Nabel der Welt
Wer sich für den Nabel der Welt hält, verschließt die Augen gegenüber anderen

Caros Gedanken: Wir leben in einer „ICH!“ Gesellschaft!

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Pünktlich zur längsten Nacht hat sich Tanzfledermaus Caro ein paar dunkle Gedanken über die Kälte in unserer Gesellschaft gemacht.  Dreht sich alles in unserem Leben nur noch um uns selbst? Wieviel Egoismus brauchen wir zum Selbsterhalt und auf was können wir verzichten?

Wenn das ICH zum Egozentriker mutiert – Der Winter hat Einzug gehalten, Weihnachten steht vor der Tür, die Menschen rücken (scheinbar) näher zusammen. Oder etwa doch nicht? Okay, rund um Weihnachten ist oftmals alles stressig und hektisch, da kann es zwischenmenschlich schon mal etwas ellenbogenlastiger zugehen.

Doch das Phänomen beobachte ich schon länger, unabhängig von saisonalen Ereignissen. Die Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich bisher darüber gesprochen habe, bestätigten meine Beobachtung, daher gehe ich davon aus, dass mich mein Eindruck nicht trügt. Es macht nachdenklich und traurig, oft auch wütend und hilflos, je nach Ausmaß der persönlichen Betroffenheit. Das Zusammenleben wird immer kälter und aggressiver.

Tugenden scheinen inzwischen „out“ zu sein, statt innerer Werte zählen Coolness, Äußerlichkeiten, Statussymbole und „Likes“. Immer häufiger werden im realen wie auch virtuellen Leben die Ellenbogen ein- und Scheuklappen aufgesetzt. Selbstverwirklichung auf Kosten anderer? Wie kann es sein, dass der Mensch, ein angeblich soziales Wesen mit Gemeinschaftssinn, zunehmend zum selbstverliebten, rücksichtslosen Einzelkämpfer wird? Anscheinend ist es kein Phänomen der Großstadt, wo immer mehr Menschen dicht zusammengedrängt und zugleich anonym nebeneinander leben, auch wenn ich schon den Eindruck habe, dass es dort noch schlimmer ist, weil täglich mehr Menschen physisch aufeinander treffen.

Wie konnte das passieren?

Solange wir in ein dichtes soziales Netz eingebunden sind, lernen wir, dass wir und letztlich alle davon profitieren, wenn Geben und Nehmen sich die Waage halten und jeder mal zugunsten der Gemeinschaft zurücksteckt, sein Ego ein wenig zurück hält. Keine Selbstaufgabe, aber Kompromissbereitschaft. Respekt und Anerkennung erfolgen durch soziales Verhalten, wer da quer schießt und sich egoistisch verhält, wird schnell zum gemiedenen Außenseiter. Doch wer lebt heute noch in sicheren sozialen Strukturen? In unserer heutigen Zeit nehmen zerrüttete Familienverhältnisse, Singlehaushalte und Anonymität in der Masse zu. Die Menschen haben weniger sozialen Rückhalt und verlassen sich zum einen immer mehr (nur) auf sich selbst, zugleich jedoch haben sie auch vor allem sich selbst im Blick. Und sie verlernen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und die Bedürfnisse und Rechte anderer zu wahren. Hinzu kommt, dass wir immer weniger auf eine gesicherte Zukunft bauen können. Arbeitsplätze sind unsicher, Anstellungen häufig befristet, der vertraute Wohnort muss vielleicht zwangsweise verlassen werden – der Konkurrenzdruck und Zukunfstängste wachsen. Da kümmern viele sich zunächst einmal vor allem um sich selbst.

Spruch auf der Mauer
Spaß haben um jeden Preis und auf Kosten anderer?

Gleichzeitig erfährt das Individuum durch die Medien eine ungeahnte Aufwertung. Castings-Shows und vermeintliches Reality-TV gaukeln vor, dass jeder berühmt und erfolgreich werden kann, Youtube-Darsteller und Lifestyle-Blogger werden zu Ikonen erhoben, jeder will sich plötzlich möglichst breitflächig selbst darstellen und Zuspruch von überall erfahren. Was im realen Leben schwierig ist, einen großen Zuschauer-/Zuhörerkreis zu bekommen, erscheint im Internet so viel einfacher. Jedes „Like“ oder „Daumen hoch“ beflügelt, ermuntert, noch mehr zu zeigen. Manche Menschen posten nahezu ihren gesamten Tagesablauf auf Twitter, Facebook oder in eigenen Blogs. Doch interessiert das andere wirklich so sehr? Egal, die Menge an potentiellen Zuschauern macht’s. Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung werden zum Lebensinhalt.

Medien und Werbung gaukeln uns vor, dass es immer um Selbstverwirklichung, maximalen Profit und eigene Zufriedenheit geht. Immer nur das Beste, keine Kompromisse. Das geht soweit, dass wir im realen Leben und sogar bei der Partnersuche (z.B. bei „Tinder“) nur noch nach dem Optimum Ausschau halten, uns nicht mehr mit Durchschnitt bzw. „Fehlerhaftem“ zufrieden geben. Es könnte ja immer noch etwas oder jemand Besseres, Schöneres kommen, man könnte etwas verpassen. In einer Beziehung oder Freundschaft Kompromisse eingehen, sich mal für etwas anstrengen, an sich arbeiten? Wozu, es findet sich bestimmt noch jemand, bei dem man weniger Kompromisse eingehen muss. Schlussmachen per SMS statt persönlicher Aussprache, Freunde einfach versetzen und Kontaktversuche auflaufen lassen? Egal, es gibt doch tausend andere, die einen weiterhin toll finden – und wenn sich keiner finden sollte, dann findet man sich eben selbst noch toll. Es heißt ja nicht umsonst in diversen Ratgebern, man soll sich selbst wichtig nehmen und selbst lieben – was also daran ist falsch? Das Maß der Dinge. Vor lauter Selbstliebe, Selbstverwirklichung und Ichbezogenheit sollte man sein Umfeld nicht aus dem Blick verlieren.

Wie wirkt sich das aus?

Die Folgen lassen sich nahezu täglich im Miteinander erleben. Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Mitdenken werden immer seltener, die Egozentrik und Gedankenlosigkeit nimmt zu, bis hin zu purer Rücksichtlosigkeit. Regeln (des Zusammenlebens, des Verkehrs usw.) werden als Gängelung empfunden und bewusst missachtet. Hinweise auf Fehlverhalten führen nicht etwa zu Entschuldigung und Einsicht, sondern werden als Angriff und Beleidigung empfunden und mit Ignoranz oder Aufbrausen reagiert. Scheinbare Nichtigkeiten führen immer öfter zu Gewalt, oft schrecken nicht einmal drastische Sanktionen ab. Hinzu kommt, dass vieles sich hochschaukelt und zu Kettenreaktionen führt, weil jeder sich provoziert fühlt.

Was kann man dagegen tun?

Wie kann man wieder einen besseren Umgang miteinander bewirken und diejenigen, die sich zu sehr an sich selbst orientieren, dazu bewegen, ihren Horizont zu erweitern und sich selbst nicht mehr als Nabel der Welt zu sehen? Es gibt Leute, die es spießig oder sogar peinlich finden, wenn jemand andere auf ihr soziales Fehlverhalten anspricht. Aber ist es nicht riskant, diejenigen aus Resignation oder Angst zu „schonen“, die Werte mit Füßen treten oder womöglich andere gefährden? Wenn niemand den Mund aufmacht, Misstände anprangert, Grenzen aufzeigt und Rücksicht einfordert, wird es nicht besser, sondern schlimmer werden. Genau wie in der Politik, wo sich auch nur etwas zum Positiven wenden kann, wenn jemand dafür kämpft und den Mund aufmacht – ob durch Demos, Aktionen oder Dialoge. Wie sehr Ihr das?

Ich für meinen Teil bin inzwischen dazu übergegangen, meinen Frust über die Entwicklung nicht mehr nur in mich hinein zu fressen, sondern Grenzen und Verletzungen aufzuzeigen. Ich spreche Misstände an – sofern ich mich dadurch nicht allzu sehr in Gefahr begebe. Je nachdem, welchen Eindruck mein Gegenüber macht, versuche ich es zunächst freundlich – und zur Not auch mal mit Nachdruck bis hin zu deutlich gereizt, um überhaupt ernst genommen zu werden. Ganz oft nämlich mache ich die Erfahrung, dass freundliches Bitten oder Hinweisen an anderen abprallt oder nur mit Gepöbel reagiert wird. Das verstärkt natürlich den Frust und meine Reaktion, ich werde dann leider aus auch schnell wütend. Daran versuche ich zu arbeiten, aber es fällt schwer, ruhig zu bleiben, wenn das Gegenüber einfach unangemessen, aggressiv oder beleidigend reagiert. Manchmal erschreckt es mich wirklich, wie ganz bewusst ignorant und arschlos sich manche verhalten – übrigens auch immer mehr innerhalb der Szene. Ich hoffe immer noch, manche Menschen zur Einsicht und zum Mitdenken bewegen zu können. Hätte ich diese Hoffnung nicht, bliebe nur Resignation und Frust. Und ich versuche, so viel wie möglich Rücksicht zu nehmen, mitzudenken und mich für mein persönliches Umfeld zu engagieren, ohne mich zu verbiegen, aber auch ohne mich ausnutzen zu lassen. Letzteres passiert mir leider immer wieder, weil ich sehr mitfühlend bin.

Manchmal kann es also auch nicht schaden, ein klein wenig mehr an sich zu denken ;-) Wie war das nochmal, ach ja, das Maß der Dinge ist alles.

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Tanzfledermaus
Grufti seit 1989. Umkreist in unregelmäßigen Bahnen das Berliner Szeneleben - inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Tauscht sich gerne über das Gestern und Heute aus. Stromert liebend gern mit ihrer Kamera in und um Berlin herum.

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Mandy
Mandy
Danke für diesen Artikel. Das ist ein interessantes Thema, über das es sicher viel zu diskutieren gibt. Auch ich habe irgendwie das Gefühl, dass die Menschen immer egozentrischer und rücksichtsloser werden. Vielleicht hat man auch einfach nur den Eindruck, dass es so ist. Schließlich bekommen wir Nachrichten, Meldungen und Posts aus der ganzen Welt rund um die Uhr in Echtzeit um die Ohren gehauen. Wenn ich mich allerdings mal in meinem privaten Umfeld umschaue, dann sind die Egoisten doch eher in der Minderheit. Wie kann es sein, dass der Mensch, ein angeblich soziales Wesen mit Gemeinschaftssinn, zunehmend zum selbstverliebten, rücksichtslosen… Mehr lesen »
Wiener Blut
Wiener Blut
Ja, das kann ich alles nachvollziehen. Was habe ich gemacht bzw mache ich (wie egoistisch mein Beitrag)? 1. Habe mir vor Jahren ein Parteiprogramm durchgelesen mit dem Ergebnis eines Mitgliedsausweises und Amtes. 2. Bin ich Mitglied in einem Jugend, Freizeit, Kultur Verein geworden. 3. Habe ich, als ein frühes Mitglied, Facebook auch früh wieder verlassen. Komplett. 4. Habe ich whats app sehr reduziert bzw einige Gruppen ganz verlassen. 5. Diskutiere ich nur noch mit Menschen, wo ich selber merke das man zusammen diskutieren kann. Sonst gibts funkstille. 5. In manchen Bereichen hat sich ein „passt scho“ breit gemacht, weil mich… Mehr lesen »
Verrückte Wölfin
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Durch das Internet bekommt Mensch unmengen Infomationen und das verbreitet Angst,Wut und verwirrt zunehmnend. Ich für meinen Teil reduziere meine Zeit bei Facbook immer mehr,poste Fotos von Konzerten oder Natur in der ich mich rum treibe aber ich like nur noch wenig und kommentiere sehr überlegt. Die Autofahrer mekern über Fahrradfahrer,und umgekehrt dabei benehmen sich beide gleich schlecht,sicher nicht alle.Ich finde es gerade jetzt zur ach so Freidvollen Weihnachtszeit extrem ätzend. Gestern ging ich gut gelaunt und völlig entspannt einkaufen. Eltern verschiedenster Art brüllten ihre Kinder an die verwirrt aussahen. Alles hetzte an mir vorbei während ich lächelnd durch die… Mehr lesen »
Flederflausch
Also wage ich keine Freundesanfrage und wenn ich es doch mal mache kommt nix. Soziales Netzwerk aha…so viel dazu. Das mag meine persönliche Sichtweise sein, aber ich selbst mache in letzter Zeit vermehrt die Erfahrung, dass ich Freundschaftsanfragen bekomme von Menschen, zu denen ich nicht mal eine Ahnung habe woher man sich kennen könnte oder was man gemeinsam hat, ausser das man in der „schwarzen Szene“ ist. Ich finde das irgendwie immer etwas befremdlich und frage mich oft, warum man nicht einfach eine kurze Nachricht schicken kann, wenn der Bezug nich deutlich wird. Ich persönlich finde es seltsam Facebook-Freunde zu… Mehr lesen »
Eldin (der kein Troll ist)
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„Wie kann man wieder einen besseren Umgang miteinander bewirken…“, z.B. wenn man seine Mitmenschen nicht abfällig als „das Gegenüber“ betitelt.

Daniel
Ich will kein Kulturpessimist sein, aber ich denke, dass wir das Ende dieser asozialen Entwicklung leider noch nicht erreicht haben. Der Einzug der „sozialen“ Medien in unseren Alltag verändert das komplette Gesellschaftsgefüge. Darüber hinaus fehlt heutzutage auch das, was man Familie nennt. Ich denke, dass es schon einen Unterschied ausmacht, ob man bspw. als Teil einer Großfamilie auf dem Land lebt oder in der Stadt groß wird, bei denen beide Elternteile ihre Lebensunterhalt verdienen müssen und die „Erziehung“ von Lehrern und anderen staatlichen Instanzen vorgenommen werden muss. Zudem sehe ich auch einen extremen Leistungsdruck auf Seiten der Kinder, die sich… Mehr lesen »
Flederflausch
Darüber hinaus fehlt heutzutage auch das, was man Familie nennt. Ich denke, dass es schon einen Unterschied ausmacht, ob man bspw. als Teil einer Großfamilie auf dem Land lebt oder in der Stadt groß wird, bei denen beide Elternteile ihre Lebensunterhalt verdienen müssen und die „Erziehung“ von Lehrern und anderen staatlichen Instanzen vorgenommen werden muss. Na, ganz so scwarzmalerisch würde ich das aber nicht sehen wollen. Ich denke eher, dass sich Familienformen verändern und ausdifferenzieren. Das hat meiner Meinung nach auch sehr positive Effekte wie beispielsweise homosexuelle Paare mit Kindern oder Patchworkfamilien. Ich kann ehrlich gesagt nicht ganz verstehen, wie… Mehr lesen »
Daniel
Flederflausch Manchmal frage ich mich, ob der Gedanke, dass es nicht ganz recht läuft, wenn die Gesellschaft Teile der Kindererziehung mitübernimmt nicht etwas mit einem sehr engen Begriff von Familie und dem was davon an die Öffentlichkeit dringen darf zu tun hat Familie hat heutzutage tatsächlich einen anderen Stellenwert als noch vor 50, 60 Jahren, das stimmt. Generell ist es auch nicht schlimm, dass Erziehung teilweise von der Öffentlichkeit übernommen wird. Ja, es ist sogar dringend notwendig. Was mich stört ist eher das „wie“. Kindergärtner/innnen oder auch Lehrer/innen werden meiner Meinung nach nicht ausreichend auf ihre Arbeit vorbereitet – mental… Mehr lesen »
Flederflausch
Was mich stört ist eher das „wie“. Kindergärtner/innnen oder auch Lehrer/innen werden meiner Meinung nach nicht ausreichend auf ihre Arbeit vorbereitet – mental meine ich. Besonders Lehrkräfte eignen sich teilweise überhaupt nicht zur Erziehung (als ehemaliger Student der Germanistik bin ich mit einigen angehenden Lehrämtlern in Berührung gekommen und weiß daher, wovon ich schreibe). Richtig gute Lehrer sind selten, weil sie entweder vom Kollegium gemobbt oder im Lehrsystem derart verheizt werden, dass viele schon nach einigen Jahren ausgebrannt sind. In diesem Punkt muss ich dir (leider) Recht geben. Die Ausbildungen in den von dir genannten Bereichen sind oft mangelhaft, die… Mehr lesen »