern, dass sich vier Tage Leipzig nie ganz so wieder einfangen lassen, wie sie passiert sind. Ich versuche es trotzdem, damit ich die Erinnerungen noch aufschreibe, solange sie frisch sind.

Gespräche, aus denen mehr wird

DJs vor 80s 80s Neon-Schild mit Plattenspielern
Um die Gäste angemessen zu beschallen, hat man sich namhafte DJs eingeladen. DJ Knüpfi, Cure-Enthusiast und Leipziger Legende, sowie Sandro Standhaft, der mal das WGT mitgegründet hat und jetzt die Moonchild-Party bespielt.

Schon am Freitag, bei der 80s80s Opening Night in der Kupfergasse, hat eine dieser Begegnungen alles in Gang gesetzt, was mir jetzt im Kopf hängengeblieben ist. Sascha Lange hatte dort eine exklusive Lesung gehalten, und im Anschluss kamen wir lange ins Gespräch. Nicht über die DDR-Zeit, die er in Gruftis in der DDR so eindrücklich beschrieben hat – sondern über die Zeit danach. Was ist mit den Menschen, der Szene, der Stadt geschehen, als der Mauerfall plötzlich alle Türen aufstieß? Was ist verloren gegangen, was hat sich verändert, was ist neu entstanden? Sascha ist Historiker, und seine Beobachtungen zu Leipzig nach der Wende waren so präzise, dass ich nicht anders konnte, als nachzuhaken. Vor allem an einer Frage sind wir hängengeblieben: Warum funktioniert das WGT eigentlich nur in Leipzig? Wie sind Stadt und Fest so untrennbar zusammengewachsen, dass keine andere Stadt diesen Status je erreicht hat?

Schon ein paar Stunden vorher eine ähnliche Geschichte: Am Pressecontainer auf der AGRA, eigentlich war ich nur dort, um mein Bändchen abzuholen, blieb ich an Pressesprecher Cornelius Brach und Marv vom Boneshaker Radio aus Rostock hängen. Aus dem Bändchen-Abholen wurden Stunden, aus dem Smalltalk eine Verabredung. Manchmal genügt eine sympathische Stimme aus dem Norden – und auf einmal sind aus zwei Pressevertretern zwei, die einen gemeinsamen Radio-Rückblick aufs WGT planen.

Bands, Begegnungen, Beobachtungen

Auf der AGRA habe ich am Freitagabend genau das gesehen, weswegen ich seit Jahren komme – und genau das, weswegen ich manchmal kopfschüttelnd wieder gehe. Kim Wilde lieferte einen soliden Auftritt mit einer ordentlichen Mischung aus alten Hits und Neuerem, aber Gruftiges, Melancholisches, Düsteres fand ich darin nicht. Bei den Einstürzenden Neubauten füllte Blixa Bargeld die historische Halle zwar stimmig, doch der Gänsehaut-Moment blieb aus. Bei aller Schnittmenge mit der Szene-Musik bleibt das Kratzig-Krachige für mich eher Performance-Kunst als Musikgenuss. Das eigentliche Highlight des Abends hieß Anja Huwe. X-Mal Deutschland hat es immer noch drauf, auch wenn der Dilettantismus früherer Tage einer souveränen Professionalität gewichen ist. Hätte ich nicht verpassen wollen – wenn auch, nur augenzwinkernd angemerkt, das Umherschwingen einzelner Accessoires streckenweise eher feucht-fröhlich als gruftig-melancholisch wirkte.

Die zweite große musikalische Entdeckung war eine, die ich bis kurz vor dem WGT überhaupt nicht auf dem Schirm hatte: Euroshima. Die argentinische Darkwave-Band, 1986 gegründet von Fabián Iribarne, José Wyszogrod, Ricardo Parrabere und der Sängerin Wanda, veröffentlichte 1987 auf Polygram das Album Gala – in Südamerika erfolgreich, im Rest der Welt jedoch sträflich übersehen, weil das Label wenig dafür tat. Erst 2020 gab es eine CD-Wiederveröffentlichung über Twilight Records, und jüngst die erste Vinyl-Reissue auf Dark Entries. Live in der Kantine der Kuppelhalle hat mich nicht nur der ungewöhnliche spanische Gesang erfasst, sondern auch dieses besondere Gefühl, eine Band zu sehen, die die internationale Anerkennung jetzt endlich bekommt, die ihr seit Jahrzehnten zugestanden hätte. Songs wie „Como Los Otros“ oder das hypnotische „Mejor Callarlo“ haben alles, was guten Darkwave ausmacht – spitze Gitarren, analoge Synth-Basslinien, toller Gesang und ein untrügliches Gespür für das Unheimliche. Dass die Band selbst das Gothic-Etikett seinerzeit ablehnte, gehört zur Geschichte dazu.

Ganz andere Klangwelt, gleiche Faszination: Vor dem Werk 2 hatte sich am Samstag wieder einmal die Robo-Synth-Invmängasion versammelt, das halbe Who-is-Who der Minimal- und Synthwave-Szene unter freiem Himmel, dazwischen Roboter, die zu improvisierten Synthie-Klängen tanzten. Hier habe ich Mnglxmplr getroffen, die mir ihr neues Album „Neue Zukunft“ erklärten – die Band hat ihren minimal-NDW-Sound bewusst zurückgelassen, um sich Richtung Darkwave weiterzuentwickeln. Ich habe es noch nicht gehört, aber Lust gemacht haben sie mir.

Hitze, Pikes und ein verpasstes Interview

Damit dieser Rückblick nicht den falschen Eindruck erweckt, alles am WGT sei tiefsinnig und kulturhistorisch verwertbar: Am Samstag bin ich aus reinem Übermut eine Tram-Station zu früh ausgestiegen, um die letzten Meter zum Dark Markt zu Fuß zurückzulegen. Auf Pikes. Mittags um zwölf bei brütender Hitze. Ich spürte förmlich, wie die Sonne die Pigmente meiner üppigen Gesichtshaut zu verbrennen begann, und steuerte umgehend eine Apotheke an, wo ich für stolze 19 Euro eine Tube Lichtschutzfaktor 50+ erwarb. Eingerieben habe ich mich gleich vor der Tür. Später, zurück am Auto am Werk 2 – meiner mobilen Basisstation – habe ich dann die Pikes endgültig gegen Turnschuhe getauscht. „Alt und verbraucht“ wäre, wenn ich denn singen könnte und eine Band hätte, ein guter erster Songtitel für mein Debütalbum „Füße“.

Mit Heike und Erika von Stimmgewalt im 80s80s Studio
Mit Heike und Erika von Stimmgewalt im 80s80s Studio

Am Sonntag hätte ich eigentlich Sean Brennan von London After Midnight interviewen sollen. Brennan war für viele Goth-Girls der Neunziger der Celeb-Crush schlechthin und formte zusammen mit The Crow das Bild des „idealen“ Goth-Boys einer ganzen Generation. Er kam nicht. Deswegen gibts hier auch keinen Link :-) Eine halbe Stunde haben wir in der Hotel-Lobby gewartet, dann improvisiert: Vor dem 80s80s-Studio in der Kupfergasse haben sie kurzerhand mich befragt, sozusagen als Experten in eigener Sache. Das eigentlich folgende Interview mit Myrna Loy hat dann Henrik von 80s80s übernommen, der die Band gut kennt.

Nächte zwischen Distellery und Felsenkeller

Was zwischen Konzerten und Begegnungen blieb, waren die Nächte. Am Samstagabend war ich mit Sabine Beck von 80s80s auf der Glitter+Trauma-Party in der Distellery – eine angenehme neue Location, luftig, weitläufig, in der Dark-Techno-Area liefen großartige Remixe. Nach Mitternacht bin ich noch in den Felsenkeller zur „When We Were Young-Party“ gefahren, wo wie üblich die schönsten Bekanntschaften nicht drinnen, sondern vor der Tür gemacht werden: Sadgoth Foremann, Die Klammers, Bibi Blue und Thomas, der die Party überhaupt erst auf die Beine gestellt hat und mit dem ich jüngst ein Interview geführt habe.

Am Sonntagabend ist das WGT party-technisch übrigens eine kleine Wüste für mich – Moonchild, When We Were Young und die Depeche-Mode-Party mit DJ Martin haben ihr Pulver Freitag und Samstag schon verschossen. Wer den Sonntag noch durchtanzen will, landet fast zwangsläufig beim Gothic-Pogo-Festival und ihrem Shockwave-Floor. Genau dort hatte ich ein paar wirklich gute Stunden: lange getanzt, tolle Leute getroffen, und nebenbei einen prüfenden Blick auf die Poison Pikes aus Mexiko geworfen, die als vielversprechende Neuentdeckung der Originale gehandelt werden – was meinen ohnehin ramponierten Füßen, längst in Turnschuhen, eine gewisse Ironie nicht erspart hat. Irgendwann wurde es dann einfach zu voll. Gequetscht, gedrängelt, geschoben – nichts mehr für mich. Lautlos verschwunden, nicht sauer. Gruß an Ringo und Martin hinter den Plattentellern.

Begegnungen mit Folgen

Gothic-Festival-Besucher in einem belebten Marktbereich, WGT Blues 2026

Manchmal sind es die ungeplanten Treffen, die das WGT zu dem machen, was es ist. Auf dem Dark Markt in der Connewitzer Feinkost am Samstag traf ich Suzie und Matthias vom Owls N Bats aus Detmold – wir haben in der Connewitzer Gastronomie über Musik, kommende Festivals und Gaming philosophiert – muss ja auch mal sein. Auf der Gothic-Pogo-Party am Sonntag bin ich dann überraschend Franziska Blinde begegnet, die für die Spontis-Magazine 2024 und 2025 die Cover gestaltet hat – und konnte ihr für die nächste Ausgabe einen Comic abringen, der ein eigenes WGT-Erlebnis erzählen soll.

Am Montag, beim kurzen Besuch des Schwarzgesagt-Community-Treffens hinter der Moritz-Bastei, unweit der Spontis-Wiese, vielleicht um zu lernen, was ich für mein eigenes Treffen besser machen könnte – außerdem lernte ich Andrea Völkner kennen. Andrea ist Pfarrerin. Und gleichzeitig Teil der Szene. Was sie über Gothic und Glauben zu erzählen hat, würde mich interessieren. Natürlich habe ich sie gleich verhaftet und gedroht, mich bei ihr zu melden :-)

Zum eigentlichen Höhepunkt des Wave-Gotik-Treffens schreibe ich an anderer Stelle: das jährliche Spontis-Treffen am Montag. Danach habe ich jedenfalls mit Parm und Katherina vom Schemenkabinett gegessen – eigentlich war ein Frühstück geplant, aber bei dem Tagesrhythmus der beiden Doktoren aus Berlin wäre das ohnehin in einem späten Mittagessen geendet, da wollte ich aber schon auf der Autobahn sein. Wir haben das Treffen und das gesamte Wochenende reflektiert, ich konnte mein Herz ausschütten, und das hat gutgetan. Es war einer der leisen Momente in diesen vier sehr lauten Tagen.

Franziska Blinde mit dem Spontis-Magazin 2025
Ich traf Franziska Blinde, die Illustratorin der beiden letzten Spontis-Cover auf dem Gothic Pogo Festival. Das müssen wir wiederholen!

Bessere Zeiten?

Beendet habe ich mein WGT 2026 am Montagabend im Parkschlösschen, beim „DDR-Abend„. Vor allem wegen Rosengarten. Die Band war hörbar in Spiellaune und brachte eine schöne Sammlung ihres Repertoires auf die Bühne, das sich für mich in keiner Sekunde vom westdeutschen Darkwave seiner Zeit unterscheidet – was im Grunde auch nie anders zu erwarten war. Texte ähnlich schwermütig und traurig, die Musik mal düster-punkig, mal rockig-laut. Ein Song hat dann besonders gesessen: Bessere Zeiten. Was damals als Sehnsuchtslied gedacht gewesen sein mag, klingt heute fast sarkastisch-kritisch im Rückblick auf jene Zeit, die diese besseren Zeiten ja nie gewesen ist. Musikalisch tiefgründiger lässt sich ein WGT kaum beenden.

Während Rosengarten spielte, quakten draußen im Dunkeln die Frösche in Moll und der Bärlauch erfüllte die kühle Abendluft mit diesem typischen Leipziger Aroma. Ich bin überzeugt: Auch damals, als gespielt wurde, was wir heute neu hören, werden Frösche und Bärlauch genau das getan haben. Ich hoffe sehr, das auch in 20 Jahren noch genauso vorzufinden. Das WGT ist mit Leipzig verbunden, und Leipzig mit dem WGT – kein Künstler, keine Location, keine Party könnte das je woandershin verpflanzen.

Was kommt

Es hat ein wenig gedauert, bis Spontis jetzt wieder im normalen Takt rauscht – der WGT-Blues will, dass man die Eindrücke erst einmal sacken lässt, bevor man sie auseinanderlegt. Im Juni wird hier wieder mehr zu lesen sein, und einiges davon wächst direkt aus diesem WGT: Das vollständige Stimmgewalt-Interview, das ich mit Heike und Erika geführt habe, erscheint hier in voller Länge als Audiofile, sozusagen als Podcast, denn im Radio gingen davon nur Schnipsel auf Sendung. Ebenso kommt das Interview, das Henrik mit Myrna Loy machte, ungekürzt zu euch. Aus den vielen anderen Begegnungen – Sascha Lange, Andrea Völkner, Marv vom Boneshaker Radio, Euroshima, Mnglxmplr, Owls N Bats – soll noch einiges entstehen. Manches schon konkret verabredet, manches in jenem schönen Zwischenzustand zwischen Idee und Versprechen.

Bis dahin nehme ich noch eine Lutschtablette von ReVoice – Kirschgeschmack, sagt die Verpackung, schmeckt aber wie alles andere. Mein WGT-Blues will schließlich gepflegt werden.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Timper
Timper (@guest_68245)
Vor 1 Stunde

Wenn man WGT, ein Gothic Treffen beschreiben soll dann kommt man nicht an dem Konzert in der Peterskirche vorbei. Eine komplett gefüllte Kirche von schwarz gekleideten Besuchern. Eine Atmosphäre die ich nicht beschreiben kann (können andere sicher besser) und ein tolles melancholisches Konzert von The Beauty of Gemina. Alles andere was ich sah (so gut es auch war) verblasst dagegen. Der Applaus und die Standing Ovation sprachen für sich.
Wenn etwas dauerhaft hängen bleiben wird dann ist es das Erlebnis in der Peterskirche.
Und das schöne ist das es November 2027 ein neues Konzert von The Beauty of Gemina in Berlin geben wird. Zwar noch sehr lange hin aber man kann sich darauf freuen.

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