Carla die Schockfriseuse - Teaser

1986: Carla, Die Schock-Friseuse. Dead Child im Priester-Talar

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Es gibt wieder neues von der Front der Jugendzeitschriften. Besser gesagt altes neu entdeckt, denn wie das so in der Jugend mit den Zeitschriften ist, hat man meistens sowieso keine Knete sich welche zu kaufen und wenn weiß man deren Wert, den sie in 20 Jahren vielleicht einmal haben werden, noch gar nicht abzuschätzen. Umzüge, mütterliche Entsorgungswut oder natürlicher Verschleiß sind ebenso Gründe vorzeitigen Verlustes. So auch mit Carla, der Schock-Friseuse, die 1985 Thema war.

“Stellt euch vor, Ihr kommt zum Friseur und seht Euch plötzlich dieser schwarz gekleideten Gestalt gegenüber: Sie nennt sich ‘Ratte’ oder ‘Dead Child’, läuft mit Priester Talar, bleichweißem Gesicht und pechschwarzen, knielangen Haaren herum. Manchmal flicht sie auch ein paar ausgekochte Hühnerknochen in die Mähne oder behängt sich mit Rosenkränzen. Selbst in der verrückten Münchener Waver-Szene ist Carla, so heißt dieses Mädchen richtig, einer der schrillsten Vögel.

Carla-die-Schockfriseuse

Carla wurde übrigens in den nächsten Ausgaben eine Sonderserie gewidmet und eine Foto-Love-Story inszeniert, deren Wahrheitsgehalt ich natürlich nicht überprüfen kann, für eine Kontaktaufnahme über einen der bekannten Wege bin ich aber immer bereit. Im folgenden schleppt man die arme Carla in die Innenstadt und lässt sich von zufällig anwesenden gleichaltrigen unter die Lupe nehmen.

Angeglotzt wird Carla natürlich ziemlich oft. ‘Die Touristen, Japaner oder Amis, die knipsen gleich drauf los. Manche Leute beschimpfen mich, manche sagen: ‘Ist ja geil, wie du aussiehst!’ oder ‘Du hast ja echt Mut’ oder ‘Das gefällt mir‘. Vier junge Leute, die Carla zufällig auf der Straße begegnet sind, haben folgendes gesagt:

Tamara (16): “Ja, schlecht find’ ich das nicht, wie sie aussieht. Die weiße Schminke, die gefällt mir nicht, die ist eklig. Aber die Haare sind gut. Den Knochen, den sie da ins Haar gebunden hat, den find’ ich ja widerlich. Ist das ein Hühnerknochen oder was?

Carla: “Ich kauf’ immer Hähnchen im Wienerwald, echt. Die ess’ ich, die Knochen koche ich aus. Warum findest du das eklig?

Tamara:”Also, irgendwie ist das grauslig. Nee, so was würd’ ich nicht machen. Was soll denn das? Knochen im Haar…

Martin (19): “Also, ich find’ sie ganz gut. Mutig, wie sie rumläuft. Ich möcht’ zwar keine solche Freundin, die fällt ja total auf. Aber so auf Distanz, also doch, ich akzeptiere das schon. Ihre langen Haare, die sind ja affengeil. Lange Haare find’ ich sowieso gut. Wenn sich die Gelegenheit ergeben würde, würde ich sie auch ansprechen, in einem Café oder so. Also nicht anmachen, sondern ansprechen. Ich würd’ sagen, daß ich sie stark finde.

Claudia (19) und Jörg (18): “Das Mädchen sieht ungewöhnlich interessant aus. Nicht bloß so’n Waver, sondern man merkt, daß sie sich Gedanken über ihr Outfit gemacht hat.

Claudia: “Aber ich möchte ihr nicht in einer Gruppe mit mehreren solchen Typen begegnen. Da hätt’ ich Angst, echt. Ich glaub’, die machen andere Leute an. Nicht gerade gewalttätig, aber daß sie einen verkohlen oder dumm anreden, das befürchte ich schon. Daß sie kirchliche Gegenstände trägt – ein Priestergewand oder manchmal Kreuze, wie ihr sagt, das find’ ich ja echt geschmacklos. Was soll denn das?

Carla: “Das sagen viele Quietschies. Das ist mir egal. Laß sie doch.

Claudia: “Aber die Carla hat bestimmt Phantasie, Geschmack. Da sie Friseuse ist – also ich würde mich sofort wieder von ihr frisieren lassen. Wär bestimmt mal ‘ne neue Idee.

Jörg: “Um Gottes willen. So ‘ne Freundin möcht’ ich aber nicht. Wenn du so ankämst, mit so kahlgeschorenen Schläfen – also da liefe nichts mehr. Echt.

Fazit: Ein Spiegelbild dieser Zeit, das kann ich so bestätigen und natürlich auch im Zusammenhang mit einer deutlichen Unreife der Protagonisten. Interessant sind auch die neuen Begrifflichkeiten, die ich in diesem Zusammenhang noch nicht so gehört habe. “Quietschies” kommt vielleicht von Quietschbunt und Hühnerknochen in den Haaren habe ich persönlich auch noch nicht erlebt. Das aber ein Gruftie wie Carla so in der Innenstadt von München betrachtet wird, ist nicht weiter verwunderlich, dass wäre heute mit Sicherheit auch noch so.  Es wird aber wieder einmal deutlich wie sehr man die Szene auf das Outfit herunterreduziert und somit eher als Moderatgeber denn als Jugendmagazin anzusehen ist. Wenn Carla das mal lesen sollte, bitte melde Dich!

(Bild+Textzitate: Bravo, Ausgabe um 1986)
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Atanua
Gast

Ich liebe diese Beiträge, der letzte war auch schon toll. Ich denke eigentlich jede Szene die sich optisch von der Masse abhebt, stürzt man sich aufs Outfit. Ist am einfachsten, und gerade bei dieser Szene wird es ja sonst recht schnell sehr komplex, da eine Ideologie glücklicherweise fehlt.
Hm, aber offensichtlich gehörte man als Gruftie in den 80’er zu den besser gekleideten Menschen. Das hat schon der letzte Beitrag gezeigt ^^ Die Haare, toll!

Hm, verkohlen, interessantes Wort *g*

Karnstein
Autor

Ich brauche unbedingt mehr Pluderhosen :)

Eis.Prinzessin
Gast

Mehr davon! Davon kann man heutzutage ja noch was lernen. Zumindest was das Schminken angeht. Diese Fledermausflügel-Augen sehen klasse aus.
& als die Artikel erschienen sind, war ich noch zu jung bzw noch gar nicht auf der Welt.

Markus
Gast
Markus

Jaaaa, damals war die “Szene” um Längen kreativer als heute. Vor allem machte es in den 80ern Spaß, sich auch als Junge zu schminken – Boy George, Steve Strange, Marc Almond, Adam Ant machten es vor und es provozierte herrlicherweise noch so viel mehr als heute… ;o)

Zum Thema Pluderhosen habe ich was interessantes unter dem Artikel “Wave ist eine Lebenseinstellung” gepostet – einfach mal reinschauen…

Karnstein
Autor

Zum Thema Pluderhosen:

Ich habe mir kürzlich eine in irgendeinem Laden für Teenie-Mädels gekauft. New Yorker, Orsay, irgendwie sowas in der Richtung, weiß ich nicht mehr genau, war in einem größeren Einkaufszentrum mit vielen Läden.

Ist allerdings nicht das schönste Modell… Sieht mir jetzt doch irgendwie zu sehr nach Jogging-Hose aus… Es müsste doch auch welche in schönerem Schnitt geben… so ganz normal mit Knöpfen, Hosenstall und Gürtelschlaufen, und nicht einfach nur so ein billiges Gummizug-Ding…

Postpunk
Gast

Und ich dachte schon, daß ich der einzige Sammler von 80er Jahre Bravos wäre. Die Bravo mit diesem Artikel hatte ich auch kürzlich in der Hand.

Bleibt also nur noch die Frage: Was macht Carla eigentlich heute? … Und schön, daß ihr alle noch in Pluderhosen passt!

Postpunk
Gast

Uff, ich glaube die Indexerstellung wäre mir zu mühsam!

Wir könnten ja mal einen kollektiven Aufruf nach Carla starten! Definitiv über 40. Kurzzeitig dachte ich, die Person in der Kutte wäre Bono Vox a.k.a. Carla, die Schock-Friseuse.

Postpunk
Gast

Musikexpress bin ich auch dabei. Wir sind ja kürzlich umgezogen und die Freude im Helferkreis war in der Tat sehr groß als neben den alten 80er Bravo-Sammlungen auch noch die Smash Hits, Melody Maker, NME aus den 80ern geschleppt werden durften. Vom Gewicht her, hat aber die Spex-Sammlung wohl am meisten auf die Waage gebracht! ;-)

ASRianerin
Gast
ASRianerin

Ahja, die Carla.
Die auch hier interviewt wurde, nehm ich mal an:

ShainaMartel
Gast
ShainaMartel

Zum Thema: Dass die Leute in der Szene heute nicht mehr so individualistisch und kreativ sind wie früher, muss sich doch nicht auf jede Person übertragen lassen können. ;) Ich kenne da auch einige, die dem heutigen “Szene-Standard” nicht entsprechen und ihr eigenes Ding durchziehen. Aber jedem, wie ihm beliebt.

Ach ja, ich vergaß: Es scheint sich wirklich um diese Carla zu handeln. In dem Bericht werden ja noch andere Jugendliche interviewt, vielleicht hilft das ja weiter.

ShainaMartel
Gast
ShainaMartel

Vielleicht lag es auch daran, dass die “Szene” damals noch nicht so vermischt war wie heute? Heute kann man von einer “Gothic-Szene” ja gar nicht mehr sprechen, bei dem, was sich da alles tummelt, wie schon gesagt wurde. Man findet ja keinen einzigen gemeinsamen Nenner mehr, von einem Lebensgefühl ganz zu schweigen.

Man beachte, dass das bei mir alles reine Spekulation ist, ich war damals ja nicht dabei. ;-)

Aber ich fände es auch interessant, darüber einen noch genaueren Bericht zu lesen, sollte “Carla” irgendwie auffindbar/kontaktierbar sein. :)

MadameMel
Gast
MadameMel

Den Bericht aus der Bravo kenne ich auch noch. Habe damal alles um die Waver-Szene verschlungen. Tja, da gab es noch kein Internet. Apropo: ASRianerin hat einen Link zu Youtube eingestellt. Meiner Meinung nach ist das die Carla aus der Bravo, die da interviewt wurde – hat auch den unverkennbaren Münchner Akztent. Ist schon krass, was die Leute ihr damals alles an den Kopf geworfen haben. Ich fand sie immer mutig und wollte auch immer ein wenig “Carla” sein.

Madame Mel
Gast
Madame Mel

@Robert
Da stimme ich dir zu, wahrscheinlich wollte ich mich von den Eltern bzw. von den Erwachsenen etwas abheben und mein eigenes Ding machen. Ich fand Carla zum einen wegen der Optik und zum anderen wegen ihres Mutes, im Alltag mit den Klamotten rumzulaufen, total klasse. Ich hätte mich allerdings nie gewagt, solch ein extremes Styling zu haben. Ich hatte meine Schläfen nur moderat abrasiert, sodass das Deckhaar in der Schule drüber war und man davon eigentlich nichts merkte. Vor dem Discobesuch habe ich mir dann ordentlich Zuckerwasser in die Haare geschmiert, damit sie so wild wie bei Robert Smith aussahen. Das war halt etwas anders als meine braven Streber in der Klasse und ich wolte zu den Langweilern nie gehören. Ich habe halt persönlich – wgen Styling, Musik, Lebenseinstellung – zu den “Goth” hingezogen gefühlt und nicht z.B. zu den Punks (zu verwahrlost) oder Poppern (zu geleckt). Da muss ich echt sagen, dass meine Eltern dahingehend tolerant waren, waren sie selbst in den 60er “Hippies” mit langen Haaren. Mein Vater hat berichtet, dass er wegen diesen lagen Haaren mal in einem Odenwälder Dorf mit Steinen beworfen wurde. Auch böse Parolen hätten sie zu hören bekommen. So hat jede Zeit ihre rebellische Jugend die sich von der vorangegangenen Generation abheben wollen. Mal sehen, was sich dann mein Sohn einfallen lässt;-)

Madame Mel
Gast
Madame Mel

@Robert
*lach* Ich werde dir dann in ein paar Jahren darüber berichten, falls deine – äußerst gelungene – HP noch online ist. Macht Spaß. Danke auch für deine Nettiquette; man spürt, dass du mit tiefer Seele dabei bist.

Ein ablehnendes Verhalten der Eltern kann das Konträre bei den Kindern bewirken, so wie es anscheinend bei dir der Fall war. Förderung ist natürlich gut, ist aber auch durchaus langweiliger, als sich gegen ein “Verbot” oder ein “Andersdenken” zu widersetzen.

kleineraupe
Gast
kleineraupe

Oh mein Goth…hab gerade Carla in echt gefunden…*total fasziniert*

Barbara
Gast
Barbara

Hallo ihr Lieben!
Ich würde gerne wissen, was Carla heute so macht. Ist die noch Gruftie?
LG Barbara

Mone vom Rabenhorst
Autor

Blitzrecherche bei jemandem, der sie kennt, ergab:

Sie wohnt in Berlin-Charlottenburg, hat nen Esoterikladen und ist mehr oder weniger immer noch Grufti, natürlich nicht mehr so krass gestyled, aber sie geht eben noch auf entsprechende Parties.

Das Facebook-Profil ist mal da und mal nicht da. Aktuell mal wieder da.

Barbara
Gast
Barbara

Früher wohnte sie aber doch in München oder? Ich finde ihr Styling echt stark. Ich war ja auch mal Grufti, war eine schöne Zeit. Das ist meine Facebook Seite. https://www.facebook.com/barbara.dilge