Leserbriefe: Schutzräume im rosarot-gold-weißen Strom der Massen

In meinem letzten Artikel zur Marens Leserbrief hatte ich angekündigt, die Geschichte weiterzuerzählen. Ich war Maren also eine Antwort schuldig geblieben, in der ich ihr erklären wollte, warum wir unsere Schutzräume in Gefahr sehen und woraus das Gefühl wächst, sich erneut abzugrenzen. Eine ausführliche Antwort ließ nicht lange auf sich warten und Maren hat unter anderem nahe gebracht, wie schwierig es ist, als Einzelgänger Schutzräume zu wahren.

Liebe Maren,

vielen Dank für deinen ausführlichen Einblick in deine Beziehung mit „Goth“. Du darfst den Wunsch nach Abgrenzung, den Du im Tenor unserer Diskussionen wahrgenommen hast, nicht zu oberflächlich sehen. Auch wir möchten uns nicht „bewusst“ abgrenzen oder aktiv gegen eine Vereinnahmung rebellieren, wir grenzen uns allein schon deshalb ab, weil wir genau so empfinden wie du. „Gemeinsamer Schmerz“ hast du es genannt.

Das, was du als Wunsch nach Abgrenzung – im Sinne von „dazugehören“ – interpretierst, resultiert daraus, dass einige von uns ihre Schutzräume, die in den letzten Jahrzehnten gewachsen sind, in Gefahr sehen. Zugegeben, in den 80er gab es solche Schutzräume noch nicht, da hat man – wie du schreibst – mitgenommen, was geboten wurde und sich eher „innerlich“ abgegrenzt. In der Zwischenzeit haben sich allerdings Refugien gebildet, die eine physische Abgrenzung ermöglichten. Goth-Discos, Goth-Festivals, Goth-Treffen. Die bröckeln unserer Meinung nach jetzt weg und werden vom „Mainstream“ infiltriert. Das zerstört für einige die Atmosphäre und grenzt in einem Wunsch nach erneuter Abgrenzung. Ich will mich da nicht ausnehmen.

Letztendlich sind das aber Befindlichkeiten, die du als Tenor wahrgenommen haben könntest, die aber meist in der Erkenntnis münden, dass wir uns „innerlich“ immer noch genauso abgrenzen, wie du es auch empfindest. Ich find’s auch manchmal schade, dass wir dann in diesen Befindlichkeiten ertrinken, auch wenn ich mich manchmal genauso fühle.

Marens Schutzräume

“Can you give me sanctuary, I do need a place to hide, a place for me to hide.“

Schutzräume, die eine Rückzugsmöglichkeit aus einer lärmenden, sinnentleerten Oberflächlichkeit bieten, die einem erlauben unter Gleichgesinnten zu existieren, ohne befremdet angesehen zu werden, Schutzräume, die Sicherheit vor Anmache bieten, sind besonders für diejenigen wichtig, die sich nicht im rosarot-gold-weißen Strom der Massen vom allgemeinen Wohlgefühl mit treiben lassen können oder wollen.

Schutzräume, die euch eine physische Abgrenzung vor diesen Massen erlauben, drohen, wie du sagst, wegzubrechen, lieber Robert, und die Sorge um deren Bewahrung und daher auch den Unmut über Eindringlinge, die durch ihr Auftreten und ihr Äußeres zu diesem Wegbröckeln beitragen, kann ich verstehen.

Auch ich finde es, gelinde gesagt, befremdlich, wenn ich höre oder lese, dass Menschen auf einem schwarzen Festival nachts Schlager hören, im Hawaiihemd herumlaufen oder sich sinnlos betrinken. Wie ich dir bereits gesagt habe, stören auch mich feiernde Möchtegern Freaks auf dem Pere-Lachaise, und Doors Tribute Bands tue ich mir nicht an, weil deren Sänger weder stimmlich noch durch Bewegung auch nur einen Hauch von Jimmys Tanz am Abgrund wiedergeben könnten.

Außerhalb der Szene als Einzelgänger die geeigneten Schutzräume zu finden, halte ich allerdings für bedeutend schwerer. Es gibt sie zwar, aber sie sind anders beschaffen und oft nur temporär und sehr fragil. Da kein Türsteher über sie wacht, können sie durch das Betreten einer einzigen Person ihre Funktion als Schutzraum verlieren. Man muss sich einen neuen Schutzraum suchen oder erschaffen. Auch ist es nicht immer ganz einfach, Menschen zu erkennen, mit denen ich einen Schutzraum teilen kann oder die mir einen solchen gewähren, und es ist auch nicht ganz ungefährlich. Hier ist ein gutes Urteilsvermögen gefragt, um zwischen “good-weird“, “weird-weird“ und “bad-weird“ zu unterscheiden. Einen ganz besonderen temporären Schutzraum habe ich einmal für einen Tag in einem besetzten Haus in London Brixton gefunden, wohin ich einem Straßenmusiker auf Einladung gefolgt war, dessen Lieblingsband übrigens die Doors waren, der sich jedoch aus Respekt vor Jim nicht an deren Songs vergriff.

Neben den Schutzräumen, die ich mit Menschen teile, denen ich ungefiltert begegnen kann, spielt die Natur bei der physischen Abgrenzung für mich eine wichtige Rolle, zumal ich in einer Gegend „hinter dem Mond“ aufgewachsen bin und jetzt auch wieder hinter selbigem lebe. Da wäre ein passender Club als Schutzraum mit Türsteher ohnehin eher eine theoretische Option.

Come with me into the trees…

“Come with me into the trees …“ Für mich wurde in den Zeilen dieses Songs der Wald als Schutzraum und Rückzugsort vor all den Dingen geschildert, die unsere Emotionen zu ersticken drohen, als Ort, wo wir uns ungefiltert begegnen können.

Aber selbst ein erhabener Schutzraum wie der Wald kann Gefahr laufen, infiltriert zu werden. Dies war während Corona deutlich zu spüren, als plötzlich Krethi und Plethi aus Langeweile dort in Scharen herumtrampelten.

Auch wenn sich dies wieder gebessert hat, ist trotzdem die Nacht der beste Zeitpunkt, um diesen Rückzugsort für sich in Anspruch zu nehmen.

Und sollte eine physische Abgrenzung gar nicht möglich sein, bleiben die Kopfhörer, die einem erlauben, sein eigenes Universum zu betreten.

Obwohl ich dir, wie ich hoffentlich darlegen konnte, gut folgen kann und ähnlich empfinde, Robert, bin ich dennoch der Meinung, dass Abgrenzung die Gefahr birgt, dass ich aus Angst, dass mein Schutzraum verletzt wird, ein wertvolles Gegenüber nicht wahrnehme. Da die Welt nicht gerade überbevölkert mit Individuen der Kategorie „good-weird“ ist, bedeutet dies dann einen wirklichen Verlust. Ich habe für dieses Problem weder für mich eine perfekte Lösung noch nehme ich mir heraus, anderen eine zu unterbreiten, möchte es aber dennoch ins Bewusstsein rücken.

In der Vorfreude auf kürzer werdende Tage und einen wunderschönen nebligen November.

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Graphiel
Graphiel(@michael)
Vor 8 Monate

Ich muss sagen, mir gefiel bereits der erste Leserbrief sehr gut, sodass ich sehr auf deine Antwort gespannt war und mir inzwischen meine eigenen Gedanken dazu machte. Wie hätte ich wohl geantwortet?

Interessanterweise sind unsere Antworten gar nicht mal so verschieden, lieber Robert. Wie ich in meinem Beitrag zum Amphi-Bericht habe verlauten lassen, machen mir besoffene Stinos inzwischen hochgradig die Stimmung auf schwarzen Veranstaltungen kaputt. Auch wenn ich bereits zu meinem eigenen Szeneeinstieg mit allerlei Merkwürdigkeiten konfrontiert wurde, die heutzutage nur noch mit einem tiefen und manchmal auch mürrischen Seufzer bedacht werden, so finde ich keine Entwicklung so schlimm wie diesen „Szenetourismus“ auf unterstem Niveau.

Und um es nur nochmal deutlich zu sagen: Ich meine damit nicht irgendwelche friedlichen Leute, die halt „unsere“ Musik für sich entdeckt haben und sich halbwegs respektvoll auf den Events verhalten. Ich spreche hier wirklich nur von diesen Brachialfällen, die den Eindruck erwecken als seien sie der Meinung für ihr Eintrittsgeld die ganze Veranstaltung gekauft zu haben. Vor kurzem habe ich mich noch mit einem befreundeten Grufti darüber unterhalten und wir kamen beide zu dem Ergebnis, dass die Zahl derer mit denen man bereits auf der normalen Tanzfläche aneinander gerät in den letzten Jahren signifikant zugenommen hat. Und fast immer sind es sturzbesoffene Stinos, die augenscheinlich nur zum saufen, Frauen anbaggern und Stress schieben vor Ort zu sein scheinen. Früher habe ich es einmal genossen, war sogar ein wenig stolz darauf dass man als Türsteher auf schwarzen Veranstaltungen praktisch arbeitslos war. Inzwischen wünsche ich mir dann doch eine etwas strengere Security, die nicht jeden dahergelaufenen Vogel reinlässt.

Mir versaut das halt nicht nur die Stimmung, es macht mir eben auch die Rückzugsmöglichkeiten, die Schutzräume kaputt. Da komme ich mir abseits von besonders undergroundigen Tanzveranstaltungen häufiger so vor, als würde ich bei einer schwarzen Veranstaltung nicht einfach nur meine Art zweites Wohnzimmer betreten, sondern eher mal das Bierzelt eines schwarz bemalten Oktoberfestes, bei dem ich nur noch als geduldeter Gast teilnehmen darf. Und ja, besonders in solchen Momenten wird auch bei mir der innere Wunsch nach Abgrenzung besonders laut.

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Leider wahr und das geschriebene kann ich auch so unterschreiben.
Da muss ich jetzt z.B. an die guten alten Guitarmen of the Apocalypse Parties in Bielefeld damals denken. Die waren nicht besonders groß, die Szene war unter sich und der DJ hat wirklich gutes Zeug aufgelegt. Das war einer dieser Schutzräume, was ich heute irgendwie sehr vermisse.
Natürlich lassen sich da noch andere kleine Veranstaltungen von damals nennen, aber eben diese kam mir gerade besonders in den Sinn.

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Gruftwurm
Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Der Szenetourismus ist nicht nur nervig sondern kann auch richtig unangenehm werden, ich habe hier auch schon mal von meinen Erfahrungen mit Belästigungen durch offensichtlich Szenefremde berichtet. In solchen Momenten wünsche ich mir auch eine strengere Türpolitik, bin allerdings auch zwiegespalten. Woran genau erkennt man jemanden der szenefremd ist? Es nur an der Kleidung festzumachen könnte schwierig werden. Denn es gibt ja genug die zwar äußerlich eher durchschnittlich aussehen, die aber z.B. mehr Ahnung von Szenemusik haben als so mach ein aufgestyltes Wesen. 

Andererseits ist mein Wunsch nach einem geschützten Ort mit entsprechender Atmosphäre und Musik auch sehr groß. Ein schwarz angemaltes Oktoberfest ist das letzte was ich möchte, da bleib ich lieber Zuhause! Es ist also gar nicht so einfach.

Letzendendes sollte das Verhalten das entscheidende Kriterium sein und nicht der äußere Eindruck. Dadurch lässt sich Szenetourismus wahrscheinlich am besten aufspüren und ausmerzen. Wir müssen aufmerksamer werden und eingreifen wenn wir Verhalten erleben oder beobachten das nicht in Ordnung geht. Dann muss das Clubpersonal auch darauf vorbereitet sein und  entsprechend konsequent handeln. Nicht nur an kurzfristigen Umsatz denken, denn sonst bleibt irgendwann das Zielpublikum aus. 

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Norma Normal
Marquis
Marquis(@marquis)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Neben den sturzbesoffenen Stinos, gibt es auch sturzbesoffene Schwarze.
Ich weiß was Du damit meinst und stimme Dir zu, finde aber unabhängig von Deinem Beitrag,quasi als Ergänzung, daß Suff und Co in der schwarzen Szene einen Artikel wert wären.

graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63725)
Antwort an  Marquis
Vor 8 Monate

Ich würde das ganze generell breiter gefächert betrachten. Hier geht es bis jetzt nur um Partyabende. Was aber ist zum Beispiel mit Konzerten?! Und es sind tatsächlich nicht nur Stinos, deren Anstand man sucht, sondern tatsächlich auch Schwarze, da gebe ich Marquis Recht.

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass wenn ich zum Beispiel jemanden ausversehen anrempel, was bei einem Konzert ja durchaus ausversehen beim tanzen passieren kann, dann versuche ich mich anhand einer Geste zu entschuldigen. Ich hab’s aber schon erlebt, dass manche sich querfeldein Richtung erste Reihen drängeln, noch nicht mal unbedingt des Konzertes wegen, sondern weil da irgendeine Person steht, die man kennt und wo man eine Runde quatschen muss. Dass sie einen mit ihrem Gedrängel dabei in den Rücken des Vordermann schubsen ist für sie anscheinend völlig normal und bedarf keiner Entschuldigung, wie gesagt, es geht nicht um ausversehen, sondern um bewusst.

Anderes Beispiel…
Dass das Internet für manche ein Spielplatz ist, in dem man seinen Anstand verlieren kann, ist auch nichts neues und so bekommt man als Frau auch auf diversen Kontaktseiten Nachrichten, die von Beleidigungen hinzu Fetisch und sexualisierten Nachrichten alles enthalten. Meine persönlichen Favoriten sind ja die Typen, die einen mit „MEINE Hübsche“ oder dergleichen anreden oder es nicht begreifen, wenn man keinen Kontakt will und einem das Profil belagern oder mit Nachrichten bombardieren.
Dass alles nur Fasching-Schwarze sind bezweifel ich, der ein oder andere wird sich schon bewusst zur Szene zählen.

Ich werde auch nie eine Unterhaltung mit einem jungen Mann vergessen, mit dem ich eine Szenediskussion führte. Unsere Meinungen waren schon recht unterschiedlich und an dem Punkt, wo er über die Szene sagte „Coole Klamotten und die Frauen sind auch ein Augenschmaus“ war alles vorbei. Es folgte eine Diskussion über Oberflächlichkeit und das Frauen keine Objekte sein, wo er sinngemäß mir zu verstehen gab, dass Frauen angesehen werden wollen bzw. damit rechnen müssten auf ihr Äußeres reduziert zu werden. (Bei entsprechendem Outfit)

Ich denke spätestens an solchen Punkten fängt man an die rosarote Szenebrille abzusetzen und versteht die Abgrenzung, auch innerhalb der Szene.
Die Schwarze Szene ist inzwischen in vielen Punkten ein Abklatsch der Stinogesellschaft

Ich hoffe, ich bin nicht zu sehr am Thema vorbei geschossen, aber ich wollte durchaus mal meine Eindrücke wiedergegeben und dass es eben nicht nur Stinos auf Szeneparties sind, wie bisher besprochen wurde 🙂.

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von graveyardqueen
Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  graveyardqueen
Vor 8 Monate

Grundsätzlich gebe ich euch da beiden durchaus recht. Die schwarze Szene ist inzwischen vom Gefühl her in vielerlei Hinsicht ein Abklatsch der Normalgesellschaft geworden. Sofern sie das bis zu einem gewissen Maße nicht ohnehin schon immer war.

Mir persönlich fällt es aber besonders stark bei eher mainstreamigen Veranstaltungen auf, bei denen man ohnehin den Großteil der Leute nicht ansatzweise kennt und da fallen unter den schwarzbunt kostümierten (ja, auch bei manch Schwarzkittel kann ich mir das Wort „Kostüm“ nicht wirklich verkneifen) besonders die volltrunkenen Stinos auf, die man auf kleinen, eher undergroundigen Partys normalerweise gar nicht erst zu sehen bekommt.

Ich stimme aber zu, dass man es in der Gesamtheit tatsächlich breiter fassen muss und auch jene Schwachmaten hinzu nehmen sollte, die sich nach außen hin zwar gruftig/schwarz geben, sich vom Verhalten her aber genauso sehr wie die offene Hose benehmen wie die von mir kritisierten Stinos. Ironischerweise erlebe ich diese Sorte Schwarzkittel jedoch auch fast nie auf den eher undergroundigen Veranstaltungen, was mich dann wieder zu der Frage führt ob unter diesen „verhaltensegalitären“ Schwarzkitteln nicht oft doch auch einfach nur verkleidete sauf-und-rauf-Stinos stecken, die in ihrem Inneren gar kein Interesse an dem Erhalt von Schutzräumen oder einer authentischen Subkultur haben.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Dazu fällt mir ein, vor einigen Jahren hab ich mal eine Sendung geschaut, wo ein Grufti-Mädel von einem Filmteam zum Mera Luna – oder war es doch das Amphi? – begleitet wurde. Direkt nach der Ankunft, als ihre Clique gefunden war, ging es darum, sich vollaufen zu lassen und Flaschendrehen und ähnliche Proll-Spielchen zu veranstalten. Da hab ich mich echt gegruselt und Fremdscham verspürt, dass da solch ein Bild der Szene nach außen transportiert wurde.

Bis auf’s WGT hab ich eher wenig Festival-Erfahrung, denn Festivals sind mir meist zu anstrengend und bei Open Air außerdem zu sehr vom Wetter abhängig. Aber da, wo ich bislang war, hielten sich betrunkene und peinliche Leute bzw. Grüppchen zum Glück sehr in Grenzen.

Fernsehsender und andere Medien zeigen von den großen Festivals leider oft Leute, die offenbar nur zum Sehen und Gesehen werden hinfahren und denen man anmerkt, dass sie keine „echten“ Szenegänger sind. Wenn sie schon selbst von „Kostümen“ reden und dann außer dem VicPic nichts vom WGT besuchen, kann’s mit der Authentizität nicht allzu weit her sein. Und das zieht dann natürlich auch weitere Kanditaten an, die das ganze nur für einen dunkelbunten Fasching ohne Tiefgang halten.

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Tanzfledermaus
graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63734)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 8 Monate

Das ist etwas was ich auch nie wirklich verstanden habe, warum sich die Leute vor eine Kamera zehren lassen. Was ist das Ziel? Es gibt unzählige Dokus und Berichte, auch aus den frühen Anfängen. Jemand der selber nie innerhalb der Schwarzen Szene unterwegs ist, wird doch niemals wirklich verstehen was unsereins damit verbindet. Genauso diese Selbstdarstellung, wie sie inzwischen zum Beispiel auf Instagram stattfindet. Für mich ist all das befremdlich.

Auf welchen Punkt ich in Tanzfledermaus ihren Beitrag aber auch noch eingehen möchte ist folgende Aussage, „Auf 34 Jahre „Schwarzsein“ gerechnet nicht viel.“
Eigentlich ist es doch völlig egal, wieviel Festivals und Konzerte man nun erlebt hat. Dies bildet doch nur einen von vielen Pfeilern, der das Schwarz bzw. Grufti sein ausmacht 🙂.

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von graveyardqueen
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  graveyardqueen
Vor 8 Monate

Oh, bevor sich jemand wundert, ich hatte den Absatz wieder raus genommen, wo ich meine überschaubaren Festival-Erlebnisse aus 34 Jahren zusammen gefasst hatte….
Ich wollte damit eigentlich auch nur sagen, dass ich kein regelmäßiger Festivalgänger bin (außer – wieder – WGT) und daher nicht einschätzen kann, wie es sich so auf den anderen aktuellen Veranstaltungen so verhält.

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Tanzfledermaus
graveyardqueen
graveyardqueen (@guest_63733)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Ich finde den Punkt mit dem Erhalt einer authentischen Subkultur sehr interessant und wichtig! Selber bewege ich mich nun nicht im Szene-Untergrund, genauso wie ich mich nicht als waschechten Grufti sehe, da ich einfach zuviele (Musik-)Stile der Schwarzen Szene in mir vereine und mich nicht zwischen Schubladen wie Goth Rock, Horror Punk oder z.B. Wave entscheiden möchte, der Oberbegriff „Schwarz“ macht mich völlig zufrieden. Dennoch ist auch mir wichtig, dass innerhalb der Szene alte Werte und die Wurzeln gewahrt werden, sowie dass sie nicht völlig verwässert wird. Ich hatte es irgendwo schon einmal grob angerissen, dass ich den Weg in die Szene fand, eben weil sie andere Werte vertrat / vertritt, als Teile der Stinogesellschaft und ich mit meinen Werten besser in sie rein pass(t)e. Was ihr als Schutzraum bezeichnet ist für mich einfach mein Daheim, man könnte auch sagen Wohnzimmer und so wie es auch im richtigen Daheim ist, möchte man nicht, dass andere Chaos stiften und die Wohnung umräumen. Ich hoffe man versteht was ich damit sagen möchte.
Mein Gefühl und Eindruck, nicht nur aus Beobachtungen heraus sondern auch aus Unterhaltungen mit andern, ist, dass es nicht wenige sind, die das nicht so sehen. Sich meiner Auffassung nach nie wirklich näher mit Wurzeln befasst haben. Sehr oft war es auch so, dass wenn man sich auf alte Werte berief und neues nicht gut hieß, dass man sofort in die elitäre Ecke geschoben wurde. Wie echt und authentisch diese Leute nun sind, möchte ich aber nicht beurteilen. Nicht jeder von ihnen führt sich auf wie die Axt im Walde sondern weiß sich zu benehmen 🤷🏼‍♀️.
Leider wird man an diesem Desinteresse auch nie wirklich viel ändern können. Entweder die Leute sind von sich aus neugierig und verlassen die Oberfläche, Richtung Tiefe oder eben nicht.

Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Antwort an  graveyardqueen
Vor 8 Monate

Da sagst du schon was wahres. Auch wenn ich persönlich eine Tendenz in die Richtung erlebe, das übergriffiges Verhalten häufiger von Szenefremden ausgeht, möchte ich dir doch zustimmen. 
Szeneleute sind nicht per se die besseren Menschen, so ernüchternd das auch ist, es sollte uns klar sein. Und wie ich bereits geschrieben habe, und du es ebenfalls erwähnst, man findet viele Eigenschaften aus der „Mehrheitsgesellschaft“ genauso innerhalb der Szene, wie z.B. Sexismus.
Dein Beispiel von dem jungen Mann der gesagt: „Coole Klamotten und die Frauen sind auch ein Augenschmaus“, lässt mich echt an der Motivation von solchen Menschen sich in der Szene zu bewegen zweifeln. So jemandem zähle ich nicht zu meiner persönlichen Definition von Szene, selbst wenn er schon seit Jahrzehnten dabei wäre. Aber Szene ist heterogen, und jeder sieht das wohl anders. 
Das mit der Abgrenzung ist echt konfus geworden, weil es sich konsequenterweise nicht nur nach außen sondern auch nach innen richten müsste, auch da stimme ich zu. Daher meinte ich, im Zweifel ist das Verhalten und das Wesen der Menschen entscheidend und eben nicht die Äußerlichkeiten oder die (vermeintliche) Zu – bzw. Nichtzugehörigkeit. 

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Norma Normal
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Stino-Invasionen kenn ich vor allem aus dem montäglichen „Duncker“ in Berlin, wo ich jahrelang regelmäßig war (inzwischen arbeits- und coronabedingt leider fast gar nicht mehr, daher sind meine Erfahrungen schon älter).

Da wurden immer wieder Gruppen reingelassen, die eigentlich gar nicht rein passten und sich zum Teil unmöglich benahmen, ob besoffen oder nicht. Die stellten sich gerne zu mehreren zum Quatschen mitten auf die eh schon kleine und volle Tanzfläche, gerne noch mit Taschen und Jacken auf dem Boden. Manchmal gab es auch lautstarke dümmliche Kommentare zu den ringsherum Tanzenden.
Und natürlich blieben auch platte Anmachen nicht aus, da wir Grufti-Damen ja seit Vermischung mit der Fetisch-Szene und der zunehmenden Verbreitung reizvollerer Bekleidung leider den Ruf weg haben, leicht zu haben zu sein :-(

Wenn getanzt wurde, dann gerne so, dass keine Rücksicht auf andere genommen wurde: also mitten in den Tanzbereich anderer hinein gestellt und da auf der Stelle rumgehampelt, am besten noch mit einem Getränk in der Hand, das irgendwann verschüttet wurde und die Tanzfläche in eine Rutschbahn verwandelte.

Da der Duncker einen Türsteher hat und der Club damals auch sonst nie wirklich zu leer war, hab ich mich oft gefragt, warum die trotzdem eingelassen wurden. Muss wirklich ne Geldfrage gewesen sein. Manchmal wurden auch einzelne Leute, die sich zu sehr daneben benahmen, nach einer Beschwerde ermahnt oder gar raus gesetzt, aber im Vorfeld scheint es keine große Filterung gegeben zu haben (oder man bekam es drinnen nur nicht mit, wer sonst noch alles Einlass begehrte und dennoch nicht rein kam? Wer weiß…)

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Tanzfledermaus
Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Graphiel
Vor 7 Monate

Inzwischen wünsche ich mir dann doch eine etwas strengere Security, die nicht jeden dahergelaufenen Vogel reinlässt.

Absolut. Wer schon volltrunken ankommt sollte gar nicht erst reinkommen wenns nach mir geht. Und ein gewisser Dresscode (Bluejeans & buntes Shirt = Nö) mag auf den ersten Blick oberflächlich wirken, erspart einem aber zumindest einen Teil der „Szenetouristen“ die nur saufen oder „Gothic-Mädels“ anbaggern wollen. Von den Leuten die mir die letzten Jahre wirklich EXTREM unangenehm aufgefallen sind trug keiner schwarz (Ausnahmen mag es natürlich immer geben). Dresscode war auf schwarzen Veranstaltungen ja durchaus mal üblich – Wann is das eigentlich genau aus der Mode gekommen? :(

Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Vor 8 Monate

Über den Begriff Abgrenzung habe ich auch schon öfter sinniert. Für mich persönlich ging es abgesehen von einer Phase in der Jugend, meist nicht um aktive Abgrenzung, sondern um Authentizität. Sich selbst treu sein, den Werten, den Interessen und dem ästhetischen Empfinden. 

Um sich abzugrenzen muss man ja definieren wovon. Ich habe nicht das Bedürfnis mich kategorisch von szenenfremden Menschen abzugrenzen, weil es mir hauptsächlich um das Wesen eines Menschen geht. Und Leute mit offenen Herzen gibt es nicht exklusiv innerhalb der Szene, die kann man auch außerhalb finden. Was allerdings Freizeitaktiviäten angeht, ist es schon hilfreich sich Freunde innerhalb der Szene zu suchen.
Was Weltbilder und Anschauungen angeht, da gibt es ja auch in der Szene eine große Vielfalt. Früher hätte ich gesagt, ich möchte mich von konservativen Werten abgrenzen, von Engstirnigkeit, von Ewiggestrigkeit, von einer kaltherzigen Leistungegesellschaft etc. Aber diese Dinge gibt’s ja durchaus auch innerhalb der Szene. 

Zum Glück leben wir mittlerweile in einer relativ vielfältigen Gesellschaft. In der es – wie ich es empfinde – gar nicht mehr die eine „Leitkultur“ gibt. Es gibt schon noch Tendenzen, allerdings ist das auch von Region zu Region und vom einigen Lebensumfeld abhängig und sehr unterschiedlich. In meinem direkten urbanen Umfeld fühl ich mich im Grunde recht gut aufgehoben, mit Abstrichen allerdings. Also was bedeutet Abgrenzung heute eigentlich überhaupt? 
Beunruhigend finde ich persönlich das es europaweit ein Wiedererstarken von konservativen und nationalistsichen Weltbildern gibt, das ist etwas wovon ich mich ganz klar abgrenzen und auch aktiv entgegenwirken möchte!

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Norma Normal
Vor 8 Monate

Beunruhigend finde ich persönlich das es europaweit ein Wiedererstarken von konservativen und nationalistsichen Weltbildern gibt, das ist etwas wovon ich mich ganz klar abgrenzen und auch aktiv entgegenwirken möchte!

In meinen Augen auch ein wichtiger Aspekt in dieser Thematik „Abgrenzung“. Finde ich sehr gut, das Du diesen Punkt hier mit erwähnt hast und dem ich mich ebenfalls klar abgrenze und entgegenwirke.

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 8 Monate

Als die Gruftiszene sich entwickelte, wehte in Deutschland ein weit konservativerer Wind, als heute. Kann also nicht nachvollziehen, was einem da Angst machen sollte. Und wenn ich mir das Gejammer um das Wegbrechen von vielen Szenebestandteilen so durchlese, so ist doch der Konservatismus doch genau dass, was den Erhalt alter Traditionen fördert und erhalten will. Na was denn nun? Also mehr Gleichförmigkeit und Durchmischung von Szenen oder doch wieder zurück zu einst/damals, als man noch unter sich war und die Leute noch Satanist hinterhergebrüllt haben. Fand ich immer lustig. ;)

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Phoenix
Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Phoenix
Vor 8 Monate

Ich glaube Du hast im letzten Satz von  Norma Normal etwas falsch verstanden. Konservativ war auf die politische Richtung in Europa gemeint und nicht auf die Szene. Jedenfalls habe ich das so verstanden.

Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  Phoenix
Vor 8 Monate

Ich finde du schmeißt da gerade unterschiedliche Dinge in einen Topf. Wie Gruftwurm schon schrieb, meinte Norma Normal wohl die politisch-/wirtschaftliche (das ist für mich untrennbar miteinander verknüpft) Richtung, in die sich Europa bewegt und nicht innerhalb der Szene.

Und selbst wenn ich das jetzt mal außen vor lasse, so verstehe ich trotzdem nicht wo du da bezogen auf die Szene einen Widersprüche siehst.

Man kann doch auch Vielfältigkeit (Beispielsweise in der Musik) grundsätzlich für gut befinden und dennoch „konservativ“ Werte, die ein respektvolles Miteinander gewährleisten sollen und die Schutzräume am leben erhalten beibehalten wollen. Der Konservatismus wird dabei doch an völlig unterschiedlichen Stellen eingefordert und schwebt nicht wie eine große Wolke über der kompletten Szenelandschaft.

Oder meinst du ein besonders enger Zusammenhalt und eine „Wertegemeinschaft“ innerhalb der Szene ist nur dann möglich, wenn sich die Außenwelt besonders feindselig verhält? Falls ja: Wie kommst du darauf? Eine gewisse Wechselwirkung zwischen Außenwelt und Szene lassen sich natürlich nicht abstreiten, jedoch verstehe ich nicht wieso du meinst dies müsse unbedingt eine Art „Feindschaft“ beinhalten, auch wenn dies den Zusammenhalt innerhalb der Szene sicherlich noch mal verstärkt. Doch sehe ich eben keine grundsätzliche Notwendigkeit dahinter, welche so zu einem Widerspruch führen könnte. Dazu mal als anekdotisches Beispiel mein tägliches Berufsleben: Ich habe tagtäglich mit Menschen zu tun, die weit weg von meiner Szenezugehörigkeit entfernt leben und bei denen ich trotzdem nicht das Bedürfnis verspüre mich noch weiter abzugrenzen. Diese Leute wollen gar nicht näher mit meinem Szeneleben in Berührung kommen, stellen maximal hier und da ein paar interessierte Fragen, würden aber nie auf die Idee kommen jetzt einfach mal eine schwarze Veranstaltung zu stürmen. Stattdessen machen sie genau das, was ich mir grundsätzlich von meiner gesellschaftlichen Umwelt so erhoffe. Sie arbeiten soweit mit mir zusammenarbeiten, sodass ein gemeinsames Ziel (in dem Fall eine erfolgreiche Inklusion) erreicht werden kann, lassen mich sonst aber in meinen Rückzugsorten und mit meiner Art zu leben und mich auszudrücken in Ruhe. Mehr verlange ich von meinen nicht-gruftigen Mitmenschen doch gar nicht. Was soll ich mich da noch weiter abgrenzen?

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Graphiel
Vor 8 Monate

Ähm… nein! Politisch war es früher (vor allem zu Kohls Zeiten) deutlich konservativer und demzufolge war auch die Gesellschaft konservativer. Man kann nun streiten, ob das liberale System der Szene gut tut oder nicht. Heute herrscht massive Gleichmacherei und da fällt es den Menschen generell schwer sich von irgendwas abzugrenzen… und sie wollen es eben auch nicht. Warum gibt es so wenig schwarzen Nachwuchs? Hm… vielleicht, weil heute andere Themen aufm Plan stehen, als seinen Weltschmerz durch schwarze Kleidung und düstere Musik zum Ausdruck zu bringen… nein, eher um den Weltuntergang zu propagieren. Vielleicht sind sie schon einen Schritt weiter. Ich bezweifle es aber. ;)

Ich kann nicht verleugnen, dass damals vieles besser war. Heute distanziere ich mich zunehmend, auch von der Szene und den Ansichten… vielleicht ist das auch eine Art Abgrenzung.

Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Antwort an  Phoenix
Vor 8 Monate

Wie meinen?! Weder Graphiel noch ich haben behauptet das die Gesellschaft in Deutschland heute konservativer sei, als z.B in den 80ern unter Kohl. Ich glaube das ist einfach nur ein Verständigungsirrtum.
Klar ist es heute liberaler in Deutschland, das ist auch gut so!
In anderen europäischen Ländern allerdings, wie in Italien und in Ungarn, gibt es zur Zeit rechte Regierungen, nur um zwei Beispiele zu nennen.
Das ist ja wohl nicht zu leugnen und finde ich beunruhigend. Darauf bezog sich mein ursprünglicher Kommentar. 

Nur um in der Szene mehr Zusammenhalt zu haben, oder was auch immer, gebe ich doch nicht meine Freiheiten auf. Klar, in Systemen in denen Unterdrückung herrscht sind Subkulturen oft sehr lebendig, weil es eben keine andere Möglichkeit gibt, als in den Untergrund zu gehen. Aller Nostalgie zum Trotz, aber das ist doch nicht ernsthaft erstrebenswert!

Und sowas wie „DIE Ansichten der heutigen Szene“ gibt es eben nicht. Es herrscht kein allgemeingültiger Konsens über gewisse Ansichten, nicht mal ein allgemeingültiger Musikgeschmack, sonst würde auf einem Szene Blog wie hier ja nicht so rege diskutiert werden. 

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Norma Normal
Vor 8 Monate

Ich behauptete dies ja auch nicht. Ich meine aber vernommen zu haben, dass die Angst vorherrscht, dass es politisch wieder konservativer wird und dass die Zeiten damals, als sich die Szene entwickelte, sicher nicht die schlechtesten waren, vorallem so im Nachhinein betrachtet. Und zu der Zeit fand ich die Szene auch noch weitaus unpolitischer, als heutzutage. Also um es kurz zu machen, die Rahmenbedingungen waren zu der Zeit andere, als heute und genau deswegen wird die Szene über kurz oder lang mit den alternden Szenegängern sterben. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Verwaschen ist sie schon und so sehr sich viele an die Vergangenheit klammern und irgendwas von Abgrenzung erzählen… es ist vergebens. Klingt negativ… ist es auch.

Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  Phoenix
Vor 8 Monate

Wo du nun die große Gleichmacherei siehst, die zum Zerfall der Szene führt war mir schon immer ein wenig schleierhaft. Ich sehe die jedenfalls nicht, aber vielleicht lasse ich mich auch einfach nur nicht so sehr von oberflächlichen Schönheitskorrekturen an einem todkranken Patienten blenden. Eine klassenlose Gesellschaft würde ich da ja sogar noch abfeiern, doch die sehe ich vorne und hinten nicht gekommen.

Die Schere zwischen Arm und reich geht schließlich immer noch munter auseinander, Autoritäre Wirtschaftsmächte wie China zeigen uns seit vielen Jahren, dass Kapitalismus und autoritäre Systeme entgegen früherer, westlicher Prophezeiungen sehr wohl bestens miteinander in Einklang zu bringen sind. Die nächsten Big Player wie Indien stehen derweil bereits in den Startlöchern. Währenddessen zieht sich die Schlinge um den Hals der westlichen Wirtschaft und ihrer vorgeblichen „Werte“ immer enger und befeuert mit halbherzigen bis heuchlerischen Grabenkämpfen, dass bereits in den unteren Schichten die Menschen gegeneinander ausgespielt werden, um ein marodes System am leben zu erhalten, welches bereits in seinem Kern von der Ungleichheit lebt. Und zu all dem tickt im Hintergrund die Uhr der klimatischen Vollkatastrophe, bei der man sich höchstens noch um das „wann“ uneinig ist.

Gründe um sich abzugrenzen gibt es also auch heute noch zur Genüge, wenn man denn willig genug ist die Augen offen zu halten. Mir erscheint dein Standpunkt daher als arg reaktionär, wenn du wirklich meinst dass die Zeiten für eine von Weltschmerz geprägten Szene damals besser waren.

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Norma Normal
Vor 7 Monate

„Authentizität“… ein wunderschönes und wichtiges Wort wenn es um Abgrenzung UND auch die Szene im Allgemeinen geht! :)
Wichtiger als die Frage ob jemand generell Goth oder Trad-Goth oder Romantic-Goth oder… ist, sollte eigentlich immer die Frage sein: Ist dieser Mensch AUTHENTISCH oder spielt er seinem Gegenüber (und vielleicht auch sich selbst) etwas vor?

Beunruhigend finde ich persönlich das es europaweit ein Wiedererstarken von konservativen und nationalistsichen Weltbildern gibt, das ist etwas wovon ich mich ganz klar abgrenzen und auch aktiv entgegenwirken möchte!

Ich stimme dir zu, aber das beunruhigendste ist finde ich noch nicht mal dieser kindisch-trotzige „konservative Backlash“ an sich (so uneingeschränkt negativ ich diesen politischen Trend auch sehe und so irrational* ich politischen Konservativismus generell auch finde), sondern eher dass HEUTIGE Konservative in Europa allerorten KEINERLEI Scheu mehr davor haben mit Rechtsradikalen und Neofaschisten zu paktieren (auch wenn die Konservativen dabei politisch langfristig erfahrungsgemäß immer verlieren, das lernen sie aber offenbar nie *augenroll* ).
Ich war auch nie ein Fan von z.B. Helmut Kohl, aber eine Gefahr für Leib und Leben eines Teils der Bevölkerung war „die deutsche Birne“ in meinen Augen nie. Das kann man von der durchgeknallten hetzenden Höcke-Truppe UND aber auch allen die mit ihr paktieren oder sie (bewusst oder unbewusst!) salonfähig machen halt in letzter Konsequenz leider NICHT behaupten.

( *Konservative verteidigen ja immer nur den Ist-Zustand (oder auch mal das „Gestern“) das Progressive(!) in der Vergangenheit irgendwann mal erkämpft haben. Die wenigsten Konservativen wollen eine Herrschaft von Adel & Klerus zurück und zumindest in Deutschland wollen auch die wenigsten Konservativen z.B. das Frauenwahlrecht wieder abschaffen. Damals waren sie dagegen. So wie sie heutzutage gegen Homoehe sind. Und in 40-50 Jahren wird die Homoehe für Konservative in Deutschland(!) vermutlich überwiegend auch etwas normales sein. Dann sind sie halt gegen irgendwas anderes/neues dass IHRE Vorstellung von Familie/Gesellschaft/Kultur/… vermeintlich „bedroht“. Wie man einem derartig widersprüchlichen ideologischen Konzept anhängen kann das verstehe wer will… )

Gruftfledermaus
Gruftfledermaus (@guest_63726)
Vor 8 Monate

Ich bin auch Einzelgängerin und gehe Menschen eher aus dem Weg. Ich schaffe es fast kein Kontakt zu Normalos zu haben. Ich denke das Abgrenzung gegen Rechte in der Szene extrem wichtig ist. Ich geh fast nicht mehr in Clubs, ich sehe zu viele die nicht rein gehören. Ja im Duncker war ich sei Jahren mal wieder und es war schräg, ausgerechnet ich war overdressed! Ich kam mir vor wie auf der falschen Party, bunte Hipster und zwar schwarz gekleidete aber sich seltsam verhaltende Menschen.Meist wurde zu 80er Musik getanzt, wenn wirklich mal die Tanzfläche voll war mit Gruftis dann waren es alte Stücke die normalos nicht zu kennen scheinen.Ich fühlte mich nicht wohl es war als würde ich nicht dahin gehören, Dabei wenn dark market ist fühl ich mich sehr wohl und unterhalte mich auch recht viel. Es scheint einfach so zu sein das einige von uns es spüren wenn es nicht passt. Unter Gleichgesinnten ist sofort Vertrauen da zu Verkleideten Partyhopsern eben nicht.Ich bin ja so das es mir lieber wäre wenn die Leute komisch gucken und die Straßenseite wechseln würden.Lieber als Satanist oder Freak angesehen werden und nicht als Modisches Vorbild oder eben Trendy sein, was ich nie sein wollte. Immer werde ich gefragt wo es lang geht oder welche Bahn wohin fährt schon seltsam, früher hielten die Leute Abstand und ließen ein in Ruhe.Aber so ist das jede Art von Kleidung oder Stil wird aufgeschnappt, auch von der Modeindustrie. Es scheint mir manchmal als wenn es einfach nicht sein soll das welche sich abgrenzen. Dann wollen es alle, alle wollen anders sein und dann sind alle gleich anders und alles ist wieder eine Masse.

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Antwort an  Gruftfledermaus
Vor 8 Monate

Das kann ich durchaus bestätigen. Ich gehe ja ohnehin kaum noch in Clubs, aber als ich vor knapp 1 1/2 Jahren mal wieder im Duncker war, hat es mich geschaudert und auch nicht lange da gehalten. Zumeist ein eher merkwürdiges Publikum… ich kann aber durchaus verstehen, dass so gut wie jeder reingelassen wird, der auch Eintritt zahlen will. Da die Szene in Berlin aus ziemlich unterschiedlichen Gründen eher zusammengeschmolzen ist (entweder gehen tatsächlich die Meisten nicht mehr weg oder sie sind aus dem Irrenhaus Berlin weggezogen), wird sicher auch der Duncker ein wenig ums Überleben kämpfen. Hat aber in dem Sinne nichts mehr mit dem „alten“ Duncker zu tun, bei diesem Publikum. Früher saß auch Ragnar mal am Einlass und da hatte ich das Gefühl, dass schon aufgepasst wurde, wer da so rein will.

Maren
Maren(@maren)
Vor 7 Monate

Bei den Reaktionen auf meinen Leserbrief kristallisieren sich zwei Punkte heraus: Infiltration von Schutzräumen durch rücksichtslose Zeitgenossen ohne Benehmen und Abgrenzung in einem erweiterten Sinn gegen politische und gesellschaftliche Tendenzen, die unsere Freiheit bedrohen.

Schlechtes Benehmen:

@Graphiel wünscht sich eine strengere Security, die nicht jeden „dahergelaufenen Vogel“ in sein zweites Wohnzimmer hereinlässt.
Ihr habt diesen Wunsch mit vielen Beispielen für schlechtes Benehmen unterstützt. Um es klar zu sagen, auch mir ist schlechtes Benehmen zuwider, und die Beispiele dafür, die von euch angeführt werden, zeigen leider, dass wir in einer „ziemlich assigen Welt“ leben. Auch ich sehe mich immer wieder mit Formen von respektlosen oder zumindest gedankenlosen Verhalten konfrontiert. Dass man jemanden, der keinerlei Manieren besitzt, nicht in seinem „zweiten Wohnzimmer“ beherbergen möchte, ist einleuchtend. Dadurch verliert das Wohnzimmer seine Funktion als Schutzraum. Ich hatte beim Verfassen meiner Briefe auch nicht im Sinn, eine Verteidigung eurer Schutzräume gegen solch unliebsame Zeitgenossen zu hinterfragen. Es ging mir tatsächlich um Gastrecht, für Menschen, die sich respektvoll verhalten. Dem kommt  Norma Normal entgegen, da sie der Ansicht ist, das Verhalten zum Ausschlusskriterium zu machen und nicht etwa die Kleidung im Sinne von „Not Goth enough“ (das schwarze T-Shirt wurde von zu vielen Sonnenstrahlen getroffen).

Abgrenzung, wogegen?  Norma Normal verleiht der Diskussion über Abgrenzung eine andere Dimension, die weit über die Ebene hinausgeht, auf der ich mich anfangs gedanklich bewegt habe, denn da ging es um(mein) persönliches Empfinden.

„Wiedererstarkende konservative und nationalistische Kräfte“ halte ich auch für bedenklich.  Konservativ fasse ich jetzt in diesem Zusammenhang im Sinne von reaktionär auf, als ein gesellschaftliches Zurückrudern auf, zu Zeiten, in denen das Individuum weniger Freiheiten und Rechte hatte, da der Einzelne strengeren Normen unterworfen war.  Und da braucht man erst gar nicht ins europäische Ausland zu schauen, man muss nur mal im Wahlprogramm der von  Durante erwähnten „durchgeknallten Truppe“ unter dem Punkt „natürliches Geschlecht“ nachlesen.  Hier wird es dann, wie er sagt, auch richtig beunruhigend, da offensichtlich über das rückschrittliche Denken rechtsradikale Tendenzen ins Spiel kommen. Ich denke, wenn es um diesen Aspekt des Themas Abgrenzung geht, ist diese wichtig und richtig.  Norma Normal hat es dahingehend formuliert, dass sie diesen Tendenzen „aktiv entgegenwirken“ möchte. Dem kann ich nur zustimmen. Genauso möchte ich dem zunehmenden schlechten und rücksichtslosen Benehmen, von dem anfangs die Rede war, entgegenwirken.

Zugegeben, das ist nicht immer einfach und manchmal fühle ich mich hilflos und verzweifelt, wenn meine Bemühungen ins Leere laufen. Aber ein Freund und Mitstreiter hat einmal gesagt: „Wenn wir nicht hinschauen, nur weil andere es nicht tun, dann wird die Welt noch assiger als sie ohnehin schon ist.

Zum Schluss möchte ich noch einmal zur auf die Infiltration von Schwarz durch Mainstream zurückkommen: Jemand der vom Mera nach Hause kommt und als erste Tat eine Spinne in der Wohnung tötet und sich damit in sozialen Netzwerken brüstet, lässt bei mir Zweifel an der Echtheit seines Schwarzes aufkommen. Ich weiß, dass mir eigentlich gar nicht zusteht, darüber zu befinden, aber dies war mein Gefühl.

Xavier vom Schattenberg
Xavier vom Schattenberg (@guest_64042)
Vor 5 Monate

Klare Regeln wie eine Goth Kleiderordnung für Partys, Festivals usw können zur lebendigen ausgrenzung behilflich sein!!! Lasst einfach nicht jeden x beliebigen auf die Party, Festival, was auch immer…..
Die Nacht sollte für uns bestimmt sein. Was haben wir sonst?
Viel Spass im System!!

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