26 Juni

Kinder der Nacht – Der MDR zum Wave-Gotik-Treffen 2017

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Valentin und seine Freunde - MDR ScreenshotDer MDR ist zum offiziellen Sender des Wave-Gotik-Treffens geworden und das meine ich tatsächlich nicht im negativen Sinne. Mit wiederkehrender Intensität beschäftigt sich die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt mit den Pfingsttagen in Leipzig und hat auch 2017 viel Interessantes dazu produziert. Man kann diese Neugier jetzt sehen wie man möchte, ich für meinen Teil empfinde das als Glück im Unglück. Warum? Am liebsten hätte man das WGT ja so wie damals in den 90ern: klein, intim, abgegrenzt und undergroundig. Früher in Deutschland kaum wahrgenommen und wenn, dann eher argwöhnisch und ängstlich betrachtet. Damals, als Leipzig noch eine große Ruine war und als die Szene sich im kleinsten Kreise versammelte. Man kann es also 2017 für Unglück halten, dass das Treffen zum bekanntesten und größten Gothic-Treffen der Welt geworden ist und nicht nur der Szene Platz bietet, sondern auch Trittbrettfahrern und Touristen, mit denen auch Kommerzialisierung und Popularität einhergehen. Aber so ist es nun mal. Glück ist es da schon, wenn man sich ernsthaft mit der Szene auseinandersetzen möchte und distanziert beschreibend bleibt und nicht nur auf das plakativ Provozierende setzt.

Auch in diesem Jahr hat der MDR wieder eine kleine Dokumentation herausgebracht, die sich mit der Szene und einigen ihrer Protagonisten beschäftigt und die einen kleinen Einblick in deren Szene-Leben ermöglichen. Und, um es vorweg zu nehmen: Sieie ist sogar ganz gut gelungen, spielt man endlich weniger als üblich den Erklärbär dieser unserer Subkultur, sondern eher den Geschichtenerzähler, der von der Reise in die Szene ein paar Anekdoten mitbringt. Auch wenn die meisten von Euch die Dokumentation schon gesehen haben, wollte ich die Gelegenheit eröffnen, sich darüber auszutauschen, jetzt, wo die Depressionen über das Ende des Events den schönen Erinnerungen gewichen sind, die das Treffen bei vielen hinterlassen hat.

Das Skelett ausgetauscht gegen die Freundin

Leichenwagen - MDR Screenshot

Karsten und Lisa haben ihren Leichenwagen zum Schlafgemach in roten Samt gehüllt.

Karsten hat das Skelett auf der Beifahrerseite seines Leichenwagens gegen seine Freundin ausgetauscht, die – so räumt er ein – auch besser aussieht. Ein paar Wochen vor dem Wave-Gotik-Treffen hat er sich seinen inzwischen dritten Leichenwagen gekauft, den er zusammen mit Lisa noch auf Vordermann bringt. Den Rost des 95er Opel Omega entfernt er. Ein Innenausbau mit rotem Samt und ein paar Aufkleber machen aus dem 2000 Euro Schnäppchen ein standesgemäßes Gefährt für einen Grufti. Okay, die silberne Außenfarbe gibt Abzüge in der B-Note. „Karsten und Lisa stellen ihre Mitbürger auf eine harte Probe„, heißt es im Bericht. Seinem Arbeitgeber sei es nicht recht gewesen, wenn er nach der Arbeit mit einem Leichenwagen vom Hof fährt. Karsten findet das ein wenig engstirnig.

Für das Wave-Gotik-Treffen ist jedenfalls alles vorbereitet: Leichenwagen, Outfits und Demonstration sind vorbereitet. Demonstration? Der einfallsreiche und sympathische Typ aus Sachsen-Anhalt hat für seinen Leichenwagen-Treff am Südfriedhof in Leipzig, den er bereits 2016 mitorganisierte, einen ganz besonderen Trick auf Lager. Um legal als Autokorso durch Leipzig fahren zu können, hat man vermutlich eine Demonstration angemeldet. Das Motto: „Erhalt des Totenkultes:  Gegen die Discountierung des Bestattungswesens. Gegen das Aussterben von Leichenwagen.“ So fahren Karsten und Lisa mit ihrem Leichenwagen als Teil des Corsos mit, der sich am WGT-Samstag durch Leipzig schlängelt. Die vom Steuerzahler finanzierte Polizeieskorte, die der angemeldeten Demonstration freie Fahrt über rote Ampeln gewährt, verkraften wir als Gemeinschaft jetzt mal lächelnd.

Jetzt kommt wieder eine der üblichen Zwischensequenzen über die „eigentlich“ netten Leute, die die Leipziger irgendwie lieb gewonnen haben und über die 10 Millionen Euro, die das Wave-Gotik-Treffen in die Kasse der Gastronomen und Hoteliers spült. Böse Zungen behaupten, Liebe sei käuflich. Der neueste Trend sind übrigens Zeitlupenaufnahmen von Gruftis in der Innenstadt, auf dem Riesenrad oder im Clara-Zetkin-Park. Wirkt dann auch nicht so hektisch runtergerasselt das Ganze. Immerhin tausendmal besser als irgendeine bunte Moderatorin, die brav im Auftrag des MDR über das Gelände läuft und schlaue Fragen stellt.

Improvisation empfinden sie als Beleidigung

Zusammen mit seinen Freunden ist auch Valentin Winter wieder Teil der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Er erklärt den Zuschauern, wie das Wave-Gotik-Treffen bei ihm abläuft. „Man macht zuerst einen ganz ausführlichen Plan, was man an welchem Tag trägt und was man braucht und nicht braucht, um dann alles wieder über den Haufen zu schmeißen und stopft alles verzweifelt in den Koffer.“ Ein Abstecher nach Essen, in Valentins Heimat. Ein kleiner Einblick in sein kreatives Leben aus Stoffbergen, Schmuck und Schminke, den er damals schon Bettina Böttinger gewährte Auf einer Tour durch die Innenstadt – zusammen mit seinen Freunden – zeigt er dann Haltung „Wir leben eben tagtäglich mit diesen Reaktionen, dass es uns schon normal vorkommt, auch wenn das eigentlich wirklich nicht sollte. Ich finde natürlich nicht alles schön, was ich hier sehe. Ich finde die meisten Dinge, die meisten Outfits, die ich hier sehe, auch nicht schön. Aber das ist ja kein Grund, dass ich hingehen würde und den Leuten das mitteile, ob ich das gut oder schlecht finde.“ Recht hat er. Wildfremden Menschen ungefragt auf die Nase zu binden, dass man ihre äußere Erscheinung ansprechend oder abstoßend findet, finde ich ebenfalls komisch. In der Essener Innenstadt bleiben solche Reaktionen aber offenbar aus. Selbstverständlich ziehen die 5 Leute, die an einem sonnigen Tag von der Kamera begleitet durch die City laufen, die Blicke und Schaulustigen an. Ist es die Gruppe, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht, oder ist es das Fernsehteam?

Und weil das alles ohne Fotobeweis eine flüchtige Performance bleibt, wird das Kunstwerk für die sozialen Netzwerke festgehalten und begutachtet. Eine Galerie von Daseinsvarianten, 50.000 Menschen wollen das sehen.“ Ob es sich dabei um die oberflächliche Selbstumkreisung handelt, mag ich nicht beurteilen. Valentin ist sich allerdings darüber im Klaren, dass er als Kunstwerk – und als solches darf man ihn gerne ansehen – natürlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Dass er sich und seine Erscheinung daher im Fernsehen, auf Instagram oder auch im Clara-Zetkin-Park zur Schau stellt, sei ihm gegönnt. Künstler leben nun mal auch von der Anerkennung – in welcher Form auch immer. Im Clara-Zetkin-Park siehst du Kunstwerke, die echten Gruftis findest du dann zu vorgerückter Stunden auf kleinen unabhängigen Partys. Dass man Valentin dort dann auch trifft, spricht für ihn und seine Form der Selbstverwirklichung.

Südfriedhof Leipzig - Screenshot aus Kinder der Nacht

Auf dem Südfriedhof versammeln sich zu Pfingsten zahlreiche Gruftis, um Geschichte über Gräber, Verstorbene und Bestattungen zu lauschen..

Der Niedergang der Bestattungskultur

Acht Meter unter dem Leipziger Rathaus hat die Stadt einen neuen Gewölbekeller eingerichtet, der auch für Trauungen genutzt werden kann. Jennifer und Florian haben keine Hochzeitsfotografen, sondern gleich das MDR zu ihrer standesamtlichen Hochzeit eingeladen, die dann doch nicht nur unter Freunden und im Geheimen, sondern post nuptialem mit einem Millionenpublikum gefeiert wird. Glücklicherweise entscheidet man sich, dem frisch gebackenen Ehepaar nicht weitere Aufmerksamkeit zu schenken, auch spricht man glücklicherweise nicht von einer „Gothic-Hochzeit“ . Das hätte den bis dahin sehr guten Bericht ins Lächerliche gezogen. Man bleibt unter der Erde und beschäftigt sich mit weniger „weltlichen“ Themen, nämlich den Toten.

Alfred Otto E. Paul ist der Südfriedhof. Sagt man jedenfalls. Es soll keinen geben, der den riesigen Friedhof besser kennt als er. Alfred war mal ein Wessi, bis seine Familie 1955 in die DDR übergesiedelt ist. Dort hat er zunächst im Tagebau gearbeitet, bevor er 1974 zum Friedhof in Leipzig gekommen ist. Er kennt alle Geschichten, alle Gräber und jene Gruselgeschichten, die man von so einem Friedhof erwartet. Mit ihm schließt sich der Kreis der Leichenwagen, die noch gegen die „Discountierung“ der Bestattungskultur“ demonstrierten, denn auch Alfred spricht vom Niedergang der Bestattungskultur. Er empfindet die Gruftis, die zu Pfingsten seinen Friedhof „heimsuchen“, nicht weiter schlimm: „Ich finde es in Ordnung, das ist im Grunde genommen nichts anderes wie der Karneval in Venedig. […] Es bereichert den Geist der Stadt und führt uns ein bisschen raus aus dem Spießertum.

Leichenwagen, Friedhöfe und neoromantische Lebenseinstellung – selbst in der Freizeit? Ich glaube, das trennt die Spießer, von denen auch Alfred spricht, von den Gruftis, die eben keine Probleme damit haben, im Leichenwagen zu schlafen, die die Führungen auf dem Friedhof genießen und die sich in ihrer gesamten Freizeit ihrer Selbstverwirklichung widmen. Die Fernsehsender haben es offenbar aufgegeben, zu erklären, was hinter den geschminkten Gesichtern vorgeht. Auch der MDR war auf diesem Pfad unterwegs, wenn man sich an die Sendung zum WGT 2014 erinnern möchte. Vielleicht hat man aufgegeben. Vielleicht hat man eingesehen, dass es keinen Sinn macht, seinen Zuschauer erklären zu wollen, dass es eben doch nicht nur ein großes Fest der Verkleidung, sondern Leidenschaft ist, die uns Jahr für Jahr nach Leipzig bringt. Und die kann man nicht im Internet kaufen.

4 Kommentare

  1. Der MDR ist ja in erster Linie ein Regionalsender und nachdem dort mittlerweile regelmäßig über das WGT berichtet wird, hat man eventuell auch einfach gedacht, dass die Leute nach gefühlten 100 Reportagen inzwischen grob verstanden haben, was es damit auf sich hat, so dass auf weitere Aufklärung verzichtet werden kann.

    Tatsächlich fand ich den Beitrag gar nicht mal so scheiße in seiner Herangehensweise. Was mich daran störte, betrifft dann weniger die Macher als die Akteure aber das ist jetzt mein ganz persönlicher Knall und ich will damit nicht sagen, dass dadurch Falschdarstellung oder sonstwas verursacht werden. Das ist das wirklich Gute an der Sendung, dass man nun nicht den Anspruch der Allgemeingültigkeit erhebt.

    Am interessantesten für mich war dabei trotzdem der Teil mit dem Südfriedhof. Interessanter Typ, der Alfred, und ein bisschen schade, dass das Motto der Leichenwagendemo doch mehr als Scherz gedacht war, wenn man doch weiß, dass das eigentlich gar nicht so weit hergeholt ist. Auch wenn die Schwarze Szene nicht die Aufgabe hat, sich dafür zu engagieren, nachdem man nun mal eine Demo hat anmelden müssen um im Korso fahren zu dürfen, hätte man auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und etwas ernsthafter den Blick darauf richten können, dass aus unserer Sterbe- und Totenkultur eine reine Entsorgungswirtschaft geworden ist.

  2. Das sehe ich prinzipiell so wie Du, Julius. Auch die Tatsache mit der Demo… Es ist irgendwie bezeichnend, bzw. nicht neues, dass Hintergründe und Inhalte offenbar nicht so interessant sind. Der Focus liegt dann doch lieber auf den morbiden Superlativen. In diesem Fall möglichst oppulente Kleidung und gepimpte Leichenwagen. Zumindest für die Unbeteiligten. Hoffentlich nicht bei den Protagonisten.

  3. @Julius: Ja, diesen Eindruck habe ich auch. Ich finde die Arbeit des MDR in dieser Hinsicht jedoch besonders gut, gerade im Vergleich zu den anderen regionalen Sendern. Lediglich der WDR bemüht sich gelegentlich um eine Berichterstattung, gönnt aber eigenen Ereignissen, wie beispielsweise dem Amphi, weniger Beachtung. Der NDR beschränkt sich auf das Übertragen von Konzerten des Mera Lunas und gibt sich in seiner sonstigen Berichterstattung sehr obeflächlich.

    Was mich jedoch freut, ist die Botschaft die damit gestreut wird: Wir haben einen Knall. Sind bescheuert. Sonderbar. Eigen. Merkwürdig und komisch. Wir sind eben nicht die völlig durchschnittlichen Typen die sich ein paar mal im Jahr verkleiden um sich dann gegenseitig zu bestauenen. Ich glaube das deckt sich in etwa mit dem, was bei strangeplant zwischen en Zeilen steht.

    Es freut mich, SO wahrgenommen zu werden. Das ist für den Zuschauer dann zwar interessant, aber keine alternative zur Freizeitgestaltung. Es kommt rüber, dass es eine Lebensweise ist und nicht nur ein Hobby.

  4. Ich finde die Reportage gelungen. Besonders der Friedhofs Beitrag hat mir sehr gefallen. Und es macht eben auch viel aus , dass es keine RTL und co Kacke ist.

    Zum Thema allgemein – Reportage- muss ich jetzt auch noch was los werden.
    Vor einem Jahr habe ich ja auch an einer teilgenommen und darf mir teilweise , echt böse Beschimpfungen , Betitelungen etc. anhören. Von Selbstverliebt bis Edel Gothic war vieles dabei. Am schlimmsten waren die Kommentare auf youtube. Wirklich sehr sehr böse , ja sogar schon fremdenfeindliche Kommentare!
    Auch wird mit der Original Reportage auf youtube , unter anderen Namen “ Mein Leben als extremer Gothic “ – Schindluder getrieben.
    Zum Teil ist diese zwar entfernt worden , aber einige haben sie halt wieder hochgeladen.
    Schon allein der geänderte Titel ist eine Frechheit .

    Gut,dass wollte ich mal loswerden.

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