Gruftiges Italien: Marmorengel und Mausoleen – eine winterliche Friedhofsreise durch Mailand und Genua

Während andere im Winter von Stränden träumen, zieht es manche dorthin, wo steinerne Engel im Nieselregen wachen. Tanzfledermaus‘ gruftiges Italien beginnt an einem verregneten Heiligabend in Mailand und führt über zwei monumentale Friedhöfe bis zum Jahreswechsel in Genua – ein Reisebericht für alle, die Schönheit eher im Morbiden als im Sonnenschein suchen.

Seit ein paar Jahren bin ich im Reisefieber – in Anbetracht dessen, dass ich nicht jünger werde und die Fitness leider mit zunehmendem Alter abnimmt, nutze ich jede Gelegenheit, um noch was von der Welt zu sehen. Vor allem grandiose Natur und historische Städte haben es mir angetan. Inzwischen versuche ich mindestens eine größere Reise im Jahr zu schaffen, was aufgrund meiner Arbeit gar nicht so einfach ist, weil fast mein gesamter Jahresurlaub in den Sommerferien und der Weihnachtszeit liegt. Die paar frei verfügbaren Tage gingen bisher zum Großteil für das WGT drauf. Da blieb dann nicht mehr viel, denn im Sommer bleibe ich meist zu Hause, weil ich es hasse, in der Hauptreisezeit, unter Menschenmassen und bei Hitze unterwegs zu sein. Als ich merkte, dass ich 2025 über die Weihnachtsschließung meiner Arbeitsstätte diesmal länger frei haben würde, sah ich auch hier noch Potential für eine Reise, zumal Weihnachten mangels Familie bei mir ausfällt und Silvester in Berlin unerträglich ist.

Die Frage war: wohin diesmal, so kurzfristig und bei Winterwetter?

Da ich Hitze überhaupt nicht vertrage und ich auch kein Typ für Strandurlaub bin, hatte ich viele klassische Reiseländer, die meist im Süden liegen, gar nicht auf dem Radar. So ging es mir auch mit Italien. Da locken zwar schon Rom und Venedig mit ihrer herrlichen Architektur, aber der Gedanke an die Menschenmassen dort schreckte mich ab. Da kam mir der Gedanke, nochmal ein paar schöne alte Bildbände mit Friedhofsfotos zur Hand zu nehmen, zum Beispiel „Alle Lust will Ewigkeit“ von Isolde Ohlbaum, deren Werke in der Szene seit den 90ern recht bekannt sind. Mir fiel auf, dass sehr viele wunderbare Motive darin aus Mailand oder Genua stammen. Beide Städte sagten mir eigentlich wenig, ich begann zu recherchieren und schnell kam die Lust auf, dort hinzureisen. Schon allein die Monumentalfriedhöfe beider Städte, die ihrem Namen wirklich alle Ehre machen, lösten Begeisterung aus und darüber hinaus entdeckte ich noch weitere spannende Sehenswürdigkeiten.

Ich machte mir einen Schlachtplan, was ich alles erkunden will und mit Hilfe von Google Earth/Streetview suchte ich auch noch in beiden Städten die zentrumsnahen Straßen nach weiteren interessanten Stellen ab. Es fanden sich auch passende Unterkünfte, am liebsten bin auf Reisen in kleinen Ferienwohnungen mit eigener Küche. Ich wollte zunächst ein paar Tage in Mailand verbringen und dann mit dem Zug nach Genua weiterreisen, was zum Glück nicht allzu lange dauert. Eigentlich hatte mich ein guter Freund begleiten wollen, aber aus gesundheitlichen Gründen musste er absagen und so bin ich dann doch allein gereist.

Mailand: Heiligabend im Regen

An einem völlig verregneten Heiligabend landete ich in Mailand und schlug mich per Flughafen-Shuttlebus und Straßenbahn zu meiner Unterkunft durch. Aufgrund des Wetters und weil es vom Flughafen doch fast 2 Stunden gedauert hatte, bis ich in der Wohnung war, unterließ ich es, eine Abendrunde zu machen und irgendwo einzukehren. Zutaten für ein paar simple Mahlzeiten hatte ich für alle Fälle mitgenommen, wegen der Feiertage und Ladenschließungen.

Blick vom Mailänder Dom
Ein Blick vom Mailänder Dom auf die Stadt. An diesem Tag gab es glücklicherweise besseres Wetter. Nach dem Petersdom und der Kathedrale von Sevilla wird er als drittgrößte Kirche der Welt gezählt und beherbergt mit rund 3500 Statuen mehr als jede andere Kathedrale der Welt.

Cimitero Monumentale – fünf Stunden reichen nicht

Am nächsten Tag stand ich schon frühmorgens im noch-Dunkel und Regen mit Herzklopfen und in voller Regenmontur vor dem Eingang zum Mailänder Cimitero Monumentale, dem Monumentalfriedhof, der schon von außen immens beeindruckend wirkte. Ein riesiges, waagerecht gestreiftes Bauwerk mit Ruhmeshalle und seitlichen Arkaden voller Statuen darin, im Dunkeln von zahlreichen Scheinwerfern angestrahlt, ließ erahnen, dass sich dahinter kein 08/15-Friedhof verbirgt, sondern einer für den Geldadel.

Der Friedhof sollte um 8 Uhr öffnen und bereits um 13 Uhr wieder schließen, aufgrund des Feiertags. Die übrigen Tage hatte ich mit anderen Aktivitäten verplant, aber ich rechnete auch damit, dass fünf Stunden locker reichen sollten. Wie sehr ich mich irrte! Der Friedhof ist zwar in seiner Ausdehnung nicht wirklich riesig, aber schon nach den ersten Metern sieht man sich einem wahren Heer an Statuen gegenüber, eine schöner und beeindruckender als die andere, so dass es unmöglich erscheint, alle in Ruhe auf sich wirken zu lassen. Es sind bestimmt an die Tausend, zum Teil sehr lebensecht gestaltet, in verschiedensten Posen, Anordnungen und Szenerien. Trauer, Kummer, Verzweiflung, Nachdenklichkeit, Freude, Hoffnung, Zuneigung, Erotik, Extase – alles findet sich hier. Sogar eine Darstellung des Letzten Abendmahls von da Vinci mit überlebensgroßen Statuen.

Außerdem gibt es eine Fülle an zum Teil riesigen Grabmonumenten und Mausoleen, haushoch und manche sehr üppig verziert. Jugendstil-Elemente sind häufig, aber auch Symbolismus findet sich. Die Mailänder Elite hat keine Kosten gespart, um sich Denkmäler zu setzen und gegenseitig zu übertrumpfen. Auch wenn der Friedhof insgesamt eher gepflegt und aufgeräumt ist, finden sich viele z.T. knorrige alte Bäume, schönes Efeugerank und Moos auf manchen Statuen. Wer mit einer Kamera dort herumstreift, wird regelrecht überwältigt von der Fülle an Motiven und Details.

Ich habe so viele Fotos wie noch nie auf einem Friedhof gemacht, es sind allein mehrere Hundert verschiedene Statuen sowie einige Dutzend Gebäude auf meiner Speicherkarte gelandet. Trotz Fast-Dauerregens und 4 Grad Kälte bin ich volle 5 Stunden umhergestreift und habe auch noch am nächsten Tag 4 weitere Stunden dort verbracht, da allerdings bei blauestem Himmel und Sonnenschein. Dafür habe ich ein paar andere Punkte auf meiner Tages-Liste gestrichen. Der Friedhof war einfach zu schön. Leider habe ich die Arkadengänge und die Ruhmeshalle wegen Sanierungsarbeiten nicht mehr erkunden können.

Mein Fazit: wer nach Mailand reist, sollte sich dieses opulente Freiluft-Museum nicht entgehen lassen und genügend Zeit dafür einplanen! Nicht umsonst taucht der Friedhof mittlerweile sogar in vielen Reiseführern auf.

Viele weitere Bilder vom Cimitero Monumentale gibt es in unserer Friedhofsgalerie.

Zu Fuß durch die Stadt

Die nächsten Tage streifte ich vor allem viel zu Fuß durch Mailand, ich hatte mir bei Google Earth alles eingetragen, was ich mir ansehen wollte (incl. Öffnungszeiten) und dort einige Routen ausgearbeitet. Das hilft mir im Städte-Urlaub, mich nicht zwischen all den Möglichkeiten zu verheddern und das was mir wichtig ist, mit dem, was räumlich und zeitlich dazu passt, zu verbinden. Vor allem prächtige Kirchen und Palazzi sowie einige kleine pittoreske Museen mit Kunstsammlungen hatten es mir angetan. Bei den Kirchen suchte ich mir neben den Öffnungszeiten auch die Messezeiten heraus, um nicht versehentlich störend irgendwo hinein zu platzen und in Ruhe fotografieren zu können.

Mit meinem Notizbüchlein und Wegeplan ausgestattet, stapfte ich durch die Straßen und Gassen und fand natürlich unterwegs auch noch allerhand Interessantes bis Skurriles. Dass ich mich im Vorfeld über Streetview schon dort getummelt hatte, war nicht nachteilig und tat dem Erleben vor Ort keinen Abbruch, es half mir bei der Zurechtfindung und es gab trotzdem noch genug Neues zu entdecken. Ob Wandbilder, interessante Schilder und Schaufenster – Mailand ist ja eine Shopping-Stadt und zur Weihnachtszeit gab es wunderschöne Schaufensterdekorationen.

Die Architektur in Mailand ist sehr unterschiedlich, neben alten und zum Teil auch maroden Gebäuden mit viel Dekor und Charme gibt es auch sehr moderne Bauwerke, sogar zwei Wolkenkratzer, die bepflanzt sind (Bosco Verticale). Besonders interessant wird dieser Mix, wenn man auf das Dach des Doms steigt. Ein leider nicht ganz günstiges Vergnügen, aber man kann von dort aus an klaren Tagen sehr weit schauen, sogar die 220 km entfernten Alpen ganz deutlich sehen!

Der Dom und seine Schwestern

Der Mailänder Dom ist sowieso eine Kirche der Superlative. Nach dem Petersdom und der Kathedrale von Sevilla wird er als drittgrößte Kirche der Welt gezählt und beherbergt mit rund 3500 Statuen mehr als jede andere Kathedrale der Welt. Baubeginn war 1386, aber die eindrucksvolle Fassade aus weißem Marmor wurde erst 1813 fertiggestellt. Bis zur ersten Fensterreihe ist sie barock, erst darüber wurden neugotische Elemente verwendet. 1965 war die Vollendung mit Anbringen der Bronzetüren. Die Dachterrasse ist über 250 Stufen oder einen Lift erreichbar. Es ist spannend, die Dachkonstruktion mal aus direkter Nähe zu betrachten, auch hier gibt es viele kleine Details zu entdecken. Leider war die oberste Ebene, der lange Gang über das ganze Kirchenschiff-Grat, bei meinem Besuch wegen Glätte gesperrt, es hatte in der Nacht leichten Frost gegeben. Viel wärmer als bei uns ist es in Mailand auch nicht im Winter, es liegt ja in Nord-Italien.

Neben dem Dom hat Mailand noch eine ganze Reihe anderer schöner Kirchen zu bieten. Ich habe mehrere davon besichtigt, bei einer wurde für mich sogar eine Ausnahme gemacht, als sie wider Erwarten geschlossen war. Ich hab aber so traurig geschaut, dass die Dame, die im Gebäude nebenan Portier war, den Schlüssel holte und mich einließ, mit den Worten, ich solle mir Zeit lassen und einfach Bescheid geben, wenn ich wieder gehe. Ich durfte die Kirche völlig allein erkunden!

Besonders beeindruckt hat mich allerdings eine Kapelle, die zu der kleinen Kirche San Bernadino gehört. Diese ist im Innern recht üppig mit Gebeinen verziert. Anders als die berühmte Knochenkapelle von Kutna Hora, aber trotzdem sehr schick. Sie wurde 1210 erbaut und 1695 verändert. In manchen Kirchen war es nicht einfach, zu fotografieren, weil sie sehr dunkel waren und wenig bzw. kein zusätzliches Licht eingeschaltet war. Trotzdem waren alle, die ich besucht habe, sehr prächtig und zum Teil sehr unterschiedlich ausgestaltet. In vielen finden sich wie in vielen katholischen Kirchen etliche Reliquien oder gläserne Särge mit Überresten von Heiligen oder hohen Geistlichen. Auch die uralte Basilika Sant’Ambrogio (379–386 erbaut und im 11. Jahrhundert romanisch umgestaltet) hat mich beeindruckt und lohnt einen Besuch. An manchen Stellen der Stadt finden sich noch sehr alte architektonische Zeugnisse, z.B. stehen vor der Kirche San Lorenzo alle Colonne aus dem 4. Jahrhundert korintische Säulen aus dem 2./3. Jahrhundert sowie unweit davon ein mittelalterliches Stadttor.

Castello, Palazzo Reale und kleine, feine Museen

Nicht weit vom Dom befindet sich das Kastell/Castello Sfozesco, eine gewaltige Anlage von 1368, die beinahe abgerissen worden wäre, als sie ihre Schutzwirkung für die Stadt verlor. Dadurch, dass sie in einen Museumskomplex gewandelt wurde, konnte sie erhalten bleiben. Im Innern gibt es viele interessante Räume mit unterschiedlicher Deckenbemalung in den Gewölben (leider war ein von Da Vinci gestalteter Raum wegen Restauration geschlossen) und diversen Exponaten von der Antike bis hin zu Möbeln, Musikinstrumenten und angewandter Kunst. Im großen Innenhof und ringherum findet sich viel Grün und bis auf die Museen kann man die Anlage kostenlos besuchen. Auch beim Palazzo Reale ist der Bereich außerhalb von Ausstellungen kostenlos zugänglich! Hier sind einige schöne barocke Räume zu sehen. Die Ausstellungen habe ich nicht besucht, aber ich war in zwei anderen kleinen, sehr feinen Museen, die weniger bekannt sind.

Das Museo Poldi Pezzoli, ein Musterbeispiel einer Mailänder Adelsresidenz des späten 19. Jahrhunderts, enthält eine Privatsammlung an Kunstgegenständen und Möbeln. Alte Rüstungen und Waffen wurden in einem Extra-Raum sehr dekorativ arrangiert. Besonders angetan hat es mit ein orientalisch anmutender Raum mit goldenen, floral bemalten Wänden und einem großen bunten Glasfenster im Erker.

Das Museo Bagatti Valsecchi hat mir auch sehr gut gefallen. In einer Neorenaissance-Villa finden sich etliche Kunstwerke, Rüstungen und Möbel, die Räume sind wunderschön urig und prunkvoll zugleich gestaltet. Mehr Museen habe ich nicht besucht, obwohl es einige davon gibt in der Stadt. Das Nachtleben hab ich auch ausgelassen, weil ich tagsüber genug Programm hatte und außerdem nicht abends allein ausgehen wollte. Auch shoppen war ich nicht. Schick fand ich trotzdem die Luxus-Einkaufspassage Galleria Vittorio Emanuele II – man sollte sie besser nicht unbedingt an einem verkaufsoffenen Tag zwischen Feiertagen durchlaufen, das könnte Klaustrophobie hervorrufen. An einem Tag, wo die Geschäfte geschlossen waren, ließ sie sich zum Glück recht entspannt durchschlendern und bestaunen.

Galleria Vittorio Emanuele II

Abschied von Mailand

Mir hat in Mailand gefallen, dass es so vielseitig ist, aus so vielen Epochen etwas zu sehen gibt und zwischen alt und marode mit Charme und neu und luxuriös mit Stil eine ganze Bandbreite vorhanden ist. Zuguterletzt ist auch der Hauptbahnhof von Mailand ein sehr eindrucksvolles Gebäude, einer der größten Bahnhöfe in Europa (die Fassade ist 207 m breit und 36 m hoch!), eine Mischung aus spätem Jugendstil und 30er-Jahre-Architektur aus Marmor. Von hier aus ging es für mich mit dem Zug in ca. 2,5 Stunden weiter Richtung Ligurien – nach Genua, wo ich bis zum Jahreswechsel bleiben würde.

Genua: Eine Stadt zwischen Bergen und Meer

Genua liegt langgestreckt zwischen Bergen und Meer, die Stadt zieht sich mangels Platz bis in die Berghänge hoch. Es gibt sehr unterschiedliche Stadtviertel, berühmt ist die mittelalterliche Altstadt rund um den alten Hafen (Porto Antico), ein unübersichtliches Gewirr aus sehr engen Gassen, in die wenig Tageslicht kommt. Hier die Orientierung zu behalten, fällt schwer. Mittendrin gibt es immer wieder kleine Plätze, oft um eine Kirche oder einen Palast, die äußerlich meist eher unauffällig sind, innen aber prächtig und von dem vergangenen Reichtum der Stadt als bedeutende Seemacht zeugen. Genua hat nicht weniger als 163 Paläste, die meisten davon nicht öffentlich zugänglich – aber bei den sogenannten „Rolli Days“, die im Frühjahr und Herbst stattfinden, werden jedes mal ca. 40 davon zur Besichtigung geöffnet. Ich war leider zum falschen Zeitpunkt dort und musste mit den wenigen darüber hinaus geöffneten Palazzi Vorlieb nehmen. Das war aber in Anbetracht der kurzen Zeit, die ich dort war und dem Programm, dass ich trotzdem hatte, in Ordnung, sonst hätte ich mich mehrteilen müssen.

Genua
Genua hat 163 Paläste, leider stehen nicht alle für eine Besichtigung zu Verfügung.

Außerhalb der Altstadt hat Genua Bereiche, die sehr nobel sind, vor allem um die Paläste herum, aber auch in der Nähe des ebenfalls pittoresken Bahnhofs finden sich „neuere“ schöne Altbauten. Und es gibt Villenviertel, aber auch hässliche Nachkriegsbauten und Wohnsilos. Also ganz und gar nicht homogen, aber abwechslungsreich. Ich hab mich nur in den schöneren Teilen der Stadt bewegt, auch hier hatte ich im Vorfeld per Streetview ausgekundschaftet, wo es sich für mich lohnen würde, umher zu streifen und wo nicht.

Staglieno – ein Friedhof, der einen nicht mehr loslässt

Meine Erkundung begann wieder mit einem Friedhof, dem berühmten Monumentalfriedhof Staglieno. Eine in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche und großartige Anlage, die sich kaum an einem Tag bewältigen lässt, weil sie sich bis weit in die Berge hinauf zieht. Ich habe es gerade geschafft, den unteren Hauptteil und ein kleines Stück am Berghang zu sehen, weil ich wieder sehr viel fotografiert habe. Auch dieser Friedhof ist überwältigend in seiner Menge an wunderschönen Statuen und Grabmalen, hinzu kommt ein zum Teil sehr morbides Flair in den weniger gut gepflegten Teilen. Der untere Teil besteht aus mehreren Bogengängen um große grüne Innenhöfe, die allerdings eher unspektakulär sind.

Interessant sind die Arkaden, deren äußerer Ring aus schier endlosen Gängen aus Wandgräbern besteht, die viele hübsche kleine Details zeigen: Laternchen, Reliefs, alte gerahmte Portraits, Kerzenständer, Halterungen für Blumen. Die Wände sind an vielen Stellen schon grün-moosig und der Putz blättert ab. Der mittlere Arkadenring besteht auch aus Wandgräbern, aber diese sind viel prächtiger und besser gepflegt. Der innere Ring mit den zum Innenhof geöffneten Arkaden ist voller kunstvoller Gräber und Statuen, ganze Szenerien werden dargestellt. Die Kunstfertigkeit der Statuen ist beeindruckend, selbst Wimpern, Tränen, Schmuckstücke und Spitzenstoffe sind detailliert aus Stein gemeißelt. Allein dieser Teil des Friedhofs kann einen über mehrere Stunden völlig fesseln, wenn man auf Details achtet und nicht einfach nur vorbei schlendert. Berühmt ist die Statue einer alten Dame, einer Nussverkäuferin, die ihr ganzes Leben eisern gespart hat, um sich ein Grabmal wie die reichen Bürger leisten zu können. Es ist auch eine besonders schöne Statue geworden, das Gewand ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, ebenso die Gesichtszüge.

Ein paar Stufen weiter oben gibt es ein klassizistisches Gebäude, das Pantheon, daneben sind kleine Grünflächen und weitere Arkaden mit Statuen. Dahinter beginnen die Serpentinen den Berg hinauf, wo sich vor allem Mausoleen befinden, aber auch ein paar Statuen dazwischen. Hier gibt es auch sehr viele verfallene Bereiche, die Vegetation wuchert üppig und exotisch. Manche Treppen und Wege sind sehr steil und schmal am Hang entlang und ohne Geländer, es ist ein wenig abenteuerlich. Hier hatte ich leider nicht mehr viel Zeit, ich musste rechtzeitig wieder in der Stadt sein, um an der Touristeninfo meinen Touristenpass abzuholen… Aber ich hab die wichtigsten Bereiche des Friedhofs gesehen und er hat mich absolut gefesselt. Auch viele andere, teils prominente Besucher zeigten sich sehr beeindruckt von dem Areal, unter anderem Mark Twain, der ein berühmtes Zitat hinterließ:

„An diesen Ort werde ich mich erinnern, selbst wenn ich die Paläste vergessen habe.“

Ob ich diesen oder den Mailänder Friedhof schöner finde, kann ich aber ehrlich gesagt nicht beantworten. Beide sind sehr unterschiedlich in der Anlage, aber die Vielfalt und Kunstfertigkeit an Statuen ist gleichwertig. Staglieno in Genua ist der verfallenere, also in dem Sinne gruftigere Friedhof. Und es gibt dort auch zwei Grabmale, die einigen hier sehr bekannt vorkommen dürften ;-)

Wer noch mehr Bilder vom eindrucksvollen Friedhof in Genua sehen will, wird in unserer Friedhofsgalerie fündig.

Hafen bei Nacht und ein turbulentes Aquarium

Abends besuchte ich den alten Hafen und das berühmte Aquarium von Genua, das wirklich sehr schön ist, aber es war mir auch zu viel Trubel und zu viele lärmende Kleinkinder dort. Ich hatte schon extra ein spätes Abendticket gebucht, aber in Italien müssen die „Bambini“ offenbar nicht so zeitig ins Bett wie in Deutschland. So hechtete ich etwas durch das Aquarium und war froh, wieder draußen zu sein. Der alte Hafen hatte im Dunkeln einen ganz eigenen Zauber, auch fand ich die mit weihnachtlichen Lichterketten geschmückten Palmen interessant – mal was anderes als beleuchtete Tannenbäume.

Hinter unscheinbaren Fassaden – die Palazzi

Die nächsten Tage driftete ich vor allem durch die engen Gassen und besuchte etliche meist barocke Kirchen und die zugänglichen Palazzi. Auch das Gebäude der Universität hatte mich sehr gereizt, im Vorfeld hatte ich an das Büro eine E-Mail geschrieben mit der Frage, ob man die Prunkräume besichtigen könne. Es kam eine nette Antwort, ich solle mich einfach melden wenn ich da bin. Tatsächlich nahm sich eine sehr herzliche Mitarbeiterin eine volle Stunde Zeit, um mit mir durch die Anlage zu gehen und mir alles zu zeigen und erklären. Ich war sehr dankbar und beeindruckt und wollte ihr ein großzügiges Trinkgeld geben, aber sie wehrte lachend ab, das wäre doch ihr Job und es hätte Spaß gemacht. Total nett!

Drei Palazzi, die ich besichtigt habe, waren sehr schön und z.T. auch unterschiedlich. Im Palazzo Rosso gibt es ganz oben eine luxuriöse Wohnung, die im Gegensatz zu den Räumen darunter und anderen feudalen Prunkräumen eine ungewöhnlich niedrige Raumhöhe hat. Dadurch wirkt alles sehr gedrungen und wie in die Breite gezerrt, aber auch irgendwie lauschig, das Dekor ist auch anders als man es sonst aus der Zeit kennt. Die anderen Paläste, Palazzo Spinola und Palazzo Reale, haben auch etliche schöne Räume, manche Bereiche dienen inzwischen jedoch als Ausstellungsräume und sind architektonisch langweilig. Im Palazzo Reale fand jedoch gerade eine interessante kleine Ausstellung statt zum Drachentöter, dem Heiligen Sankt Georg (San Giorgio). Der ist als Schutzheiliger in Genua allgegenwärtig, findet sich z.B. in Form von Reliefs an vielen Hauseingängen. Als Drachen-Fan ließ ich mir das natürlich nicht entgehen.

Silvester am Castello d’Albertis

Für den letzten Tag, Silvester, hab ich mir noch zwei weitere interessante Gebäude ausgesucht. Zuerst habe ich die Villa del Principe besichtigt, einen Dogenpalast (Baubeginn 1529) mit vielen Räumen voller Fresken und Malereien, die zum Teil schon sehr marode sind und fast einen Lost-Place-Charme versprühen. Es gibt aber auch restaurierte Bereiche, zum Beispiel ein Atrium mit großflächigen Wandmalereien oder ein Schlafzimmer mit Himmelbett. Der schöne Garten mit Springbrunnen wird leider von der dahinter vorbeiführenden Schnellstraße sehr gestört. Hier soll wohl aber die Straßenführung zukünftig wieder geändert werden.

Besonders gefreut hab ich mich auf das Castello d’Albertis, ein burgähnliches Haus auf einem Berg, das sich ein passionierter Kapitän und Entdecker gebaut hat. Von seinen Reisen brachte er allerhand Kunst und Skurriles mit, was er der Stadt vermachte und nun ein ethnografisches Museum bildet. Hinzu kommen die wunderschön und zum Teil exotisch gestalteten Räume, die einen in Tausendundeinenacht entführen. Von einer Loggia aus gibt es einen schönen Blick auf Stadt und Hafen, hier befindet sich auch eine Statue des jungen Kolumbus, der bekanntlich aus Genua stammt. Rund um das Castello d’Albertis ist ein schöner Garten, ebenfalls mit Ausblick und der Fußweg zur Stadt hinunter soll auch recht lohnend sein. Eine weitere schöne Grünanlage in Genua ist der Park Viletta di Negro, der sich einen anderen Berghang hochzieht. Hier gibt es verschlungene Pfade mit kleinen Brücken und Wasserläufen und einen (künstlichen) Wasserfall mit Grotte dahinter.

Ein leiser Jahreswechsel und der Weg zurück

Den Jahreswechsel hab ich schlicht verschlafen, ich war nach den vielen Eindrücken in all den Tagen müde und es war sehr ruhig in der Altstadt (vermutlich war hier Feuerwerksverbot wegen der Brandgefahr in den engen Gassen). Außerdem wollte ich nicht im Dunkeln allein durch die kriminalitätsbelasteten Gassen laufen, schon tagsüber war mir manchmal etwas mulmig, weil da an einigen Stellen zwielichtige Gestalten herum lungerten und auch viel Polizei unterwegs war. Es wurde auch davor gewarnt, dass es viel Kleinkriminalität dort gibt, vor allem im Dunkeln und wenn man sich nicht auskennt, ist die Altstadt dort nicht „ohne“. Tagsüber hatte ich meine Wertsachen gut gesichert, es gibt ja zum Glück recht praktische Utensilien dafür. Aber abends und allein wäre es mir zu gefährlich gewesen und ich musste auch am Neujahrstag früh aufbrechen, um meinen Zug nach Mailand zu bekommen, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Erstaunlicherweise sah ich auf dem Weg zum Bahnhof nirgends Silvester-Spuren, keine Feuerwerkskörper oder dergleichen. Ungewöhnlich, wenn man aus Deutschland – speziell Berlin – anderes gewohnt ist. Aber auch wenn die Altstadt in Genua etwas schmuddelig ist, auch hier leider Graffity die Wände verunstalten, so hab ich Genua als sauberer empfunden als Berlin (vermutlich ist es keine Kunst, sauberer zu sein als Berlin).

Gruftiges Italien: Fazit

Zurück in Berlin hatte ich eine wahre Masse an Fotos zu sichten, auszumisten und sortieren, so viele Fotos hab ich in noch keinem Urlaub gemacht! Aber es hat sich wirklich sehr gelohnt, diese beiden so unterschiedlichen Orte zu besuchen, sie haben mich beide beeindruckt und eine Menge schöne Erinnerungen beschert, nicht nur in Form von Fotos!

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4 Kommentare
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Eldlilja
Eldlilja(@eldlilja)
Vor 2 Stunden

Liebe Tanzfledermaus, wunderbar finde ich deinen Artikel! Ich hatte beim Lesen und Anschauen der Fotos das Gefühl, dabei gewesen zu sein!
Ich hatte ja das Glück, schon mal privat deine Eindrücke geschildert zu bekommen und viele Fotos zu sehen.
Aber dieser Artikel hat es durch seine Details nochmal greifbarer werden lassen, wie es für dich war in diesen Tagen zwischen den Jahren in Italien zu reisen und diese Städte zu erkunden.
Ich hoffe, ich fahre auch nochmal nach Italien und kann diese Orte einmal selber in Augenschein nehmen! Im Sommer ist es tatsächlich oft einfach zu heiß und zu voll, um wirklich Spaß an einer Stadtbesichtigung zu haben.
Ich denke, ich werde die Fotos noch ein paar mal anschauen, es sind so viele, dass man irgendwann die Details übersieht, die du so wunderbar eingefangen hast!
Vielen Dank für deinen schönen Bericht! Und die wahnsinnige Arbeit, die du in die Auswahl der Fotos gesteckt hast!

Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Vor 30 Minuten

Schön, dass Dir Italien, das Land meiner Vorfahren so gut gefällt. Italien ist voll von morbiden Ecken. Man findet sie überall. Leider ist Venedig inzwischen überlaufen. Als ich zuletzt dort war, vor 40 Jahren, da konnte man sich noch unbeschwert dort aufhalten, ohne umgerempelt zu werden. Außerhalb der Saison ist Italien am besten zu entdecken, im Frühjahr und im Herbst, wenn die Touristen weg sind und es nicht mehr, oder noch nicht zu kalt ist. Außer Venedig, Cincue Terre und Amalfi. Dort ist es immer voll. Kann man heute nicht mehr empfehlen. Rom ist außerhalb der Saison auch noch gerade so gut zu besichtigen. Darauf achten, dass keine religiösen Feste sind, weil dann ist die Stadt voll. Die unterirdischen Friedhöfe und Gebeinkeller von Neapel und Palermo sind auch sehenswert, noch schräger als die von Wien. Leider hat man zu wenig Geld und Zeit all diese schönen Ecken zu erkunden die dort auf einen warten entdeckt zu werden.

Dein Bericht hat meine Reiselaune mal wieder einen Schub gegeben.

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