Ist die Schwarze Szene ein Ort, der besonders sensible Menschen anzieht? Oder ist das nur meine persönliche Wahrnehmung, die mehr über mich aussagt als über die Szene? Ich will ehrlich sein: Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass ich nach über 35 Jahren in der Szene an einen Punkt kam, an dem ich mich selbst besser verstehen musste. Dabei bin ich auf ein Thema gestoßen, in dem ich mich so sehr wiedererkannt habe, dass ich anfing, mich zu fragen, ob es anderen hier ähnlich geht. Vielleicht liest der eine oder die andere das hier und denkt: „Das hat doch nichts mit der Szene zu tun, das ist dein Ding.“ Kann sein. Vielleicht aber auch nicht. Ich will niemandem ein Label aufdrücken – ich möchte nur erzählen, was ich herausgefunden habe, und ein paar Zusammenhänge aufzeigen, die ich für bedenkenswert halte.
Warum gerade die Schwarze Szene?
Denn wenn ich mich in der Szene umschaue, fällt mir etwas auf: Innerhalb der Schwarzen Szene gibt es eine recht große Anzahl von Menschen, die sich oft schon lange als Außenseiter gefühlt haben, sich oft unverstanden fühlten, mit ihrer Nachdenklichkeit und Sensibilität, wenig Sinn für Oberflächliches und Massentaugliches eher „automatisch“ am Rande standen oder sogar weggestoßen wurden.
Es wird vermutet, dass innerhalb der Bevölkerung zwischen 10% und 20% hochsensibel sind beziehungsweise in diese Richtung tendieren. Es gibt auch andere neurodivergente Typen, wo es zum Teil Überschneidungen in der Sinneswahrnehmung gibt, aber das würde hier etwas zu weit führen – Interessierte werden hierzu Informationen finden.
Ich würde mutmaßen, dass es innerhalb der Szene mehr sein könnten, weil sie schon immer eine Art Sammelbecken für eher tiefgründige, sensible Menschen war. Nicht ausschließlich, das ist klar, aber allein meine über 35-jährige Erfahrung innerhalb der Schwarzen Szene reicht aus, um für mich zu diesem Schluss zu kommen. Worauf ich hinaus will, ist das Thema Hochsensibilität.
Aber bevor ich dazu komme, was das eigentlich ist und was es mit mir zu tun hat, möchte ich kurz bei der Szene bleiben. Denn was ich hier aus meiner persönlichen Erfahrung beschreibe, steht nicht nur so im Raum – es gibt durchaus Forschung, die in eine ähnliche Richtung deutet.
Eine Langzeitstudie der University of Glasgow begleitete über 1.200 Jugendliche über mehrere Lebensjahre und kam zu dem Ergebnis, dass die Gothic-Subkultur stark gewaltfrei und tolerant ist und gerade vulnerablen jungen Menschen wertvolle soziale und emotionale Unterstützung bietet – wobei sich zeigte, dass die Mehrzahl der Betroffenen bereits vor ihrem Eintritt in die Szene mit emotionalen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Der Kulturanthropologe Markus Tauschek (Universität Freiburg) beschreibt nach umfangreicher Feldforschung, dass Goths sich über eine bewusste Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen verbinden – Fragen, die in der Leistungsgesellschaft oft keinen Raum haben. Sasha Blums Studie zu den psychologischen Merkmalen von Goths bestätigte Zuschreibungen wie überdurchschnittliche Offenheit und Kreativität und widerlegte verbreitete negative Stereotype. Dass Musik dabei eine zentrale Rolle spielt, liegt nahe: Musikpsychologen haben gezeigt, dass manche Menschen melancholische Musik nicht als belastend, sondern als emotional bereichernd erleben – verbunden mit einer erhöhten Empathiefähigkeit. Und eine australische Forscherin, selbst seit fast 40 Jahren in der Szene, beschreibt, dass ihr gerade das Gefühl der Zugehörigkeit in dieser Gemeinschaft das Selbstvertrauen gab, sich selbst zu erforschen. Eine explizite Studie zum Anteil hochsensibler Menschen in der Szene gibt es bislang nicht – aber die Überschneidungen sind auffällig.
Kein Trend, keine Krankheit
Es ist ja leider so, dass in den letzten Jahren immer wieder mal „Label“ ins öffentliche Bewusstsein gespült werden, die dann für Trends gehalten werden – weil sie eine Zeitlang vermehrt thematisiert werden, weil es eben immer mehr Erkenntnisse dazu gibt. Ein gutes Beispiel wäre AD(H)S bei Erwachsenen. Beim Thema Hochsensibilität ist es ähnlich: Es wird schnell als „Humbug“ abgetan, weil Berichte oft an der Oberfläche kratzen oder die Forschungslage noch lückenhaft ist. Mittlerweile gibt es aber immer mehr Erfahrungsberichte und Studien, die zeigen, dass es sich nicht um einen schnöden Trend handelt. Lange Rede, kurzer Sinn: Hochsensibilität gilt mittlerweile als Persönlichkeitsmerkmal – keine Krankheit – und wird dem neurodiversen Spektrum zugeordnet, weil sich in gewissen Hirnarealen eine andere Aktivität messen lässt als bei Vergleichspersonen.
Das Konzept geht auf die Psychologin Elaine N. Aron zurück, die den Begriff der „Sensory Processing Sensitivity“ geprägt hat. Ihr Modell beschreibt drei Komponenten: eine leichte Erregbarkeit durch innere und äußere Anforderungen, eine erhöhte Empfänglichkeit für ästhetische Reize und eine niedrige Wahrnehmungsschwelle für sensorische Eindrücke. Hochsensibilität ist keine klinische Diagnose und keine psychische Erkrankung, sondern ein Temperaments- und Persönlichkeitsmerkmal. Die Forschung zeigt, dass Hochsensible sowohl negative als auch positive Reize intensiver erleben – unter guten Bedingungen können sie besonders stark von einem unterstützenden Umfeld profitieren.
Wie sich Hochsensibilität anfühlt
Stellt Euch vor, dass die Filter, die bei den meisten Menschen dafür sorgen, dass nur ein Teil der Eindrücke bewusst ankommt, bei Euch einfach durchlässiger sind. Alles kommt durch – mehr Reize, mehr Details, mehr Intensität. Das muss alles verarbeitet werden, und das kostet Kraft. Wenn man nicht gegensteuert, durch Rückzug, Ruhe oder bewusste Dämpfung, führt das schneller zu Stress, Überreizung und Überlastung, als man es von sich selbst erwartet.
Sowohl belastende als auch positive Reize werden verstärkt weitergeleitet und empfunden, das können individuell auch ganz unterschiedliche Wahrnehmungen sein. Visuell (Licht, Farben), akustisch (Geräusche, Musik, Lärm), sensorisch (Berührungen, Wärme/Kälte, Schmerzen, Materialien auf Haut), olfaktorisch (Gerüche).
Auch Empfindungen wie Freude, Kummer, Ärger, Wut, Stress, Ängste, zwischenmenschliche Konflikte und Spannungen werden stärker auf- und wahrgenommen, nicht nur bei einem selbst, sondern allgemein im zwischenmenschlichen Umgang. Das kann hilfreich sein (Stichwort: Empathie), aber auch zu Problemen führen, weil hochsensible Menschen anders wahrnehmen, bewerten und nachfühlen. Die Gedanken kreisen vermehrt um das, was erlebt, gefühlt oder wahrgenommen wurde.
Das führt dazu, dass viel hinterfragt wird – sowohl die eigene Wahrnehmung und Verhalten als auch das anderer Menschen, aber auch die Unterscheidung schwer fällt. Das kostet viel Kraft, bewirkt oft (zum Teil) unnötiges Grübeln, Interpretieren, Diskutieren, und macht einem selbst und dem Umfeld das Leben nicht gerade leichter.
Andererseits gibt es auch positive Auswirkungen, dass schöne Dinge und Erlebnisse hochsensible Menschen sehr tief berühren können und ihnen viel Kraft verleihen. Hochsensible sind oft sehr fantasievoll, empfänglich für diverse leise Zwischentöne, sehr verständnisvoll und mitfühlend, sie können häufig gut planen und strukturieren.
Wie geht man damit um?
Insgesamt werden aber meist die belastenden Aspekte als stärker empfunden, weil diese im Umgang mit anderen und im Alltag häufig stärker wahrgenommen werden. Das Unverständnis, das viele hochsensible Menschen im Umgang mit anderen erfahren, führt dazu, dass sie sich vermehrt hinterfragen, für irgendwie „verkehrt“ halten, für zu empfindlich, kompliziert, anstrengend… was auch immer ihnen vorgeworfen wird und sie dann zum Teil selbst irgendwann von sich glauben, dass sie dies sind.
Dann wird häufig versucht zu verdrängen, sich anzupassen, zu funktionieren, nur nicht aufzufallen oder anzuecken… was zu inneren Kämpfen und Anspannung führt. Hochsensibilität lässt sich jedoch nicht ablegen, es ist nicht möglich sich diese Filter im Kopf anzutrainieren, sich ein dickeres Fell zuzulegen, wie es oft gefordert wird.
Was aber geht, ist sich Strategien zu erarbeiten, die einem helfen, mit Situationen umzugehen. Pausen, Ruhe, Ausgleich schaffen, sich Zeit nehmen zur Verarbeitung. Positive Dinge wie Hobbys und angenehme Kontakte pflegen. Grenzen setzen lernen, für Aufklärung im Umfeld sorgen (wo nötig), sich auf die Stärken konzentrieren.
Sich möglichst Ventile zu schaffen, zum Beispiel im kreativen Bereich (Malen, Texten…) im Herauslassen (Sport, Tanzen, Singen…), Sich-Erden (Natur, Achtsamkeit…).
Was auch wichtig ist: sich mit Gleichgesinnten umgeben und austauschen, die einen verstehen. Das Wissen: es gibt andere, denen es ebenso geht, hilft ungemein!
Abtauchen – Auftauchen – Luft schöpfen
Dass ich das alles so klar benennen kann, ist noch nicht lange so. Lange habe ich mir selbst nicht erklären können, warum ich so funktioniere, wie ich funktioniere – warum mich Dinge treffen, die andere scheinbar kalt lassen, warum ich nach einem Wochenende voller Menschen tagelang Ruhe brauche, warum mich bestimmte Situationen so viel mehr kosten als andere. Es brauchte erst eine Krise, um mich damit wirklich auseinanderzusetzen.
Einige von Euch wird meine Ankündigung im Herbst letzten Jahres verwundert haben, Spontis nach etwa 10 Jahren aktiver Beteiligung den Rücken zu kehren.
Das letzte Jahr war für mich aus vielerlei Gründen nicht leicht und ich kam an einen Punkt, wo ich nicht mehr weiter konnte und Abstand brauchte (auch zur Szene), vieles aufarbeiten und verstehen lernen musste, wofür ich mir dann auch Hilfe gesucht habe. Inzwischen verstehe ich besser, warum das alles so gekommen ist, und ich habe einige interessante Dinge gelernt und erfahren, die vermutlich nicht nur mich selbst betreffen, sondern hier auch für andere ein Thema sein könnten.
Was mich betrifft
Mir selbst half die Erkenntnis, als hochsensibel eingeordnet zu sein, einiges zu verstehen und anders zu bewerten – was mich selbst und meine Mitmenschen betrifft. Plötzlich ergab vieles einen Sinn: Warum mein Leben oft kompliziert ist, warum ich schon als Kind gemobbter Außenseiter war, ich manchmal anders ticke als mein Umfeld, Missverständnisse auftreten, obwohl mir eine hohe Empathie nachgesagt wird. Warum ich Emotionen und Empfindungen anderer spüre, als wären es meine, sogar über Probleme anderer grüble. Mein Gerechtigkeitsempfinden ist sehr ausgeprägt und ich reagiere oft so heftig auf Rücksichtslosigkeit, dass ich nicht anders kann, als den Mund auf zu machen.
Auch wenn ich nun besser darin bin, meine Grenzen zu erkennen und auch mal Grenzen zu setzen, fällt es mir immer noch nicht leicht, Erwartungen nicht zu erfüllen. Ich brauche Zeit, Eindrücke zu verarbeiten, sacken zu lassen, möchte mich einer Sache ganz widmen können. Zeit für mich zum Verarbeiten, Erholen, Erden. Wichtig ist mir dabei sowohl viel Zeit für mich allein als auch der Austausch mit Gleichgesinnten und der „safe space“ unter ihnen, um mich weniger hinterfragen zu müssen.
Freunde, Haustiere, Natur und Hobbys sind meine Kraftquellen, ebenso Musik – die fühle ich besonders stark und verspüre sehr schnell den Drang, intensiv zu tanzen. Beim Tanzen vergesse ich alles um mich herum, gerate in einen „flow“, weshalb Störungen jeglicher Art regelrecht katastrophal für mich sind und ich heftig reagiere.
Szene bleibt safe space?
Den größten Teil meines Lebens – seit meinem 15. Lebensjahr, nun bin ich Anfang 50 – war die Schwarze Szene für mich überwiegend etwas, wo ich mich wohl fühlte, wo ich viele Menschen getroffen habe, die mir zum Teil immer noch nahestehen und mit denen ich wunderbaren Austausch, aber auch viel Spaß hatte und habe. Diese Zusammengehörigkeit und der „Rote Faden“, den ich durch die Szene im Leben spürte, haben mich in vielen Lebensphasen begleitet und zum Teil auch gestützt.
Besonders in den letzten Jahren beobachte ich jedoch leider auch innerhalb der Szene vermehrt unschöne Entwicklungen, die einen Trend der Gesellschaft spiegeln: Gedankenlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Ob es das Verhalten auf der Tanzfläche ist (Reindrängeln/Querlatschen) oder bei Konzerten (lautes Dauer-Quatschen), sexuelle und tätliche Übergriffe oder Ignoranz (Rauchverbot). Aber auch respektloser Umgang, vor allem im Internet. Kontakte verlagern sich zunehmend in soziale Medien.
Das führt dazu, dass ich mich innerhalb der Szene nicht mehr so heimisch und wohl fühle, wobei hier immer noch die größte Schnittmenge für mich herrscht im Vergleich. Dunkle Musik ist für mich weiterhin Kernthema, Tanzen ein wichtiges Ventil und mein Kleidungsstil ist nunmal eindeutig „eingeschliffen“ – ich steck in dieser Haut. Auch sind die meisten meiner engen Freunde Goths. Fest steht aber, dass ich bei Festivals, also auch dem WGT, pausieren werde, weil es für mich einfach zu anstrengend ist, zu viel Input auf Dauer. Ich genieße es nicht mehr richtig. Die Zeit nutze ich dann lieber für andere Dinge, die mir Freude machen, und für kleine einzelne Veranstaltungen, wo ich nicht zu schnell „übersättigt“ und gestresst bin.
Vielleicht finden sich ein paar von Euch in manchen Punkten wieder. Vielleicht auch nicht – und das ist völlig in Ordnung. Mir ging es nicht darum, der Szene eine Diagnose zu stellen, sondern darum, eine Frage aufzuwerfen, die ich für wichtig halte: Was macht die Schwarze Szene eigentlich zu dem besonderen Ort, der sie für viele von uns ist? Und was passiert, wenn wir nicht darauf achten, das zu bewahren?
Denn wenn es stimmt, dass sich hier überdurchschnittlich viele sensible, nachdenkliche und tiefgründige Menschen versammeln – und vieles deutet darauf hin –, dann hat das Konsequenzen. Dann ist der respektvolle Umgang miteinander nicht nur eine Frage der Höflichkeit, sondern das Fundament dessen, was diese Szene zusammenhält. Dann ist jede Rücksichtslosigkeit auf der Tanzfläche, jeder Übergriff, jedes gedankenlose Verhalten nicht nur ärgerlich, sondern ein Riss in genau dem Schutzraum, den viele von uns nirgendwo anders finden.
Passt auf diesen Ort auf. Ich glaube, er ist für mehr Menschen wichtig, als wir ahnen.
Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal und keine klinische Diagnose. Die Schwarze Szene ist kein Sammelbecken für psychische Erkrankungen – sie ist ein Raum, in dem Eigenschaften wie emotionale Tiefe, Nachdenklichkeit und Sensibilität nicht als Makel gelten, sondern als Teil des gemeinsamen Selbstverständnisses. Wer das Gefühl hat, unter seiner Sensibilität zu leiden, oder vermutet, dass andere Ursachen (z. B. Depression, Angststörung, AD(H)S) eine Rolle spielen könnten, sollte professionelle Unterstützung suchen.



Mein Goth, das ist so wunderschön geschrieben…
Vielen herzlichen Dank, werte Tanzfledemaus, für die Platzierung dieses auch für mich ganz besonderen Themas!
Vielen lieben Dank, bin ganz gerührt…!