Rosengarten: Wie sich Licht durch die Risse des DDR-Undergrounds brach

Salzwedel, Altmark, tiefste DDR-Provinz – und ausgerechnet hier entsteht Mitte der 80er Jahre eine Band, die klingt, als hätte sie Bauhaus und Joy Division inhaliert. Rosengarten gehören zu den konsequentesten Dark-Wave-Bands des DDR-Undergrounds, und doch kennt sie im Westen kaum jemand. Ihre Geschichte ist eine von geschmuggelten Platten, selbstkopierten Kassetten, Einstufungskommissionen und Armeedruck – und von Musik, die sich durch die Risse eines Systems brach, das sie am liebsten zum Schweigen gebracht hätte.

35 Jahre nach ihren letzten Aufnahmen stehen Rosengarten wieder auf der Bühne. Eine Vinyl-Box beim Leipziger Major Label, ausverkaufte Reissues auf dem Rundling-Label und im Juni 2025 die ersten Konzerte seit über drei Jahrzehnten – die Rückkehr kam unerwartet, auch für die Band selbst. Am Pfingstmontag 2026 spielen sie auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, gemeinsam mit Sandow und Freunde der italienischen Oper – drei Legenden des DDR-Undergrounds auf einer Bühne.

Ich habe mit Gitarrist, Bassist und Gründungsmitglied Torsten Füchsel über die Anfänge in Salzwedel gesprochen, über den DDR-Alltag als Band, das Verschwinden nach der Wende und die Frage, warum Rosengarten heute relevanter wirkt als je zuvor. Ein Gespräch, das mir die Augen für den DDR-Underground geöffnet hat – und das wird euch vielleicht nicht anders gehen.

Zwischen Grenzgebiet und Westradio: Wie alles begann

Spontis: Salzwedel in der Altmark ist nicht gerade das, was man sich als Epizentrum einer Dark-Wave-Bewegung vorstellt. Wie kommt man Mitte der 80er in der DDR-Provinz dazu, eine Band zu gründen, die nach Bauhaus und Joy Division klingt? Wie seid ihr überhaupt an diese Musik gekommen?

Torsten Füchsel: Die Frage stellt sich aus großstädtischer Sicht vielleicht bis heute. Wenn ich gegenwärtig mal wieder nach einem Besuch der elterlichen Heimat die Rückreise antrete, sage ich zu mir: Gut, dass ich dieser Tristesse und der sehr begrenzten Perspektive entflohen bin.

Die alte Stadt und die Landschaft hatten/haben ihre Reize – aber das menschliche Zusammenleben gestaltete sich für uns als Teenager zunehmend schwierig. Das empfanden wir alles als viel zu eng – und so fühlt es sich heute auch noch an – es ist nur etwas bunter geworden. Damals haben wir den DDR-Alltag doch als sehr grau, im Sinne von gleichförmig und vorherbestimmt, wahrgenommen. Das kann ein Motor für das Streben nach Andersartigkeit sein – einer Flucht nach „innen“ mit der Musik als Fluchtfahrzeug.

Die „Begrenzung“ – die geografische Lage in unmittelbarer Grenznähe hatte aber einen tröstenden Vorteil: Wir hatten hervorragenden Empfang von NDR, AFN, BBC etc. und lauschten gebannt und mit durchlaufendem Tape-Recorder den Radioshows von John Peel, Alan Bangs und Paul Baskerville – und schauten alles, was an Livekonzerten im Fernsehen übertragen wurde, wie zum Beispiel dem Rockpalast.

Außerdem war Salzwedel eine privilegierte Stadt (so kann ich es heute sehen) – die umliegende Altmark war Erdgasfördergebiet und man hatte der mit jungen Familien schnell anwachsenden Kreisstadt relativ viele Kulturstätten angedeihen lassen, die auch wir für uns zu nutzen wussten. Allen voran der Jugendklub „Hanseat“ mit der dort ansässigen „IG Jazz“ (in diesem Umfeld lernten wir Musikenthusiasten kennen, die uns mit Pink Floyd, Zappa, Brian Eno, Velvet Underground oder auch Bowie bekannt machten, gehört auf Platten, die ihren Weg über Plattenhändlerringe aus Polen, Tschechien, Ungarn zu uns gefunden hatten, gekauft mit ganzen Monatsgehältern).

Diese Schätze wurden wie Heiligtümer verehrt und gerne bei Treffen kleinerer Gruppen abgespielt. Hier lernten wir, die Kultur des Albumhörens zu zelebrieren, und jede Platte war für uns wie ein neues Fenster in ein anderes Universum. Einer dieser Plattensammler war Helge Semlow, unser späterer Sänger. Seine Musiksammlung war dann so spektakulär anders, dass wir etliche Nachmittage und Abende bei ihm mit Hörsessions verbrachten – ein großer Inspirationsquell von Bruckner über Scott Walker, Ludwig Hirsch, Kiev Stingl, The Cure, Joy Division, Bauhaus, Wire, Coil, Neubauten, Fehlfarben („Monarchie und Alltag“ war von da an ein fast tägliches Ritual)….

Rosengarten live auf einer dunklen Bühne, circa 1989 – Gitarrist, Sänger mit Brille und Bassist, Publikum von hinten sichtbar
Rosengarten auf der Bühne: Die Band hatte sich zu diesem Zeitpunkt zu einer gereiften Live-Formation entwickelt, deren düsterer Sound weit über Salzwedel hinaus Fans anzog. (c) Torsten Füchsel

In der Phase des politischen Tauwetters Mitte der 80er traute sich auch meine Großmutter, im grenznahen Verkehr Platten mitzubringen. So war ich selbst dann überglücklich über die frühen Depeche-Mode-Scheiben – eine Referenz zu unseren Experimenten mit Stahlrohren, Küchengeräten und der 311er-Wartburg-Motorhaube. ;-)

Das erste Mal Joy Division zu hören war dann aber so ein einschneidendes Erlebnis und machte mir überhaupt erst einmal Mut, sich eine Band vorzustellen, die diesen düsteren, sparsamen, rohen Sound durchzieht, und aus der „Begrenzung“ ein Gefühl macht und in musikalische Strukturen bringt, die für uns „spielbar“ waren. 2-3 Akkorde können einen Song machen.

Ähnlich elementar erwischte uns der Sound von Bauhaus. Alex, unser zweiter Sänger, hatte damals das Live-Album „Press the eject and give me the tape“ (hier findet sich auch der Song „Rosegarden Funeral of Sores“, dem wir dann den Bandnamen entlehnt haben). Und dann die Sensation: Auf dem Jugendradio DT64 startet Lutz Schramm sein „Parocktikum“ und spielt endlich Künstler und Bands, mit denen wir uns identifizieren konnten – und dann sogar noch unsere Musik.

So brach sich hier und da Licht in Form von Musik einen Weg durch die Risse des Systems. Das soll aber nicht täuschen – bis ins herbstliche 89 war nicht wirklich Land in Sicht!

Henryk Gericke schreibt, euer gewünschter Bandname „Rosegarden“ wurde von der örtlichen Einstufungskommission abgelehnt, woraufhin ihr ihn kurzerhand eingedeutscht habt. Dafür gab es dann eine „befristete Grundstufe“ – Henryk nennt das eine „Ehrenspange in Holz“. Wie muss man sich so einen Vorspieltermin vor der Kommission vorstellen? Was für Leute saßen da, und was passierte, wenn man durchfiel?

Das „Durchfall-Szenario“ kann ich gar nicht beschreiben – wir haben es ja bei der ersten Einstufung zum Glück bis zur befristeten Grundstufe gebracht (unterste Stufe, mit der man aber zumindest auftreten konnte). Die Befristung sah vor, dass wir uns alle halbe Jahre wieder vorstellen sollten. Sich mit dem System zu arrangieren und um eine Spielerlaubnis zu spielen hat natürlich auch den Beigeschmack, nicht mehr ganz unabhängig oder konsequent „untergründig“ zu agieren – aber wir wollten schon auf die Bühne! Ohne diese Kompromißbereitschaft spielten einige Punkbands mit hohem Risiko in der Illegalität. Da ging es uns doch mehr um die Musik.

Die Jury bestand zumeist aus Personen, die den Ort der Einstufung vertraten (Jugendklubs, Kulturhäuser), Vertretern des Kulturbetriebs und staatlichen Organisationen, die unter Umständen als „Förderer“ in Betracht kamen. Dann waren da natürlich noch Berufsmusiker, die das Ganze künstlerisch-ästhetisch beurteilen sollten. Denen kann ich gar nicht absprechen, dass sie nicht in der Hoffnung argumentiert hätten, dass wir uns „beim nächsten Mal verbessert“ hätten. Aber wie in den meisten Fällen ging es wohl eher um Mobilitätseinschränkung und Schikane. Die STASI war wahrscheinlich immer dabei.

Wir sollten ein Repertoire wie zu einer Tanzveranstaltung vorbereiten: fast 45 Songs – wir konnten vielleicht 20 spielen, hatten dann aber eine interne Absprache, welche Songs wir dann entsprechend tauschen. Mit der Auflage, 60 % Musik aus DDR-Produktion zu spielen, hatten wir keine Probleme – das war ja ohnehin fast alles unser Zeug.

Die Band hatte ihren eigenen Stil als „Psychedelic Punk“ beschrieben, gleichzeitig werdet ihr heute als eine der konsequentesten Gothic-Bands der DDR eingeordnet. Wie habt ihr euch selbst gesehen?

Mit den Genres ist das ja immer so eine Sache – da möchte ich gar keine Einordnung machen. Wir wollten immer Musik machen, die uns begeistert und die sich aus ganz verschiedenen Quellen speist. Es setzt sich dann in einem vielleicht „psychedelischen“ oder auch „euphorischen“ Moment als Klanggebilde zusammen, unsere Art von „Punk“ ist vielleicht die unmittelbare Gefühlsäußerung – als verzerrtes Spiegelbild einer morbiden Gesellschaft in einer sterbenden Umwelt. Die zunehmende Verfeinerung und die konzeptionellen Ansätze in unseren Konzerten und den Demotapes, aber auch das Erscheinungsbild und Auftreten der Band, bringt dann vielleicht den „Gothic-Show“-Moment.

Tapes, Einstufungen, Parocktikum: Band-Alltag im DDR-Underground

Musik aufnehmen, verbreiten, Konzerte spielen – alles, was für Bands im Westen vielleicht selbstverständlich war, war in der DDR vermutlich ein Hindernislauf. Ihr habt zwischen 1986 und 1989 mehrere Tapes produziert. Wie muss man sich das praktisch vorstellen? Wo habt ihr aufgenommen, wie wurden die Kassetten verbreitet?

Aufgenommen haben wir ganz einfach im Proberaum, einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern im Haus von Thönis Großmutter. Ein paar Mikros wurden im Raum und am Schlagzeug verteilt und dann wurden alle Instrumente über ein kleines Mischpult direkt auf ein Tapedeck aufgenommen. Gesangsmikro und Aufnahmegeräte standen im zweiten Raum. Da saßen dann meistens auch noch einige Freunde der Band. Alle Aufnahmen sind wirklich live gespielt und gemischt, keine Overdubs! Und lange geübt haben wir selten. Es ging eher darum die Songs zu entwickeln und an den Sounds zu schrauben. Das Tape lief meistens gleich mit. Danach wurden die Tapes 1:1 kopiert. Die Cover sind handgezeichnet und fotografisch vervielfältigt worden. Teilweise habe ich die Fotokopien bei der Armee gemacht – ich hatte da Zugang zu einer Dunkelkammer. Danach wurden die Kassetten dann auf Anfrage hin verschickt oder auch noch einmal überspielt auf die Tapes von anderen. Und sie waren neben dem rein privaten Vertrieb natürlich ein Werbemittel für Veranstalter und Radioleute.

Lutz Schramm und seine Sendung „Parocktikum“ auf DT64 werden immer wieder als entscheidender Faktor für die Verbreitung der „anderen Bands“ genannt. Er hat auch euren Song „Bessere Zeiten“ auf den Parocktikum-Sampler auf AMIGA gebracht. Wie war euer Kontakt zu ihm, und was bedeutete es für eine Band aus Salzwedel, plötzlich im Radio zu laufen?

Ein Freund, der uns damals als Manager betreute, hatte das „Blut & Liebe“-Tape zu Lutz Schramm geschickt, den Versuch war es wert. Wir hatten ja bereits ein paar Mal in Berlin gespielt, und so war ihm „Rosengarten“ sicherlich nicht unbekannt. Aber dass es dann so mit dem ersten Airplay funktionierte – und wenig später dann auch noch das Angebot zu einem Livemitschnitt! Unglaublich! Ich hatte gedacht: „Wir sind noch nicht so weit.“ Außerdem waren Fütte und ich zu der Zeit bei der Armee – an regelmäßige Proben war nicht zu denken. Wir hatten überhaupt keine Erfahrung mit Rundfunkaufnahmen und Interviewsituationen oder gar einen Plan, was wir als Nächstes machen werden.

So klingt dann auch das Parocktikum-Gespräch mit Lutz sehr steif und eingeschüchtert. Was kann eine Band in der Zerreißprobe versprechen? Lutz Schramm nahm das alles aber sehr wohlwollend an und half uns sehr mit seinen Sendungen, in unserem Tun einen Sinn zu sehen.

Rosengarten live im Kulturhaus Salzwedel 1987, fotografiert von Lutz Schramm – Sänger und Bassist auf einer kleinen Bühne
Rosengarten bei einem Auftritt im Kulturhaus der Erdgasarbeiter „Wilhelm Pieck“ in Salzwedel, April 1987. An diesem Abend war Parocktikum-Moderator Lutz Schramm vor Ort, um die Band erstmals live zu erleben – ein Besuch, der zum ersten Airplay und später zur legendären Parocktikum-Live-Session führen sollte. Foto: Lutz Schramm. (c) Torsten Füchsel

Die Band hatte zwischen 1985 und 1990 zahlreiche Umbesetzungen. War das der normalen Fluktuation geschuldet oder hatte das auch mit den Umständen in der DDR zu tun?

Schon beim Parocktikum-Gespräch mit Lutz Schramm stand für uns die Frage im Raum, Salzwedel zu verlassen. Es gab eigentlich nur zwei Richtungen – Berlin oder Leipzig –, um sich weiterentwickeln zu können. Oder ja, Weg Nummer drei: in den Westen zu gehen. Das war aber nicht wirklich ein Weg für uns.

Die Kurzform: Fütte und ich leisteten Wehrdienst, zum Glück nur anderthalb Jahre, unsere erste Gitarristin Kirsten hat einen Niederländer geheiratet, um schnell außer Landes zu kommen, und auch die restliche Band stand stets unter Druck. Familiärer Druck hat zunächst Fütte aus der Band gezwungen und Alex entflog dem Druck der Kleinstadt in die Anonymität Berlins. Das Verhältnis der beiden früheren Sänger zueinander (Wir hatten Phasen mit zwei Sängern) war natürlich auch nicht immer ohne Spannung. Mir machte man bei der Armee Druck, mich von den „staatsfeindlichen Subjekten“ dieser Band loszusagen – übrigens als unmittelbare Reaktion auf die Ausstrahlung unseres Konzertmitschnitts bei DT64. Um meinen zukünftigen Studienplatz in Berlin zu halten, habe ich bis zur Entlassung aus der Armee die Füße stillgehalten. Kurz nach der Entlassung standen wir aber wieder im Proberaum. Ende 1988 folgte ich Alex dann nach Berlin.

Wie war das Verhältnis zu den anderen Bands der Szene? Sandow und Freunde der italienischen Oper treten mit euch auf dem WGT auf – gab es damals Berührungspunkte, oder war die DDR dafür zu groß und die Szene zu verstreut?

Ausgerechnet zu diesen beiden Bands bestand zu DDR-Zeiten kein direkter Kontakt. Aber wir wussten voneinander und schätzten uns. Und es freut mich nun umso mehr, in dieser Konstellation auf dem WGT zusammenzuspielen. Dann wird es da hoffentlich so sein wie „früher“: Wir spielten fast immer mit 3–4 anderen Bands zusammen und es gab einen regen Austausch oder eine enge Freundschaft (z. B. mit „Die Art“). Mitunter versuchten wir uns mit Gegeneinladungen in unserem heimischen „Hanseat“ zu revanchieren. Das waren tolle Konzerte – nur manchmal wurden anreisende Besucher oder gar die Musiker von der Transportpolizei aus den Zügen Richtung Grenze gefischt. Da haben wir uns dann gegenseitig die Musiker geborgt. Viel Stress, aber auch großer Spaß!

Allgemein waren die Szenen mit den einschlägigen Live-Klubs sehr zentralisiert und begrenzt auf die großen Städte. Dazu kamen noch Studentencafés und immer wieder Kirchen, wie in Berlin, Leipzig oder Halle. Auch in den Kulturlandschaften Sachsens und Thüringens gab es eine hohe Dichte an Auftrittsmöglichkeiten. Die Blues- und Folkszene der DDR hatte hier schon „Pionierarbeit“ geleistet.

Collage aus Zeitungsausschnitten, handgemalten Plakaten und Konzertankündigungen der Band Rosengarten aus den Jahren 1986 bis 1989
Eine Collage aus Konzertankündigungen, Zeitungsausschnitten und handgemalten Plakaten dokumentiert die Live-Geschichte von Rosengarten: Vom Jugendklub „Hanseat“ in Salzwedel über das Kulturhaus der Erdgasarbeiter bis zum Knaack-Klub in Berlin und der DT64-Rocknacht in Leipzig. Zu sehen sind unter anderem Ankündigungen mit Caspar Brötzmann Massaker und der Berliner Szene-Institution „FO Offground“. (c) Torsten Füchsel

Mauerfall: Befreiung und Orientierungslosigkeit

„Bessere Zeiten“ – der Titel eures bekanntesten Songs klingt im Rückblick fast prophetisch. Henryk Gericke nennt den Text einen Abgesang auf die letzten Jahre der DDR. Was hat der Mauerfall mit Rosengarten gemacht? War das die Befreiung, auf die ihr gewartet habt, oder eher ein Umbruch, der auch etwas zerstört hat?

Der Mauerfall war auf jeden Fall eine Befreiung und eine gewisse Bestätigung unserer Sicht auf die Prozesse eines kollabierenden Staates. Aber das prophetische Moment des Songs sollte weiterhin Bestand haben. „Bessere Zeiten“ entstand nach starken persönlichen Eindrücken des „Eingesperrtseins“ und Gefängniserfahrungen. Der Song ist aber noch heute anwendbar auf ein System, welches – wenngleich subtiler – nicht minder menschenfeindlich agiert.

Die Illusion der Freiheit blieb nur für eine kurze Episode bei uns, denn der Freudentaumel mündete schnell in ein Straucheln in die Orientierungslosigkeit – zu schnell taten sich neue existenzielle Mauern auf… aber wir feierten erst einmal die Zerstreuung und die neuen Möglichkeiten der Existenz.

Musik machen war schon noch wichtig, aber jetzt fehlte uns die Homebase, geografisch und ideell – Helge und Marion kamen auch nach Berlin und der Drang, die Band am Laufen zu halten, verlief sich zusehends. Zumal jetzt die „ersehnt westlich moderne“ Musik, die wir ja quasi auch stellvertretend für eine Szenerie im Osten gespielt haben, nun von den „Originalen“ gehört und erlebt werden konnte. Und der westliche Musikmarkt flutete die ausgehungerte Tiefebene – und in diesem Strudel sind die meisten DDR-Bands untergegangen.

Nach dem Ende in Salzwedel gab es eine kurze Neuformierung 1992/93 in Berlin, dann war Stille. Was ist passiert?

Nachdem sich der ganze Wenderummel etwas gelegt hatte, gab es eine erste Rückbesinnung, auf das, was liegengeblieben war. Obwohl ich zu der Zeit schon in diversen Berliner Bands spielte, gab es Ideen, die ich mir gut unter dem Rosengarten-Banner vorstellen konnte. Helge hatte mittlerweile auch einige neue Themen am Start und so scharten wir eine Art „Best of“-Band der ehemaligen Ostberliner Szene um uns. Das war ein ganz schönes Besetzungskarussell. Es entstanden neue Songs, die die Diversität der neuen Band mit einer extrem breiten musikalischen Range abbildeten. Einer der Höhepunkte dieser Phase war ein Konzert mit „And Also The Trees“. Aber ansonsten gab es einfach zu wenig Konzerte und öffentliches Interesse, kein Label, keine Lobby. Und auch intern gab es keine Strategie und auch nicht den Zusammenhalt, der sich auf einen gemeinsamen Erfolg hätte gründen können, was wichtig ist für eine Existenz als Musiker. Und so verlief dieses Projekt im Sande.

Du bist nach Berlin gegangen und hast in zahlreichen Projekten gespielt – B.Crown, Herbst in Peking, Kampanella is Dead, um nur einige zu nennen. Wenn du zurückblickst: War Rosengarten für dich ein abgeschlossenes Kapitel oder eher eine offene Wunde?

Die einzelnen Phasen der Band sind für mich doch schon – mit Abstand betrachtet – abgeschlossene Kapitel – aber das Buch ist noch nicht zu Ende geschrieben. Rosengarten ist keine Wunde – eher wie ein Rosenstock, der unheimlich farbenfroh aufblühen kann und dann aber auch wieder etwas ungepflegt in Vergessenheit gerät. Gegenwärtig wird ihm aber wieder viel Liebe zuteil. :-)

Die Rückkehr: Vom Vinyl-Reissue zurück auf die Bühne

2021 haben sich einige ehemalige Mitglieder zufällig getroffen und angefangen, alte Songs zu spielen. Wie muss man sich das vorstellen? War das ein spontaner Moment oder hat das schon länger in der Luft gelegen?

Die Jungs, die in Salzwedel und Umgebung geblieben sind, haben in den 90ern noch andere stilverwandte Bands betrieben. Ich glaube, da gab es schon eine Kontinuität, ab und an mal einen Rosengartensong zu spielen. Die Initialzündung zur Rosengarten-Wiederbelebung kam für mich dann wirklich erst durch die Anfrage vom Rundling-Label zur Veröffentlichung der 3 Demotapes auf Vinyl. Mir war nicht klar, dass es da noch eine Nachfrage gibt. Aber es zeigt sich in den letzten Jahren eine Zunahme an Veröffentlichungen rund um die Undergroundszene der DDR, wie auch ein höheres Interesse an der DDR-Geschichte überhaupt. Da geht es viel um Erinnerungsarbeit, Nostalgie sei auch erlaubt, aber natürlich auch um Identitätsfragen.

Die neue Qualität besteht jetzt mehr in einer eigenen Deutungshoheit. Es gibt jetzt die Möglichkeiten, die eigene Geschichte zu erzählen und medial aufzuarbeiten und professionell zu veröffentlichen. Die 4fach-Vinylbox, die im letzten Jahr mithilfe von Dieter Mörchen, dem Verein „Heldenstadt Anders e.V.“ und dem Leipziger Major Label entstand, ist der absolute Hammer – das hätten wir uns nie träumen lassen. Uns war klar: Wenn die Sachen jetzt herauskommen, dann müssen wir uns dazu auch zeigen und bedanken – bei denen, die uns jetzt unterstützen, und bei denen, die uns über die Jahre nicht vergessen haben.

Die Tape-Reissues auf dem Rundling-Label – „Blut & Liebe“ 2023, „Exorcism & Return“ 2024 – waren offenbar unerwartet erfolgreich. Habt ihr damit gerechnet, dass sich 35 Jahre nach der Aufnahme noch Menschen für diese Musik interessieren?

Als Stephan mich anrief und mir wenige Tage nach VÖ sagte, dass die erste Auflage fast durch ist, dachte ich: WOW!

Im Juni 2025 habt ihr dann in Leipzig und Berlin gespielt – die ersten Rosengarten-Konzerte seit über 30 Jahren. Wie fühlt sich das an, diese Songs wieder live zu spielen? Klingt das nach Nostalgie oder nach etwas Neuem?

Es fühlt sich grandios an – und irgendwie fühlt man sich beschenkt, wieder Teil dieser Energie zu sein. Man schlägt weite Brücken zurück in ein anderes Leben und holt es zurück in den gegenwärtigen Moment. Dadurch findet auch eine Neubewertung des Materials statt.

Wie klingt Rosengarten deiner Meinung nach heute im Vergleich zu damals? Die Bandbesetzung ist verändert, ihr seid 30 Jahre älter – hat sich der Sound weiterentwickelt oder geht es darum, den Geist der alten Aufnahmen lebendig zu halten?

Ja, das ist so ein hybrides Unterfangen. Nicht alle alten Songs halten der Neubewertung stand. Wir möchten einen guten Querschnitt aus allen Phasen auf die Bühne bringen, und dabei versuchen wir schon, den alten Sound und Spirit wiederzubeleben. Aber das Equipment ist heute viel besser und wir haben auch schon einen ganz schönen Technikpark – so ist es dann mehr eine Wall of Sound und weniger die schräge Kante – aber wir sind immer noch um Abwechslung bemüht. ;-)

Wave-Gotik-Treffen 2026: Rosengarten und der DDR-Underground auf einer Bühne

Das Wave-Gotik-Treffen ist eines der größten Gothic-Festival der Welt und hat seine Wurzeln in genau dem Leipziger Geist, aus dem auch eure Szene entstanden ist. Was bedeutet es für euch, dort aufzutreten?

Das ist ein absoluter Traum für uns – beim WGT greifen für uns so viele Dinge ineinander, historisch, ästhetisch, kulturell – ohne dass ich mich explizit der Gothic-Szene zugehörig fühlen muss. Was uns als Band musikalisch vereint, ist der Hang zur Melancholie. Leipzig war dafür immer ein spezielles „Zuhause“. Und wir sind in so guter Gesellschaft mit Künstlern, die wir lieben, vergöttern, feiern. Neubauten! Ich hatte neulich das Vergnügen, kurz mit Anja Huwe zu sprechen und ihr zu sagen, was X-mal Deutschland und ihre Musik uns damals bedeuteten. Und ist das nicht toll, sich jetzt ein Festival zu teilen – nach so langer Zeit – da sage ich ganz demütig Danke!

Ihr spielt am Pfingstmontag zusammen mit Sandow und Freunde der italienischen Oper – drei Bands aus dem DDR-Underground auf einer Bühne. Ist das Zufall oder steckt da eine Idee dahinter?

Ja, das ist ein besonderes Set. Das Motto „DDR-Underground“ macht die Idee leicht nachvollziehbar. Schwieriger wird es schon für gegenwärtige Veranstalter, überhaupt Bands aus jener Zeit zu finden, die noch Konzerte geben. Gerade für die Bands der DDR-Underground- oder Independentszene endeten viele Lebenslinien in den späten 90er Jahren, in denen auch viele Clubs starben. Schön, dass das WGT hier wieder die Bühne aufmacht – und wenn sich zeigt, dass diese Bands dem Publikum noch immer etwas sagen können – vielleicht wird ja eine Serie draus – denn auch dieses Buch ist nicht zu Ende geschrieben.

Rosengarten
Rosengarten | Bild: (c) Torsten Füchsel

 

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Mondlichtkobold
Mondlichtkobold(@mondlichtkobold)
Vor 3 Tagen

Ein sehr interessantes Interview.
Ich finde alles rund um die Szene in der DDR unglaublich spannend. Ich selbst bin erst knapp zehn Jahre nach der Wende geboren, aber meine Eltern kommen beide aus der DDR & waren zumindest zeitweise in der Gothic- bzw. Punk-Szene unterwegs. Sie haben mir viel davon erzählt, wie man damals Subkulturen gelebt hat, dass man teilweise wirklich vorsichtig sein musste & wie sie an ihre Kassetten bzw. Musik generell gekommen sind.
Da finde ich es auch mal richtig spannend zu hören, wie die Zeit aus der Künslterperspektive aussah & welche Hürden es da gab.

Maren
Maren(@maren)
Vor 23 Stunden

Vielen Dank für dieses äußerst spannende Interview. Es nötigt mir mal wieder höchsten Respekt vor den Künstlern ab, die bei ihrer Arbeit mit diesen Hürden kämpfen mussten und vor den Menschen, die dennoch in diesem System Subkultur gelebt haben!
In die Musik von Rosengarten habe ich reingehört und war einfach nur geflashed. Die haben Joy Division tatsächlich inhaliert und dennoch etwas eigenes Großartiges daraus gemacht. Gefällt mir von allem, was ich von den Ankündigungen zum diesjährigen WGT gehört habe am besten. Und jetzt kommt die für mich bittere Pille: Am Montagabend muss ich leider schon die Heimreise antreten!

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 22 Stunden

Ich habe den Artikel auch mit großem Interesse gelesen. Als Westberliner Göre war ich natürlich von Kleinauf mit der Ost-West-Teilung vertraut und hab mich auch danach sehr für das interessiert, was in der DDR so vor sich ging. Später kam dann auch das Interesse an Subkulturen dort und den Umgang des Staates mit ihnen. Wie Maren schon schrieb, man kann nur Hochachtung davor haben, dass sich junge Menschen bewusst der Gefahr durch staatliche Instanzen ausgesetzt haben, um trotzdem ihr Ding zu machen.
Als die Oma erwähnt wird, die bei West-Besuchen Platten eingeschmuggelt hat, fiel mir noch ein interessanter Film ein, wo eine DDR-Punkband in der 80er Jahren versucht, über die West-Freundin des Sängers eine Kassette mit Videoaufnahmen in den Westen zu schmuggeln, um dort auf ihre Zustände aufmerksam zu machen. Der Film heißt „Wie Feuer und Flamme“. Da wird auch gezeigt, wie „illegal“ agierende Bands unterwandert wurden, welchen Repressalien sie ausgesetzt wurden.
Sehr schade, Maren, dass du am Montagabend schon so zeitig abreisen musst – aber vielleicht bekommen Rosengarten ja Lust, weitere Konzerte zu geben, so dass du das Live-Erlebnis nachholen kannst?
Sehr erstaunlich finde ich es übrigens, dass man die beiden Alben der Band bei Bandcamp kostenlos downloaden kann, das ist ungewöhnlich und eine total nette Geste.

Letzte Bearbeitung Vor 21 Stunden von Tanzfledermaus

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