Spontis Wochenschau #6/2011

Spontis WochenschauFrohsinn auf Ansage? Alkohol um locker zu werden, damit die Hemmungen fallen, weil es gute Laune macht? Nichts davon ist wirklich wahr. Und dennoch: Karneval ist hier im Rheinland so unausweichlich wie die Weihnachtsansprache der Kanzlerin. 36 Jahre in einer Karnevalshochburg haben mich abgehärtet, es perlt einfach an mir ab wenn sich Scharen von Jecken verkleiden um 6 Tage lang zwanghaft fröhlich zu sein. Es soll sogar vorkommen, das ich partizipiere, dem bunten Treiben zuschaue oder mich auch selbst verkleide, für gute und bunte Freunde macht man das schon mal.

Nein, ich verabscheue Karneval nicht. Leben und leben lassen, das haben mich besagte Lebensjahre am Niederrhein gelehrt, ich akzeptiere das närrische Treiben. Ein Teil davon bin ich aber nicht. Was ich aber nicht akzeptiere ist der übermäßige Konsum von Alkohol um vermeintlich höhere Ziele zu erreichen. Den Alltags ausblenden? Hemmungen abbauen? Fröhlich sein? Gesellig werden? Der Realität entfliehen? Das geht bei euch nur mit Alkohol? Ihr tut mir leid. Und wehe es kotzt mir wieder einer in den Hauseingang. Eure Geduld mit mir soll belohnt werden, hier die Wochenschau in ihrer 6. Ausgabe:

  • 10 Gründe, Gothic zu sein | Der schwarze Planet
    Dieser etwas pragmatische Titel veranlasst zu wilden Klischeevermutungen, die Shan Dark’s Artikel aber auf kunstvolle Art auszuräumen vermag. Anderssein als Lebensgefühl: „Das bin ich von innen heraus, in meinem Geschmack, oft im morbiden Humor, auch im Denken und mit meinen Ansichten. Manchmal sehr, manchmal weniger deutlich im Aussehen. Ich schätze es, sehr individuell sein zu können und trotzdem ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit Gleichgesinnten zu spüren.“ Ganz nebenbei gibt es auch noch ein tolles Foto von der hübschen Rothaarigen und einen Einblick in den wohlsortierten Kleiderschrank.
  • Old English Costumes (1913) | Retronaut
    Ein wahrer Fundus an reizvollen Kostümen und Bekleidung aus einer Zeit in der im britischen Empire Dekadenz und Adel regierte, findet sich beim Retronauten. Ich behaupte freimütig, das diese Sammlung das Schwarzromantische Herz schneller schlagen lässt. Auf der Webseite heißt es zu der Sammlung: „As was the custom of late Victorian and Edwardian genre painters, Talbot Hughes had amassed an extensive collection of historical costumes and accessories as studio props dating from the 16th century through the 1870s. The collection was donated to the Victoria and Albert Museum after it had been exhibited at Harrods department store in 1913. Samples of Hughes’s costume collection remain on public view at the V&A to this day in the British Galleries
  • Top 50 Film Soundtracks | NME
    Soundtracks. Eine unverzichtbares Instrument aus einem guten Film ein Meisterwerk zu machen. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an eine passende Musik zu schreiben, sondern auch die richtigen Lieder in den richtigen Szenen zu benutzen. Inspiriert durch Trent Reznor, der für seinen Soundtrack zu „The Social Network“ einen Oscar erhielt, hat der NME ein Liste der wichtigsten und interessantesten Soundtracks veröffentlicht. Schönes Kino! „Featuring Jimmy Cliff, Steppenwolf, Vampire Weekend, LCD Soundsystem, Ice T, Slayer, Aretha Franklin and Buddy Holly alongside the obligatory Clint Mansell and Vangelis, the countdown numbers a pretty disparate bunch. There’s austere soundscapes from Nick Cave and tracks about big bums from Spinal Tap. There’s Radiohead B-sides, a snippet of Grieg and a lot of mid-nineties stuff. There’s seventies rock, classical pieces twisted out of recognition, and metal / hip-hop hybrids.
  • Martin Black – Fetisch and Gothic Obsession | Black Live
    Schon eine ganze Weile frage ich mich, was leicht bekleidete, in Gummi gehüllte oder in Uniformen dargestellte Damen mit Gothic zu tun haben sollen. Erst jüngst sprach die Muse davon, einen Artikel darüber zu schreiben. Doch immer noch fällt es mir schwer eine Verbindung auszumachen. Ob dieser Fotoband mit dem Text von Bennecke Licht ins glänzende Schwarz bringen kann? „Dieser zweisprachige Bildband präsentiert Gothic und Fetisch auf 176 Seiten als kunstvolle Verwandlung und Ausdruck des alternativen Lebensstils. Die eleganten Kompositionen des bekannten Szene-Fotografen und Autors, Martin Black, wirken selbstverständlich dank der Inhalte absolut bizarr. Eine Mischung aus Cybergothic und Steampunk gepaart mit latex- und lederbekleideten Damen sowie Frauen im Military-Look liefern eine faszinierende Feuershow mit vollem Körpereinsatz.
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Gothics | BPB
    Da staunte man nicht schlecht als die bpb ein Dossier über die Jugendkulturen in Deutschland veröffentlichte. Das es Klischeefrei und nah an der Realität zugehen sollte, verriet mir schon der Name des Autors, Klaus Farin – der Leiter des Archivs der Jugendkulturen. Großartig. Meine Hochachtung. Ein Auszug: „Gothics lieben diese endlosen Gespräche über das Ende und mögliche Wiedergeburten, obwohl sie natürlich wissen, dass sie die gültige Antwort erst dann erhalten werden, wenn es so weit ist, die irdische Hülle abzustreifen. Der Glaube an Reinkarnation ist in der Gothicszene weit verbreitet; vermutlich zunächst, weil es einfach „natürlich“ erscheint: Die sterblichen Überreste des Menschen zerfallen in der Erde, vereinen sich so wieder mit der Natur und bringen neues Leben hervor. Außerdem scheinen Menschen, die sich intensiv mit dem Sinn des Lebens befassen, fast zwangsläufig in die Hoffnung hineinzuwachsen, da gebe es noch mehr als das bekannte kümmerliche Erdendasein, vielleicht, um nicht in Verzweiflung zu verfallen.
  • Selbstzerstörung als Kunstform – Die Geschichte des John Faré | Rosa Chalybeia
    Man nehme: Eine ausgewachsene Schwarzromantikerin, eine gute Portion Zeit, gepaart mit okkulter Neugier. Heraus kommt ein toller Artikel über John Faré, einen Skandalumwitterten Performancekünstler der 60er aus Kanada. Mensch-Maschine, zwischen Industrial, Steampunk und Dadaismus: „Die Kunstform der Performance, die in den 60ern aufkam spielte oft mir menschlichen Perversionen und Abgründen, der Künstler erniedrigte sich oft vor dem Publikum, Selbstverstümmelung war auch ein Thema das immer wieder auftauchte. So war der Künstler von seinem Werk nicht getrennt sondern quasi selbst das erschaffene Werk das vor den Augen des Publikums ausgestellt wurde. Auch die Verbindung Mensch-Maschine war ein oft aufgegriffenes Thema, was hier selten glanzvoll und glattpoliert präsentiert wurde, sondern mit allen negativen Folgen die menschliche Urängste berührten.
  • Voodoo Church – Original LA Gothic | Gothic Tea Society
    Wer Gothic für ein europäisches Phänomen hält, ist schief gewickelt. Denn diesesmal waren es die Amerikaner, die hier kopierten. In einem Artikel zur Band „Voodoo Church“ greift die Gothic Tea Society die Entwicklung zu Beginn der 80er auf, als aus Death Rock der Gothic sprießte. „If you were in Los Angeles in the early 80’s, you likely well remember the emergence of ‚Death Rock‘. The term ‚Gothic‘ was not used as much back then.  Many of us spent hours around Hollywood, Clubbing at Club Lingerie ( The Veil) , Cathay de Grande, The Rainbow, The Troubadour etc, etc till the wee hours of the morning, when the Dennys on Sunset was almost the only place open to eat and sober up.
  • Doku: Blixa Bargeld – Mein Leben | KFMW
    Der Frontmann der Einstürzenden Neubauten hat zur Musikszene der späten 70er und frühen 80er einiges zu sagen. Einige offene Fragezeichen sind verschwunden und einem begeisterten „Aha!“ gewichen. Ein Doku über wahren Industrial, ohne Plüsch und ohne Puschel. Auch großartig:  Blixas, oder besser, Christians Mutter über ihren Sohn – wer hätte gedacht, dass diesem Mann noch etwas unangenehm sein könnte?
    www.youtube.com/watch?v=p7jF0EalXGE
  • Gothics on a Beach?
    Noch bevor das Gerücht aufkommt ich würde Trends aus Amerika begrüssen (siehe oben)  hier gleich die nötige Ernüchterung und der Beweis, das Sonne albern macht ;)
    www.youtube.com/watch?v=xX238BGtSDo

Dein Link ist wieder einmal nicht dabei? Schon wieder enttäuscht weil ich das Thema das Dich beschäftigt übersehen habe? Oder habe ich gar überhaupt keine Ahnung von dem was ein Gothic gerne klicken möchte? Schreibs mir.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Schatten
Schatten (@guest_14245)
Vor 10 Jahre

Paar gute Sachen sind da wieder dabei :D
Insbesondere die Kostüme sind genial :)
Hehe, der Herr Bargeld ist mit einem Video momentan auch in meinem Blog vertreten, wenn auch das bei mir etwas anders ist ;D

Marcus
Marcus (@guest_14254)
Vor 10 Jahre

Thema Alkohol: Zufälligerweise habe ich erst heute die Anzeige einer Diskothek gesehen, in welcher die jeweiligen Partytermine nicht etwa mit den auflegenden DJs bzw. der zu erwartenden musikalischen Richtung beworben wurde, sondern jeweils einzig mit den niedrigen Preisen der alkoholischen Getränke. Ergibt sich daraus nicht eine erschreckende Freizeitgestaltung?

shan_dark
shan_dark (@guest_14293)
Vor 10 Jahre

Danke Dir, dass Du meinen Beitrag aufgenommen hast. Meine „10 Gründe, Gothic zu sein“ sind natürlich sehr subjektiv und persönlich, aber sie haben wirklich viele Reaktionen hervorgerufen, nicht nur auf meinem Blog, sondern auch in Online-Foren etc. Scheint, als hätte das noch niemand mal so zusammengetragen, was einem an der Szene wichtig ist. Natürlich sieht das nicht jeder so, es hängt immer an den Erfahrungen und an den eigenen Gründen, warum man sich in der Szene wohlfühlt. Pauschalisieren wollte ich mit dem Beitrag bestimmt nicht, was aber von einigen trotzdem so verstanden wurde ;o/…aber damit kann ich leben.

Der Einschätzung von der Bundeszentrale für politische Bildung kann ich allerdings auch nur zu vllt. 50% zustimmen. Ich kenne z.B. nur wenige androgyne Wesen, dass das mit der Reinkarnation so stimmt kann ich nicht behaupten (bei mir und in meinem Umfeld nicht!), aber wiederum „JA, wir sind ein melancholisches Völkchen“.

Top50 Soundtracks: möh, ich hab schon öfters festgestellt, dass der NME und ich weiter nicht auseinander liegen könnten… Bladerunner auf der 7 nach „Natural Born Killers“??? Außerdem liebe ich zwar „Twin Peaks“, aber der Soundtrack ist jetzt nicht die Erfüllung. Ich war bisschen schockiert, aber wie immer ist auch das Geschmackssache.

Die Old English Customes waren sehr toll – Danke und auch der Bericht über Bela. Muss ich mir mal daheim & abends in Ruhe reinziehen. Das wird schön!

shan_dark
shan_dark (@guest_14317)
Vor 10 Jahre

Bela…was schreibe ich!! Blixa natürlich, ich Drops. guck ich jetzt mal…

Rosas Beitrag fand ich übrigens auch toll – was Story!!

orphi
orphi (@orphi)
Editor
Vor 10 Jahre

Ich weiß irgendwie nicht, ob ich die Gothics am Beach sympathisch oder dämlich finden soll. Irgendwie ist es ja schon ganz nett, wenn man sich nicht an Klischees hält und in schwarzen Klamotten Spaß am Strand hat. Andererseits sehen die Leute schon ein wenig nach Mainstream-Disko aus oder meine ich das nur?

@shan dark
Jaja, der Bela… seufz … :-) ;-)

@Marcus
Das ist in der Tat abstoßend und hat ja auch nichts mehr mit Freizeitgestaltung zu tun. Das ist dann wohl eher Gemeinschaftsbesäufnis – egal wo, Hauptsache billig. Das Rahmenprogramm spielt dann nach spätestens einer Stunde ohnehin keine Rolle mehr.

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