Fachtext auf dem Prüfstand. Sind Gothics „posttraditionale Traditionalisten“?

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Neulich ist mir ein Text in die Hände gefallen, der eigentlich schon vergleichsweise alt, mir aber ganz offensichtlich völlig durch die Lappen gegangen ist. Ich versuche ja eigentlich irgendwie immer auf dem Stand der Zeit zu bleiben und Literatur um „die Szene“ im Blick zu behalten. Es dünkt mich allerdings, da ist mir tatsächlich nicht nur dieser Text, sondern einiges durch die Lappen gegangen ist oder es einfach nur nie in meinem Horizont geschafft hat. Mein Amazon-Wunschzettel ist daher prall gefüllt und entweder bin ich in naher Zukunft durch den Kauf zahlreicher Bücher und eines neues Bücherregales arm, oder man trifft mich nur noch mit der Nase in Büchern – also praktisch gar nicht mehr, weil mit Büchern gehe ich eigentlich weniger aus dem Haus. Wie dem auch sei, der mir lange entgangene Text sorgte erst mal für reichlich Verwirrung.

 „Gothics – posttraditionale Traditionalisten“

„Hä, was?“ war meine erste Reaktion als ich den genauso genannten Text von Axel Schmidt und Klaus Neumann-Braun auf meinem Bildschirm wiederfand1

Gothics, ja. Habe ich eine Vorstellung zu. Traditionalisten, ja, dazu auch. Der Begriff posttraditional ist auch nicht unbemerkt an mir vorübergegangen. Aber alles zusammen? Ich habe diesen Text lange hin und her bewegt. Habe mich lange gefragt, was die Autoren uns damit eigentlich sagen wollen. Und dann beschlossen, dass mal zu einer verständlichen Diskussionsgrundlage zu machen. Oder es zumindest zu versuchen. Vor allem, weil es sich hierbei um einen wissenschaftlichen Fachbeitrag handelt.

Vor ab noch eine kleine Anmerkung zum Verständnis: Die Erhebungen, auf welche sich die Autoren beziehen fanden in den 1990er Jahren statt und befasst sich mit Gothic (Rock) (Die Autoren haben sich mit dem Thema schon in einem ausführlichen Buch befasst, siehe Ende des Artikels2). Der Text wurde 2008 veröffentlicht.

„Hexen und Ritter zwischen Mehrzweckhalle und H&M – ein Blick ins Schwarze“

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Eine Werbeanzeige von H&M aus einem der Kataloge. „Den Trend ausprobieren – Go Gothic“

Zunächst einmal schreiben sie über Gothic, oder das, was sie als solches betrachten. Beim Lesen des Textes wurde mir schon hier tendenziell etwas mulmig, auch wenn ich den Wahrheitsgehalt der Aussage nun wirklich nicht anzweifeln kann. Trotzdem: deprimierend und desillusionierend ist das schon. Und irgendwie wie alles wogegen viele Schwarzkittel sich scheinbar in einem unermüdlichen Kampf wehren: Mehrzweckhalle (wie leblos, wie unromantisch, wie wenig morbide). H&M. Konsum! Vermarktung! Ausverkauf! Wie eingenordet klingt das denn? Tja, die Zeiten – von denen ich bezweifle, ob es sie so wirklich gab – in denen sich alle immer nur auf Friedhöfen, in verfallenen Burgen und Schlössern getroffen haben und bei Kerzenlicht und Rotwein das fundamentale Zerwürfnis des Seins beweinten, sind vorbei. Und, ganz nebenbei bemerkt, schon in den 90ern nicht (mehr) existent und vermutlich auch nie existent gewesen. Zumindest die pathetische (Nicht-)Erinnerung daran und die Stilisierung davon. Wie Robert schon mit der Korrektur des Dudens deutlich machte. Man trifft sich schon lange nicht mehr auf Friedhöfen. Zumindest nicht vorrangig.

Betritt man eine der vielen H&M-Filialen, stößt man inzwischen auch dort auf ‚schwarze’ Symbole: Totenkopfschmuck ist ebenso käuflich zu erwerben wie Regenschirme mit kleinen Totenkopfmotiven und vieles mehr. Die Welt der einst skeptisch beäugten Gothics ist im Konsumtempel junger Menschen angekommen und findet hohe Akzeptanz. Entgegen möglicher Unkenrufe aus der autonomen Szene, wer im Kaufhaus lande, sei als Szene gestorben, zeugen ein reges örtliches Szeneleben sowie ein gut aufgestellter überregionaler Festivalzirkus in Burgen und Industrieanlagen von der Lebendigkeit der Gothic-Welt, die bekanntlich von einer einzigartigen ästhetischen Vielgestaltigkeit geprägt ist.

Aber weiter im Text. Erst mal geht es um Gothics und deren „Szene“. Die Autoren sprechen hier von einer Szene mit einem „retroperspektiven [Anm.: rückwärtsgewandten] Stil“ und vielen verschiedenen Ausdrucksformen.

Vielleicht wollen die ja hier über die „schwarze Szene“ reden und nicht nur über Gothics? Frage ich mich. Immerhin landen politisch Rechte über den Neofolk gleich mit bei den Gothics und Metalanhänger sind wohl auch Teil „der Szene“. Da kann man jetzt im Großen und im Kleinen schon viel drüber diskutieren, wer wie und warum dazu gehört oder mit „der schwarzen Szene“ assoziiert wird.

Der Stil gilt auf jeden Fall als unabhängig, aber mit Schnittstellen zu anderen (Sub-)Kulturen. Die Autoren sehen eine Modernisierung des Stils seit Mitte der 1990er Jahren, der auch in der medialen Welt angekommen ist. Es wird zudem von einer szeneeignenen Infrastruktur – also, Diskoabende, Festivals und Zeitschriften – gesprochen. Andere Formen der Körpergestaltung wie Tattoos und Piercings werden auch gleich mit in den Ring geworfen oder Elemente aus anderen Subkulturen. Die genutzte Symbolik, so stellt man fest, ist einer Kommerzialisierung zum Opfer gefallen und hat damit an Inhalt verloren.

Immerhin das kann ich ein bisschen nachvollziehen, auch wenn ich sagen würde, dass der Inhalt nur teilweise verloren gegangen ist und in einigen undergroundigen Bereichen auch weiterhin seine Bedeutung behalten hat.

Man hat wohl erkannt, dass Friedhöfe und Ruinen nicht mehr die Orte der ersten Wahl sind, wenn es darum geht sich zu treffen, trotzdem hängt der Ruf nach, dass Burgen und Schlössern gerne als Veranstaltungsorte gewählt werden zur „aufwändigen ästhetischen Selbstinzinierung“. Da treffen sich dann: „historische Retro-Figuren (wie z.B. Ritter), die ‚Kinder der Nacht’ (also Figuren wie Hexen, Magier und zwischenweltliche Wesen wie Vampire), die Dark Wave- Anhänger (Leder und Lack-Orientierte) und Cyberpunks (bspw. Industrial- und SM-Fans).“ Ähm, okayyyyy. Ja nee, also…nee, dachte ich mir da immer wieder, aber steht halt so da. Bis hierhin ist mir zudem immer noch nicht klar ob es um „Gothic als Gesamtszene“ (also „schwarze Szene“) oder um Gothic als Subkultur (Gothic Rock) geht. Dafür taucht sie hier auf, die tiefergehende Nachdenklichkeit, von der alle immer erzählen.

Die Welt der Gothics als Spielraum düster konnotierter Transzendenz“

Mehr oder weniger gut, aber was ist denn jetzt mit den posttraditionalen Traditionalisten? Irgendwie fühle ich mich noch nicht schlauer. Bevor es dazu kommt, machen die Autoren noch einen Bogen über die Rationalisierung der Welt: Menschen, so sagen sie, streben nach einem höherem Sinn. Streben und Wollen basieren auf moralischen und überindividuellen Rechtfertigungen und bedürfen gemeinsam geteilte Vorstellung der Welterklärung und Deutung. Darin enthalten sich auch nicht rationale Vorstellungen. Diese Anschauungen bietet die Grundlage um Dinge (gesellschaftlich) zu legitimieren.

Dann erklären sie noch was anderes: Das man unterscheiden kann zwischen heiligen/religiöse Dingen und weltlichen Dingen, welche im Gegensatz zueinander stehen.  Alles Religiöse beinhaltet Gebote und Verbote. Da gibt es dann auch immer eine gemeinsame Moralvorstellung in einer kirchlichen Gemeinschaft. Weil, wenn es die nicht gibt, dann ist man halt ein irrer Spinner. In dieser Gemeinschaft herrschen geteilte Überzeugungen und Handlungsweisen. Die Magie stellte den Gegensatz zur Religion da, gilt als anti-religiös, wurde von der Religion unterdrückt. Magievorstellungen sind immer flexibler als Religionen und haben keinen absoluten Anspruch.

Jetzt spannt sich der Bogen weiter über die Individualisierung, Säkularisierung und Rationalisierung der Welt und damit der Entzauberung dieser. Damit einhergehend aber das Bedürfnis nach Wiederverzauberung und Gemeinschaft, nach gemeinsamen Werten und Weltdeutungen (sonst muss man das mit der Weltdeutung nämlich alleine und für sich selbst ausmachen). Diese Werte und Weltdeutungen, da sind wir jetzt, sind entmodernisiert und rückwärtsgewandt. Also traditional.

Was ist jetzt aber mit Posttraditional? Posttraditionale Gemeinschaften bezeichnen neue Formen der Vergemeinschaftung. Also Gemeinschaften jenseits von Familien, Nachbarschaften etc. Die Menschen finden sich nicht mehr auf Grund einer ähnlichen sozialen Lage zusammen, sondern auf Grund ähnlicher Lebensstile und ästhetischer Ausdrucksformen. Gut, wir reden also von einer Gemeinschaft die, ganz platt gesagt, auf Grund von Interessen und Geschmack besteht – eben einer Subkultur. Das ist noch gut nachvollziehbar, aber beim Pudels Kern bin ich immer noch nicht angelangt. Nur meine Verwirrung ist gewachsen.

Was hat das denn jetzt mit Gothic zu tun?

Durch Körperästhetik und Stil, sagen die Herren, wird ein magischer Spielraum geschaffen, es findet eine Wiederverzauberung und eine Wiedervergemeinschaftung statt. Die sich eben im Stil wieder ausdrücken, also eher darin, dass es einen Stil gibt. Der hält dann Händchen mit dem Lebensgefühl. Mir persönlich kräuseln sich ja immer die Zehnnägel, wenn in Bezug auf „die Szene“ jemand von Lebensgefühl spricht. (Der schwarze Planet hat dazu übrigens einen sehr interessanten Artikel parat zu Lebenstil und Lebensgefühl…). Die konkrete Einstellung zu etwas ist dabei weniger bedeutsam, als die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen (Psychologie, Esoterik, Philosophie etc.). Das ersetzt dann die Religion. Zudem werden Symbole genutzt und Bereiche thematisiert, welche in der Religion als negativ gelten (Tod, Vodoo, Fetisch, Mystik etc.). Trotz der Gemeinsamkeiten ist Authetizität und Individualität sehr wichtig. Man könnte also von einer Gemeinschaft an Individualisten sprechen. Der Stil ist lediglich ein Zeichen sich mit den Inhalten zu befassen. Wiederverzauberung und Wiedervergemeinschaftung in Verbindung mit den behandelten Themen scheinen also im Bezug zu dem Traditionalen zu stehen. Posttraditional muss daher also sein, dass die Themen anders und in einer anderen Form der Gemeinschaft behandelt werden und sie die Grundlage einer Interessensgemeinschaft sind.

Post-traditionale Gemeinschaft in einem besonderen Sinn dar, da sie sich anschickt, das Traditionale wiederherzustellen, was allerdings nur auf post-traditionalem Wege gelingt. Die Tendenz zur Wieder-Verzauberung resp. Re-Mythologisierung nimmt daher in der Gothic-Szene eine besonders paradoxe Figur an, nämlich die eines posttraditionalen ‚Traditionalismus‘.

Ja, und jetzt?

Hat jemand ganz klug und kompliziert in Worte gefasst, dass sie viele in der Szene auf vermeintlich alte und heute nicht mehr gütige Werte berufen und sich mit Themen befassen, die eigentlich eher out oder gemieden sind, aber zur Sinnstiftung und Welterklärung beitragen können. Irgendwie hatte ich das Gefühl ich wusste das alles schon vorher. Habe es nur besser verstanden, weil ich es nie so kompliziert gedacht habe. Aber fühle ich mich als posttraditionale Traditionalistin, weil ich mich mit philosophischen Themen auseinandersetze und versuche mir damit meine Welt zu erklären? Tun wir das nicht alle? Braucht nicht jeder Mensch eine Form der Welterklärung und umgibt nicht jeder Mensch sich mit einer Gemeinschaft, die ähnliche Ansichten teilt?

Irgendwie fühle ich mich auch nach mehrfacher Textlektüre nicht wirklich schlauer. Nicht wirklich erleuchtet durch das Gesagte. Frage mich sogar, ob ich wirklich das verstanden habe, was die Autoren sagen wollten, oder nur das, was ich erkennen konnte und wollte. Am Ende ändert es auch für mich nichts. Es erinnert mich nur wieder daran, dass ich mich mit zunehmenden Alter und zunehmender zeitliche Auslastung mit beruflichen und privaten Verpflichtungen immer weniger mit Sinnfragen befasse. Auch weil ich vieles davon für mich bereits geklärt habe. Dass ich schon lange nicht mehr bewusst auf einem Friedhof war. Dass ich schon lange keine Kerzen mehr an hatte. Vor allem aber, dass ein ganz zentrales Moment zu kurz kommt: Die Musik.

Einzelnachweise

  1. Schmid, Axel & Neumann-Braun, Klaus: Die Gothics – posttraditionale „Traditionalisten“, in: Hitzler, Ronald; Honer, Anne; Pfadenhauer, Michaela: Posttraditionale Gemeinschaften, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2008, S. 228-247.[]
  2. Schmid, Axel & Neumann-Braun, Klaus: Die Welt der Gothics. Spielräume düster konnotierter Transzendenz, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2004.[]

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Tanzfledermaus
Autor

Mit solchen abgehobenen wissenschaftlichen Abhandlungen kann ich mich auch nur äußerst schwer anfreunden. Da wird geschwurbelt geschwafelt, damit es möglichst wissenschaftlich klingt, aber im Grunde nur wenig gesagt (und vermutlich vom Leser auch nicht immer alles verstanden), was in Anbetracht der Wortwahl aber keine Schande ist).

Hendrik
Gast
Hendrik

Hm..Also nach mehrmaligem durchlesen des Artikels kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, wie es dir beim erschließen des Fachtextes gegangen sein muss, Ines.

Es wirkt an vielen stellen so, als versuche man, das große Gesamtkonstrukt Menschheit in zwei – entschuldigt die Wortwahl – „Arten“ einzugliedern. Einerseits die „Gesellschaft“ mit ihrer – wie von dir gut wiedergegebenen – Moralvorstellung, Sinnsuche im Einfachen und Örtlichen sowie etwaigen Konventionen, die allgemeinhin als „Moderner Lebensstil“ eines „Modernen Menschen“ betrachtet werden.

Auf der anderen Seite steht dem nun jeder gegenüber, der einer Subkultur – Fokus „Schwarze Szene“, „Gothics“ und welche Begriffe einem noch alles einfallen. Und nun wird anhand der Verflechtung von Moralisierung, Ethik und Mystizismus erläutert, das der „posttraditionale Traditionalist“ seine Wurzeln zwar in der Gesellschaft des „Modernen Menschen“ hat, jedoch eher darauf bedacht ist zu erkennen „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und das geschieht durch den Traditionsgedanken?

Der Traditionsgedanke stellt für mich am stärksten die Fähigkeit des Menschen dar, sich weiter zu entwickeln und zeitgleich feste Normen und Aspekte seines individuellen Lebens bestehen zu lassen. Als Erinnerung, Möglichkeit des Träumens oder auch einfach als „letzter Strohhalm“ an den sich geklammert wird.

Was das ganze nun aus einem Menschen mit seinen Wurzeln, Moralvorstellungen und Eigengefühl der Individualität zu einem „posttraditionellen Traditionalisten“ macht, bleibt mir ebenfalls weiterhin verschlossen.

Doomigste Grüße

Daniel
Gast

Mein Eindruck, ohne das Buch gelesen zu haben und nur den Ausführungen Roberts zu folgen: Die beiden Autoren arbeiten sich anscheinend sehr an Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ ab und übertragen die Frage nach Re-Mystifizierung auf die Gothic-Szene. Wobei sie damit dann nicht ganz unrecht haben, dass Gothics auf diese Weise eine neue „Tradition“ schaffen.

Grundsätzlich muss man diese Abhandlungen auch im Kontext der Autoren sehen. Es handelt sich um eine Universitätslektüre geisteswissenschaftlicher Art. Da wird gerne „geschwurbelt“, es soll ja auch in den erlauchten Professorenkreisen ankommen. Für den gemeinen Gothic ist das ja auch nicht gedacht.

Es ist ein bisschen wie In-Vitro-Beobachtungen. Die Szene wird unter eine Glaskuppel gesetzt und zwei schlaue Menschen schauen drauf und ziehen ihre Schlüsse daraus – basierend wiederum auf ihrem Hintergrundwissen über Philosophie, Soziologie, Religion etc. Ob die nun allgemeingültig sind, darf bezweifelt werden. Deswegen gibt es immer wieder Publikationen, die vorangegangene kritisieren oder sogar nivellieren.

Aber, und das ist das Schöne daran, führen solche ausgearbeiteten Thesen zum regen Austausch über ein Thema an. In diesem Fall der „Gothic-Kultur“, was jener nur gut bekommen kann.