Verwitterte Grabsteine

Besuch auf Deutschlands schönstem Friedhof Lauheide

1

Animiert durch den Bericht von “Gruftfrosch”, der seine Eindrücke vom Eliasfriedhof in Dresden schildert, verspürte auch “Irmin” die unstillbare Lust über seinen Besuch auf Deutschlands schönstem Friedhof zu schreiben. Ich habe mich wieder einmal sehr darüber gefreut, dass sich Leser hinsetzen um ihren Eindrücke und Gedanken aufzuschreiben um sie hier zu veröffentlichen. Eine wunderschöne Entschleunigung zur Schnelllebigkeit geschriebener Nachrichten in den sozialen Netzwerken. Lange Rede, kurzer Sinn – Hier der Artikel von “Irmin” über seinen Besuch auf dem Waldfriedhof Lauheide:

Was es nicht alles für Auszeichnungen gibt: Der Waldfriedhof Lauheide wurde zum „Schönsten Friedhof Deutschlands 2014“ gewählt. Und das nicht von irgendwem, nein, sondern vom „Online-Portal bestattungen.de“. Von wem nicht so alles Auszeichnungen vergeben werden. Ich muss zugeben, dass ich vom Friedhof zwar schon gehört, ihm aber nie eine besondere Beachtung geschenkt hatte. Wie jedem Friedhof in Münster, und das, obwohl ich hier schon einige Jahre mein Dasein verbringe.

Wie dem auch sei, ein „Award des Online-Portals bestattungen.de“ (welch’ höhere Weihen könnte es geben?) ist doch zumindest ein Grund, diesen Friedhof einmal zu besuchen. Der Name „Lauheide“ leitet sich aus der ursprünglichen Heidelandschaft her, die dieser Wald einmal war, sowie der Tatsache, dass hier Gerberlohe gesammelt wurde (im Münsteraner Platt „Lau“ genannt). Im 19. Jahrhundert kam dann erstmals die Idee auf, einen naturnahen Waldfriedhof hier, im äußersten Nordosten Münsters, anzulegen. Tatsächlich geschah dies aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Dennoch ist der Friedhof nicht nur jung: Im Norden befinden sich einige Hügelgräber, die schon Jahrtausende überstanden haben.

Wie es der Zufall so will, besuche ich den Friedhof am 1. November, gemeinhin auch als Allerheiligen bekannt. Da dürfte richtig Leben in den Friedhof einkehren, nicht nur, weil er im erzkatholischen Münster liegt. Eigentlich ein Grund, nicht hinzufahren, passen doch viele Menschen selten weniger gut an einen Ort als auf einem Friedhof – zumindest oberirdisch.

Der erste Eindruck ist dann auch ein gemischter, ist es doch auf dem Hauptweg zum Eingang des Friedhofs so voll wie an üblichen Samstagen in Münsters Innenstadt. Allerdings hört man da öfters niederländisch, nicht polnisch, so wie hier. Polen ist gemeinhin ja als recht katholisch bekannt, daher ergibt die Häufigkeit, mit der ich Gespräche auf polnisch höre, aber durchaus Sinn. Außerdem fällt auf, wie wenig nach „traditionellem“ Friedhof dieser schönste Friedhof Deutschlands aussieht: Die Friedhofsmauer ist vorhanden, aber nicht einmal hüfthoch, Grabsteine und Denkmäler sind auch nur in der Entfernung auszumachen und selbst das „Feierhalle“ genannte Gebäude für Trauerfeiern kommt erfreulich konfessionslos daher. Es ist eben genau dieses, und keine Kirche.

Der Friedhof, so werde ich nach meinem Besuch lesen, ist als städtischer Friedhof äußerst vielfältig, was die Art der Bestattungen sowie Beruf und Glauben der Bestatteten angeht. Es ist zwar nicht ganz erlaubt, was gefällt, aber beinahe doch, besonders, wenn es um Bäume geht: es gibt traditionelle Gräber an ausgewählten, auffallenden Bäumen, Asche, die um Bäume herum verstreut wird und dergleichen mehr. Es gibt Tote aller Glaubens- und Nichtglaubensrichtungen und zudem einige Bereiche, in denen Tote des Zweiten Weltkrieg liegen, seien es Gefallene beider Seiten oder Zwangsarbeiter. Sie liegen, wie sie im Leben standen: getrennt voneinander, aber es ist für jeden Platz. Dazu später noch etwas mehr.

Ein einsames Grablicht
Ein einsames Grablicht über den anonymen Urnengräbern.

Gleich am Eingang mahnt ein Denkmal zum Gedenken an die totgeborenen Kinder. Wie so viele Denkmäler und Gräber ist auch dieses an diesem Tag reich mit Grablichtern geschmückt. Mein Weg führt mich über einen Friedhof, der stellenweise kaum wie einer aussieht: Einzelne Bereiche, innerhalb derer Gräber relativ nah beieinander platziert sind, scheinen beinahe willkürlich in einem Wald verteilt worden zu sein. So manches Mal ragt ein Grabstein auch recht allein zwischen den Bäumen hervor oder wird von diesen versteckt. Der Friedhof macht dennoch keineswegs einen verwilderten Eindruck; gerade zu Allerheiligen sind die meisten Gräber schön hergerichtet und frisch geschmückt worden. So schön dem Verfall preisgegebene Gräber sein können, so haben auch diese ganz gegenteiligen Ruhestätten ihren Reiz – sie vermitteln das Gefühl des lebendig gehaltenen Erinnerns und Gedenkens an den Tod. Nur einen Tag vorher hätte das vermutlich noch etwas anders ausgesehen.

Erwähnenswert sind nicht nur die Gräber, sondern auch der Wald selbst, findet sich hier doch eine erstaunliche Vielfalt verschiedener Baumarten – selbst für jemanden wie mich, der es gerade noch fertig bringt, eine Eiche von einer Fichte zu unterscheiden. Passend dazu werden auf dem Friedhofsgelände auch Führungen zu den hier vorhandenen Tier- und Pflanzenarten angeboten.

Auf einer Lichtung abseits des Weges steht ein einsames Grablicht, das dort fast mittig platziert wurde. Laut Karte befinden sich hier die anonymen Urnengräber – der Bereich selbst ist aber nicht näher ausgewiesen. Recht allein steht das Grablicht schon da, aber schön, dass an diesem Tag auch jemand an die hier Begrabenen gedacht hat.

Kriegsgräber
Vater: „Das ist ein Kriegsfriedhof.“ Kind: „Krieg? Können wir uns das mal ansehen?“

Der nächste, von mir besuchte Teil des Friedhofs wurde durch den Zweiten Weltkrieg verursacht – der „Munster Heath War Cemetery“. Fein säuberlich aufreiht liegen dort unter fein gemähtem Rasen Gefallene des Commonwealth aus dem Zweiten Weltkrieg – also vermutlich vor allem Briten, Australier und Kanadier. Genau weiß ich das nicht, denn leider ist dieser Teil des Friedhofs geschlossen. Dass es gerade Menschen dieser Nationen sind, die hier liegen, ist natürlich kein Zufall: Münster war nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter britischer Besatzung. Zahlreiche, bis vor Kurzem noch bewohnte Kasernen und Häuser innerhalb der Stadt zeugen davon.

In einiger Entfernung dazu liegt der „Ehrenfriedhof“, der der anderen Seite des Krieges vorbehalten ist: Deutsche Gefallene liegen hier, in einem Kreis um eine Heidelandschaft angelegt. Viele der Kreuze tragen die Inschrift „Unbekannt“. Gegenüber des Hauptwegs zum Ehrenfriedhof thront ein wuchtiges Kreuz, zudem befindet sich eine große Kiefer inmitten der Heidelandschaft. Was dieser deutliche Kontrast zum Commonwealth-Friedhof mit seinem gepflegten Rasen wohl aussagt? Vermutlich nur etwas über verschiedene Bestattungsrituale und –traditionen. Auf dem Weg zu einem weiteren Gebiet kriegsbedingter Grabstätten höre ich ein Gespräch zwischen einem vielleicht sechsjährigen Mädchen und ihren Eltern mit. Das Kind, mit dem Finger in Richtung des deutschen Kriegsfriedhofs zeigend: „Was ist das denn für ein Teil des Friedhofs? Der sieht schön aus.“ Die Mutter: „Das liegt doch gar nicht auf unserem Weg…“ Das Kind: „Was ist denn da?“ Der Vater: „Das ist ein Kriegsfriedhof.“ Das Kind: „Krieg? Können wir uns das mal ansehen?“ Ohne zu viel in dieses Gespräch hineininterpretieren zu wollen: Erstaunlich, wie interessiert und unbeschwert Kinder an Krieg und Tod herangehen können.

Der dritte von mir besuchte kriegsbedingte Bereich des Friedhofs ist der an diesem Tag am reichhaltigsten Geschmückte: Er gedenkt der polnischen Zwangsarbeiter, Häftlinge der KZs, Kriegsgefangenen und Soldaten, die Opfer Nazideutschlands wurden. Eventuell ist er eine weitere Erklärung dafür, warum auf dem Friedhof so viel polnisch gesprochen wird. Es gibt auch noch einen russischen Teil für gefallene sowjetische Soldaten, den ich mir aber nicht mehr ansehe.

Zu guter Letzt fallen mir noch einige taubenetzte Spinnennetze inmitten des Friedhofs auf, die ich natürlich noch ablichten muss. Ob der Friedhof nun der schönste Deutschlands ist? Ich weiß es nicht, dazu habe ich doch deutlich zu wenige gesehen – zumal sicherlich kein verlassener oder halb vergessener Friedhof die Chance hat, diese Auszeichnung zu erhalten. Schön ist er aber definitiv. Kein Friedhof, dessen Reiz im Verfall begründet wäre, keiner, der auch nur besonders alte Gräber oder eine lange, wechselvolle Geschichte zu bieten hätte (bis auf die Hügelgräber natürlich). Aber ein Friedhof, den man gerade auch wegen des Waldes, in der er liegt, besuchen kann. Falls also jemand aus der Leserschaft eine Reise nach Münster geplant hat und noch eine angenehm gruftige Beschäftigung in dieser sonst so furchtbar ungruftigen Stadt sucht: Der Waldfriedhof Lauheide ist eine Empfehlung.

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

1
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  
smilegrinwinkmrgreenneutraltwistedarrowshockunamusedcooleviloopsrazzrollcryeeklolmadsadexclamationquestionideahmmbegwhewchucklesillyenvyshutmouth
Foto und Bilder Dateien
 
 
 
Audio und Video Dateien
 
 
 
  Abonnieren  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich bei:
Gruftfrosch
Gast
Gruftfrosch
Freut mich sehr, dass ich zu einem weiteren Beitrag anregen konnte. Sehr interessant. Scheint mir sehr weiträumig zu sein. Dieser Friedhof besticht durch seinen Baumbestand. Er mag nicht pompös sein, aber einfach, gediegen und abwechlsungsreich durch seine “Themen”-felder. Danke Irmin für deine Mühe. Wünsche allen Spontis einen Guten Rutsch.