Musikalischer Briefkasten #24: Romantik, Revolte und Resignation

Fasst die Überschrift „Romantik, Revolte und Resignation“ unsere Szene nicht eigentlich in aller Kürze ganz gut zusammen? Nun, zumindest für mich persönlich durchaus. Und auch die folgende Song-Auswahl lässt sich so wohl ganz gut umschreiben, ohne dass dies tatsächlich bewusst geplant gewesen wäre. Da es aktuell ja nur ein Handvoll regelmäßig aktiver Autoren gibt und ein Tag unseres geschätzten Wizard of Goth a.k.a. Robert natürlich auch nur 24 Stunden hat, hier nun die allererste Leerung des musikalischen Briefkastens durch meine Wenigkeit, Durante, getreu dem Motto: „I’m doing my part!“ – Mag er auch noch so klein sein und nur circa… ähem… zweieinhalb Jahre nachdem Robert und ich schon mal über das Thema gesprochen hatten! Jaja, Tempus fugit…

Als ich den quietschenden Briefkasten vorsichtig öffnete, erwartete ich instinktiv unter einer akustischen Flut aus wahlweise EBM oder NDH begraben zu werden… doch hätte ich nicht falscher liegen können, an Vielfalt mangelte es wahrlich nicht!

Beginnen will ich mit der Band Deep Imagination und deren kürzlich veröffentlichten neuen Album „Come To My Pretty Little Garden“ (ein Titel der den Poeten in mir schon mal neugierig macht) bzw. spezifisch dem Song „The Story of a Brave Heart„. Offiziell beschrieben wird das Album als Zitat „dunkelromantische Klangwelt, die von Neoclassical Darkwave, Postpunk der 80er und von Helden wie Dead Can Dance inspiriert ist„. Dem würde ich hier größtenteils auch zustimmen, Postpunk-Inspirationen höre ich hier jetzt eher weniger heraus, aber Neoklassik und insbesondere der Vergleich zu Dead Can Dance ist meines Erachtens durchaus angebracht:

Gefällt mir, und dies nach jedem Hören noch ein wenig besser. Ruhig, schön verträumt und melancholisch, interessanterweise mit einem gegen Ende durchaus hoffnungsvollen Text? Eigentlich die perfekte Musik für einen gemütlichen Couch-Abend bei Kerzenschein und Rotwein oder einem einsamen Herbstspaziergang.

Manch einer mag Video oder Songtext womöglich als ein wenig „kitschig“ oder pathetisch empfinden, ich aber nicht, denn etwas Pathos schadet überhaupt nicht und gehört zu unserer Szene – spätestens seit den 90ern – auch absolut dazu. Und das selbstgedrehte Musikvideo mit den Musikern und unter anderem Szenen auf einer Burgruine – anstatt sich auf einem fiktiven Friedhof räkelnden makellosen Gothic(?)-„KI-Schönheiten“ die einem auf YouTube auch immer öfter begegnen – finde ich heutzutage einfach nur maximal sympathisch.

Jedenfalls bin ich neugierig auf das sonstige Schaffen meiner bayerischen „Landsleute“ und werde meinen Ohren weitere – auch ältere – Songs der Band gönnen. „Find Your Own Way“ wäre noch so ein Anspieltipp von mir.

Kommen wir nun zum Darmstädter Post-Punk-Duo LATEX und „Ich Verbrenne mich„, dem einzigen deutschsprachigen Song von ihrem demnächst erscheinenden ersten vollwertigen Album „Silk“ – Versprochen wird uns hier Post-Punk mit NDW-Einflüssen, und das trifft es eigentlich schon ganz gut, doch entscheidet selbst:

Musik und Text passen meiner bescheidenen Meinung nach wunderbar zueinander, und auch das minimalistische Musikvideo steht dem Song gut zu Gesicht. Und weil selbiger in seiner elegant gelungenen Schlichtheit nicht vieler Worte bedarf, kommen wir auch schon zu Kandidat Nummer drei…

Dieses mal etwas für die Electro-Fraktion, handelt es sich doch bei Wegwerfhelden (welch famoser Titel!) von „Laut Fragen“ aus Wien um Zitat „elektro post punk“:

Ob ich das musikalisch so beschreiben würde weiß ich nicht, und meinen Geschmack trifft es auch nicht so wirklich – „Interessant“ durchaus ja, aber öfters werde ich persönlich „Laut Fragen“ wohl eher nicht hören. Aber abgesehen davon dass Geschmäcker ja bekanntlich verschieden sind, war es vor allem der kritische und nichts beschönigende Text der mich diesen Song hier mit aufnehmen ließ. Selbst ohne den russischen(?) Originalton zur Songmitte im Hintergrund hätte mich so einiges das hier thematisiert wird sofort daran denken lassen was gerade in vielen Ländern leider an rückwärtsgewandter gesellschaftlicher Indoktrination passiert – und zur kürzlichen Diskussion über Rollenbilder hier auf Spontis passt es im übrigen nebenbei auch noch.

Nun ein elektronisches Stück das ein wenig leichter den Weg in meine Gehörgänge findet und schon einige Monate im Briefkasten auf Entdeckung wartete – Der Song „Reclaim“ vom Debüt-Album „Ascension“ der Ceremony Shadows (USA):

Ich ziehe es zwar immer vor wenn mir mein Dark Wave mit Gitarren „serviert“ wird, aber der Song sagt mir durchaus zu. Ich würde sage, er hat was. Dass die Message „your body is your own“ sich auch in Bezug zum Text des vorhergehenden Song setzen lässt ist gerade purer Zufall, aber äußerst passend.

Kommen wir nun zu etwas rockigerem, denn ebenso auf eine Vorstellung wartete bislang das neue Album „Monsters“ von VOYNA – einem Nebenprojekt des Golden Apes-Frontmanns Peer Leebrecht – hier exemplarisch vorgestellt am sehr eingängigen Song „Waters„:

Ich dürfte sicherlich nicht der einzige sein der hier gewisse Joy Division-Vibes zu erkennen vermag. Stimmungsmäßig etwas unterkühlt und trotzdem auch irgendwie verträumt… weiß mir zu gefallen – Ein Song wie ein ruhiger entspannter Sonntag.

Um zu guter Letzt noch ein weiteres Release aus dem letzten Jahr – Erfreulicherweise ebenfalls wieder mit Gitarren. Das hinter der Veröffentlichung stehende Label beschreibt das Album „Being Human“ von der der schwedischen Band Killing Kind als Zitat „a darker, heavier mix of post-punk, synth pop, and goth“ – Der ausgewählte Song trägt den Titel „Desperately Holding On„:

Gar nicht übel! Sollte es sich mal ergeben würde ich mir die Band definitiv auch live ansehen. Interessanterweise hat der Song trotz seines deprimierenden Themas vom Sound her eine gewisse Leichtigkeit in meinen Augen, beziehungsweise Ohren – Eine Art resignativ-nihilistische Stimmung. Aber das mag jetzt womöglich auch an mir liegen.

Das Mangowave-Magazine hat das Album folgendermaßen beschrieben: „On eleven new tracks, Uppsala’s Killing Kind tell cold, dark, and inconvenient stories of a burning world in which the fire fighters work with gasoline tanks and flame throwers.“ – Und diese metaphorische Beschreibung der Weltlage ist (leider) zu gelungen um sie hier nicht zu zitieren.

Ich hoffe es war zumindest für manche von euch etwas ansprechendes dabei – Wenn nicht dann womöglich ja beim nächsten mal!

Kommentare

Kommentare abonnieren?
Benachrichtigung
guest
13 Kommentare
älteste
neuste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Maren
Maren(@maren)
Vor 1 Monat

Pathos gehört für mich auch unbedingt dazu, wenn man in dunkelromantischen Gefühlen schwelgen will. Daher haben mich „Deep Imagination“ gleich angesprochen, auch das Video. Beim Anhören bin ich auf einen weiteren Song von ihnen gestoßen: „Realm of the Raven“, der mir auch sehr gut gefällt. (Ich mag Raben).
Kontrast dazu: „Wegwerfhelden“. Das ist jetzt auch meiner Meinung nach keine Musik für den Abend zu Hause, aber ja interessanter Text. Ich denke, „Laut fragen“ muss man live sehen. Je nachdem wie die auf der Bühne performen könnte das richtig gut werden. Ging mir mal mit ner Elektropunk Band so: Wider Erwarten haben die mich beim Konzert dann total mitgerissen.
„Voyna“ bin ich bei der Beschäftigung mit dem WGT Line-up schon begegnet. Die haben aber trotz der Joy Division Vibes, die die instrumentale Begleitung ihrer Songs durchaus hervorrufen kann, nicht die höchste persönliche Bewertung bekommen: D.h. ich kann sie mir ansehen, wenn es sich ergibt, muss aber nicht. Sind mir etwas zu ruhig und zu entspannt, gerade weil die Intros zu den Songs Joy Division Vibes geben, fehlt mir dann Schmerz und Zerissenheit. Aber das ist jetzt nur mein subjektives, unmaßgebliches Empfinden.
Richtig genial finde ich dann wiederum „Killing Kind“. Die gehen meiner Meinung nach mit einem gewissen schwarzen Humor an deprimierende Themen. Das Video ist klasse. Die Mischung von realen Bildern und Zeichentrick sorgt auf der einen Seite für „comic relief“, gleichzeitig gibt sie dem ganzen aber eine sarkastische Note. Trifft genau meinen Nerv!
Vielen Dank für Deine Vorstellungen aus dem musikalischen Briefkasten. Man darf gespannt sein, was Du da noch für Musik herausholen wirst.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Maren
Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Vor 1 Monat

Auch wenn ich mich mal wieder unbeliebt mache. Ich tu mich schwer etwas als Post-Punk zu sehen, nur weil es so klingt wie eine damalige Post-Punk Band in den 80ern. Das ist kein Post-Punk, sondern eine Kopie davon. Post-Punk zeichnete sich dadurch aus, dass es experimentell war und sich weiter entwickelt hat. Ein Zurück gab es nicht und Kopie schon gar nicht. Der letzte Song von Killing Kind ist vom Inhalt schon eher Post-Punk. Das spiegelt den Spirit der 80er Jahre Post-Punk Bands schon weit mehr als die Songs davor.

Robert
Robert(@robert-forst)
Antwort an  Black Alice
Vor 1 Monat

Bei mir machst du Dich nicht unbeliebt. :-) Post-Punk war ja mal eine Musikbewegung „nach Punk“, die in den frühen 80ern ihre Runde machte. Insofern ist es äußerst schwierig, diese Bezeichnung auch 40 Jahre später noch aufrechtzuerhalten. Aktuell ist es eine ziemlich verwaschene Genre-Bezeichnung, die auf so ziemlich alles angewendet wird, was „nach 80er Jahre Post-Punk“ klingt.

Du hast also vollkommen recht, dass diese Bezeichnung am eigentlichen Kern der Sache vorbeigeht. Vielmehr beugt man sich heute dieser Verallgemeinerung, um der breiten Masse ein Etikett zu suchen, nach der sie suchen müssen. Ist so ein bisschen wie mit „Industrial“ oder vielen anderen Genre-Aufklebern. Mit dem Kern der Sache habe sie meistens nichts zu tun.

Aber was tun? Neue Genre schaffen? Noch mehr Schubladen eröffnen?

Martin N.
Martin N. (@guest_68050)
Antwort an  Robert
Vor 1 Monat

Vielleicht Post-Post-Punk für 90er Bands, Post-Post-Post-Punk für die 2K Jahre und danach Post-Post-Post-Post-Punk etc. pp.

Ach nee, war doch nur Spaß :)

Die Bezeichnung Post-Punk hat sich über die Zeit etabliert, in der anglo-amerikanischen Musikpresse bereits Ende der 1970er, in Deutschland meines Wissens erst etwas später, in den frühen 80ern (in der SOUNDS?) und irgendwie ist diese Schublade mit der Zeit mitgewachsen und das ist ja auch gut so…

Und wo wir hier schon mal so angeregt über Post-Punk philosophieren, möchte ich die Gelegenheit nutzen und meine aktuelle Post-Post-Post-Post-Post-Punk :) Lieblingsband (leider noch nicht live erlebt) verlinken:

Sad Boys Klub aus Gent – BE

Eldin
Eldin (@guest_68046)
Antwort an  Black Alice
Vor 1 Monat

Ich verstehe, was du meinst, aber ich frage mich, ob „Kopie“ wirklich das passende Wort ist. Wenn eine Band heute bewusst an den Sound und Geist des Post-Punk anknüpft, führt sie doch eigentlich einen Dialog – mit Joy Division, mit Wire, mit Gang of Four, mit all jenen, die diese Klangsprache damals erst erfunden und geprägt haben. Ist das nicht auch eine Form der Auseinandersetzung mit der musikalischen Geschichte?

Das Bewusstsein für die eigene künstlerische Herkunft muss keine Schwäche sein. Wer weiß, woher er kommt, trägt das nicht als Last, sondern als Verbundenheit – als Boden, auf dem eine eigene Stimme, eigene Themen und eigener Ausdruck entstehen können.

Denn letztlich war Post-Punk nie nur ein Klang, sondern eine Haltung. Und eine Haltung kann man teilen, ohne sie zu kopieren.

Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Antwort an  Eldin
Vor 1 Monat

Genau, es ist u.a. auch ein Haltung und diese sehe ich in vielen Bands nicht die man als Post-Punk hält. Überhaupt ist man in unserer Szene viel zu schnell damit etwas als Post-Punk zu bezeichnen. Dabei sehe ich in Bands wie IDLE, Yard Act oder Dry Cleaning mehr Post-Punk, in der Haltung, in den Idealen und dem Hintergrund, als in vielen in unserer Szene. Aber diese Bands gehören nun mal nicht zur schwarzen Szene, wie auch 80% der damaligen PP-Bands nicht dazu zählten. Eigentlich würde ich vieles eher in Goth-Rock einordnen, in Dark Wave und andere Subgenres, aber nicht mehr in Post-Punk. Ja, die Szene ist aus dem Post-Punk entstanden, aber die Zeiten sind schon lange vorbei. Es war nur der Anfangsschubser. Man hat sich sehr weit davon entfernt, was nicht schlecht sein muss nebenbei gesagt, und es hilft auch nicht eine Post-Punk Band aus dieser Zeit zu mimen, wenn die Haltung und der Geist fehlt. Ich nehme es Deutschen Bands einfach nicht mehr ab Post-Punk zu sein, nicht in diesem sauber geleckten, überperfekten Deutschland, wenn man weiß aus welchem Hintergrund Post-Punk entstanden ist. Es ist eher wie eine Karikatur. Wohingegen ich US- oder UK Bands das eher abnehme, weil sie auch heute noch/wieder den Hintergrund haben wie damals Ende der 70er bzw in den 80ern. Auch Deutsche Post-Punk Bands aus der gleichen Zeit hatten diesen, aber heute nicht mehr. Es gibt auch nicht diesen Post-Punk Klang. PP war vielfältig. Es ist einfach nur der Klang ganz bestimmter Bands, also Mimikry. Wo ist da die Haltung?

Maren
Maren(@maren)
Vor 1 Monat

Aus der Genre- Diskussion halte ich mich völlig raus, denn da kann ich als Nicht-Expertin ohnehin nur verlieren. Entweder trifft Musik meine Ader, berührt mich auf irgendeine Weise oder eben nicht. Eine grobe Einteilung hilft mir natürlich, mich zurecht zu finden, aber sie ist nicht maßgeblich dafür verantwortlich, ob mir die Musik am Ende gefällt oder nicht. „Was ist ein Name? Was uns Rose heißt wie es auch hieße…“
Daher möchte ich mich einfach noch einmal bei Durante fürs Vorstellen der Songs aus dem musikalischen Briefkasten bedanken, unter denen für mich mit „Deep Imagination“ und „Killing Kind“ zwei Volltreffer waren.
Was Haltung angeht, nun die erkenne ich bei „Killing Kind“ durchaus. Über die Haltung von „Deep Imagination“ möchte ich mir kein Urteil erlauben, denn manchmal lernt man diese auch kennen, wenn man Künstler live erlebt. Für mich bieten „Deep Imagination“ aber zunächst einmal dunkle Romantik, um mich einfach fallen zu lassen und wohlig in Melancholie zu versinken, gerade zum Rückzug. Weil ich im Job jeden Tag Haltung zeigen muss.

Marc
Marc(@marc)
Vor 1 Monat

Vielen Dank für den schönen Beitrag. Latex durfte ich im Januar im Konzert erleben. Live legt das Duo energetisch nochmal eine Schippe drauf. Wer die Musik mag, dürfte positiv überrascht werden.

WGT 2026

Alle Informationen und Artikel über das 33. Wave-Gotik-Treffen 2026

80s80s ist das offizielle Festival-Radio des Wave-Gotik-Treffens 2026

Diskussion

Entdecken

Friedhöfe

Umfangreiche Galerien historischer Ruhestätten aus aller Welt

Dunkeltanz

Schwarze Clubs und Gothic-Partys nach Postleitzahlen sortiert

Gothic Friday

Leser schrieben 2011 und 2016 in jedem Monat zu einem anderen Thema