Walpurgisnacht auf dem Brocken: Wie ein Hexenberg sein Marketing erfand

Im Jahr 1849 sitzt auf dem höchsten Berg Norddeutschlands ein Mann namens Eduard Nehse und tut etwas, das man heute „Standortmarketing“ nennen würde. Der Brockenwirt, der seit 1834 das Brockenhaus führt, gibt eine eigene Karte heraus. Eingezeichnet sind darauf nicht nur die üblichen Felsen und Wege, sondern auch ein „Hexentanzplatz“, ein „Hexenmoor“, ein „Hexenteich“ und ein „Hexenbrunnen“. Garniert wird das Ganze mit der Geschichte, dass sich das „Hexenwaschbecken“ immer wieder ganz von selbst mit Wasser fülle – ein Detail, das Nehse, soweit man das nach 175 Jahren noch beurteilen kann, schlicht erfunden hat.

Heute würde man sagen: Der gute Mann hat seine „Customer Journey“ optimiert. Die Touristen wollten Hexen, also bekamen sie Hexen. Wenn die Natur keine lieferte, dann eben kartografisch. Es ist ein hübsches Detail in einer Geschichte, die viel länger ist und überraschend wenig mit „uralten heidnischen Bräuchen“ zu tun hat, mit denen sich das Walpurgis-Spektakel im Harz so gerne schmückt. Denn die Walpurgisnacht auf dem Brocken, wie wir sie heute kennen – mit Hexenumzug, Mittelaltermarkt, Walpurgisfeuer und 45.000 kostümierten Besuchern in Sachsen-Anhalt allein – ist kein Erbe der Druiden. Sie ist ein Produkt. Ein erstaunlich präzise datierbares Produkt sogar.

Die erste Hexe wurde gefoltert, nicht gefilmt

Bevor wir zu den Marketingleuten kommen, muss man kurz beim Grauen vorbei. Die Verbindung zwischen Brocken und Hexensabbat hat einen historischen Nullpunkt, und der ist alles andere als folkloristisch.

Im Jahr 1540 gesteht eine als Hexe angeklagte Frau aus Elbingerode mit dem Namen Grete Wroist unter Folter, in der Nacht zum 1. Mai zum Hexentreffen auf den Brocken geflogen zu sein. Es ist die erste schriftlich dokumentierte Erwähnung des Brockens als Versammlungsort der Hexen am 30. April. Die Erzählforscherin Ines Köhler-Zülch, langjährige Mitherausgeberin der „Enzyklopädie des Märchens“ an der Göttinger Akademie der Wissenschaften, ist hier eindeutig: Solche durch Folter erzwungenen Geständnisse waren der Kirche willkommene Beweise für den Hexentanz als Teufelskult. Bis dahin war der Brocken nur sehr vereinzelt überhaupt als „Blocksberg“ oder Versammlungsplatz von „Geisterwesen“ genannt worden – ein Gedicht um 1300 nennt ihn so, mehr nicht.

Das ist die unschöne Fußnote, die bei jedem Walpurgis-Artikel mitschwingen sollte: Die Marketing-Geschichte des Brockens beginnt nicht mit tanzenden Hexen, sondern mit Folterprotokollen. Aber dazu am Ende noch einmal.

Der Bestseller, der den Berg unsterblich machte

1668 erscheint in Leipzig ein dickes, reich illustriertes Buch mit dem barocken Endlostitel „Blockes-Berges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht von den hohen trefflich alt- und berühmten Blockes-Berge: ingleichen von der Hexenfahrt und Zauber-Sabbathe, so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland Jährlich den 1. Maij in Sanct-Walpurgis-Nachte anstellen sollen„. Verfasst hat es ein gewisser Johannes Praetorius, der Volkserzählungen, antike Bezüge und – natürlich – unter Folter erpresste Hexengeständnisse aus Mitteldeutschland zu einem schaurig-faszinierenden Sammelwerk zusammenbraut. Auf dem Frontispiz wimmelt es von Hexen, die auf Ziegen und Besen anfliegen.

Auf dem Blocksberg ist der Teufel los
Johannes Praetorius: Bloks Bergs Verrichtung, Leipzig 1668

Vorher gab es viele angebliche Hexenversammlungsplätze in Deutschland. Der Inselsberg in Thüringen zum Beispiel. Der Hörselberg. Der Köterberg. Nach Praetorius gab es nur noch einen, der wirklich zählte. Eine Generation lang zirkulierte das Buch, und dann war der Brocken als „Hauptversammlungsort der Hexen aus ganz Deutschland“ festgeschrieben. Die anderen Berge waren plötzlich nur noch Provinz-Konkurrenz.

Dass Praetorius sein Material mit einem gewissen Anteil Skepsis, aber eben auch mit viel barocker Sensationslust präsentierte, hat dem Erfolg keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. Er war der erste virale Hit der Brocken-Vermarktung.

Goethe, der unfreiwillige Werbetexter

140 Jahre später kommt das, was den Brocken endgültig in die nationale Bildung katapultiert. Johann Wolfgang von Goethe besteigt den Berg im Dezember 1777 persönlich – im Winter, bei Schnee, was schon damals nicht unbedingt der Standard-Touri-Pflichttermin war. Er kennt Praetorius. Er kennt die Sagen. Und 1808 erscheint „Faust I“ mit der berühmtesten Walpurgisnachtszene der deutschen Literaturgeschichte, ausdrücklich verortet im „Harzgebirg – Gegend von Schierke und Elend„.

Mephistopheles lockt: „Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß.“ Faust steigt mit ihm auf den Berg. Und seitdem ist die Verknüpfung von Walpurgisnacht, Hexen und Brocken im kollektiven Gedächtnis so fest verankert, dass selbst hartnäckige historische Faktenchecks nichts mehr daran ändern. Der Begriff „Walpurgisnacht“ selbst, das sei nebenbei erwähnt, ist auch erst durch Goethes Faust so richtig populär geworden – frühere Belege gibt es zwar, aber nur sporadisch.

Heute ist sein Faust-Zitat „Die Hexen zu dem Brocken ziehn, / Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün“ am Treppenaufgang des Brockengebäudes eingemeißelt. Goethe ist der Brocken-Influencer der ersten Stunde, und niemand musste ihn dafür bezahlen. Wirtschaftlich betrachtet das beste Werbedeal der Harzer Tourismusgeschichte.

Eine kleine Pointe am Rande, die viele nicht wissen: Goethe selbst hat 1799 eine Ballade mit dem Titel „Die erste Walpurgisnacht“ geschrieben, die Felix Mendelssohn Bartholdy 1833 vertonte. Inhalt: Heidnische Druiden inszenieren auf dem Berg einen falschen Hexensabbat, komplett mit Masken, Trommeln und Fackeln, um die christlichen Patrouillen zu erschrecken und in Ruhe ihr eigentliches Maifest zu Ehren von Wotan feiern zu können. Eine Szene, in der Heiden den christlichen Hexenglauben gegen die christlichen Verfolger verwenden.

Eduard Nehse und die Geburt der Hexen-Kartografie

Und dann, mitten im 19. Jahrhundert, sitzt eben jener Eduard Nehse, Brockenwirt von 1834 bis 1850, in seiner Gaststätte und denkt sich: Das geht alles noch besser. Goethe ist gut, aber Goethe verkauft keine Bratwürste.

Nehses Brockenkarte von 1849 ist im Grunde der erste touristische Themenpfad Deutschlands. Hexentanzplatz, Hexenmoor, Hexenteich, Hexenbrunnen, Hexenwaschbecken. Felsformationen wie „Teufelskanzel“ und „Hexenaltar“ hatten zwar schon im 16. Jahrhundert Spitznamen, aber das systematische Branding des gesamten Berges als Hexenpark – das war Nehse. Der Mann hat in derselben Generation den Hexenwaschbecken-Mythos in die Welt gesetzt. Heute würde so etwas als „Marketing-Storytelling“ auf einer Konferenz in Berlin-Mitte präsentiert.

Was im Harz folgte, ist ein Dominoeffekt: Die „Hexenbank“ bei Hahnenklee. Die „Hexenmutter“ und die „Hexentreppe“ bei Thale. Die „Hexenritt-Abfahrt“ in Braunlage. Die „Hexenküche“ im Okertal. Jede Harzgemeinde wollte plötzlich ihren eigenen Hexenflecken haben, weil sich das offenbar gut verkaufen ließ. So sieht regionale Wirtschaftsförderung aus, wenn keine nennenswerte Industrie da ist.

1896: Männer-Walpurgisnacht mit Bergstudenten

1896 – und 2026 sind das übrigens auf den Tag genau 130 Jahre, weshalb die Schierker Walpurgis dieses Jahr Jubiläum feiert – findet die erste organisierte öffentliche Walpurgisfeier auf dem Brocken statt. Initiator: Rudolf Stolle, Verlagsbuchhändler aus Bad Harzburg und Mitglied des Harzklub-Zweigvereins. Veranstaltungsort: das Brockenhotel. Programm: ein Festakt drinnen, gefolgt von einem mitternächtlichen Umzug zur Teufelskanzel mit Ansprache.

Teilnehmer: ausschließlich Männer. Vorwiegend Studenten der Clausthaler Bergakademie. Ich lasse das mal kurz wirken. Die Geburtsstunde der modernen Walpurgisnacht auf dem Brocken war eine Studentenverbindungsfeier ohne Frauen, bei der man sich die mitternächtliche Hexen-Inszenierung gegenseitig vortrug. Was es bei echten Hexen, wenn es sie denn gegeben hätte, vermutlich nicht gegeben hätte: ein reines Männerfest. Aber das nur nebenbei.

Der Fürst zieht die Notbremse

1905 dann der erste große Marketing-Konflikt. Fürst Christian-Ernst zu Stolberg-Wernigerode, dem der Brocken zu der Zeit gehört, hat genug. „Satanische Spektakel“ auf seinem Berg möchte er nicht weiter dulden. Die Walpurgisfeiern auf dem Gipfel werden verboten.

Es ist ein hübscher Moment in der Geschichte, weil hier zum ersten Mal jemand mit Macht sagt: Stopp, das ist mir alles zu viel Hexerei. Der Fürst war kein historisch besonders aufgeklärter Mann, vermutlich war es ihm einfach moralisch unwohl. Aber das Ergebnis war pragmatisch: Die Feste zogen ins Tal. In die umliegenden Hotels, nach Schierke, nach Thale, nach Wernigerode. Und genau dort sind sie bis heute geblieben.

1908 übernimmt das frisch gegründete Städtische Verkehrsamt Wernigerode zusammen mit dem neuen Brockenwirt Rudolf Schade die Organisation. Erstmals: Kommunalmarketing. Die Brockenbahn wird festlich geschmückt, Süßigkeiten werden aus dem Zug geworfen, der Schierker Pfarrer Dietrich Vorwerk hält eine programmatische Ansprache. Aus der spontanen Studentenidee von 1896 ist innerhalb von zwölf Jahren eine professionell durchgeplante Tourismus-Inszenierung geworden.

41 Jahre Hexenpause

Das läuft auch einige Jahre ganz gut bis etwas passiert, das in keine Marketing-Strategie der Welt einkalkuliert war. 1948 fällt der Brocken ins Sperrgebiet der Sowjetischen Besatzungszone. Ab 1961 ist der Gipfel komplett unzugänglich. 1978 wird die berüchtigte Brockenmauer hochgezogen: 2,8 Kilometer lang, 3,60 Meter hoch, aus 2.318 Mauerelementen. Auf dem Gipfel stehen jetzt zwei Abhörstationen, eine vom sowjetischen Militärgeheimdienst GRU, die andere von der Hauptabteilung III der Stasi. Die Tarnnamen der Anlagen: „Jenissej“ und – ich schwöre, ich erfinde das nicht – „Urian“. Urian ist im deutschen Volksglauben einer der Beinamen des Teufels und taucht in Goethes Faust ausdrücklich in der Walpurgisnachtszene auf: „Herr Urian sitzt oben auf.“

Von 1948 bis 1989 finden auf dem Gipfel keine Walpurgisnachtfeiern statt. 41 Jahre Pause. Im Tal feiert man still weiter, in Schierke, in Thale, im Westen sowieso – aber der Berg selbst ist entzaubert, beziehungsweise andersherum verzaubert: militärisch besetzt von realen Mächten, die aus Geheimdiensten bestehen, nicht aus Sagen.

Brockensturm und Wiederkehr der Hexen

Am 3. Dezember 1989 erwandern etwa 6.000 Demonstranten unter dem Motto „Mauer weg!“ den Gipfel. Der diensthabende Major der DDR-Grenztruppen öffnet um 12.45 Uhr das Tor, vermutlich, weil er etwas Vernünftigeres zu tun hat, als 6.000 Wanderer zu beschießen. Der Brocken ist wieder frei. Die Walpurgisnacht im Mai 1990 ist die erste offene auf dem Berg seit 41 Jahren. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein.

1992 fährt die Brockenbahn wieder. 1999 öffnet das neue Brockenhotel im alten denkmalgeschützten Fernsehturm. 2006 startet die Rockoper „Faust I“ auf dem Brocken, bei der die Zuschauer im Dampfzug rauf- und runtergefahren werden. Walpurgisnacht as a Service.

2026: Drei Tage Hexenkommerz

Heute zählt der Brocken zwischen 1,2 und 1,4 Millionen Besucher pro Jahr. Die Schierker Walpurgis ist ein Drei-Tage-Event mit Hexenumzug am 30. April, „Walpurgis-Mittelalter-Familien-Tag“ am 1. Mai und „Walpurgis-Folk-Tag“ am 2. Mai. Die Tickets gibt es im Vorverkauf, auch der historische Vortrag des Wernigeröder Historikers Dr. Uwe Lagatz „Teufelsspuk & Hexentanz“ kostet 4 Euro – Eintritt zur Aufklärung über das Geschäft, in dem man sich gerade befindet, durchaus passend.

Auf dem Festgelände im Kurpark spielen Cultus Ferox, Lichtzeit, Tricky Notes, Feuerdorn, Nobody Knows. In der Schierker Feuerstein Arena legt parallel ein DJ aktuelle Beats auf. Mehr als 20 Orte im Harz feiern parallel mit. Dazu der Mittelaltermarkt, Gaukler, Walking Acts wie „Die Wilde Jagd“, Puppentheater, Plastikbesen, Glühwein, Kostümverleih, Sonderzüge, Hexenwanderschuhe im Souvenirshop.

Wir feiern in Schierke 2026 ein Fest, dessen heutige Form ziemlich exakt 130 Jahre alt ist und das in seiner aktuellen Drei-Tage-Variante eher der zweiten Generation nach der deutschen Wiedervereinigung entspringt. Das nimmt dem Spektakel nichts. Aber „uralt-heidnisch“ sollte man dazu eben nicht mehr sagen.

Die unbequeme Pointe

Bleibt am Ende die Frage, die dieser Artikel nicht ohne Erwähnung lassen kann. Die ganze Inszenierung – Hexenumzug, Hexentanzplatz, Hexenfeuer – fußt letztlich auf dem Bild des Hexensabbats, das die Hexenprozesse der frühen Neuzeit erst durch Folter aus den Angeklagten herausgepresst haben. Allein auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik gab es etwa 35.000 Opfer der Hexenverfolgung. Im heutigen Hessen wurden zwischen 1580 und 1680 rund 1.800 Hexenprozesse geführt, die meisten endeten mit einer Verurteilung.

Der Historiker Kai Lehmann, Direktor des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden, formuliert es deutlich: „Beim Thema Hexen-Verfolgung haben wir versagt.“ Eine Erinnerungskultur wie für andere Kapitel der deutschen Geschichte gibt es nicht. Stattdessen feiern wir genau das Bild, das die Folterer der Inquisition mit der Daumenschraube aus den Mündern ihrer Opfer geholt haben: das fliegende Weib, der Sabbat, der Tanz mit dem Teufel.

Es ist nicht so, dass man am 30. April nicht trotzdem ans Feuer gehen, einen Met trinken, sich verkleiden und tanzen darf, aber irgendwo dazwischen, vielleicht zwischen dem zweiten Glühwein und dem mitternächtlichen Hexenumzug, ist es vielleicht nicht das Schlechteste, kurz an Grete Wroist aus Elbingerode zu denken. Die Frau, die 1540 unter Folter gestanden hat, in der Walpurgisnacht zum Brocken geflogen zu sein. Ohne dieses erzwungene Geständnis – kein Praetorius, kein Goethe, kein Nehse, keine Schierker Walpurgis 2026.

So gesehen ist die Walpurgisnacht auf dem Brocken nicht nur ein erstaunlich präzise datierbares Marketingprodukt. Sie ist auch eine der erfolgreichsten Inszenierungen, die jemals aus einem Foltergeständnis gewachsen ist.

Frohe Walpurgis.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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