Elena

Menschen Hautnah: Schwarzes Glück – Gothics sind anders

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Eine sehr interessante Programmankündigung ereilte mich im Anschluss an die Tagesschau, die ich gewohnheitsmäßig beim WDR gucke, da ich die Lokalzeit eigentlich regelmäßig gucke. In der bekannten Reihe Menschen Hautnah sollte es diesmal um die Gothics gehen, so habe ich mich hinreißen lassen, trotz der bevorstehenden Frühschicht am nächsten Morgen bis 22:30 durchzuhalten, denn offenbar ist es mit Bildungsfernsehen immer dasselbe, es kommt zu unmöglichen Zeiten. Ob es sich gelohnt hat oder nicht, will ich euch nicht vorenthalten. Zugegeben, ein paar Bedenken habe ich gehabt, schließlich ist Vorurteilsfreies und Objektives Fernsehen kein Dauerzustand in der deutschen Fernsehlandschaft. Das ich mich irren würde konnte ich nicht ahnen, musste aber nach den 45 Minuten zugeben, das sich davon jede Minute gelohnt hat.

Petra (44), geschiedene Mutter von Sohn Julian (17) lebt schon seit dem 13. Lebensjahr in Schwarz. Gemeinsam mit ihrem Sohn hat sich sich nach ihrer Scheidung einen Traum erfüllt und eine schwarze WG gegründet. Für ihren Sohn, gibt sie zu, hätte sie ihre Passion aufgegeben, doch dieser teilt die Interessen und akzeptiert seine Mutter so wie sie ist, auch ein kleines bisschen Stolz auf die coole Mama wird wohl dabei sein.  Petra, die auch bei Schwarzes Glück sehr aktiv ist, liebt das schwarze Lebensgefühl und macht auch keinen Hehl daraus.  Das WGT in Leipzig besucht sie regelmäßig, begleitet von ihrem Sohn, der sich auch für die schwarze Szene begeistert, wenngleich seine Richtung eher in die Industrial oder Elektroszene einzuordnen ist. Das die Straighte Petra Schwierigkeiten hat, den Mann ihrer Träume zu finden wundert mich nicht, sie wirkt sehr androgyn, ist Vegetarierin, nimmt keinerlei Drogen und hat klare Vorstellung davon, wie sie Ihr Leben führen möchte und hat einen großen, gleichgesinnten Freundeskreis.

Elena (21) und Eric (30) sind wohl eher die Hardliner der Gothicszene und legen sehr viel Wert auf Ihr Äußeres und schätzen die Selbstinszenierung. Eric, der als Evelin in Polen geboren wurde hat früh gemerkt, das er im falsche Körper steckt und hat sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, das ihn seiner Mutter ablehnt und er nur von der eigenen Oma akzeptiert wird hat ihn wohl schon früh zum Aussenseiter gemacht. Eric und Elena sind Vollzeitgothics, die auch in ihrer Freizeit immer viel Wert auf ihr Aussehen legen, Oscar Wilde und Edgar Allen Poe lesen, und gerne die Ruhe des Friedhofes genießen. Für den Beruf des Altenpflegers, den Eric ausübt, musste er jedoch einige Kompromisse bezüglich seines Auftretens eingehen, da in diesem Sozial orientierten Beruf ein extremes Aussehen eher kontraproduktiv ist. Es wird deutlich, das beide nur für die Freizeit leben und eine eingeschworene Gemeinschaft bilden. Während Petra mit dem normalen Leben einen Kompromiss eingegangen ist, verkörpern Elena und Eric nahezu alle Werte und Ideologien der Gothicszene.

Claudia Deja und Petra Stahlbock habe mit ihrem Beitrag zu Menschen Hautnah ein schönes und vielleicht zu ideales Bild der Gothic Szene gemalt, obwohl die Auswahl der Protagonisten nur einen mehr oder weniger extremen Ausschnitt zeigen und sicherlich nicht auf die breite Masse anzuwenden ist.  Es sind jedoch gute Beispiele für die Vielfalt der Persönlichkeiten, die die Gothic Szene ausmachen um sich dennoch auf einen gemeinsamen Nenner zu vereinigen.  Während Petra das bürgerliche Leben pflegt und einen Spagat zwischen der schwarzen und der bunten Welt lebt, haben sich Elena und Eric voll und ganz der Gothic-Szene verschrieben.

Der Bericht hat jedoch einen sehr angenehmen Grundtenor:  Das schwarze Auftreten der Gothic Szene ist nicht nur die Kokettierung mit Tod und Trauer, sondern auch der Ausdruck von Erhabenheit und Eleganz.  Gothics wollen nicht Ausgegrenzt werden, sondern möchten sich Abgrenzen. Für manche ist das Ausdruck der eigenen Phantasie, die versuchen dem grauen Alltag zu entfliehen und in ihrer Welt zu Leben.  Wer ein Allumfassendes und Erklärendes Bild der Szene erwartet in der Musik die Hauptrolle spielt, irrt sich und wird wohl enttäuscht werden. Es geht nicht um die Szene Gothic als solchen sondern hier entsteht ein feinfühliges Bild zweier Menschengemeinschaften, die sich der Gothic Szene verschrieben haben. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Tears
Gast
Tears

Die Doku ist relativ alt, zumindest haben Kitty und ich sie schon vor einer gefühlten Ewigkeit im Internet entdeckt. Im Vergleich zu diversen Beiträgen bei Sat.1 oder ähnlichen Schundsendern ist der Beitrag ganz gelungen, auch wenn bei der BILD-Fraktion auch durch diesen Beitrag ein falsches Bild vermittelt werden kann – aber wen interessieren schon die BILD-Leser?

stoffel
Gast

Ich finde den Beitrag gut gelungen.
Die Szene hat allerdings sehr viele unterschiedliche Facetten … dadurch ist es garnicht möglich in diesem oder anderen Beitrag die Einzigartigkeit eines jeden Einzelnen aus der Szene widerzugeben.
Und wie Petra und Julian bei der Oma schon erwähnten wollen sich viele Menschen mit der Szene und den Hintergründen nicht auseinandersetzen … was Fremd und Anseres ist ist schlecht. Warum also miteinander reden und ein Nebeneinander/Miteinander akzeptieren? Das ist nicht gewünscht, weil man müsste sich dann ja mit den Menschen auseinander setzen und das können selbst die „Bunten“ untereinander schon nicht, wie soll es dann mit Menschen aus der Szene funktionieren?

Ricarda
Gast
Ricarda

Ich fand diesen Beitrag sehr gelungen.
Ich war ja anfangs skeptisch, als ich die Programmvorschau dazu sah, jedoch verflog dies direkt als ich dann den Beitrag schaute.

In einigen Gedanken der Protagonisten habe ich mich selbst sehr wiedergefunden.

Lilly
Gast
Lilly

Sehr gelungene Reportage!
Für mich sehr interessant, weil Petra auch noch mit weit über 40 in der Szene lebt – in diesem Ausmaß.
Ich habe meinen Stil gemäßigt – schwarz, aber nicht lackig, ledrig oder latexig;-)

Vizioon
Gast
Vizioon

Grundsätzlich, und das zeigt sich ja auch in den Kommentaren, ist die Gothic-Szene nicht mehr so homogen wie sie gerne wollte, wie ich vermute. Ich habe das schon mal geschrieben, wo hört Gothic auf und wo fängt es an. Zum Glück ist sie noch keine Massenbewegung, aber allein durch Emos und z.T. Visus wird sie es zumindest optisch. Für Außenstehende ist der Unterschied kaum zu erkennen. Wenn man dann noch diverse Fetisch- oder Sex-Vorlieben integriert, wie Lackig, Ledrig, Latexig, mit entsprechenden Spielarten, dann wird die Szene immer undurchschaubarer. Auch für Mitglieder der Szene, wie mich z.B.: Verbindet sich mit Latex, Leder, Lack nun eine wie auch immer geartete sexuelle Vorliebe, oder geht es um den Style?

Joa
Gast
Joa

Liebe dunkle Engel & erhabene Schreiter in der Finsternis,

ich finde diesen Beitrag sehr gelungen. Er ist informativ und aufschlussreich. Ich habe auch vor kurzem einen Blogbeitrag über die SG Community verfasst und mich intensiv mit dem Thema Dating in der Dark Wave und Gothic Szene beschäftigt. Den Artikel findet ihr unter http://www.dating-vergleich.com/kostenlose-angebote/schwarzes-glueck-de/. Ich würde mich sehr über Rückmeldungen und Feedback aller Art von SG Mitgliedern, Nutzern, Ex-Nutzern oder generell von Leuten aus der Szene freuen.

Ihr könnt mir gerne schreiben oder einfach direkt ein Kommentar für den Beitrag hinterlassen. Ich wäre auch dafür sehr dankbar und freue mich auf einen konstruktiven Austausch.

Alsdann, ich wünsche euch eine lange und finstere Nacht ;-)