24 Oktober

Szene selbstgemacht – Rückblick auf das Young&Cold Festival III

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Young & Cold PlakatEin naßkalter Tag im März – ich furchtbar aufgeregt. Die Tickets für das Young&Cold Festival sind im Vorverkauf erhältlich. Die letzten beiden Male hatte ich es nicht bis nach Augsburg geschafft und vor allem im Bezug auf das letzte Jahr bedauere ich diesen Umstand sehr, hätten mich doch einige Bands und die Atmosphäre eines solchen Do-it-yourself Projektes mit nur einer Handvoll Besucher brennend interessiert. So tippte ich bald euphorisch in die Tasten um mir mein Ticket zu bestellen – schon da war mir klar, dass das was anderes ist, als das was man sonst so an Festivals erlebt. Von wegen Ticketshop, man tippe eine freundliche Nachricht an die Veranstalter, formuliert seine Bestellwünsche, erhält die Daten und hat kurz darauf sein Ticket mit einem netten Beibrief im Briefkasten – und ich meines dann am Kühlschrank, wo es neben anderen Tickets und Karten so gut aufgehoben war, dass ich es beinahe dort vergessen hätte.

Mit Ticket fand ich mich also am Donnerstagmorgen auf dem Weg nach Augsburg und nach einigen langen und müden Stunden im Zug bei Mark und Stephi, welche mir Asyl für die Tage gewährten, wieder. Den verbleibenden Nachmittag und Abend nutzen wir um bei schönstem Wetter durch Augsburg zu flanieren und für meine (ostdeutschen) Verhältnisse ziemlich teure, aber unglaublich leckere Cocktails zu trinken um uns dann um zehn einzugestehen, dass wir nicht mehr die jüngsten sind und uns auf gegen Bett machten.

Die Fuggerei ist die älteste Sozialsiedlung der Welt (gestiftet von Jakob Fugger 1521) und bietet auch heute noch bedürftigen katholischen Augsburgern einen Wohnplatz

Die Fuggerei ist die älteste Sozialsiedlung der Welt (gestiftet von Jakob Fugger 1521) und bietet auch heute noch bedürftigen katholischen Augsburgern einen Wohnplatz

Nach einem Besuch in der Fuggerei am Freitagmorgen, welche zum Regenbogen kotzen idylllisch ist und einem kurzen Ausflug ins Umland begann ich am frühen Abend damit mich aufzuschwärzen. Aber nicht bevor wir nicht bei Vintys, dem Second Hand-Laden in Augsburg vorbeigeschaut hatten um zwischen zeltartigen Damenwintermänteln und quietschhippiebunten Wallagewändern ein wunderbares Oberteil für mich zu ergattern. Was deutlich mehr Spaß machte als sich auf dem WGT durch die Konsummeile mit immer ähnliche Teile in teilweise mangelhafter Qualität und atemberaubenden Preise zu kramen. Outfitkombination aus Einzelteilen empfinde ich so wie so als viel schöner und authentischer mit mehr Raum zur Eigengestaltung und in Verbindung mit Second Hand bekommt es den wunderbaren Beigeschmack vom blinden konsumieren abzurücken, dass so oft in der Szene beschrien wird, dem man sich aber trotzdem nicht gänzlich entziehen kann.

Um ein neues Kleidungsstück ergänzt scheiterte das Styling allerdings diesmal nicht am Schminkpinsel, wie am WGT, sondern gleich am ganzen Eyeliner was mich zeitweise zur mittelschweren Verzweiflung brachte und das Styling deutlich in die Länge zog. Zwar habe ich die Zeit bei meinen Freunden sehr genossen und diese waren nicht müde mir Stylingtips zu geben und zwanzig Mal zu schauen, ob mein Make-Up symmetrisch war, dennoch vermisste ich in diesem Moment so ein bisschen das Gefühl vom WGT, wenn man zusammen auf dem Zeltplatz hängt und sich alle langsam in die Klamotten und das Make-Up auf’s Gesicht packen. Nichtsdestotrotz verbrachten wir einen so schönen Abend damit mich zu stylen und anschliessend mit der neuen Kamera der beiden Fotos zu machen, so dass ich viel später als geplant los kam – Jaja, hallo Eitelkeiten und schon ist man gefangen in der Selbstdarstellung. Nach Anleitung der beiden drehte und stellte ich mich hin und her, schaute hier hin und dort hin und versuchte nicht in einen Lachanfall auszubrechen („Kuck doch mal ernst“ *losprust*), da ich mich vor der Linse immer etwas unbeholfen fühlen und mich gleichzeitig freute, dann endlich mal einigermaßen annehmbare Bilder von mir zu haben…

Die Veranstalter des Young and Colds betreiben auch ein Studio

Die Veranstalter des Young and Colds betreiben auch ein Studio

Im Dunkel kam ich an der Ballonfabrik an und fand mich im Eingangsbereich zwischen dem veganen Stand für das leibliche Wohl und den verschiedensten Sitzgelegenheiten um den metallenen Offen wieder, wo sich schon einige illustre schwarze Gestalten tummelten. Der Weg durch die zwei schweren Metalltüren und den vielfältig beklebten Flur, sowie die beiden aufeinander gestellten Fernseher mit Ameisenkrieselgeflimmer am Einlass verbreiteten gleich schon einige irgendwie alternative und etwas undergroundige Atmosphäre – vervollkommnen hätte der erste Eindruck nur noch mit einem Stofffestivalbändchen und ein Bar, die mit Rum ausgestattet gewesen wäre…Nichtsdestotrotz spürte man schon hier die besondere Atmosphäre und den Geist des Do-it-yourself, der doch vermeintlich so wichtig ist.

Mit dem ersten Getränk in der Hand lauschte ich „Der lustige Konsument“, allerdings war ich so damit beschäftigt erst einmal anzukommen und mich wohl zu fühlen, dass mir davon nicht wirklich was in Erinnerung geblieben ist. So beobachtete ich, drinnen wie draussen, die anderen Besucher, lauschte hier und da dem ein oder anderem Gespräch und liess die ganze Sache erst mal auf mich wirken. Nach der ersten Band trafen dann auch Bekannte von mir ein und ich lernte bekannte und unbekannte Gesichter bei einem kurzen Gespräch besser und neu kennen und war schon sehr zufrieden mit dem Verlauf des Abends.

Gemütliches Beisammensein vor der Ballonfabrik

Gemütliches Beisammensein vor der Ballonfabrik

Der Saal war noch nicht rappelvoll, aber schon gut warm, als Lola Kumtus die Bühne betraten. Zwar hatte ich mir vorher die Bands nochmals kurz angehört und war mir gewahr zu welchem Event ich aufgebrochen war, trotzdem wusste ich nicht so ganz was mich erwartet und so war ich doch sehr gespannt. Lola Kumtus ordnen sich selbst irgendwo zwischen Electronic Minimal und Minimal Synth ein und ich war angenehm überrascht. In Wallung versetze mich die Musik allerdings nicht. Der Synthesizerklang und die Stimme des Sängers fügen sich zwar in einen angenehmen Klangteppich zusammen, auf Dauer war mir das allerdings eben das, was ihre Bezeichnung verspricht: zu minimal und monoton und so nutze ich die Gelegenheit frische Luft zu schnappen (die war in der Location leider ein ziemliches Problem, zumindest mir war es leider für lange Aufenthalte vor der Bühne bzw. auf der Tanzfläche schlicht zu warm und zu stickig.). Rauchen sozialisiert ja allgemein, auf „schwarzen“ Veranstaltungen finde ich das gleich noch mal etwas unkomplizierter und hier war ich nochmals überrascht wie leicht es ist mit Leute ins Gespräch zu kommen und wie offenherzig man einfach aufgenommen und integriert wird, auch wenn man sich vorher nicht (wirklich) kennt und sich vermutlich nur auf eben solchen Veranstaltungen wieder begegnen wird. Aber es entsteht eine angenehme familiäre Atmosphäre und viel Raum für Gespräche aller Art. Das ist im Grunde das, was ich an der „Szene“ so schätze, das Beisammensein, das quatschen, das heimelige Gefühle.

Keluar bei ihrem Auftritt

Keluar bei ihrem Auftritt

Nach der Spielpause dann mein Highlight: Keluar. Im Alltag höre ich die Band selten, aber wenn mit Hingabe. Schon das Vorgängerprojekt von Zoé Zanias –  Linnea Aspera hatte mich vollauf begeistert und die beiden hielten was ihre Musik verspricht: Nachdenklich musikalischer Hochgenuss zwischen steriler Kälte, Dunkelheit und weichschmelzender Samtigkeit. Schön.

Den Rest des Abends verbrachte ich mit tanzen, quatschen, trinken. So wie es sein soll eben und so war ich am frühen Morgen sehr froh mir mit Franzi, Stiffi und einem weiteren Mitfahrer ein Taxi in Stadt teilen und im Dämmerlicht, nachdem ich mich erst mal noch auf dem Reststück des Weges verlaufen hatte, auf’s Sofa sinken zu können.

Nach wenigen Stunden war ich bereits wieder in einem Zustand, den man eigentlich nicht als wach bezeichnen darf und versuchte bei selbstgemachten American Pancakes zunächst wieder wach zu werden und hatte bei der Suche nach einem funktionstüchtigem Eyeliner nochmals die Möglichkeit etwas von der Stadt zu sehen und so zu tun als gehörte ich zu den Menschen die neben Feiern auch noch was mit Kultur am Hut haben. Da ich um vier schon wieder mit Daniel, Manuel und Marcel zum Interview für Spontis verabredet war fiel dieser Rundgang leider sehr kurz aus. In der Ballonfabrik waren die Vorbereitungen schon wieder im vollen Gange und wir machten es uns in einem Rückzugsraum zwischen allem möglichem Krims und Krams auf den Sofa gemütlich. Zum Glück hielt mich die Aufregung wach, denn sonst wäre ich vermutlich gleich wieder weggedämmert und hätte nicht die Gelegenheit gehabt die letzten warmen Sonnenstrahlen bei netten Gespräch unteranderem mit Sabrina und Robert so wie der veganen Verköstigung zu verbringen.

Eröffnet wurde der Samstagabend von Avon Rim, einer Minimal Synth Band aus München. Deren Musik sehr leicht und fast etwas zu happy klingt, was mir zwischendurch leider etwas zu anstrengend wurde. Der Eindruck ist sicher auch von meiner Müdigkeit mit geformt, denn in diesem Zustand bin ich nur schwer begeisterungsfähig, was ich sehr bedauere, denn so haben mich die Darbietungen der Bands nicht so erreicht, wie sie es andernfalls vielleicht gekonnt hätte. Nichtsdestotrotz war das Konzert eine Erfahrung wert. Doch auch die nächste Band Illustration Sonore kam leider nicht so ganz bei mir an. Die Musiker aus Frankreich bzw. Italien empfinde ich zu Hause mit ihrem Synth Wave / No Future Pop als recht angenehm und höre ganz gerne mal rein, nur beim Konzert machte sich bei mir die Stimmung, die Fülle des Klangs und die dunkle Bewegung, die der Musik inne wohnt, leider nicht so breit, wie ich es gehofft hatte.

Charles Lindbergh n.e.V. (c) Roland Steimann

Charles Lindbergh n.e.V.
(c) Roland Steimann

Nach der regelmäßigen Umbau- und Durchatempause waren Charles Lindbergh n.e.V., welche in sich 1983 gründeten und sich nach der Trennung ein Jahr später 2006 wiedervereinten, an der Reihe und mich erreichte die Stimmung dann doch noch etwas. Der Auftritt an sich war in seiner eigenen Form sehr beschwingt und transportierte ein Gefühl der 80er, oder zumindest das, was ich mir darunter vorstelle ins Publikum, was bei durchaus guter Laune war. Draussen mischte sich die Wärme des Ofens in die kühle Nachtluft und in die Gespräche dran immer wieder die Musik aus dem Veranstaltungsraum und schuffen eine wohlige Atmosphäre.

Besonders auf die nächste Band Solitude fx war ich gespannt gewesen, da ich diese beim ersten Reinhören als sehr fliessend und positivschwebend melancholisch empfunden hatte. Die Band lädt sowohl dazu ein sich treiben zu lassen als auch im Tanz zu versunken vor sich hin zu gleiten und hat mich ein Stück weiter aus meinem Tran befördert. Auch der Saal war jetzt gut gefüllt. Bal Paré, welche ebenfalls in den 80ern das Licht der Welt erblickte hatte ich ebenfalls vorher ganz ansprechend gefunden, im Konzert blieb aber nicht so wirklich was bei mir hängen. Das machte die Stimmung draussen allerdings wieder wett und so wurde letztens tatsächlich noch der Selfiestick ausgepackt um damit ein Foto zu schiessen. Oh Trend, er war angekommen in unserer Mitte.

Die Schwarzkittel mit dem Selfiestick (c) Stephan Thom

Die Schwarzkittel mit dem Selfiestick
(c) Stephan Thom

Nach trinken, reden, tanzen zu Musik, die ich hier normalerweise nie auf die Ohren bekomme, schleppte ich mich im Licht des Sonnenaufgangs Richtung Schlafgemach. Sehr zufrieden mit der Veranstaltung und dem besonderem Gefühl, dass diese hinterlässt und dem Gedanken, dass es doch noch sowas wie einen „wahren schwarzen Kern“ gibt.

Und euer Eindruck zum Festival?

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Danke für den Beitrag.

    Eine kleine Korrektur zu Linea Aspera als „Vorgänger“ von Keluar: Sid Lamar war kein Mitglied der aufgelösten Linea Aspera. Sängerin Alison Lewis (aka Zoe Zanias) war/ist dagegen Sängerin in beiden Bands.

  2. Natürlich hast du Recht. Danke für den Hinweis :)

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