Leserbriefe: Die schwarze Szene und ich – eine komplexe Beziehung

Anfang August schlummerte ein Leserbrief in meinem virtuellen Posteingang, der den Wunsch vieler Szene-Mitglieder, sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen, infrage stellt. Maren, die im Grunde zu gar keiner Szene gehören möchte, findet es schade, dass wir uns gegenüber „Szene-Gästen“ abgrenzen wollen. In einer Diskussion zu einem älteren Artikel, auf den sich Maren bezieht, diskutieren wir darüber, wie man sich abgrenzen möchte.

Ich will in gar nicht zur Szene gehören, das wäre Eingrenzung

Obwohl ich weder Goth noch Metalhead bin und auch sonst nicht in irgendeine Szeneschublade passe, gibt es eine Schnittmenge, die dafür sorgt, dass ich mich von Gothic angezogen fühle. Dabei habe ich mich gefragt, was genau eigentlich Gothic ist und was nicht. Dabei bin ich auf eure Diskussion zum Artikel „Nichts für ungut, aber du hast keine Ahnung, was Gothic ist!„, der sich mit einem Video der BBC beschäftigt, gestoßen.

Ich habe den Wunsch einiger von euch nach Abgrenzung vernommen, da andere Strömungen die dunkle Gefühlslage zerstören. Auch war in einem Beitrag die Rede von phasenweise Möchtegern Goths, die Schwarz als Klamottenfarbe einfach mal eine Zeit lang cool finden. Entschuldigt bitte, wenn ich jetzt nicht zwischen euren einzelnen Kommentaren unterscheide, sondern nur insgesamt den Tenor der Diskussion verfolgt habe. Ja, sie ist 2 Jahre alt, aber scheint in abgewandelter Form immer wiederzukehren, und das Thema beschäftigt mich jetzt.

Ich hatte schon immer den Hang zum „Düsteren“. Habe mit 14 angefangen, Edgar Allan Poe in Übersetzung zu lesen und dann später im Original. Habe nachts im Wald über Walkman Cure gehört und bin mit einem Freund nachts an die Donau gefahren und habe den Song „The End“ gehört. Das taucht nirgends in einem Kanon für Gothic auf, aber ist das, was meine dunkle Seele am stärksten zum Schwingen bringt.

Jimmys Grab auf dem Pariser Friedhof Pére Lachaise zu besuchen, war Pflicht. Ohne Party, als es einfach so kalt war, dass außer einer Freundin und mir niemand da war. Ich mag diesen Friedhof an sich. Ich mag auch Wälder bei Nacht. Und ich mag Nebel. Ich trage gerne schwarze Shirts mit Möwen, Raben oder magischen Mustern. Schwarz begleitet mich stets in irgendeiner Form, aber nicht immer in der gleichen und nicht immer in der gleichen Intensität.

Das Grab von Jim Morrison auf dem Friedhof Pere Lachaise
Das Grab von „The Doors“ Sänger Jim Morrison auf dem Friedhof Pére Lachaise in der französischen Hauptstadt Paris | Fab1, Jim-Morrison Pere Lachaise 2, CC BY-SA 3.0

Als mein Vater todkrank in der Uniklinik lag, besuchte ich ihn täglich, danach legte ich mich ins Bett und hörte das Disintegration Album von The Cure. Manchmal ist schwarz aber auch eher schwarzer Humor, den ich mit jemandem teile, und Inspektor Barnaby. Daher heißt es für mich auch nicht, dass jemand der meint, phasenweise Goth gewesen zu sein, zwangsläufig oberflächlich ist. Ich hatte bisher immer wieder das Glück, verschiedene Menschen mit schwarzem Herz kennenzulernen. Wir haben uns gegenseitig akzeptiert und inspiriert.

Das Beste war eine Konstellation zur Studienzeit im Wohnheim. Küche mit schwarzen Kerzen auf Bierflaschen, Doors, Ulver, Projekt Pitchfork, The Cure, Dimmu Borgir. Ich wäre alleine sicher nicht auf manche Sachen gekommen, habe es aber aufgesogen, weil es zu meiner Stimmung gepasst hat.

Niemand von uns war in einer Szene. In manchen Situationen war es einfach ein gemeinsamer Schmerz, der wie eine Trennungslinie zwischen uns und anderen war. Bewusst abgegrenzt haben wir uns nie.

Was ich damit sagen möchte ist, dass ich den Wunsch einiger von euch nach Abgrenzung gegenüber einer Friede Freude Eierkuchen Gesellschaft verstehen kann, aber das Ziehen von Trennungslinien viele, die euch eigentlich sympathisch finden, ausschließen würde. Ich will gar nicht zur Szene gehören, denn das wäre für mich Eingrenzung. Aber wenn es um Gefühle und Atmosphäre geht, gibt es Schnittmengen, zumal diese Gefühle auch durch literarische Werke beflügelt werden, die lange vor der Entstehung der Szene geschrieben wurden.

Ich hoffe, ich bin niemandem von euch zu nahe getreten, aber ich musste einfach mal diese Gedanken von außen los werden, wobei ich auch einiges sehr persönliches Preis gegeben habe. Gute Nacht!

Meine Antwort? Das lest ihr im nächsten Artikel!

Ich möchte Euch meine Antwort nicht vorenthalten, denn die führt zu einem weiteren „Brief“ von Maren, den ich Euch die nächsten Tage zeigen möchte. In meiner Antwort spreche ich von „Schutzräumen“ und genau das wird Thema in ihrem nächsten Brief sein. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Maren, die ich übrigens für gruftiger halte, als viele anderen Menschen, die sich in Leipzig zur Szene dazustellen.

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Kommentare

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Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 7 Monate

Hmmm…. natürlich kann ich nur für mich sprechen, aber ich selbst hab es immer weniger als bewusste direkte Abgrenzung gesehen als ein Zusammenfinden von Gleichgesinnten, wo eben auch ein hoher Konsenz herrscht, was Musik und ästetische wie thematische Vorlieben betrifft.

Auch wenn man manchmal über die „Stinos“ spricht oder gar ablästert, so hatte ich nicht den Eindruck, dass man sich generell anders oder als was Besseres fühlt. Es gibt Gruppen innerhalb der „Stinos“ (nur um jetzt mal eine bewusste namentliche Grenze zu ziehen), mit denen ich bisher überhaupt nichts anfangen kann, das stimmt – aber auch innerhalb der Szene hab ich die Erfahrung machen müssen, dass es oberflächliche, falsche, rücksichtslose und unangenehme Gestalten gibt. Zumindest hab ich es aufgegeben, zu erwarten, dass jemand, der gruftig herumläuft, auch „automatisch“ eine mit mir kompatible Linie fährt und ein angenehmer, interessanter Zeitgenosse ist.

Außerdem gibt es auch einige, die sich fast nur über ein extremes Äußeres definieren und das allerorts zur Schau stellen, sich selbst darstellen (Instagram und Co). Mit solchen Leuten konnte ich noch nie viel anfangen.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind einige „Nicht-Gruftis“, die meist dennoch irgendwie eine dunkle Seite haben. Manche mögen sogar einiges der Musik, andere haben eher an anderen Punkten „Schnittmengen“ mit der Szene, sind sehr nachdenklich oder melancholisch, mögen Lost Places etc. Vermutlich finden sich eh immer diejenigen zusammen, die irgendeinen Gleichklang haben, ob sie nun sichtbar in der Szene sind oder sich am Rande oder ganz außen bewegen.

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Tanzfledermaus
graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63658)
Vor 7 Monate

Ich persönlich habe in meinem Schwarz durchaus auch immer eine Abgrenzung gesehen. Wobei man „abgrenzen“ vll. auch etwas differenzierter betrachten sollte, wovon man sich überhaupt genau abgrenzen möchte. Da würde wohl jeder eine andere Antwort geben, zumindest sehe ich das so. Mir ging es immer darum, mich von den Dingen der Gesellschaft abzugrenzen, mit denen ich nicht konform gehe bzw. mit denen ich nichts anfangen kann. Selber habe ich auch nie die Schwarze Szene aufgesucht, weil ich Gleichgesinnte hier vermutet habe. Für mich war es eher wie ein „Daheim“ finden. Eine Nische in die ich besser rein passte, als in die der „Stinos“. Was nicht bedeutet, dass ich sie generell in meinem Leben ausgeschlossen hätte.
Tanzfledermaus sprach es ja schon an, auch in der Schwarzen Szene gibt es Idioten. Es ist in meinen Augen ein Trugschluss, zu denken, dass Schwarze immer etwas besseres wären. Unterm Strich sind sie genauso nur Menschen.
Genauso wie es unter „Stinos“ auch Menschen mit Tiefgang gibt oder welche die mit Teilen der Musik etwas anfangen können. Selber hatte ich in jungen Jahren eine Bekannte, die zum Beispiel Lacrimosa und Wolfsheim hörte. Sich ansonsten aber nicht in der Szene bewegte.
Man muss nicht zwangsläufig Teil der Szene sein und manchmal frage ich mich tatsächlich, warum das manche aber auf biegen und brechen sein wollen. Aber letztendlich steht es mir auch nicht zu darüber zu urteilen.

Ich bin gespannt, wie der schriftliche Austausch zwischen Robert und Maren weiter ging bzw. geht! 🙂

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63661)
Antwort an  graveyardqueen
Vor 7 Monate

Was ich noch zum Thema „Abgrenzung“ hinzufügen möchte, da es mir eben in den Sinn kam, selbst innerhalb der Szene erlebt man eine gewisse Abgrenzung, auch bei mir persönlich. Sei es im Bezug auf das vikt. Picknick und manch Definition des Begriffs „WGT“, den Karneval-Schwarzen oder dem Begriff „Gothic“ und was inzwischen damit in Verbindung gebracht wird.

Lox
Lox (@guest_63660)
Vor 7 Monate

Seid gegrüßt,

dies nicht, das nicht,
unter Wasser,
über Wasser

hasser, nasser, spasser

in dominus stultus

Nun ihr lieben, von den einige nur durch Stahl und Leder bekehrt weden können, weil die Feste im inneren aus Adamant besteht. Gibt es von erlaubt mir, uns schwarzen überhaupt etwas zu lernen ? Von den Dunkelwesen ? Vielleicht, wie wir vielfältig, bestehen, Tag für Tag.

Was hat Maren befallen ? Sinnkrise ? Was machen wir dagegen ? Wer holt die rosa flausche Pantoffeln heraus, mit dem irren langen weichem Fur ?

Und, rosa, darf dies überhaupt ? Kruzefix an die Wand, auf das diese Zeile kein noir Fanat erlese und das Kruzefix damit in Brand setzt oder es gahr verkehre.

Mit dunklem Gruß, Lox

Durante
Durante(@durante)
Vor 7 Monate

Mann muss natürlich nicht „Goth“ sein um sich – vielleicht auch nur phasenweise – von der Düsternis angezogen zu fühlen, das ist richtig, wir haben sie nicht für uns gepachtet. ;)
Ich persönlich habe „Abgrenzung“ immer als eine Abgrenzung von der Gesamtgesellschaft und dem oberflächlichen Teil ihrer Werte und Konventionen gesehen, nicht unbedingt als eine Abgrenzung von einzelnen Individuen. Habe aber darüber bis jetzt auch einfach nie groß nachgedacht muss ich zugeben.

Generell hat mich der Text ein bisschen daran erinnert dass in meiner persönlichen Wahrnehmung die Gothic-Szene ironischerweise schon immer voll von Leuten war die sagen sie „gehören eigentlich zu keiner Szene“ oder „passen in keine Schublade“… ;)
(Ich meine damit jetzt wohlgemerkt NICHT die Verfasserin, diese bewegt sich scheinbar ja auch wenig auf Szene-Veranstaltungen usw. und betrachtet die Szene wirklich von außen, ich meine Leute die wirklich in der Szene partizipierten ABER das und ihre Szenezugehörigkeit eben immer selbst irgendwie relativiert haben weil sie stets ihre „Individualität und Einzigartigkeit“ betonen wollten. ;) )

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63667)
Antwort an  Durante
Vor 7 Monate

Ich denke, dass es für manche auch einfach keine große Rolle spielt, einen Stempel zu tragen bzw. sich aufzudrücken.
Das kann ich durchaus auch nachvollziehen.
Nicht dass ich meine Zugehörigkeit zur Schwarzen Szene leugne, aber irgendwann spielt es auch keine große Rolle mehr, weil es das Leben ist, was man seit 20 Jahren und länger führt. Man weiß automatisch im Unterbewusstsein wer, was und wie man ist. Für einen selbst ist dies selbstverständlich. Und nur weil man schwarz trägt, etwas sonderbar aussieht und Interessen & Vorlieben hat, die manche etwas ungewöhnlich finden, ist man unterm Strich noch immer einfach nur ein Mensch.
Ich hoffe man versteht, was ich damit sagen möchte?! 🤔

Wiener Blut
Wiener Blut (@guest_63676)
Vor 7 Monate

Ich erzähle die Geschichte jetzt mal anders rum:
Schon als Kind merkt man, dass man von Interessen und vielleicht auch Gemüt nicht wirklich zu den Dorfjungs passt. Bekommt das auch gespiegelt. Tadaa, Alien. Mit 17 hat man die Abgrenzung dann so weit, dass man schwarz durchstartet. Ganz klar Abgrenzung. Bruch. Und man genießt das auch für fast 20 Jahre. Mit Mitte 30 findet man sich dann zumindest politisch. Mit um die 40 ist man dann Ratsherr einer Fraktion in einer sehr ländlichen Gemeinde. Da wird man wahrgenommen ob man will oder nicht. Optisch, rhetorisch, von der Haltung. Abgrenzung nicht möglich. So schlimm kann’s nicht sein, denn nach 2 Jahren wird man zusätzlich vom Pastor gefragt ob man fürs Presbyterium (Kirchengemeindevorstand) kandidieren will. Man hat ja irgendwann mit der Kirche seinen Frieden geschlossen und u.a ein Friedensgottesdienst zum Beginn des Ukraine Krieg mit organisiert. Nikolaus auf diversen Weihnachtsmärkten in den Dörfern drum zu ist man eh schon seid Jahren… was man nicht alles anfängt auf Anfrage… wirklich guter Nikolaus ist eine rare Fachkraft… warum nicht auch Kirchengemeindevorstand?! Gleichzeitig sind sämtliche schwarze Rüschen und co weg. Es hat sich komplett in Richtung 60er Retro Biker… ja ich fahre luftgekühlten Caferacer…, klassischer Punk und Military Look gedreht. Schwarz, Weiß, Zebra, Schachbrett, Streifen, Knallfarben, Schirmmütze und Co. Nie ganz schwarz, never. Witziger Weise kann das bunte Umfeld damit umgehen… und in der Alternativen Umgebung habe ich nie soviel positives Feedback bekommen wie jetzt wo die Jugend flöten geht. Okay, man wird mal von einem verwirrten Pubertier an der Kasse der Tanke gefragt ob man Seemann ist… schon witzig. Auch der Musikgeschmack wandelt sich. Folk, Dark Folk, (Elektro)Punk, Stampfbares, fast alles an 80er… aber auch Wendy Carlos, Vangelis oder Johnny Cash. Oder eben der Orgelsommer auf dem Lande. Gleichzeitig interessiert mich 3/4 der Bands auf den großen Festivals nicht mehr. Ich kann/will mich nicht mehr als Goth bezeichnen. Mich interessieren auch bestimmte Bereiche kaum noch. Ich hab’s geschafft. Mit fast Mitte vierzig weiß ich das ich nichts weiß, weiß das ich integrierter bin als ich je geahnt habe, und egal ob man mich fragt ob ich Seemann bin oder der Nikolaus… oder… mich interessiert auch das nicht mehr. Schiebt euch doch eure Schubladen und Diskussionen um diese in den… Ort wo die Sonne nicht scheint… Rottet euch zusammen oder grenzt euch ab. Ich verstehs nicht mehr. Es gibt auch nix zu verstehen. ;-)

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Wiener Blut
Vor 7 Monate

Man könnte es auch ganz kurz zusammenfassen… die Gesellschaft hat dich wieder eingefangen. Jugend war gestern und da wollte man aufmüpfig sein. Schnee von gestern. Jetzt ist alles egal… scheißegal. ;)

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63678)
Antwort an  Phoenix
Vor 7 Monate

Ich denke, das ist wieder zu einfach zusammen gefasst *lach*.
Schließlich hört man ja ab einem bestimmten Alter nicht auf, sich weiterzuentwickeln.
Und trotz all dieser gesellschaftlichen Integration, klingt es nach einem eigenen Stil, der vll. nicht mehr „Goth“ ist, aber dennoch nicht unbedingt angepasst. Zumindest so meine Wahrnehmung, anhand der kurzen Schilderung.
Und irgendwie sind wir alle, ob wir nun wollen oder nicht, auch ein Teil der Gesellschaft. Nur jeder auf seine eigene Art und Weise. 🤔🙂

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Editor
Vor 7 Monate

Also ein Artikel über das Thema Abgrenzung. Ich gratuliere, der Leserbrief hat mich zwei Tage beschäftigt. Beim ersten Lesen habe ich mir gedacht, wieso bitte Menschen dafür fast zu kritisieren, die sich z.B. von einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht abgrenzen wollen. Dann aber die Erwartung, die eigenen Einstellung zu dem Thema von diesen Menschenkreis fast zu akzeptieren.
Aber die Sicht des Leserbrief war sehr interessant und möchte ich gar nicht schlecht kritisieren.

Grundsätzlich zur Musik kann ich auch sagen, wie schon  Durante in seinem Kommentar erwähnt, egal welche Musik über die Boxen laufen, deshalb muss man sich nicht gleich einer Subkultur oder ähnliches anschließen. Es gibt eben Menschen die sich gern mit gleichgesinnten umgeben oder eben jene, die für alles offen sind und keiner bestimmten Richtung folgen wollen.
Das muss jeder für sich selber entscheiden.

Grenze ich mich bewusst von anderen Schichten oder Menschen ab? Jaein..
Für mich habe ich früh festgestellt, das ich mit normal denken Menschen einfach oft nicht zurecht komme. Oft fühlte ich mich fast wie jemand, der einfach nicht dazugehört. Hinzu verstärkte sich dieser Gedanke durch meine Krankheit. Wenn Du schwer krank bist und verschiedene Menschen begegnest, bekommst Du schnell zu spüren, das Du als jemand mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen in machen Schichten nichts wert bist. Wenn Du nicht gerade daran komplett zerbrichst, wird man innerlich gegenüber andere zurückhaltender, kälter und vor allem misstrauischer. Das schöne ist, das ich mit der Zeit und den Erfahrungen gemerkt habe, das ich wunderbar mit Menschen, die andere Sichtweisen haben, ausgeschlossene, kreative oder eben anders sind, gut zurecht komme und sich tolle Gespräche und Kontakte entwickelte. Ebene diese finden sich auch in unserer Szene, die sich nicht anpassen wollen und ihre Liebe zur Musik, zur Melancholie, Gefühle oder Gedanken oder anderes mit gleichgesinnten gern austauschen.
Natürlich wie auch Tanzfledermaus wunderbar in ihren Kommentar erwähnt, lernt man auch in unserer Subkultur Oberflächlichkeit, falsche und rücksichtslose Gestalten kennen. Denn niemand ist perfekt, egal wie gruftig und darstellerisch die Person daher kommt.

Trotzdem grenze ich mich nicht komplett von der normalen Gesellschaft ab. Was auch irgendwie nicht möglich ist und  graveyardqueen schön formulierte, das wir alle ein Teil davon sind. Ich habe auch Kollegen und Bekannte, die nichts mit der Szene zu tun haben, und trotzdem verstehe ich mich sehr gut mit ihnen. In politisch- bzw. gesellschaftlichen Fragen gibt es Dinge wo ich mich klar abgrenze. Zum Beispiel ernähre ich mich Vegan, was vielleicht heute nicht mehr so außergewöhnlich ist, aber trotzdem bekommt man diese Art von Abgrenzung in verschiedenen Bereichen zu spüren.

Aber die Einstellung der Autorin des Briefes ähnelt dem meiner besseren Hälfte. Während ich schon immer mehr das Schwarz oder Weiß denken habe, ist sie jemand die sich nicht in eine bestimmte Richtung eingrenzen will. Sie hat in den 80er auch eine gruftige Zeit hinter sich, aber hat ihre Erfahrungen auch in anderen Subkulturen gesammelt. Heute passt sie sich auch nicht der normalen Schicht äußerlich an, aber musikalisch ist sie von Post-Punk, 80er, Wave, Psychobilly bis Punk für alles offen und will sich nicht in eine bestimmte Szene eingliedern. Das hat eben seine Vor- und Nachteile, doch wir haben immer interessante Gespräche und Erlebnisse.

Wir sind alles nur Menschen und ein besonderer Teil dieser Gesellschaft, wo jeder zum Glück frei entscheiden kann, wie er oder sie sein Leben am besten gestaltet.  

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Gruftwurm
Black Alice
Black Alice (@guest_63892)
Vor 6 Monate

So, als Grany-Goth vermassle ich Euch mal den Spaß. :-)

Schutzräume vor was? Auf der einen Seite redet man, dass man sich nicht abgrenzen will, weil man ja zur Gesellschaft gehört, auf der anderen Seite will man sich abgrenzen weil man seinen Schutzraum braucht. Man regt sich auf, dass man nicht komplett schwarz und aufgebrezelt ist. Man regt sich auf, wenn einer trinkt. Man regt sich auf, wenn neue Impulse in die Szene kommen. Ihr habt euch einen Kodex geschaffen an dem ihr selbst erstickt. Kein Spaß, keine Offenheit, keine Weiterentwicklung, keine neuen Impulse. Die, die sich aufregen sind auch immer die älteren, die alles immer gleich haben wollen. Nichts soll sich ändern. Man wacht mit Argusaugen darauf, dass alle Regeln und der Kodex eingehalten werden. Jeder andere, der davon abweicht wird beschumpfen. Seitdem die Szene sich auf die schwarze Uniform geeinigt hatte will man nichts mehr daran ändern. Ihr Regt euch über Karnevalsschwarze auf und merkt nicht, dass ihr selbst Teil des schwarzen Karnevals seid. Ich sehe niemanden mit den Klamotten herum laufen, wie ich sie in Discos/Partys sehe. Von daher sind fast alle Goth nur Freizeitgoth, eine Karnevallsgesellschaft. Ich schrieb von Uniform. Ja, es ist eine Uniform mit der man, wie in keiner anderen Szene, anderen zeigt wer man ist. Und in keiner anderen Szene grenzt man sich so ab wie in dieser. Man hat das Gefühl einer elitären Gesellschaft. Das waren wir damals absolut nicht. Und das ist einer der Gründe, warum alte Goth so ein Problem mit der heutigen Szene haben. Bei uns im Süden nennen wir die Leute die sich ständig über alles aufregen „Grantler“. Das sind meist alte Leute die mit sich und dem Leben nicht mehr einig sind. Ja, die Grantler scheinen in der schwarzen Szene überproportional vertreten zu sein.

Meine Fresse. Wenn man bedenkt wie das alles mal angefangen hat, als es noch gar keinen Namen hatte, keine Uniformen, keinen Kodex, keine Regeln, keine Kleidernormen… Die Szene hat sich noch nicht mal über das Thema Tod und Schmerz und was weiß ich noch definiert, oder gar darüber nachgedacht. Das Thema war eher so wie Halloween, um sich mal zu gruseln und sich nen Spaß daraus zu machen. Edgar Allan Poe war genau so wenig Pflichtlektüre. Es ging nur um Spaß. Es ging um etwas neues, um etwas ungewöhnliches, um etwas interessantes, um neue Erfahrungen, eine neue Musik. Es ging um etwas, das absolut nicht dem Mainstream entsprach.

Und was habt Ihr daraus gemacht? Ihr habt euch ein Korsett angelegt, das Ihr mit der Zeit immer enger gezogen habt, bis Ihr kaum noch atmen könnt. Das alles was diese Szene einmal ausgemacht hat, das gibt es nicht mehr. Die Musik ist Ur-Alt und inzwischen ideenlos, rezipiert sich immer wieder von neuem. Seit 20 Jahren keine neuen Ideen mehr. Sie ist langweilig geworden, weil sie ums Verrecken nicht die Normen verlassen darf, weil man sonst nicht mehr dazu gehört. Statt dessen bedient sie sich an EDM, dass sie kaum noch zu unterscheiden ist. Letztens habe ich auf einer dunklen Disco mit einem Techno DJ unterhalten und gemeint, bei dem Sound müsse er sich doch wie Zuhause fühlen. Das bejahte er sogar. Wenn nicht ab und zu eine dunkle Stimme wäre, dann wäre es 1:1 das was er eh auflegt. Der Goth DJ wollte Goth Rock auflegen, keiner tanzte. Dann eben wieder Dark Techno und es lief wieder. Und dann wundert Ihr euch, dass neue Leute in die Szene kommen, mit denen Ihr nichts anfangen könnt. Die Szene ist schon lange eine andere Szene geworden, nur hat es nicht jeder gemerkt.

Im Prinzip war die Goth-Szene schon Ende der 90er tot. Sie wurde nur von denen am Leben gehalten, die sich einfach nicht davon trennen wollten. Quasi eine lebende Leiche, ein Untoter. Die Szene hat sich schon lange überlebt, es hat nur noch keiner gemerkt. Sie wandelt sich nun so langsam zu einer weiteren EDM Sub-Szene, mit neuen, anderen Leuten. Man hat manchmal das Gefühl, die Uniform-Goth würden sich mit ihrem „Schmerz“ zu einer Massen Therapie einfinden, statt zu einer Szene mit Spaß, die sie ursprünglich war.

Meine Güte, Leute. Befreit euch von eurem eigenen Gefängnis. Zerreisst Eure Ketten. Scheißt auf all die Regeln die Ihr euch selbst auferlegt habt. Bzw vergesst die Leute, die euch einreden wollen was ein „echter“ Goth ist und was nicht. Lebt und macht was eigenes. Macht die Szene wieder transparent, so wie sie es schon einmal war. Habt Mut für Veränderungen. Traut euch. Sicher, das Gefühl des neuen und außergewöhnlichen werdet Ihr nie mehr haben, weil die Szene und die Musik gibt es nun mal schon seit 50 Jahren (boah). Aber versucht etwas neues und spannendes zu machen. Und wenn in eurer Playlist nicht nur Goth Gedöns ist, was solls. Und wenn auf Goth Partys auch andere Leute sind, was solls. Szene ist Szene und reales Leben ist reales Leben. Die Szene gibt es nur am Wochenende und der Rest ist das Leben.

Lebt und seid locker.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Black Alice
Vor 6 Monate

Deine Beobachtungen teile ich so nicht. Was in Süddeutschland läuft, kann ich nicht beurteilen, aber in Berlin verhält es sich nicht so. Mehr dazu später.

Edit:
In all den fast 35 Jahren, die ich in der Szene bin (und ich habe auch etliche kennen gelernt, die auch schon seit Ender der 70er/Anfang der 80er das alles miterlebt haben und häufig von dieser Zeit erzählten), gab es niemals ein „Spaßverbrot“ oder „Kodexe“. Höchstens einzelne Individuen, die das alles und sich selbst zu ernst nahmen.

Schon anfangs haben Gruftis, Punks, EBMler und zum Teil auch Rockabillys zusammen Party gemacht, da gab es weder interne Abgrenzung noch Trauerstimmung. Ich weiß ja nicht, in welchem Radius Du Deine Erfahrungen gemacht hast, Alice, aber auch aus z.B. dem Ruhrgebiet hab ich keine anderslautenden Berichte vernommen (und auch bei meinen Besuchen in Clubs dort um 1992 erlebt).

Die Teils-Einverleibung der Fetish- und Metalszene geschah in den mittleren bis späten 90ern ohne kollektiven Aufschrei (obwohl die Metal-Szene je mal feindlich gegenüber den „verweichlichten“ Gruftis gesinnt war) und auch die Mittelalterszene hat sich mit der Schwarzen Szene vermischt. Einzig als die Cybergoth-Welle losging, gab es Kopfschütteln und Abgrenzung bis hin zu Bestrebungen á la „haltet unsere Szene sauber“.

EDM / Dark Techno hat auch in Berlin in den Clubs kaum große Resonanz erfahren. Ich kann mich hier an keine dunkle Party erinnen, wo viele Cybergoths herumturnten. Höchstens auf dem Electro-Floor im K17, das ich aber bis auf ein, zwei Besuche Anfang des Jahrtausends fortan gemieden habe.

Wo soll denn bitte noch mehr Transparenz bzw. Öffnung was bringen? Die Szene ist doch schon so was von verwässert/unterwandert worden in den letzten Jahrzehnten. Die schlimmste Krönung waren dann Schlager-Einflüsse. Kein Wunder, dass manche Alt-Goths/Grufts sich da nach früheren Zeiten sehnen, als es noch etwas überschaubarer war.

Es gab schon immer Leute, die das Schwarzsein ernster nahmen als andere, jeder wie er will. Man muss nicht 24/7 völlig aufgebrezelt rumlaufen, um „echt“ zu sein, der Alltag verlangt nunmal oftmals eine Anpassung, da hat schon Glück, wer mit „schlicht schwarz“ auf der Arbeit in Ruhe gelassen wird. Manche Klamotten sind für den Alltag auch schlichtweg zu schade, und sich für besondere Anlässe auch mal besonders zurecht zu machen, gehört zur Einstimmung auf das Event für manche auch irgendwie dazu.

Es gab zwar auch schon früher Leute, die meinten, sich gegenseitig beim Aufbrezeln übertrumpfen zu müssen und Lästereien, aber da auch noch vieles do-it-yourself war, gab es auch nicht so viele mit übermäßig aufwendigen Klamotten. Als Schüler/Student hatte man i.d.R. auch nicht die Kohle für teure Klamotten, zumal es früher auch kaum Läden mit Szene-Kleidung gab und nicht jeder zum Shoppen nach London fahren konnte…

Man kann die Zeit, wo die meisten Schüler und Studenten waren und sich täglich stilistisch austoben konnten, nicht vergleichen mit dem späteren Leben, wo zum Teil zumindest optische Anpassung erwartet wird. Wer hat denn das Recht, darüber zu urteilen, wer von den im Alltag unauffälligeren Leuten nun „true“ ist oder nicht? Das sollte ja immer noch das Innere ausmachen.

Und wenn Du zugleich bemängelst, dass es „selbstgewählte Kodexe“ gibt, aber zugleich, dass diese nicht alltags immerzu ausgelebt werden, widersprichst Du Dir doch selbst.

Abgrenzug und Schutzräume sind insofern wichtig, dass man als Grufti/alternativer Mensch dort auch das machen kann, wofür man sonst leicht mal schief angesehen wird oder sogar dumm angemacht. Wo man sich treffen und austauschen, ausleben kann, wozu auch die Kleidung gehört, in der man sich wohlfühlt. Gemeinsam die „im Mainstream nicht gespielte“ Musik hören und dazu tanzen/schwelgen und neue Kontakte knüpfen kann. Das brauchen alle möglichen Arten von Randgruppen, auch wenn sie sonst normal sozial verflochten und integriert sind, um mal eben unter Gleichgesinnten so sein zu können, wie sie wollen, wertungsfrei. Wird das allzu sehr verwässert, geht die Funkton eines Schutzraumes wieder verloren.

Letzte Bearbeitung Vor 5 Monate von Tanzfledermaus
Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Black Alice
Vor 6 Monate

Es ging um etwas neues, um etwas ungewöhnliches, um etwas interessantes, um neue Erfahrungen, eine neue Musik. Es ging um etwas, das absolut nicht dem Mainstream entsprach.

Ahhh… und das ist dann keine Abgrenzung? Interessant!
Wenn ich immer das Wort „Spass“ im Zusammenhang mit Gruftis vernehme, dann wird mir immer etwas übel. Die Szene war ja irgendwie schon immer ein Gegenpol zur allgemeinen Spassgesellschaft, die gerade am Wochenende ihre Zeit auf Partys etc. verbringt und nicht weiter nachdenkt, warum man sich eigentlich voll laufen lässt (naja, der einzige Grund wäre, die Realität auszublenden). Das hab ich in der Szene aber immer anders wahr genommen. Stichwort Tiefgründigkeit/Nachdenklichkeit und eben nicht das Ausblenden/die Flucht aus der Realität. Die Welt ist schlecht und das muss man sich auch garnicht schön saufen. Das heißt jetzt nicht, dass Gruftis keinen Spass haben. Nein! Sie haben nur anders Spass und Freude an Dingen, die ein Allerwelts-Mensch meist garnicht nachvollziehen kann. So eng sehe ich das Korsett nicht. Wer nicht mehr hinterfragt und kritisiert, der kann gern als grauer Lemming durchgehen und interessiert mich nicht weiter.

Musikalisch könnte man jetzt sagen, dass die Goth-Zeit mit dem letzten offiziellen Album der Sisters beendet war. Danach wurde tatsächlich nur noch größtenteils rezipiert… da stimme ich durchaus zu. Aber es gibt eben auch noch andere schwarze Musikrichtungen, die sehr interessant erscheinen. Aber dafür muss man offen sein.

Ansonsten kann ich in deinem Beitrag wenig Gutes entdecken, außer dass du über die Grantler grantelst. ;D

Letzte Bearbeitung Vor 6 Monate von Phoenix
Black Alice
Black Alice (@guest_63907)
Antwort an  Phoenix
Vor 5 Monate

Du wirst Dich wundern, aber genau das haben wir damals auch gemacht, so wie alle anderen Szenen auch, nämlich gesoffen. OK, das muss jetzt kein gutes Beispiel für die Jugend sein. Ich will damit nur ausdrücken, dass wir im Prinzip nicht anders waren, als alle anderen Szenen auch. Und wenn ich hier von manchen lese wie sie sich gestört fühlen vom Habitus anderer. Oh, wie können die nur… Ohjeohje… Das sind für mich Spaßbremsen. In eine Szene begebe ich mich um Spaß mit der Musik zu haben und nicht um mich in einen Zwang zu begeben. Die Szene war damals insoweit offen und übergreifend, weil auch Punks und Rocker mit dabei waren, wie auch die New Waver. Oh nein, die Rockgeschichte kam nicht erst später, die waren von Anfang an mit dabei, schließlich hatte diese Rocklastigkeit im Goth Rock auch ihren Grund. Ich lese hier in diesem Forum, wie man sich über Leute aufregt, die nicht komplett schwarz sind. Ja, genau das ist das Korsett im Kopf, das man sich selbst aufzwingt. Wir haben niemanden ausgegrenzt. Wer auf Partys Spaß haben wollte war willkommen, egal ob schwarz oder bunt. Besoffen und gepöbelt haben wir alle. Wir waren eher alle zusammen die Partyschrecks, Punks, Goth, Post-Punks, Rocker/Metaller. Damals lief ja noch die klassische Discowelle. Die anderen waren die geschniegelten und wir, naja, irgend wie alle die Punks (ungeachtet der Szene). Und was ist heute? Jetzt sind die Goth die geschniegelten, die empfindlichen, die, die die Nase rümpfen, die die sich über ungebührliches Verhalten aufregen… Naja, voll das Establishment.

Und nein, Sisters of Mercy waren nicht das Maß der Dinge. Sie mögen heute die bekanntesten Vertreter sein, weil durch den zeitlichen Abstand viele andere einfach nicht mehr bekannt sind, waren aber trotzdem nicht das Maß aller Dinge.

Mein Apell sich lockerer zu machen richtet sich an diese, die sich krampfhaft an Regeln fest krallen, so wie ich es in vielen Postings hier lese. Die, die es eh lockerer sehen sind ja sowieso schon freier. Es gibt aber leider zu viele, die es einfach zu verkrampft angehen. Und genau so will ich die Neueinsteiger, also die Baby-Goth, dazu ermuntern sich nicht an tradierte Regeln zu halten, sondern was eigenes, neues zu machen und die Szene aufmischen. Seid rebellisch. Macht euer eigenes Ding und hört nicht auf die Alten. Nur so gibt es Fortschritt.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Black Alice
Vor 5 Monate

Na ja, saufen und pöbeln ist nichts, womit man sich hervortun muss… Man kann auch ohne zu saufen und zu pöbeln Spaß haben! Es ist gerade angenehm, dass der Proll-Anteil in der Szene deutlich geringer ist als im Mainstream. Die paar Male, wo ich auf „nicht dunklen“ Veranstaltungen war, sind mir die vielen besoffenen Leute dort extrem negativ aufgefallen. Und nicht nur mir. Und auch hier finden es andere Kommentatoren nicht toll, wenn sich solche Gestalten auf dunklen Festivals oder Parties verirren und da die Sau rauslassen. Und das sind ganz sicher nicht alles Spaßbremsen – Du solltest aufpassen mit Deinen Verallgemeinerungen.

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63914)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 5 Monate

Das sehe ich genauso!
Man sagt ja auch nicht generell etwas gegen trinken. Im Prinzip geht es ja darum, wie sich unter Alkohol dann benommen wird. Und ich persönlich mache da keinen Unterschied zwischen Stino und Schwarz, ich fordere von beiden gleichermaßen ein ordentliches Verhalten, unterm Strich sind es alles Menschen, egal welches Label drauf steht.
Aber vieles ist wohl auch eine Frage persönlicher Werte und was man vermittelt bekommen hat. Es gibt ja dieses Sprichwort „Was du nicht willst das dir man tut, das füge auch keinem anderen zu“ oder so ähnlich.

Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 5 Monate

Danke! Es hat auch niemand gesagt, dass es total verwerflich ist Alkohol zu konsumieren oder auch mal einen über den Durst zu trinken.

Wenn dies dann jedoch darin gipfelt, dass sich die entsprechende Person wie die offene Hose benimmt, dann ist da auch meine eher wohlwollende Toleranzschwelle überschritten. Wenn beispielsweise auf der Tanzfläche so wild mit Armen zu gestikuliert wird, dass in einem Umkreis von geschätzten 2,5m erstmal alles einen Ellenbogen oder eine Hand ins Gesicht geklatscht bekommt, dann finde ich es absolut legitim das als störend zu empfinden.

Ernsthaft… In meinem Bekanntenkreis tendieren die meisten zu einigen mehr oder weniger rhythmischen Bewegungen, die wirklich nicht viel Platz einnehmen. Dazu kommen dann noch (inklusive mir selbst) ein paar Exemplare, die stumpf aber sehr vorausschaubar ihren Nordsüdkurs fahren. Ich habe es inzwischen schon mehrfach mitbekommen, wie sich sturzbesoffene (meist stinoartige) Leute in jede noch so kleine Lücke quetschen und dann so wild mit den Extremitäten herumfuchteln, als würden sie ganz allein auf der Tanzfläche stehen. Da steht jemand im Weg? Egal! Hat der/die halt Pech gehabt. Und wenn sich wer darüber beschwert wird erstmal rumgepöbelt. Wirklich sehr angenehm und stimmungsfördernd. Da fühle ich mich gleich unglaublich wohl. Nicht. Ich gebe hier jetzt mal offen zu, dass ich inzwischen selbst manches mal soweit die Pappe auf habe und in solchen Situationen die Schulter anspanne um mir den Weg an so besoffenen Trampeln einfach frei zu rempeln. Nicht die feine englische Art, ich weiß. Aber ich bin weiß Goth nicht allein damit.

Und das war jetzt nur mal exemplarisch für die harmlosesten der bisher erlebten Eskapaden. Dazu kommen dann ja auch noch diverse Übergrifflichkeiten, die ich von früher SO nicht kannte. Einfach mal das leicht bekleidete Gothicmädel da vorne belästigen? Kann man doch mal machen! Oder dem Typen vor einem (Ja auch schon erlebt) mal eben an den Hintern fassen, weil der das in seiner engen Hose sicherlich voll geil findet? Yeah! Oder wie wäre es mal damit einfach ungebeten in den mühevoll auftoupierten Iro zu grabschen? Kommt auch immer unglaublich gut bei dessen Träger an.

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63906)
Antwort an  Black Alice
Vor 5 Monate

Ich kann nur von meinen Eindrücken ausgehen und wenn man bedenkt, dass jede Szeneepoche anders ist, auch im Stil, so hat der wirkliche Goth, wenn man ihn so bezeichnen will, für mich bereits Ende der 80er sein Ende gefunden 🤔. Schaut man sich die 90er an, so waren doch die bereits schon eine Neuauflage, auch wenn sie (optisch) dem Ursprung vll. am nahesten kamen. Mir kommt manchmal die Frage in den Sinn, warum das alles heute noch zu Goth oder Gothic zählt und man dem Kind nicht einfach einen eigenen neuen Namen gibt.
Und natürlich halten die Leute vielmals an ihrer Szeneepoche fest, da ist für mich nichts verwerfliches dran. Immerhin ist es doch das was man kennen und lieben gelernt hat und was einen anzog. Das bedeutet doch aber längst noch nicht, dass man nicht auch offen für anderes ist oder die anderen nicht einfach ihr Ding machen lässt. Genauso wenig finde ich, dass die heutige Szene zu sehr auf „Schwarz“ fixiert ist. Sicher gibt es diese Leute, denen selbst ein weißer Farbtupfer schon zuviel wäre, aber schaut man sich die heutige Schwarze Szene an, so findet man auch ganz viel Farbe und Muster in ihr. Ich denke dabei gerne an den Death Rock. Und selbst der Wave kommt nicht immer im reinen Schwarz daher.
Und sicher mag es auch die Fraktion geben, die auf Party und Festival optisch auf die Kacke hauen um dann im Alltag in der Masse unterzugehen. Ja vll. sind das die wahren Weekender, mag ich nicht darüber urteilen, aber es gibt auch genug andere, die vll. einen etwas „unauffälligeren“ Stil tragen, diesen dafür aber 24/7 leben.
Für mich enthält der Text sehr vll. Verallgemeinerung, die ich so nicht stehen lassen wollte 🙂.

Black Alice
Black Alice (@guest_63908)
Antwort an  graveyardqueen
Vor 5 Monate

Wenn Du es lockerer siehst, dann gehörst Du ja auch nicht zum Zielpublikum meines Traktates. Ich denke, für die meisten gibt es eh nicht einfach nur eine Szene. Die meisten bewegen sich in mehreren Szenen, meist artverwandte Szenen. Den 100%igen Goth dürfte es eh nur seltener geben, aber genau dieser ist es, der sich über alles was über seinen Horizont geht, aufregt. Und solchige lese ich hier auch vermehrt. Naja, wo soll er sonst auch hin gehen.

Gerade bei der Generation Z, sehe ich aber, dass Szenen fast kaum noch ihren Wert haben. Die switchen locker zwischen allen möglichen Genres und Szenen hinweg wie noch nie. Man mag es vielleicht oberflächlich bezeichnen. Aber vielleicht läutet diese Generation das Ende der festen Szenen ein.

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Black Alice
Vor 5 Monate

Ja, du hast es schon richtig erkannt. Diese Szenen-Switcher sind solche Leute, die sich eben nicht mehr festlegen wollen oder können. Kann man gut auch ins Liebesleben übertragen… die klassischen Beziehungen sind ja auch rückläufig. Es ist eher angesagt, sich nicht festzulegen, sondern auf mehreren Hochzeiten zu tanzen und den Schwanz einzuziehen, wenn es mal ein Problemchen gibt. Jetzt kann man darüber streiten, ob das etwas Gutes ist oder doch nur oberflächlicher Unsinn… ich tendiere zum Zweiten.

Heutige Jugend rebellisch? Ähm… die scheinen mir eher gleichgeschaltet und weitgehend konform mit den herrschenden politischen und gesellschaftlichen Meinungen. Solche Rebellen sind schon lange ausgestorben.

Man muss nicht alle Entwicklungen gut finden und man darf sie sogar kritisieren, denn letztendlich war ja früher auch nicht alles schlecht. Und warum sollte man sich sowas nicht auch bewahren (wollen)?

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63913)
Antwort an  Black Alice
Vor 5 Monate

Nun ja, auch ich besitze in manchen Punkten meine „Korsetts“, so ehrlich muss ich sein und dazu stehe ich auch. Zum Beispiel finde ich so manches in Sachen Szeneentwicklung nicht gut und bin nicht ohne Grund dafür, dass man langsam aufhören sollte alles unter „Gothic“ zu verbuchen 🤷🏼‍♀️😉.
Und nur weil ich nicht den Zeigefinger erhebe, sobald ich farbiges Leo- oder Zebramuster sehe, bedeutet das nicht, dass ich nicht über Prinzipien in Sachen Äußeres verfüge, auch mich betreffend. Es muss einfach ein stimmiges Bild ergeben, das ist mein persönliches Kriterium für Farbtupfer.

Ich stimme dir aber in dem Punkt zu, dass viele sich nicht nur einem Stil verschrieben haben, vorallem in Sachen Musik. Meine Erfahrung ist, dass nicht wenige auch Metal und Rock hören oder 80er Kram. Mache ich genauso, wenn mir danach ist!
Ich sehe das auch relativ locker, da einige Musikstile einfach den Grundstein für das ein oder andere Szenegenre gaben.

Black Alice
Black Alice (@guest_63920)
Antwort an  graveyardqueen
Vor 5 Monate

Das Lustige ist ja, dass in der Anfangszeit die Szene auch sehr durchlässig war. Man feierte zusammen mit anderen, sowohl in der eigenen, wie auch in den anderen Szenen. Die Berührungspunkte waren in der Undergroundszene, wie das damals hieß, ziemlich groß. Es gab ja neben der Goth auch die Punker, Post-Punker und vor allem auch die Indie-Szene, die so divers war, dass sie Anknüpfungspunkte zu allen hatte. Die Mode hat sich nicht sehr viel unterschieden. Auch die Indie-Szene mochte schwarz, die Metaller auch (natürlich mir vielen Nieten, LOL). In den 90ern und 2000er hat sich die Goth Szene durch ihr absolutes schwarz abgeschottet, was die Indie-Szene aber trotzdem nicht daran hinderte auch in die Goth-Szene zu switchen. Es gab damals, vor allem in den 80ern, immer wieder so viel neues, dass man ziemlich verklemmt und naiv gewesen wäre nicht auch mal links und rechts des eigenen Tellerrandes zu schauen. Man hätte sonst viel verpasst, vor allem die Entstehung neuer Genres, die bis heute die Musiklandschaft bestimmen. Ich finde es von daher nicht so falsch, wenn die Jugend heute sich auch nicht mehr so steif auf ein Genre konzentriert, auch wenn sie nicht mehr den Luxus hat neues am Entstehen mitzuverfolgen, weil sich kaum noch was tut. Dagegen kann die schwarze Szene nichts machen. Sie sind nun mal da, kommen und gehen und sind aller Unkenrufe zum trotz nicht ganz so schwarz. ;-)

Ich muss gestehen, dass ich damals auch alles mitgenommen habe. Zwar hatte ich meine Schwerpunkte, habe mich aber nicht nur einzig und allein auf diese festgesetzt. Heute bin ich froh, dass ich so gehandelt habe. So habe ich quasi live Musikgeschichte miterlebt, die ich sonst verpasst und mich heute darüber geärgert hätte. Darum freut es mich irgend wie auch, dass die heutige Jugend ihre Scheuklappen abgelegt hat.

Maren
Maren(@maren)
Vor 5 Monate

Tatsächlich ist  Tanzfledermaus sehr nah an dem, worauf ich eigentlich hinauswollte: Sie hält Gleichklang ungeachtet von Szenenzugehörigkeit für möglich. Nach dem Lesen ihres Kommentares hatte ich den Eindruck, dass mein Leserbrief eigentlich unnötig war, nur die Grundstimmung in der Diskussion, auf die ich mich bezog, hatte ich anders wahrgenommen.

 Durante hat mir gezeigt, dass meine Aussage: „Ich will gar nicht zur Szene gehören, denn das wäre für mich Eingrenzung.“, wirklich missverständlich ist. Auch wenn er ihn bei mir freundlicherweise nicht als Selbstüberzeugung von Einzigartigkeit und Individualität gewertet hat, habe ich das Gefühl, hier doch noch einmal genauer ausholen zu müssen, denn eher das Gegenteil ist der Fall. Es geht nicht darum, dass ich mir einbilde, zu besonders für eine Schublade zu sein. Es geht auch nicht darum, dass ich um keinen Preis verbindlich zu irgendetwas bekennen möchte. Wo meine Sympathien liegen, ist für mich eindeutig und das ist mir noch einmal bewusst geworden (gerade beim Lesen verschiedener Artikel bei Spontis.). Genauso ist mir aber noch einmal bewusst geworden, dass es trotz Schnittmenge eben auch Abweichungen gibt, die zum großen Teil auf meine Sozialisation h. M. zurückgehen. An Anschluss an die schwarze Szene war nicht zu denken.

In diesem Zusammenhang finde ich es jetzt auch witzig, dass das Abby ( ich bin in Meßkirch aufgewachsen) es in die Rubrik von euren Dunkeltanz Locations geschafft hat, denn das war früher ein Mainstreamschuppen aus dem Bilderbuch! Wollte ich jetzt “auf Biegen und Brechen“ dazugehören – wie es  graveyardqueen anderswo beobachtet hat, hieße das für mich, Abweichungen zu leugnen. Ich müsste in Bezug auf Kleidung nachbessern, mir in Bezug auf Musik noch einiges mehr aneignen, als das, was irgendwann einfach bei mir landet, weil es meinem schwarzen Herzen entspricht, und ich müsste mich in meiner Freizeit häufiger an anderen Orten bewegen. Das wäre dann aber unehrlich. Unehrlichkeit und mangelnde Authentizität, bedeuten für mich Eingrenzung, da echte Kommunikation und Interaktion dadurch unmöglich werden. Man will nur noch gefallen und für cool gehalten werden.

Stark hat mich auch die Reaktion von  Gruftwurm berührt. Aber bevor mein Brief ihn so lange beschäftigt hat, war es ihm zusammen mit  Durante gelungen, mich nachhaltig aufzurütteln, indem beide „Deine Lakaien“ in ihrem Beitrag übers Amphi erwähnt haben, wofür ich ihnen dankbar bin. Von denen hatte ich davor noch nichts gehört. Ich werde jetzt gar nicht erst versuchen, deren Wirkung auf mich in Worte zu fassen. Gerne wäre ich nach Berlin gefahren, aber die Strecke ist zu weit für ein kurzes Wochenende.

Lox : Hier wird es jetzt tatsächlich schwierig, denn ich denke wir reden aneinander vorbei. Was mich befallen hat? Ich bekomme diese Frage öfters gestellt. Andere wollen wissen, was in meinem Kaffee war… Nun was immer es war, eine Sinnkrise sicher nicht, und wenn ich eine hätte, wäre dieses Forum für mich definitiv der falsche Ort, um dieselbe zu bewältigen. Dazu muss ich Menschen sehr gut und lange kennen, und zwar aus dem Leben außerhalb des Netzes. Ich habe dafür auch einen guten Cocktail parat – nicht mehr schwarz-romantisch, sondern apokalyptisch und expressiv: „Wenn der Wind weht“ schauen, „Endgame“ oder „Verlorenens ICH“ (Gottfried Benn) lesen und Goethes Erben hören. Das führt zu einer Katharsis – wie beim Zuschauer einer griechischen Tragödie. Die rosa Plüschschuhe würde ich aber dennoch dankend annehmen, um sie jemandem weiter zu verschenken, der sich so etwas schon immer gewünscht hat.

Black Alice
Black Alice (@guest_63962)
Antwort an  Maren
Vor 5 Monate

Maren : Das Abby ist aber ein kommerzieller Schuppen. Nur einmal im Monat nennt es sich Abby. Heißt der Laden nicht in der übrigen Zeit Sunray Club? Das ist leider die Tragik von Heute.

Es gab bis vor rund 30 Jahren in Friedrichshafen einen Laden der nur aus dem Post-Punk Umfeld und Goth gespielt hat. Leider gibt es solche Läden nur noch in Großstädten, wenn überhaupt. Will man in der Provinz als Goth jedes WE aus gehen, muss man mobil sein.

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