London 1987 – Ghouls and Gothics

1987 - London Plus GothicsEin Video auf YouTube zeigt die Londoner Gothic Szene zum Ende der 80er Jahre. Obwohl der Sprecher von einer neuen Jugendbewegung spricht, haben die Protagonisten des Werkes ihre Jugend schon länger hinter sich gelassen, aber gut, das können auch Wahrnehmungsfehler sein.

Stilecht beginnt die Reportage dann auch auf einem Friedhof, den ich jetzt mal Pauschal den Magnificent Seven zuordne, einem der 7 großen Friedhöfe des 19. Jahrhunderts die schon immer Treffpunkt für allerlei kuriose Gestalten gewesen ist. Wilfred Ernest Firminger antwortet dann auch auf die Frage, ob er sich als Gothic beschreiben lassen würde (2:22) : „Nein, ich würde mich als Vampire beschreiben.“ Unterstützt wird seine behauptung dann durch zahlreiche Attribute: Angespitzte Fingernägel und ebenfalls spitze Eckzähne zu Kajal umrandeten Augen, die mit grauem Lidschatten nochmals in Szene gesetzt werden. Der Screaming Master  der dunkle Lesung Sean Cronin versucht dann die Beschreibung auf eine mehr sachliche Ebene zu lenken und konstatiert (2:38): „Die Punks der späten 70er waren auf  der Suche nach einer Ausdrucksform mit mehr Style und Finesse, weniger die aggressive Ader mehr eine kreative Ader.“ Völlig richtig zusammengefasst mein lieber Sean.

In einem Laden auf der Camden High Street hockt dann auch tatsächlich Dave Vanian von The Damned in der Ecke (2:56) und präsentiert seine eigene, schwarze Kollektion. „Der Markt für böse Kleidung wächst„, behauptet die Sprecherin. Schade das es das einzige ist was Ende der 80er von den klassischen Grufties noch wächst, ein paar Jahre später wird es sehr ruhig um diese Kultur. Vanian erklärt dann der Reporterin das die vielen Totenköpfe, die die Menschen verwirren nur die Oberfläche sind und eigentlich viel mehr dahinter steckt. (3:29) Eine interessante Tatsache, denn heute ist unter der Oberfläche nicht mehr viel zu finden, schließlich sind Totenköpfe und schwarze Klamotten im Mainstream angelangt.

Die Besucher eines Konzerts von Screaming Master Cronin schätzen dann auch das geheimnisvolle und tiefgründige an der Musik (4:27) das sie offenbar deutlich von normaler Musik unterscheidet. „Das Make-Up ist unsere Markenzeichen, die Haare unser Look“ behauptet dann der junge Mann ein paar Sekunden später. Die Szene selbst ist von ihrem Erfolg als große Eigenständige Kultur überzeugt, die Sprecherin beruft sich auf „die anderen“, die behaupten, die Szene würde einfach wieder so verschwinden, wie sie aufgetaucht ist.

Die Wahrheit liegt wohl dazwischen. Style und Idee wurde weiterentwickelt und rettete sich durch die Zeiten bis in das neue Jahrtausend, die wahre Szene und das was Gothic damals von einer eigentlichen Kultur unterschied und ihm die Tiefe verlieh von der die Menschen in dem Video überzeugt sind, verschwand wieder in den Schatten aus dem es nie herausgetreten ist.

www.youtube.com/watch?v=ZX5H7Pn16OE

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Äwe
Äwe (@guest_5502)
Vor 11 Jahre

Ich finde dieses Thema immer wieder fesselnd… und schwierig. Denn meine Meinungen zu alldem sind zwiespältig. Ich sehe solche ‚Gotcis und Vampire‘ mit speziellen Augen. Es hat sich alles entwickelt.

Der Mensch lebt um sich selbst zu befriedigen. Für manche Menschen kann Aufmerksamkeit reine Befriedigung sein. Oder auch die Provokation.

Ist die künstliche Verwandlung in einen Hollywood-Vampir das Verstecken seines wahren Ichs? Spielt man seinen Lieblingscharakteren um ihm einen reelen Hauch einzuflösen?

Warum es einzelne Personen machen, können nur diese sagen.

Aber ich weiß das ich Hochachtung vor ihnen habe. Den Mut sein Wesen so zu verändern , egal was die Welt dazu sagt.
Ich könnte es nicht. Schon allein wegen meinem Beruf.

Und ich merke das ich wieder aussschweife. Ende

schöne Weihnachten dir morgen.

Atanua
Atanua (@guest_5507)
Vor 11 Jahre

Schönes Video=)

Ich finde auch dass die früheren Grufties in einer eleganteren, kreativeren Weise rebellierten. Im Vergleich zu heute ebenfalls, wo es ja oft nur noch um das Äussere geht. Könnte auch daran liegen, dass es heute nicht mehr allzu viel gibt, wogegen man sich auflehnen könnte, und das was es noch gibt kann nicht nur von dieser Szene vertreten werden. Allerdings wird es wohl ewig ein Streitthema sein, diese Werte der Szene…

Ich finde allerdings man sollte solche Lesungen bei Kerzenschein wieder einführen und mehr Menschen mit Poe bekannt machen, hehe

Wünsch dir ein schönes Weihnachtsfest!

Liebe Grüsse

von Karnstein
von Karnstein (@karnstein)
Vor 11 Jahre

Ah, kenne ich auch ^^
Ich mag den Beitrag irgendwie, auch wenn ich immer herzlich schmunzeln muss über dieses „I consider myself a vampire“ :)

Lesungen, traditionelle Gothic-Künstler wie Poe und Kerzenschein – das ist genau das, was ich versuche so intensiv wie möglich auszuleben, und wofür ich glücklicherweise auch den richtigen Freundeskreis habe.

Ob sowas jetzt allzu verbreitet ist, und ob es einer „Szene“ entspricht ist mir dabei erstmal ziemlich wurscht. Ich empfinde es als gothic und fühle mich sehr wohl damit.

Death Disco
Death Disco (@guest_5572)
Vor 11 Jahre

Allzu ernst kann Sean Cronin seinen Lifestyle auch nicht genommen haben, denn schon Anfang/Mitte der 90er spielten die Marionettes nur noch Crossover (Sean mit kahl rasierter Birne und Ziegenbart). Book of Shadows war übrigens auch keine Meisterleistung. ;-)

Und Leute, die sich für Vampire hielten, wurden damals schon belächelt, es sei denn, sie waren so überzeugend wie Dave Vanian, der diesen Style bereits Ende der 70er lebte (hier zu sehen ab 03:30).

1987 war Gothic übrigens an einem Tiefpunkt angelangt. Bands gab es so gut wie keine mehr, die meisten versuchten so gut wie möglich nicht mit dem Gothic-Umfeld in Verbindung gebracht zu werden. Als Gothic-Band hatte man nämlich Null Chanchen auf dem Markt, es sei denn, man hieß Andrew Eldritch. Für die britische Presse war Gothic praktisch nicht existent. Der wurde ganz gezielt ignoriert.

Nik Fiend von Alien Sex Fiend meinte übrigens mal, dass eine Szene alle zehn Jahre wiederkommt. Wenn man das auf Gothic bezieht, scheint er damit sogar recht zu haben. Der Startpunkt liegt in den frühen 80ern, ein neuer Aufschwung kam in den frühen 90ern und das Batcave-Revival startete genau zehn Jahre später. Die zweite Hälfte eines Jahrzehnts scheint hingegen immer von Niedergang geprägt zu sein.

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