Endlich: Joy Division und New Order gehören endlich in die Rock & Roll Hall of Fame

Es gibt Nachrichten, die man erst zweimal lesen muss, bevor man ihnen glaubt. Am 13. April dieses Jahres gab die Rock & Roll Hall of Fame ihre „Class of 2026″ bekannt – und plötzlich stand da, zwischen Oasis, Iron Maiden und Phil Collins, ein Name, der dort schon seit Jahrzehnten hätte stehen müssen: Joy Division und New Order. Nach Jahren des Wartens und einer schwer zu rechtfertigenden Ignoranz wird eine der größten Lücken dieser Institution endlich geschlossen.

Ich gebe zu, ich bin in einer merkwürdigen Stimmung. Freude über eine Auszeichnung zu empfinden, wirkt bei Joy Division fast wie ein Sakrileg – bei einer Band, die uns „Disorder“, „Isolation“ und „Love Will Tear Us Apart“ geschenkt hat. Jubel und „Unknown Pleasures“ – das passt zusammen wie ein Lichterfest auf einem Friedhof. Und trotzdem: Für die Gothic-Szene ist diese Aufnahme mehr als nur eine späte Würdigung. Sie ist eine offizielle Geste, dass die Musik, die viele von uns geprägt hat – düster, introspektiv, aus nordenglischer Trostlosigkeit geboren – in der Geschichte des Rock ’n‘ Roll ihren rechtmäßigen Platz einnimmt. Für mich persönlich fühlt es sich an, als würde man einem stillen Verehrungsort endlich ein Schild aufstellen.

Was ist die Rock & Roll Hall of Fame überhaupt?

Die Rock & Roll Hall of Fame wurde 1983 gegründet und residiert in Cleveland, Ohio. Sie ehrt Musikerinnen und Musiker, die die Entwicklung des Rock ’n‘ Roll nachhaltig geprägt haben. Um in die Kategorie „Performer“ aufgenommen zu werden, muss die erste kommerzielle Veröffentlichung eines Künstlers mindestens 25 Jahre zurückliegen. Nominiert wird von einem Komitee, danach stimmen über 1.200 Musikerinnen, Musiker und Branchenkenner ab – ergänzt durch eine Fan-Abstimmung mit gleichem Gewicht wie eine Einzelstimme.

Neben den acht aufgenommenen Performern der Class of 2026 – Phil Collins, Billy Idol, Iron Maiden, Joy Division/New Order, Oasis, Sade, Luther Vandross und Wu-Tang Clan – werden auch Celia Cruz, Fela Kuti, Queen Latifah, MC Lyte und Gram Parsons als „Early Influences“ geehrt. Die feierliche „Induction Ceremony“ findet am 14. November 2026 im Peacock Theater in Los Angeles statt bestimmt irgendwo gestreamt.

Dass Joy Division und New Order erst jetzt aufgenommen werden, wirkt umso absurder, wenn man bedenkt, dass The Cure bereits 2019 eingezogen sind. Trent Reznor hielt damals die Laudatio und sprach aus, was viele dachten:

Ich gebe zu, ich war, sagen wir mal, ambivalent gegenüber der Existenz bestimmter Preisverleihungen. Ich habe ihre Motive gewohnheitsmäßig mit einer gewissen Portion Zynismus hinterfragt. Ich erinnere mich genau, wie ich zu mir selbst gesagt habe: Wie kann ich diese Preisverleihung ernst nehmen, wenn sie […] The Cure nicht würdigen? Vor nicht allzu langer Zeit bekam ich dann einen Anruf, mit dem ich nicht gerechnet hatte, und nun, hier sind wir. Sagen wir so: Ich war noch nie so glücklich, meine Worte herunterschlucken zu dürfen, wie heute Abend.

Robert Smith und seine Band sind die prägende Stimme, die „Gothic“ über Joy Division hinaus weitertrug – ins Atmosphärische, ins Schillernde, ins Unvergängliche. Ohne The Cure wäre unsere Szene eine andere. Ohne Joy Division gäbe es sie in dieser Form vielleicht überhaupt nicht.

Aus Manchester in die Ewigkeit: Die kurze Geschichte der Joy Division

Joy Division existierten nur wenige Jahre. Was sie hinterließen, war ein Krater. Zwei Alben – „Unknown Pleasures“ (1979) und das posthum erschienene „Closer“ (1980) – sowie Singles wie „Transmission“ und „Atmosphere“ reichten aus, um einen ganzen Stil zu erfinden: industrielle Schwere, urbane Trostlosigkeit, gefriergetrocknete Emotion. Die Bandmitglieder – Ian Curtis, Bernard Sumner, Peter Hook und Stephen Morris – waren Kinder eines ausgebombten Nordens, und ihre Musik klang wie das Echo leerer Fabrikhallen in Manchester.

Am 18. Mai 1980, am Vorabend ihrer ersten US-Tournee, nahm sich Ian Curtis das Leben. Er war 23. Er litt unter Epilepsie, unter dem, was wir heute bipolare Störung nennen würden, und unter einem gesellschaftlichen Klima, das für solche Kämpfe keinen Raum bot. Ich habe über Curtis schon oft geschrieben – über sein Grab in Macclesfield, über die Wucht von „Love Will Tear Us Apart“, über die Art, wie seine Texte direkt in die Seele dringen. Für mich ist er einer jener tragischen Helden, deren Dunkelheit zur Projektionsfläche wurde, ohne dass man Gefahr läuft, sie zu romantisieren. Curtis‘ Schmerz war echt. Er ist nicht Pose. Und gerade deshalb erkennen sich so viele in seiner Stimme wieder.

Was Joy Division in so kurzer Zeit geschaffen haben, ist die Initialzündung der Gothic-Szene schlechthin. Das Pulsar-Bild auf dem Cover von „Unknown Pleasures“ ist zum universellen Symbol geworden – ein Zeichen, das Menschen auf T-Shirts tragen, ohne manchmal zu wissen, woher es stammt. Aber jeder, der es je wirklich gehört hat, weiß: Diese Platte kann dein Leben verändern. Sie kann dich aus der Bahn werfen. Und sie kann dich gleichzeitig retten.

New Order: Vom Schweigen zum Tanzboden

Die drei Überlebenden – Sumner, Hook und Morris – wussten nach Curtis‘ Tod nicht, was sie sonst tun sollten, als weiterzumachen. Sie formierten sich als New Order neu, holten Gillian Gilbert an den Synthesizer, weigerten sich aber zunächst, Joy-Division-Material zu spielen. Bernard Sumner übernahm den Gesang – nicht, weil er es wollte, sondern weil niemand sonst den Job machen wollte. In seinem Buch „Chapter and Verse“ schreibt er selbstironisch, er habe schlicht nicht singen können.

Und doch: Was daraus entstand, ist Popgeschichte. Die Single „Temptation“ von 1982 – neun Minuten zitterndes Post-Punk-Disco-Adrenalin – markierte den Umbruch. „Blue Monday“, „Confusion“, „Bizarre Love Triangle“, „True Faith“: Alben wie „Brotherhood“ und „Technique“ verschmolzen Goth-Düsternis mit Dancefloor-Ekstase. New Order waren weniger „Gothic“ als Joy Division, aber nicht minder einflussreich. Ohne sie gäbe es die elektronische Seite unserer Szene in dieser Form nicht.

Die Band spaltete sich später in zwei Lager. Peter Hook trennte sich und tourt heute mit seiner Band The Light durch dieselben Songs, während Sumner, Gilbert und Morris weitermachen. Man könnte meinen, die Gallagher-Brüder seien im Vergleich ein Kuschelkonzert. Ob Hook und Sumner für die Induction gemeinsam auf einer Bühne stehen werden? Fast niemand glaubt daran. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt – auch wenn sie, wie die Liebe, uns am Ende wieder auseinanderreißen wird.

Endlich

Olivia Rodrigo schwärmte jüngst von The Cure, New Order und Joy Division. Generationen von Musikern berufen sich auf sie. Die schwarze Szene tanzt seit Jahrzehnten zu „She’s Lost Control“. Dass die Rock Hall so lange gebraucht hat, um das anzuerkennen, sagt mehr über die Hall aus als über die Band. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Strittige Entscheidungen gehört zur Hall of Fame dazu. Es befeuert seit 1983 die Mühlen der Musikliebhaber, die sich trefflich und ausführlich darüber streiten, warum diese Band dabei und eine andere wiederum nicht dabei sind.. Und wenn wir uns in Zukunft nicht mehr über das Fehlen von Joy Division aufregen müssen, finden wir bestimmt eine andere Ungerechtigkeit.

Bis dahin: Nun schlaf gut, du dunkler Geist. Dein Platz im Olymp des Rock ’n‘ Roll ist jetzt offiziell. Wir wissen es schon lange. Du hättest es gehasst.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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John Doe
John Doe(@arno-siess)
Vor 1 Stunde

Das war überfällig! Wenn die nicht, wer dann?
Ich hätte ehrlich gesagt nicht vermutet, daß das bis dato noch nicht der Fall war…

Black Alice
Black Alice(@blackalice)
Vor 56 Minuten

Ich bekomme kaum was mit wer so in die Hall of Fame einzieht. Aber schön zu sehen, dass es auch Joy Division und Nachfolgeprojekt es geschafft haben. Sie gehören definitiv dazu.

Ich würde allerdings nicht behaupten, dass es die Szene ohne Joy Division nicht gäbe. Die Szene war schon größer als, dass nur eine Band für oder gegen die Entstehung einer Szene maßgeblich gewesen wäre. Für viele Menschen sind sie aber durchaus ein wichtiges Glied in der Kette und ihr persönlicher Einstig. Für mich könnte ich nicht sagen, dass eine bestimmte Band den Ausschlag gegeben hätte. Es war die Entwicklung all dieser frühen Bands die den Post-Punk entwickelt haben, die den Ausschlag gaben. Ich wäre dabei geblieben auch wenn es eine davon nicht gegeben hätte. Du hast in die Plattenkiste gegriffen und jede Band war für sich interessant und mit jeder Platte die man raus nahm zum probehören wurde die Begeisterung immer größer. Es gab danach keine Musikströmung mehr die mich so mitgerissen hat wie damals der Post-Punk. Es fing ja schon 1977 mit den Talking Heads, Television und Konsorten an. Boah, war ich damals jung…

John Doe
John Doe(@arno-siess)
Antwort an  Black Alice
Vor 45 Minuten

Willkommen im Oldie-Club! Meine erste Vinyl war „Remain In Light“ von den „Talking Heads“… 😃

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