Vielleicht erinnert ihr euch. Ein ganzes Jahr habe ich euch als „Graveyardqueen“ mit vor die Konzertbühnen genommen. Ich versuchte, euch einen Einblick zu geben, was ich sah, fühlte und wahrnahm. Den Beat unter meinen Füßen. Die bunten Lichter, die sanft mein Gesicht küssten. Das Abtauchen in die Musik und das kurze Loslassen aller Gedanken. Aber nie nahm ich euch in das „Danach“ mit. Nie in meine Gedanken „Davor“. Je älter ich werde, desto mehr rückt aber genau das in den Vordergrund. Und vermutlich geht es nicht nur mir so. Ist es also Zeit für die Grufti-Rente?
Für mich war älter werden nie ein großes Thema. Und ich habe mich nie so alt gefühlt wie die Zahl im Ausweis. Bis zum 28. März dieses Jahres. Ein Tag, der nicht nur Erkenntnisse brachte, sondern auch ganze Gedankenschwalle in Gang setzte. Aber was war passiert?!? Ich erzähle es euch!
Ein Konzert rüttelt am Mindset
Es war lange Zeit unsicher, ob das Lebanon-Hanover-Konzert in Leipzig mit mir im Publikum stattfindet. Umso glücklicher war ich, als sich für mich alles zum Positiven wendete. Spielstätte war der Felsenkeller. Ein halbes Jahr vorher genoss ich dort noch das Hell Nights 2025. Die Betonung liegt hier auf „NOCH“!!!
Ich schaffte es an diesem Abend bis in die dritte Reihe vor. Das Publikum um mich herum war bunt gemischt. Von 20 Jahren bis Ü40 war alles vertreten. Bis hierher war noch alles gut. Die anderthalb Stunden Warten sollten allerdings die Wendung bringen.
Und zum ersten Mal in über 25 Jahren Szenezugehörigkeit dachte ich mir „Ich werde zu alt für diesen Scheiß!“
Eigentlich fing es schon damit an, dass ich mich aufraffen musste, überhaupt das Hotelzimmer zu verlassen. Ihr glaubt gar nicht, wie toll es sein kann, einfach im Bett zu gammeln. In der Woche hat man keine Zeit dafür, weil die Arbeit den Tag bestimmt. Und am Wochenende wartet meist Haushalt und dergleichen. Also genießt man, wenn man 100 Kilometer in der Ferne ist. Weit weg von Verpflichtungen.
Der Drang, die Zeit sinnvoll zu nutzen, ist aber immer größer. Und die Tatsache, dass man das Ticket in der Tasche hat, ein guter Antrieb. Also stand ich nun wartend vor der Bühne. Immer wieder auf die Uhr schauend. Langsam genervt und mit Rückenschmerzen vom Rumstehen. Auch die Müdigkeit fing an, sich breit zu machen.
Gedanklicher Umbruch
Je voller es wurde, desto mehr fühlte ich mich wie in einer Ölsardinendose. Und auch die Geräuschkulisse nahm auf eine störende Weise zu. Ich sehnte mich nach meinem kleinen Ostpol in Dresden herbei. Fing an, kleinere Locations, wie die Moritzbastei, zu schätzen. Und da fühlte ich es plötzlich! „Ich werde zu alt für diesen Scheiß!“
Ich gönne Bands ihren Erfolg! Dieser Abend zeigte mir aber auch ganz klar: Je erfolgreicher Bands werden, desto größer werden die Locations und desto mehr geht der Flair verloren. Und genau das, spricht mein kleines schwarzes Herz nicht an. Umso mehr bestärkte es mich darin, mein Augenmerk intensiver auf kleine Projekte und Veranstaltungen zu richten. Auch in Hinblick auf mein Wirken bei Spontis. Die „Großen“ haben schon genug Aufmerksamkeit!
Da passe ich nicht dazu!
In dieser langen anderthalben Stunde wurde ich allerdings auch unfreiwillig Zuhörer. Ich finde es interessant, wenn Menschen sich vor der Bühne über Musik und Szene austauschen. Und gerne bin ich auch Teil davon. In diesem Fall unterhielten sich allerdings zwei Mädels um die zwanzig mit einer Frau meines Alters.
Nun was soll ich sagen: In dieser Zeit erfuhr ich gefühlt das komplette Leben der beiden jungen Damen. Von beruflicher Situation, über Krankheiten bis zu alten Teenie-Idolen. Für mich Nonsens über Nonsens. Einzig kurzer interessanter Moment war, als es um deren geplantes Sister Of Mercy Konzert ging. Die beiden freuten sich schon darauf. Anscheinend war der schlechte Ruf der Sisters noch nicht bei ihnen angekommen.
Ich überlegte kurz, ob ich mich reinhängen sollte. Dann hätte ich ihnen vermutlich aber alles vermiest. Also handelte ich entgegen meiner eigentlichen Art und schwieg. Aber auch an dieser Stelle realisierte ich: „Ich werde zu alt für diesen Scheiß!“. Versteht mich nicht falsch, es ist toll, dass die Szene Nachwuchs hat. Den benötigt sie auch. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass ich in einer völlig anderen Bubble lebe, als sie. Und der Gedanke nach Rückzug ist da nicht weit.
Zeit in Grufti-Rente zu gehen!?
Mancher Tage wäre es vermutlich auch angebracht, in Grufti-Rente zu gehen. So sehr ich es liebe, den Konzerten beizuwohnen, so sehr ziehen sie auch Energie. Meist schlafe ich in Konzertnächten schlechter als so schon. Früh quäle ich mich dann bei Zeiten aus dem Bett, damit ich nicht zu spät loskomme. Mein Kopf ist da bereits beim Haushalt, der liegen geblieben ist. Und auch der Arbeitsalltag steht gedanklich schon wieder vor der Tür. So auch an dem Sonntag danach.
Nach fast zwei Stunden Fahrt kam ich zerknirscht in meiner Wohnung an. Wie tot fiel ich erst mal auf mein Sofa und blieb dort für Stunden regungslos liegen. Irgendwann dachte ich mir: „Bisschen was muss noch werden.“ Also erledigte ich das Nötigste. Ehe ich mich versah, war es Abend. Das Wochenende war gelaufen und ich völlig hinüber. Mein einziges Ziel war das Bett.
Und da war sie prompt wieder! Die Erkenntnis: „Ich bin einfach zu alt für diesen Scheiß!“ Statt Erholung hatte ich ein weiteres Mal das Gegenteil erreicht. Das komplette Wochenende auf Achse gewesen und null Energie getankt. Dennoch stand ich 14 Tage später wieder vor einer Konzertbühne. Dieses Mal in kleinerer Location. Am Tag darauf aber genauso platt!
Aber Hand aufs Herz – geht es nur mir so? Bin ich wirklich zu alt für „diesen Scheiß“? Für lange Konzertabende und die Entwicklung der Szene? Oder ist es an mancher Stelle gar ein Umorientieren? Eine neue Verteilung von Prioritäten? Ein „Back to the Roots“? Sich von Dingen distanzieren, die nicht dem eigenen Schwarz entsprechen? Der Lauf der Dinge? Ich denke, es trifft von allem ein bisschen zu.




Hmm… Ich würde da nicht gleich so schwarz sehen. Klingt für mich eher nach ner depressiven Phase bzw. allgemeinen Überlastung statt Alters Frage. Wenn dir die Arbeit bzw. Alltag so wenig Raum zur Erholung lassen, wäre es evtl. sinnvoll, hier zu schauen, was sich ändern ließe (bei Depressionen und Burn-out z.B. passiert es häufig, dass einem selbst das, was wichtig war und Freude gemacht hat, plötzlich bedeutungslos wird) . Ehe du jetzt eine für dich wichtige Ressource aufgibst, die dir eigentlich viel bedeutet (die Frage ist auch, gibt es in deinem Leben und an eigenen Interessen genug, was diese Lücke füllen könnte) und lange auch positiver Ausgleich war.
Vielleicht ist eine Pause gut, in der du schauen kannst, wie es dir damit geht und eine Bestand Aufnahme machen kannst, was dir gut tut, was dir Kraft raubt und wo sich etwas ändern ließe (vielleicht eine zeitlang weniger Stunden arbeiten, hab ich mit meinem Arbeitgeber auch mal vereinbart, dann kannst du wieder mehr auftanken und wenn du in der Zeit eh nicht weggehen magst, trifft die befristete Gehalts Einbuße auch nicht so stark).
Edit: ich denke, viele langjährige Szenegänger kennen solche Phasen und Gedanken. Ich hatte die auch schon, immer wieder mal. Letztlich ist wichtig, welchen Stellenwert du dem, was die Szene für dich ausmacht, noch gibst. Und ob es mehr äußere Einflüsse sind oder innere, die diese Fragen hervorrufen. Was man anders machen würde, wenn man die Szene hinter sich lassen würde und ob es eine schmerzhafte Lücke gäbe oder nicht…
Hm, möglicherweise hat Tanzfledermaus recht und du beschreibst hier vielleicht(!) auch eher Symptom als Ursache… ich weiß es aber natürlich nicht, kann und will sowas auch gar nicht beurteilen. Aber ich glaube du solltest dir selbst und deiner früheren (aus deinen Texten damals gut herauslesbaren!) Leidenschaft für Konzertbesuche zu liebe zumindest über die Möglichkeit nachdenken dass da theoretisch auch „mehr dahinterstecken könnte“ (und wenn du zu dem Schluss kommst dass dem definitiv nicht so ist, hast du dadurch ja auch nichts verloren :) – Man sollte der eigenen Gesundheit wegen nur alles in Frage kommende mal in Betracht ziehen). Kann aber natürlich sein dass du das schon längst hast, dann bitte ich das vorhergehende einfach zu ignorieren. ;)
Was die Tatsache angeht dass man beim Belauschen einer Diskussion zwischen zwei 20-jährigen als Mensch Ende 30 – Anfang 40 evtl. nur wenig Gemeinsamkeiten erkennt (und irgendwann vielleicht das Bedürfnis verspürt mit den Augen zu rollen ^^ )… ist tatsächlich eine Sache des Alters (oder eher echten „Erwachsenseins“?), und hat mit der Szene an sich wenig zu tun denk ich. In selbiger bewegen sich halt am Ende auch nur Menschen (auch wenn unsereiner sich gerne einredet „wir“ wären „ganz anders“… sind wir am Ende halt (leider?) nicht).
Hm… wenn du mich so fragst: Jein. Das Gefühl sich nicht mehr recht aufraffen zu können oder zu wollen kenn ich sehr gut, nur aus anderen Gründen. Ich mache Konzert- und Club-mäßig aktuell nicht mehr viel weil ich irgendwie keine Lust habe absolut immer immer alles allein zu machen (manche stört das nicht aber ich empfinde es als demotivierend, ist halt für mich ein Unterschied ob man die jeweils mindestens 3 stündige Hin- und Rückfahrt (und beim von dir beschriebenen Warten usw. usw.) auch hin und wieder mal jemanden zum Quatschen hat oder nicht). Und da meine Freunde und Bekannten wahlweise entweder halt nicht aus der Szene sind ODER in gänzlich anderen Ecken Deutschlands wohnen unternehme ich wenn dann entsprechend halt primär Dinge die mit der Szene nix zu tun haben (oder nur am Rande). Das ist für mich als Mensch der wenig so sehr schätzt wie ein gutes Gespräch dann einfach am Ende die bessere Option als z.B. alleine unter Fremden auf Parties rumzuhängen (und sei die Musik dort auch noch so gut), da bin ich inzwischen einfach recht pragmatisch und nehme die Dinge hin wie sie nunmal sind bzw. mach einfach das beste daraus.
Dass es mir „zu anstrengend“ gewesen wäre die letzten male kann ich aber jetzt nicht sagen (und wenn ich z.B. mal weggehe bedeutet das – allein wegen der Zugfahrpläne – automatisch immer die Nacht durchzumachen), deshalb denke ich nicht dass das jetzt generell primär mit „dem Alter“ zu tun hat (sonderlich weit auseinander dürften wir diesbezüglich ja nicht sein soweit ich mich erinnere). Auch deshalb meinte ich vorhin es könnte mehrere Gründe geben für diese Erschöpfung die du beschreibst (evtl. auch eine Kombination aus mehreren Gründen). Das MUSS aber natürlich nicht zwingend so sein, Menschen sind ja verschieden (und ich z.B. bin generell auch ein „Nachtmensch“ und bleibe selbst wenn ich Zuhause bin an Wochenenden oft lange wach).
Aber unabhängig von den Gründen, Tanzfledermaus hat definitiv recht mit „Vielleicht ist eine Pause gut“ – Du wirst dann ja auch irgendwann merken ob dir vielleicht etwas fehlt… oder eben nicht. :)
Das möchte ich hier ausdrücklich unterschreiben. Zweifel sind normal. Hat jeder der „lange dabei“ ist wohl irgendwann (aus unterschiedlichen Gründen). Irgendwann hat ja auch (fast) jeder auch diesen spezifischen Erkenntnis-Moment „ah, Gruftis sind ja gar nicht pauschal ‚bessere nettere sensiblere Menschen‘, auch in der Szene gibts nun mal rücksichtslose Deppen…“ – Das ist so und gehört wohl einfach alles mit dazu.
Und zu guter Letzt: Wenn du zu dem Schluss kommst dass Konzerte usw. wirklich einfach nichts mehr für dich sind, dann ist das ja auch völlig ok, und vor allem: Es muss auch nicht zwangsläufig einen Verlust der eigenen Identität bedeuten (es sei denn das ist inzwischen genau das was man möchte) – Das „Grufti-sein“ kann man ja auch durchaus anders für sich definieren. Weniger Party, mehr entspannte Friedhofsspaziergänge und Musikgenuss bei Kerzenschein und/oder einem Glas Rotwein – Wenn wir so um die 70 sind wird es dann wsl. sowieso so kommen, naturbedingt. ;)
PS: „Persönlichere“ Konzerte in kleineren Locations SIND auch besser, DAS postuliere ich hier einfach mal als Fakt! ;D
Kann ich nachvollziehen. Mal ganz technisch ausgedrückt: Der Sollzustand (Tanzen, Feiern) und der Istzustand (auf der Couch chillen) sind immer öfter weit auseinander. Dabei ist es bei uns oft so, dass wir zu den entfernteren Events eher noch fahren, da wir dazu Karten und ggf. Hotelbuchung vorher schon erledigt haben und als Sparfüchse meist auf Storno-Option verzichten (kann natürlich auch mal nach hinten losgehen). Dann rafft man sich auf und wenn man erst mal dort ist, wird es doch meist wieder ein wirklich schönes Erlebnis. Aber bei den Partys und Konzerten vor Ort, bei denen man spontan sein kann, ist es zuerst eine große Vorfreude und wenn der Termin zum Fertigmachen heranrückt, obsiegt die Faulheit immer öfter.
Der Unterschied zu der Beschreibung von Graveyardqueen liegt dann eher darin, dass sie auch dann hadert, wenn sie bereits vor Ort ist. Das ist mir bisher nicht passiert, oder zumindest noch nicht. Selbst wenn ich bis kurz vor Eintreffen an einer Location noch nicht in Partylaune sein sollte; wenn die Musik erklingt und man dann noch ein paar Freunde trifft und man auf der Tanzfläche ist oder das Konzert genießt, bin ich wieder im gewünschten Modus. Aber das ist ja auch nur eine Momentaufnahme. Mal schauen wie man sich hält und welche Wechselwirkung zwischen Wollen und Können in der Zukunft auftreten.
Und Grufti-„Rente“? Neee… für das Gruftisein braucht es nicht zwingend Clubs und Konzerte, da reicht mir die Einstellung zum Leben / Tod und die Liebe für einen bestimmten Stil.