Ist der Doomer die virtuelle Reinkarnation des Gothics?

Den Doomer schiebe ich hier schon eine Weile thematisch von links nach rechts, allerdings muss ich mich langsam mit den (virtuellen) Subkulturen der Generationen am Ende des Alphabets eingehend beschäftigen. Vielen Intensivnutzern des Internets wird der Doomer schon längst ein Begriff sein, wie ich vermute, schließlich geistert dieser Begriff schon seit einigen Jahren durch die Informationsblase. Jedenfalls durch meine.

Im Zusammenhang mit der russischen Band IC3PEAK, über die ich jüngst berichtet habe, tauchte der Begriff wieder vermehrt auf, sodass ich endlich das Ei auch einmal ausbrüten sollte, auf das ich mich mit dem „selbstauferlegten Blick über den Tellerrand der eigenen Subkultur“ gesetzt habe.

Der Doomer

Verhängnis, Verderben oder Verdammnis. Die Übersetzungen des englischen Wortes „Doom“ sind vielfältig. Im Langzeitgedächtnis der Generation X (das sind die, die zwischen 1965 und 1979 geboren sind) dürfte wohl das gleichnamige Videospiel aufploppen, das mir im zarten Alter von 19 blutrünstige Nächte bescherte. Darin öffnet ein fehlgeschlagenes Experiment das Tor zu Hölle und verwandelt Menschen in Zombies, die es möglichst zahlreich und kreativ zu vernichten gilt. Damit hat der Doomer allerdings wenig gemein, bis auf die gleichnamigen Nenner Verhängnis, Verderben oder Verdammnis.

Entstehung (Vermutlich)

Ursprünglich wurden 2008 so einige Anhänger der Prepper-Bewegung genannt, die sich erst im Stillen und dann immer öffentlichkeitswirksamer auf ein mögliche Ende der Welt vorbereiteten. 2011 entwickelt sich mit der Reality-Serie „Doomsday Preppers“ ein regelrechter Hype um den Trend, sich auf alle denkbaren Katastrophen einzustellen, Vorräte zu lagern, Bunker zu bauen oder persönliche Verteidigungsstrategien gegen alle denkbaren Ereignisse zu erarbeiten. Vor allem in den USA wächst das zu einer Weltanschauung, aber auch in Deutschland bilden sich zahlreiche Formen der Prepper-Bewegung.

Der Doomer war also jemand, der daran glaubte, dass die Welt sich früher oder später selbst zu Grunde richtet. Soweit so gruftig. Der Gothic sieht das ganz ähnlich, er will allerdings nicht praktisch auf ein Ende der Welt vorbereitet sein, sondern lediglich äußerlich. Er kleidet und schminkt sich so, als stünde das Ende der Welt unmittelbar bevor.

Entwicklung (Möglicherweise)

2009 sickert der Begriff „Doomer“ langsam in die Netzkultur und wird auf Reddit zum sogenannten Subreddit r/doomer, in dem sich Internetjunkies gemeinsam über globale oder individuelle Endzeitszenarien austauschen. Geprägt werden die Themen von einer ausufernden Hoffnungslosigkeit und Resignation, die nicht mehr den Sinn im Leben suchen, sondern die Sinnlosigkeit desselben bereits akzeptiert haben. Hier wird jeder negative Entwicklung auf unserem Planeten überspitzt zum Höhepunkt getrieben

Am alternden Gothic, für den die Welt bereits Mitte der 80er zum Scheitern verurteilt war, geht diese Entwicklung in der Regel vorbei, denn das letzte mal, als sie sich im Internet einwählten, haben sie ihren AOL-Account auf neue Nachrichten überprüft. Dafür sozialisieren sich hier viele junge Leute mit populären Inhalten unserer Subkultur und suchen auch musikalisch wieder nach geradezu apokalyptischen Titeln im entsprechenden Subreddit.

Der Doomer glaubt nicht daran, dass sich die Welt zu einem besseren wendet, in seinen Aussichten malt er die Welt schwärzer als sie ist und lässt sich musikalisch von Titeln treiben, die seiner Stimmung gerecht wird. Kommt das dem Grufti nicht irgendwie bekannt vor? Früher waren es deutschsprachige Titel wie „EA80 – Häuser“ dann „Mono für Alle – Hier gefällt mir nichts„, um schließlich mit „Konstantin Unwohl – Ich wollte mal nach Trier„. Wer nach sich nach dem Konsum dieser Titel nicht mies fühlt, ist weder Gothic noch Doomer.

Endlich Viral (und völlig Egal)

Was eigentlich noch fehlt, ist der Meme gewordene Stereotyp des Doomers. Ein ikonisches Bild, das ausdrückt, was ein Doomer vermutlich ist. In Abwandlung des Wojak-Memes  tauchen 2018 bei 4Chan erste Bilder auf, die den Doomer – neben einigen anderen *oomern – karikieren.

Demnach lässt sich der typische Doomer wie folgt beschreiben. Ein junger Mann, Anfang 20, der nach gerne spazieren geht, depressiven Neigungen hat und sich keiner Aussichten auf eine berufliche Karriere ausmalt. Er trägt meist einen schwarzen Hoody, ein schwarze Wollmütze, raucht wie ein Schlot und ist auch sonstigen stofflichen Abhängigkeiten nicht abgeneigt. Er ist von ungepflegter Erscheinung, hat tiefe Augenringe und guckt genauso, wie man es sich für einen Doomer vorstellt. „Was soll das noch alles?

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Im Fahrwasser dieses Memes werden dem Doomer auch Weiterentwicklungen an die Seite gestellt, die aber dann nur noch eine Karikatur der Karikatur sind. Das obligatorische Doomer-Girl, das auch Doomerette genannt wird, kommt irgendwann 2020 dazu. Der Go-Getter, der als Mutation des Doomers gilt und genug hat vom pessimistischen Lifestyle und lieber nach vorne blickt.

Allerdings verliert sich hier auch jeglicher ernstzunehmende Ansatz einer neuen Jugend-Bewegung, denn die Grenzen zwischen den realen, pessimistischen Gedanken einer neuen Generation und der humorvolle Karikatur eines traurigen Außenseiters verschwimmen.

Ein Schelm wer böses dabei denkt, aber möglicherweise entspricht diese Wahrnehmung auch dem aktuellen Bild unserer Szene, wenn wir in Zeitungen und Zeitschriften als Hundehalsband tragende Gummipferde über das viktorianische Picknick galoppieren?

Ist der Doomer eine Reinkarnation von „Gothic“ oder nicht?

Keine Phönix aus der Asche, kein „Next Big Thing“ einer unklaren Zukunft und auch völlig neuer Ableger eines knochigen Baums. Nein, der Doomer ist keine Reinkarnation des guten alten Gothics. Für mich nur eine neue Bezeichnung für die Gefühle, die schon in den 80ern unerwünscht waren, uns zu Außenseitern machten und nichts an ihrer Aktualität verloren habe. Traurigkeit, Resignation und Hoffnungslosigkeit. Diese Dinge lassen sich nicht aus dem kollektiven Empfinden der Jugend löschen, weil sie allgegenwärtig sind. Früher nannte man das Gothic und wenn es heute einen neuen Namen haben muss, mein Goth, warum nicht.

Faszinierend bleibt allerdings, wie Dinge im Netz ein völlig eigene Dynamik entwickeln, ohne durch Kommerzialisierung im Keim erstickt zu werden. Es gibt also immer noch Subkulturen, die einer alternden Generation (Okay, Boomer) versperrt bleiben, weil sie nicht mehr genug emotionale Energie aufwenden können, sich in neue und fremde Lebenswelten einzufinden.

Gespannt bin ich allerdings, wie wir das Alphabet der Generationen fortsetzen wollen, wir gerade in der Generation Z, dem „Zoomer“ stecken. Vielleicht nehmen wir ein ausländisches Alphabet, griechisch liegt gerade im, wie ich gehört habe.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Norma Normal
Norma Normal (@guest_60778)
Vor 5 Tagen

In meinem Umfeld gibt es durchaus den ein oder anderen zu dem Doom passt, wobei diese sich weder so nennen, noch bin ich mir sicher ob sie diese Bezeichnung überhaupt kennen. Auch ich kann mich mit einigen Charakteristika der Doomer sehr identifizieren, verstärkt in den letzten Jahren. 
Doch würde ich es ebenfalls, weder eine Reinkarnation noch eine Evolution von Gothic nennen, auch keine virtuelle. Es ist aber vermutlich von allem Strömungen der letzten Jahrzehnte etwas was dem Grundbegriff/ Grundgefühl von Gothic am nächsten kommt. Wenn auch mit wichtigen Unterschieden. Der gemeine Grufti kennzeichnet sich durch ästhetisches Überhöhen und Zelebrieren des Düsteren auch in Klamotte und Frisur/ Make-up. Und ist häufig überaus gepflegt. Optisch scheint mir beim Doomer eher eine Verwandtschaft zum Grunge vorhanden zu sein. 
Folgenden Absatz finde ich eine gute Quintessenz :

„Der Doomer war also jemand, der daran glaubte, dass die Welt sich früher oder später selbst zu Grunde richtet. Soweit so gruftig. Der Gothic sieht das ganz ähnlich, er will allerdings nicht praktisch auf ein Ende der Welt vorbereitet sein, sondern lediglich äußerlich. Er kleidet und schminkt sich so, als stünde das Ende der Welt unmittelbar bevor.“  :D

Was mir unangenehm aufstößt ist allerdings das der Prototyp/Archetyp eines Doomer männlich porträtiert wird und der weibliche Doomer eher ein Ableger davon zu sein scheint. Das kommt mir für eine „Jugendbewegung“ 2022 bisschen arg überholt vor. Und Doomerette, ähm. Die/der Goth und der/die Grufti find ich schon besser. Ich meine was hat ein Weltbild mit dem Geschlecht zu tun?? Nunja.

Letzte Bearbeitung Vor 5 Tagen von Norma Normal
Wiener Blut
Wiener Blut (@guest_60779)
Vor 4 Tagen

Solche Berichte zeigen einem das man sich entspannt als Go… äh Mensch (ja, ich hab sogar mittlerweile ein Problemchen damit einfach die Gothic Mütze mir oder anderen überzustülpen) zurück lehnen kann. Vielleicht ist man auch zu gefestigt, in der Gesellschaft angekommen, zu spießig. Man ist ja auch bald doppelt so alt, oder älter als der Doomer heute. Allerdings optisch fand ich das, was als Doomer beschrieben wird, schon damals im selben Alter nicht erstrebenswert… und von der vermeintlichen Antriebslosigkeit würde ich am Rad drehen. Wenn schon ständiger doom, dann aber mit etwas Schillern im Dunkel und bitte etwas kraftvoller. Gerade dieses Schillern und diese Energie, als bemerkenswerter Gegensatz zum „dunklen Abgrund“, fand ich von Anfang an faszinierend in Teilen der schwarzen Szene. Das fehlt mir total am Doom, wenn ich das richtig verstanden habe.

Letzte Bearbeitung Vor 4 Tagen von Wiener Blut
Lox
Lox (@guest_60782)
Vor 2 Tagen

Wie bitte ? Kann mir dies mal eine Person in, UKW übersetzen ?

Ich verstehe, eine Generation nach der Next Generation, brennt immer schneller aus, oder ? Ist dies Fortschritt oder schon Streberei, ist es schon in der DNA, der Weltschmerz ?

Nun warum erinnert mich das Bild mit dem Smoker nur an James Dean, denn sie wissen nicht was sie tun, +sollen ?

Wer hat jetzt die Mundwinkel nach dem lesen eben angehoben ? Es mag einem komisch erscheinen doch scheint in der Totalen-Depression eine gewisse Ausbau bzw. noch eine Entwicklungsstufe, möglich zu sein ? So frage ich mich ob ich die Deathends, nicht zu weit erweitert habe oder hätte ich weiter gehen können ?

Vielleicht mit einem Tattoo im Gesicht an meinem Mund auf dem die Mundwinkel nach unten zeigen ? Nicht mal 1x im Leben lachen oder lieben ? Ist die Next Generation, dann der Mole-Doomer oder Mole-Goth kein Licht mehr, nur nackt im Erdreich am lümmeln wie ein Raketenwurm ?

Habe ich Matrix zu oft Rückwärts geguckt ? Wer sich fragt was es dann für ein Film ist, es ist dann ein Zombiefilm oder eine Folge General Hospital ? Dr. Neo in schwarz zieht das schwere Eisen aus den Feinen Anzügen und richtet die Bügelfalten.

Nun, wenn den Doomern der schwarze Humor fehlt, werden sie nicht lang dabei bleiben vermute ich, der Ausgang, den lasse ich mal offen … *hust*

Mit dunklen Gruß, Lox

Letzte Bearbeitung Vor 2 Tagen von Lox
Graphiel
Graphiel (@guest_60784)
Vor 1 Tag

Ich weiß nicht so recht….

Inhaltlich kann ich den Doomern ja durchaus etwas positives abgewinnen. Ich freue mich ja durchaus, dass es noch andere Jugendkulturen jenseits der „Jo-ey-Alter, deine mudda“-Fraktion gibt. Eine melancholische bis leicht misanthropische Grundstimmung (die mir in der modernen schwarzen Szene manchmal doch auch ein klein wenig fehlt) begrüße ich ebenfalls. Auch Teile der Musik (zumindest vom dem Bisschen, was ich aus der Ecke bisher hörte) finde ich durchaus hörbar. Aber…

Irgendwie fehlt mir in der ganzen Geschichte sehr der ästhetische Aspekt, der ja doch recht typisch für die gruftige Ecke geworden ist. Auf mich wirkt Doom daher zwar schon etwas wie Gothic, nur ist mir darin deutlich zu viel „no future“ oder sowas enthalten. Ich weiß gerade nicht recht, wie ich es besser beschreiben soll. Man verstehe mich da nun bitte nicht falsch: Ich kenne mich nicht besonders gut in der Doomerszene aus, hangle mich daher hier auch nur anhand der wenigen Berichte und Videos entlang die ich darüber gesehen/gelesen habe und sehe daher manche Dinge vielleicht einfach nur zu klischeebehaftet. Ich komme aber einfach nicht recht mit dem Gedanken klar meine „gruftige“ Grundstimmung zelebrieren zu sollen, indem ich einfach nur aussehe wie nach zu vielen Nächten mit zu wenig Schlaf. Da fehlt auch mir dann wirklich etwas die teils überzeichnete, ja eigentlich schon künstlerische Zelebrierung dieser gefühlten Grundstimmung, getragen über die Kleidung, Schmuck, die Frisur/Make-up, usw. Halt diese düster/melancholische Ästhetik, so wie es bei den Goth(ic)s ja nun einmal üblich ist.

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