Gleichklang – Wie ein Festival in Dresden eine Freundschaft sichtbar machte

Im Herbst 2024 bin ich alleine zum Cold-Hearted-Festival nach Bochum gefahren. 2025 wollte ich mit meinem ältesten Freund Niko zum selben Festival nach Dresden – und eigentlich wieder einen Festivalbericht darüber schreiben. Aber dieses Mal stand eine andere Geschichte im Rampenlicht: eine über Musik und eine Freundschaft, die ich gerne erzählen möchte.

Der Trip nach Bochum war ein Experiment gewesen. Allein unterwegs, weil meine Begleiter keine Zeit hatten oder schlicht zu alt für Eskapaden dieser Art waren. Der Gedanke an den Solo-Trip tief ins Herz des Ruhrgebiets ließ ein flaues Gefühl in der Magengegend aufkommen. Doch die Reise entpuppte sich als mein persönlicher Grufti-Jakobsweg für zeitlich eingespannte Familienväter.

Wenn schon der kurze Ausflug in die Matrix so befreiend war – wie würde sich dann ein Besuch des richtigen Festivals in Dresden anfühlen?

Die Kassette in Nikos Zimmer

Um 2025 nicht wieder leer auszugehen, wurde das Ticket so schnell wie möglich bestellt. Zwei Wochen vor der Abreise klingelte das Handy. Niko war in der Leitung. Wir hatten uns Mitte der 90er kennengelernt. Beide zuvor von der Realschule mehr oder weniger unehrenhaft entlassen, zusammengepfercht mit dem Rest der Lernunwilligen im Berufsgrundschuljahr, Fachrichtung Wirtschaft und Verwaltung, Jahrgang 1997.

Seit Beginn des Schuljahres waren wir Banknachbarn. Das erste Treffen fand in Nikos Jugendzimmer statt – im Vergleich zu meinem penibel sauber. Er hatte mir angeboten, meine ausgeliehenen CDs von Lacrimosa, Goethes Erben und Project Pitchfork auf Kassette zu überspielen. Ich besitze sie bis heute.

Was folgte, war eine beispiellose Abfolge an Partys mit teils wirklich ehrlosem Ausgang. Die Morgen, Tage und Nächte in Nikos Kellerwohnung und meinem Dachgeschosszimmer wurden ausnahmslos von lauter Musik begleitet – bis die Nachbarn vor der Tür standen oder die Eltern dem Treiben durch einen Anschlag auf den Sicherungskasten ein jähes Ende bereiteten. Die verordnete Zwangspause währte meist nicht lange und schon reichten sich Marc Spoon und L’Âme Immortelle die musikalischen Hände. Sobald wir beide den Lappen in der Tasche hatten, wurde das Partygeschehen ins Umland verlagert. Begleitet von Universal Nation fuhren wir das Dark Awakening an und ließen auf dem Weg zum Palazzo In Strict Confidence ihr Zauberschloss errichten.

Dann kam das Leben dazwischen, wie es das eben tut. Niko heiratete, ich heiratete, Kinder kamen, die gemeinsamen Abende wurden seltener und irgendwann blieben sie ganz aus. Bis Niko sich unvermittelt von seiner Frau trennte – oder besser gesagt, sie von ihm. Seitdem waren wir wieder zusammen auf schwarzen Partys unterwegs.

An jenem Abend am Telefon hatte er viel Zeit und wollte wissen, wann die nächste Party ist. Bevor mein Gehirn realisieren konnte, was geschieht, formulierte mein Mund die Frage, ob er mich zum Festival in Dresden begleiten möchte. Er überlegt und meldet sich, sagte er.

Fünf Stunden Autobahn

Ein paar Tage später die Zusage. Dresden war natürlich schon ausverkauft, aber der Gebrauchtkartenbasar war ergiebig. Nur meine spirituelle Erleuchtung – mein Grufti-Jakobsweg als Soloreise – hatte mit der neuesten Entwicklung einen Todesstoß erlitten. Vorerst.

Am Tag der Abreise stand der lang ersehnte Leasingwagen vor der Tür. Taschen einladen, pünktlich um halb acht los. Und dann: fünf Stunden Autobahn.

Eine Trennung nach zwanzig Jahren Ehe spült viele Erinnerungen und Emotionen an die Oberfläche. Da ich mich in der Rolle des Zuhörers eher heimisch fühle, habe ich meinem Freund die nächsten fünf Stunden Gehör geschenkt. Ich habe neben Bekanntem Dinge erfahren, die ich nie vermutet hätte. Das hat meine Perspektive auf Niko verändert und mir einmal mehr gezeigt, dass ich meine eigenen Annahmen von Zeit zu Zeit hinterfragen sollte.

Ankommen, einchecken, Mittagessen, Schläfchen. Dann ging es los.

Der Schlachthof

Eine lange Schlange von Menschen vor dem Schlachthof in Dresden
Eine lange Schlange von Menschen vor dem Schlachthof in Dresden | (c) hr-pictures.de

Den Weg zum Alten Schlachthof haben wir in zwanzig Minuten hinter uns gebracht. Vor dem Eingang hatte sich eine Schlange gebildet, die begierig auf den Einlass wartete. Der schwarze Tross setzte sich in Bewegung. Kurz vor dem Scanner befiel mich die Frage, ob das privat erworbene Ticket dem Laser standhalten würde oder ob wir einem Betrüger aufgesessen waren. Wir durften passieren.

Von innen machte der Schlachthof seinem Namen alle Ehre. Ein Bau des 19. Jahrhunderts – außen Backstein, innen hohe Decken und rohe Zweckmäßigkeit, durchzogen von einer gehörigen Portion Industriecharme. Am Getränkeschalter – diese als Bar zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben – entschied sich Niko für Cuba Libre mit lokaler Billig-Cola. Ich nahm Sekt im Plastikbecher. Zum Wohl.

Lovataraxx eröffnete den Abend. Der Act aus dem Hause Cold Transmission erwies sich als perfekter Opener, die Sängerin fegte wie ein Derwisch über die Bühne. Niko war sofort elektrisiert – ein Detail, das später noch wichtig werden sollte.

Auf Lovataraxx folgte Ductape, dann Dark, das wir nach drei Songs verließen. Dazwischen ein Abstecher zu Selofan und schließlich der Merchstand von Cold Transmission. Denn die Band hatte Niko dermaßen beeindruckt, dass er unbedingt die Vinyls als Andenken mitnehmen wollte.

Die Band Lovataraxx auf der Bühne.
Lovataraxx sind ein französisches Duo aus Lyon, die sich dem Coldwave und Minimal zugehörig fühlen. | (c) hr-pictures.de

Am Stand sprangen ihm die Objekte seiner Begierde sofort ins Auge. Als Sahnehäubchen organisierte Suzy von Cold Transmission noch eine Widmung der Band. Nachdem sich beide auf dem Cover verewigt hatten, versuchte Niko, die beiden LPs unter den aufmerksamen Blicken von Andreas Herrmann zurück in die Zellophanfolie zu schieben.

Als sich die Prozedur in die Länge zog, wechselte Andreas‘ Blick von aufmerksam zu leicht genervt – bis er nicht mehr an sich halten konnte, Niko die LPs entriss und diese mit geübten Fingern selbst zurück in die Folie schob. Die begleitenden Worte bleiben an dieser Stelle im Dunkeln. Zu groß ist die Gefahr, dass Minderjährige mitlesen.

Licht und Aufbruch

Die letzten beiden Bands des Abends erlebten wir von der Tribüne. Bei Traitrs hat mich etwas überrascht: die Lightshow. Meist nur Mittel zum Zweck, nahm sie plötzlich blaue und rote Farben an, die in den Raum hinein strahlten. In diesem Moment wurde spürbar, dass Licht nicht nur Beiwerk ist, sondern Atmosphäre schaffen kann – wenn man es lässt.

Als Lebanon Hanover als letzter Act loslegte, war der Sound klar und druckvoll. Aber die Anstrengungen des Tages forderten ihren Tribut. Also machten wir uns mitten im Konzert auf den Rückweg ins Hotel und fielen erschöpft ins Bett – offen gesagt nicht restlos glücklich. Die Bandauswahl war 2025 nicht ganz meins.

Aber darum ging es längst nicht mehr.

Der Plattenladen in Mainz

Den Weg nach Hause traten wir direkt nach dem Aufwachen an. Wieder Autobahn, wieder reden. Während wir das Erlebte Revue passieren ließen, schlug Niko den Bogen zurück zu seiner gescheiterten Ehe.

Niko war schon immer extrem musikbegeistert – eine Leidenschaft, die seine Frau so ganz und gar nicht teilte. Musik war sein Katalysator, um emotional herausfordernde Situationen zu verarbeiten. Bis seine Frau dazwischen grätschte: „Mach den Scheiß aus!“

Niko berichtete von vielen solchen Momenten, die Tränen flossen. Er zeigte, wie tief das Nicht-Gesehen-Werden in einer Beziehung verletzen kann. Wie schnell etwas mit einer unachtsamen Handbewegung weggewischt wurde, was ihm von Bedeutung war.

Dann sagte er etwas, das mich traf. Etwas, das ich bis dahin vielleicht nur unterschwellig wahrgenommen hatte, aber nie vollständig an die Oberfläche meines Bewusstseins vorgedrungen war:

Seit ich mit meinen Eltern in das Kaff gezogen bin, war ich ganz allein und Musik mein einziger Lichtblick. Mein Höhepunkt im Monat war, wenn ich mit meinen Eltern in Mainz einkaufen war und ich am Schluss dem Recordstore von Andy Düx einen Besuch abstatten durfte und neue Platten kaufen konnte. Deshalb verstehst du mich. Weil es bei dir genauso war.

Bei Niko war es aufgezwungene Isolation. Bei mir selbst auferlegte Katharsis. Der Effekt war der gleiche. Aber erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie sehr uns das in unserer Biografie verbindet. Eine Art Gleichklang.

Ich war aufgebrochen, um ein Festival zu besuchen. Mein Grufti-Jakobsweg sollte eine Soloreise werden. Stattdessen war es die gemeinsame Fahrt – das Reden, das Zuhören, das Erkennen – die zur eigentlichen Reise wurde.

Nachtrag

Zwei Tage später vibrierte das Handy in meiner Tasche:

Du bist wie ein Bruder, den ich nie hatte, aber mir immer gewünscht hatte. Seit wir das erste Mal in meinem Zimmer eine Kassette aufgenommen hatten. Das war damals der Gamechanger, da wir beide so verrückt nach Musik waren. Gut, dass sich das bis heute nicht geändert hat.“

 

Marc

1998 in die Szene eingestiegen. Musik gehört, Veranstaltungen besucht, Konzerte besucht, Festivals besucht. 2009 bis 2013 nur Musik gehört. Ab Ende 2013 bis 2017 wieder mehr Veranstaltungen, Konzerte und Festivals besucht. Dann Hochzeit und Kinder - keine Musik, keine Veranstaltungen, keine Konzerte, keine Festivals, keine eigenen Gedanken. Jetzt seit Mitte 2023 wieder mehr Musik. Seit Mitte 2024 auch wieder Veranstaltungen und Konzerte.

Kommentare

Kommentare abonnieren?
Benachrichtigung
guest
0 Kommentare
älteste
neuste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen

WGT 2026

Alle Informationen und Artikel über das 33. Wave-Gotik-Treffen 2026

Diskussion

Entdecken

Friedhöfe

Umfangreiche Galerien historischer Ruhestätten aus aller Welt

Dunkeltanz

Schwarze Clubs und Gothic-Partys nach Postleitzahlen sortiert

Gothic Friday

Leser schrieben 2011 und 2016 in jedem Monat zu einem anderen Thema