5 Juli

Mein schaurig schönes Tagebuch #15: Der Ehe-Grufti und ein Hermann im Nebel

Verfasst von Diskussion: 5 Kommentare

Hermann im NebelLiebes Tagebuch. Am letzten Wochenende habe ich den Hermann in Detmold besucht. Im Grunde genommen, das muss ich einräumen, aber eher beiläufig, denn in meiner eigentlichen Mission war ich als engagierter Ehe-Grufti unterwegs und habe meine bessere Hälfte auf das Owls ’n‘ Bats Festival im Teutoburger Wald begleitet. Es waren auch keine Unmengen an Pferden notwendig, um mich dort hinzuziehen, denn ehrlicherweise fand ich die Idee eines Grufti-Festivals mitten im Wald und unweit des Hermanns-Denkmals ziemlich reizvoll und irgendwie aufregend. Einziger Haken: wir waren nicht zum Vergnügen dort, sondern als Teil des zum Festival gehörenden Schattenmarktes, den Orphi mit ihrem selbst entworfenen Schmuck aus dem Hause Eulenforst und einem kleinen Verkaufsstand bereichern wollte.

So kam es dann, dass ich mich als Fahrer, Zelt-Aufbauer, Beleuchter, Aushilfsschmuckverkäufer, Nahrungsbeschaffer und Hunde-Sitter heldenhaft einsetzte und mir so im Nachbericht, den Orphi in ihrem Blog veröffentlich hat, den Titel Ehe-Grufti verdiente. Fast wäre es noch in die Hose gegangen, denn ich habe den Popo nicht hochbekommen und die Autobahn glänzte durch hohes Verkehrsaufkommen. Letztendlich fanden wir uns aber recht pünktlich in einer Wolke auf 386m wieder und konnten mit dem Aufbau des Zeltes beginnen. Nachdem ich einige Minuten ratlos mit unterschiedlich langen Stangen, Verbindern und Eckelementen gekämpft hatte, stand das kleine schwarze Verkaufszelt und sah zwischen zwei übergroßen weißen Zelten aus wie eine Hobbit-Höhle im Teutoburger Wald. Nachdem ich beim Aufbau geholfen und meine Frau mit Essen und Kaffee versorgt hatte, kümmerte ich mich um Caya, unseren Grufti-Großspitz und seine natürlichen Bedürfnisse. Zusammen wollten wir die Gegend erkunden, Hermann besuchen und den Wald durchschnüffeln.

Die Wolke, liebes Tagebuch, hüllte den Berg in ein ziemlich trübes Zwielicht. Der immer wieder einsetzende Regen unterstrich das feuchte Gefühl und die gefühlten Temperaturen waren von einem zu erwartenden 1. Juli Sommertag unglaublich weit entfernt. Ich stiefelte also los und wollte den Hermann besuchen, der hier als kolossales Denkmal auf der Spitze des Berges sein Schwert gen Westen streckte. Im Eingangsbereich zum Weg in Richtung des Denkmals verging aber die Lust. Hermann konnte ich freilich noch nicht ausmachen, der war im Nebel einfach nicht zu sehen, dafür aber Touristen die fleißig die Auslagen der Geschäfte und Läden prüften, die sich entlang des Weges aneinanderreihten. Hermannsfiguren in jeder Größe, Münzprägeautomaten um Cent-Stücke mit dem Hermann zu prägen, unzählige Bücher und Poster über Hermanns Heldentaten. Und natürlich einen Kinderspielplatz mit Bagger, Eisdielen, Pommesbuden, ein Restaurant und ein Kletterpark.

Als ich so vor dem Eingang stehe frage ich mich, warum hier dem Hermann, der eigentlich Arminius hieß, ein Denkmal gesetzt wurde. Der hat 9 nach Christus, also vor über 2000 Jahren die Römer in der Schlacht im Teutoburger Wald geschlagen und die Bemühungen vereitelt, das römische Reich auch auf die andere Rheinseite auszudehnen. Ist das gut oder schlecht? 1875 wurde das Denkmal unter Kaiser Wilhelm eingeweiht und sollte wohl bei der Identitätssuche der Deutschen in den unruhigen Zeiten nach der Revolution und dem Krieg gegen die Franzosen herhalten. Die alten Germanen kamen da wohl genau richtig und Hermann, der immer noch Arminius heißt, und angeblich 1/8 der gesamten römischen Armee geschlagen hatte, kam ihnen da wohl genau richtig.

Ich kehre um und setze meinen Spaziergang in entgegengesetzter Richtung fort. Ein Wald im Nebel, das ist irgendwie schon was besonderes. Nach einigen hundert Metern ist es still geworden, der Lärm des Festivals vermag es nicht den Berg hinabzukriechen und bleibt im dichten Teutoburger Wald einfach hängen. Man hört das Wasser von den Bäumen tropfen, ein leichter Wind wiegt die Spitzen der Tannen die mit einem zufriedenen Schnarren die Streicheleinheiten hörbar genießen. Keine Menschenseele ist hier im Wald, keine Wanderer, keine Mountain-Biker, keine Förster, keine Jäger und kein Verkehrslärm. Eigenartig. Es macht mich fast schon ein bisschen nervös so rein gar nichts zu hören. Der Nebel, der den Blick in die Ferne nach wenigen Meter unmöglich macht, unterstreicht die ziemlich gruftige Stimmung, die sich in meinen Knochen breitmacht.

Caya schnüffelt sich derweil quer durch den Teutoburger Wald. In ihrer Überforderung durch unzählige fremde Gerüche wünscht sie sich vermutlich 1000 Nasen um alles aufzusaugen, was hier kreucht, fleucht und riecht. Wir schlängeln uns um den Berg herum und folgen den Richtungsangaben meines Smartphones, das ich wie die letzte Verbindung in die Zivilisation fest umklammere, überwinden Hindernisse und Höhenmeter und nähern uns von der anderen Seite dem vermissten Hermann. Wo ist er denn nur? Es klingt jetzt fast ein bisschen kitschig, aber als sich das Hermannsdenkmal plötzlich vor mir aus dem Nebel schält, bin ich fast schon ein bisschen ergriffen. Nicht von der Geschichte, sondern vom imposanten Anblick der Statue gepaart mit dieser okkulten Grufti-Nebel-Atmosphäre. Mittlerweile ist 20:00 geworden und keine Menschen-Seele ist mehr am Denkmal zu sehen. Nur der Hermann, Caya und ich. Im Hintergrund wummert die Waldbühne und beschallt die Szene mit grufigen Klängen. Als dann zwei weitere Besucher des Festivals im voll gekalkten Grufti-Ornat den Weg zum Denkmal hinaufschlurfen, wähle ich den Hermann im Nebel des evakuierten Teutoburger Walds als gruftigsten Ort 2017.

Ich kehre zum Festival zurück und betätige mich als Verkaufshelfer, während Orphi ein Gesprächsrunde macht. Das meine introvertierte und menschenscheue Schönheit mal soweit kommen würde… Mir entfleucht ein zufriedenes Glucksen. Ich lausche der Musik von der Waldbühne, beobachte die Menschen und das schöne Gelände. Was Zuzie und Matthias, die Veranstalter des Owls ’n‘ Bats Festivals, hier auf die Beine gestellt haben, ist einzigartig. Nicht nur die tolle Location könnte besser nicht sein, auch der liebevolle und familiäre Support der beiden ist großartig. Die ganze Zeit laufen sie auf dem Gelände herum und lesen jedem Besucher, Händler und Künstler die Wünsche von den Augen ab. Ihr braucht einen Scheinwerfer? Kein Problem! Strom und Verlängerungskabel? Gerne!

Ich lerne eine neue Spezies von Gruftis kennen, die sich hier vermehrt aufhalten. Die WoMo-Gothics. Das sind Gruftis, die mit Wohnmobilen durch das Land reisen und den Vorteil genießen, an so abgeschiedenen Orte wie dem Teutoburger Wald einen Schlafplatz direkt vor dem Festivalgelände aufsuchen zu können. Parkaufkleber in den Windschutzscheiben zeugen von Festival-Erfahrungen und kleine Details in der Dekoration der Wohnmobile schaffen es fast, über die Außenfarbe hinwegzusehen. Denn Wohnmobile sind in der Regel weiß. Die WoMoGs unterscheiden sich äußerlich nicht großartig vom Dekadenz-Grufti, außer vielleicht in der Größe ihrer Frisuren und der Opulenz ihrer Kleider. Sich zu zweit in einem so beschränkten Wohnraum aufzugruften, ist sicher eine größere Herausforderung. Mir werden Geschichten von Deutschlandreisen erzählt, von Orten, die man besucht und bestaunt hat und von Parkplätzen, auf denen man übernachtet hat. Klingt irgendwie spannend, oder?

Als Orphi zurückkehrt, schaue ich mir noch die letzten Stücke von Esben & The Witch an, die sich klanglich in die abendliche Atmosphäre der Waldbühne einfügen und ein atmosphärisches Wochenende abrunden. Eins ist für mich sicher. Wir kommen wieder. Auch wenn wir im nächsten Jahr möglicherweise nicht mehr als Verkäufer tätig sein werden, so hat das Owls ’n‘ Bats Festival zwei weitere Fans zurückgelassen, die es nicht erwarten können, sich wieder im Wald zu verkriechen, Musik zu lauschen und dem Hermann seine Atmosphäre zu klauen.

5 Kommentare

  1. Oh, dass hört sich nach einem Festival an zu dem ich auch mal muss. Gibt es vor Ort die Möglichkeit zu zelten?
    Schön jedenfalls, dass ihr ein tolles Wochenende hattet.

  2. Diese „Wohnmobilsache“ kickt mich gerade ziemlich … so für kleinere Festivals ist das eigentlich ideal. Und ein Wohnmobil kann man sicher kräftig „aufgruften“.

    *gehtnachlinksabundmachtsichgedanken*

  3. Hi,

    es war wirklich toll. War zusammen mit meinem Freund dort, weil ich ihm das Owls ans Bats zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich war das Mädel in der auffällig roten Regenhose ;) Esben and the witch haben wir nicht mehr mitgenommen, da ich ziemlich müde wurde und sie eh nicht so unseren Geschmack trafen.
    Das Festival steht aber auf jeden Fall für nächstes Jahr schon auf unserer To Do Liste.

    Gruß Lille

  4. Ja, Robert, lauschig. Macht mal wieder Ausflugslaune.

    Aber, mit Verlaub, 386 Meter – das ist doch kein Berg! Mit viel Wohlwollen: vielleicht gerade mal ein Hügel (aber auch das ist schon geprahlt…)

  5. Schön einen Bericht vom Ows ’n‘ Bats zu lesen. War selber im Rahmen eines Betriebsausfluges die gleiche Woche am Donnerstag im strömenden Regen am Hermann. Feuchtigkeit im Wald und sommeriche Wärme gibt halt schönen Nebel ;-). Das WE hatte ich dann Bereitschaft, und damit leider keine Chance auf das Festival. Vielleicht klappts dann nächstes Jahr. P.S. Auch wenn (fast alle) OWLer Schüler zu den Externsteinen, zur Adlerwarte und zum Hermann irgendwann mal fahren, sie sollten auch einmal über die Grenze in den Kreis Osnabrück nach Kalkriese reisen wenns um Römer und Germanen geht. Richtig Reenactment ist da aber an Pfingsten… also WGT Zeit… ansonsten is da „nur“ Grabungsgelände der dort vermuteten Varusschlacht und das Museum.

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