„Ich kenne inzwischen jeden vom Sehen“ Thomas und die When We Were Young – DIE Postpunk-Party des WGT

Manche Partys auf dem Wave-Gotik-Treffen sind einfach da. Sie tauchen im Programmheft auf, man weiß, wo sie sind, wer auflegt, und man weiß, dass man hingehen wird – oder eben nicht. Die When We Were Young war über zwanzig Jahre lang eine dieser festen Größen. Vielleicht die festeste, wenn es um Postpunk, Deathrock und Gothrock ging. Eine Party, deren Name Programm war: Hier wurde gespielt, was uns einst in die Szene gebracht hat. Joy Division, Bauhaus, The Sisters of Mercy, Christian Death – die Pfeiler, auf denen sehr viel von dem ruht, was wir heute „Schwarze Szene“ nennen.

Thomas ist der Mann hinter der WWWY und gleichzeitig der Macher von wave-gotik-treffen.de, also jener Webseite, auf der wir alle jedes Jahr das Programm suchen. Im Hintergrund, wie er selbst sagt. Erfinder, Veranstalter, Webmaster – und nebenbei macht er auch noch Bandbooking für das WGT. Vier Rollen, eine Person, und über zwei Jahrzehnte WGT-Geschichte.

Ich selbst habe die Party einige Male erlebt und mich dort immer wohlgefühlt. Es war die feste Anlaufstation für das „Früher“-Gefühl, gerade in den Jahren zwischen 2008 und 2015, als ich mich mit vielem auf dem WGT musikalisch nicht mehr identifizieren konnte. Inzwischen geht es mir wie vielen anderen auch: Die Neugier auf Neues siegt häufiger, die WWWY ist seltener Pflicht. Aber wenn mir nach Nostalgie ist, dann ist sie immer noch die Adresse.

Cornelius Brach, der Pressesprecher des WGT, wies mich auf Veränderungen und Probleme bei der When We Were Young Party hin. Denn die Veranstaltung musste in den letzten Jahren mehrfach umziehen, manchmal in kleinere Räume. Letztes Jahr war es das Naumanns, das sich als zu klein erwies. Davor das Täubchenthal, das kein Interesse mehr signalisierte. Dieses Jahr versucht man es im Felsenkeller. Es sind nur noch zwei Tage statt drei. Hinter all dem steht eine Frage, die Thomas selbst stellt – und die im Interview noch deutlicher wird: Wird die WWWY noch gebraucht? Oder hat die Szene leise weitergedreht, und einer der wichtigsten Orte für die musikalischen Wurzeln dessen, was uns alle hier zusammenhält, droht zu verschwinden?

Knüpfi auf der When We Were Young
Knüpfi, regelmäßiger DJ bei der When We Were Young Party war auch schon 2009 dabei

Bevor wir über die Party reden – erzähl doch mal, wie du selbst in die Szene gefunden hast.

Mein Einstieg muss irgendwann 1985/1986 gewesen sein. Ich erinnere mich an Partys in der Goldenen Krone in Darmstadt, die eigentlich Indie-Partys waren, aber natürlich auch viel „Schwarzes“ gespielt haben. Davon fühlte ich mich abgeholt und begeisterte mich sofort für Bands wie Joy Division, Bauhaus und Co.

Neben der Party betreibst du auch wave-gotik-treffen.de – die zentrale Anlaufstelle für alles rund ums WGT. Die Seite wirkt bewusst, als sei sie in der Zeit stehengeblieben: ein bisschen wie ein digitaler Schrein für eine Ära, die viele von uns nicht loslassen wollen. Wir wissen: Das ist eine bewusste Entscheidung – kannst du uns mehr darüber erzählen?

Oha, jetzt wird es schwierig für mich. Dazu gekommen bin ich im Grunde während meines Informatikstudiums in den 90ern. Ich brauchte ein Praktikum und kannte Michael Brunner. Also fragte ich ihn, ob ich die Seite nicht neu gestalten könne. Gesagt, getan.

Im Laufe der weiteren Jahre habe ich immer wieder versucht, neue Layoutideen, neue Technologien und sonstiges zu etablieren. Es ist aber beim WGT, wie ihr schon richtig vermutet, eher so gewünscht. Ich verdiene im „richtigen Leben“ mein Geld mit sowas und bin stets state-of-the-art unterwegs. Deshalb würde ich schon ein bisschen von Fremdschämen reden, wenn es um die Seite geht. Aber es schwingt natürlich auch trotz allem immer ein bisschen Stolz mit, Teil des WGTs sein zu können. Ich habe neulich gelernt, dass es sogar Statistiken im Internet gibt, die festhalten, wann genau ich das Programm online stelle.

Wie ist die When We Were Young entstanden? Was war der Funke, der dich dazu gebracht hat, eine eigene Party auf einem Festival auszurichten, das ohnehin schon vor Partys überquillt?

Anfang der 2000er, mit dem Neustart des WGTs, hatte ich einige Jahre, bei denen ich nach den Konzerten nicht wusste, wohin mit mir. Partys gab es, aber überwiegend im Electro-EBM-Industrial-Bereich. Das war so gar nicht meins. Und da sich dies auch nicht änderte, beschloss ich eben: „Wenn ich nicht zur Musik gehen kann, hole ich die Musik eben zu mir.“

Daraus entstand 2004 eine Party – noch nicht als WWWY gelabelt –, die im Werk II Halle 5 stattfand und alle Erwartungen übertraf. Einlassstopp wegen Überfüllung, noch bevor auch nur ein einziges Lied gespielt wurde.

Du hast über die Jahre einige klingende Namen hinter die Plattenteller geholt – DJs aus aller Herren Länder, viele davon mit bekannten Namen. Was war das verbindende Element, das diese Leute zur When We Were Young gebracht hat? Freundschaft, Musik, Nostalgie – oder etwas, das sich gar nicht so einfach in ein Wort fassen lässt?

Sicherlich kenne ich durch die vielen Jahre WWWY inzwischen sehr viele DJs aus aller Welt. Am Anfang habe ich mich allerdings auch eng mit dem damaligen Resident-DJ Thomas Thyssen besprochen. Er brachte viele namhafte DJs mit, mit vielen von diesen bin ich bis heute in guter Freundschaft verbunden.

Ich glaube, zu dieser Zeit waren diese Art Partys einfach Mangelware – auch außerhalb des WGTs. Es sprach sich schnell herum, dass es wohl eine Party gibt, die quasi zu 100 % auf Postpunk, Deathrock und Gothrock setzt. Teils haben sogar auftretende Bands beim Aushandeln des Hotels darauf gesetzt, in der Nähe der WWWY untergebracht zu werden. Bis heute kommen Bewerbungen der DJs teils aus aller Welt, die Warteliste ist lang. Was sich auch nie geändert hat, ist die Absprache mit dem oder der Resident-DJ(ane). Aktuell ist das Madlyn, die mit mir die Vorauswahl trifft.

Ich denke, alle verbindet der Spaß an dieser Art der Musik – und dass sie ein Publikum erleben, welches genau dafür auch gekommen ist.

Wie ist überhaupt dein Verhältnis zur Nostalgie?

Nostalgie kommt wahrscheinlich bei jedem immer mal wieder vor. Tolle vergangene Zeiten – zum Beispiel die 80er – oder Freundschaften von früher. Grundsätzlich halte ich mich aber eher in der Gegenwart auf und lebe diese auch. Hin und wieder transportiere ich dann vielleicht ein bisschen Nostalgie für die Besucher der WWWY ins Hier.

Die WWWY trägt den Anspruch ja schon im Namen: als wir jung waren. Eine Party, die ihre eigene Vergangenheit zelebriert. Glaubst du, die Szene hat ein Nostalgie-Problem – oder ist genau das ihr Herz?

Nostalgie-Problem? Was bedeutet das jetzt? Wissen wir nicht mehr, wie es „damals“ war? Oder ist heute einfach die Musik nicht mehr gefragt? Es gibt nach wie vor so viele Bands, die diese Musik lieben und spielen und neue Platten veröffentlichen. Und nicht alle waren bereits in den 80ern da. Das macht mir Hoffnung.

Kommen wir zum Knackpunkt: Die WWWY musste mehrfach in kleinere Räumlichkeiten umziehen. Kannst du uns die Entwicklung mal nüchtern beschreiben – welche Locations, welche Jahre, wie hat sich die Größenordnung verändert?

Angefangen haben wir in der Halle 5, wie bereits erwähnt – diese war aber sehr schnell viel zu klein. Es folgten Stationen im Volkspalast, im Werk II, im Parkschloß, im Städtischen Kaufhaus und im Täubchenthal. Letztes Jahr musste ich eine neue Location finden, da das Täubchenthal kein Interesse mehr hatte, die WWWY in ihrer Halle durchzuführen. Als Notlösung fand sich auf die Schnelle nur das Naumanns, was sich allerdings auch als viel zu klein herausstellte. Dieses Jahr versuchen wir es mit dem Felsenkeller selbst und hoffen natürlich, dass auch die Betreiber nicht enttäuscht werden und wir die Halle voll bekommen.

Das Ganze erstreckt sich nun bereits seit 2004 mit dem Start und dann ab 2005 mit dem Namen „When We Were Young“. Größentechnisch entwickelte sich die WWWY immer weiter nach oben. In Glanzzeiten waren es fast 1.800 Leute, davon über die Hälfte gleichzeitig auf der Tanzfläche.

Das Täubchenthal hast du sehr nüchtern erwähnt – „kein Interesse mehr“. Gab es da eine Geschichte dahinter?

Im Grunde war das Problem wohl fehlender Umsatz an der Bar. Mir wurde gesagt, dass die Besucher der WWWY einfach zu wenig konsumieren. Techniker und Barpersonal, die während der WWWY im Einsatz waren, haben teils auch sehr überrascht reagiert, nachdem die Absage an eine Fortführung der Veranstaltung kam.

Woran liegt der Besucherrückgang deiner Meinung nach? Ist das Publikum müde geworden, älter, woanders – oder hat sich vielleicht das WGT selbst verändert und die WWWY mit ihm?

Ich glaube, Corona hat uns alle ein bisschen träger gemacht. Und älter sind wir alle auch geworden. Das führt zwangsläufig dazu, dass viele Besucher einfach nicht mehr bis 6 oder 7 Uhr morgens feiern wollen. Über die Jahre sind zusätzlich noch Partys dazu gekommen, die im Grunde die gleiche Musik spielen und vom WGT beworben werden. Auch das führt dazu, dass sich der Besucherstrom natürlich verteilt.

Und das WGT selbst – hat sich das in den letzten Jahren verändert und zieht die WWWY mit?

Das WGT hat sich sicherlich auch entwickelt. Das Programm ist durchaus immer noch gleich, ich meine damit, dass die WGT-Orga auch heute noch versucht, die Einzigartigkeit des WGTs in den Vordergrund zu rücken. Das „Treffen“, welches ja der Ursprungsgedanke war, ist nach wie vor fest in den Köpfen. Was das Publikum betrifft, sehe ich im Ansatz keine Veränderung, maximal in Nuancen. Manche Subsparte erstarkt und manche verschwindet wieder fast – Stichwort: Cyber.

Du sagst, ihr seid alle älter geworden. Aber was ist mit den Jüngeren? Findet die WWWY bei nachwachsendem Publikum statt – oder ist sie über die Jahre eine Veranstaltung für die alten Hasen geworden?

Ja, die neueren Bands spielen quasi die alte Musik. Aber das jüngere Publikum findet zumindest nicht sehr häufig den Weg zur WWWY. Ich würde mir sehr wünschen, dass auch diese zumindest mal reinschauen und dann herausfinden, ob es gefällt oder nicht.

Aktuell habe ich leider immer wieder das Gefühl, jeden auf der WWWY zumindest vom Sehen schon zu kennen.

Wie geht es weiter mit der WWWY? Hast du einen Plan, eine Vision, eine Hoffnung – oder lässt du es einfach kommen, wie es kommt?

Gute Frage. Aktuell mache ich schon nur noch zwei Tage – auch, um einfach zu schauen, ob es Protest gibt oder jemand die WWWY vermisst. Ich würde mich natürlich freuen, noch viele Jahre eine – in meinen Augen – der schönsten Partys des WGTs durchführen zu können. Aber das Gefühl, Steine in den Weg gelegt zu bekommen beziehungsweise nur noch „mitgetragen“ zu werden, meldet sich leider auch immer mal wieder zu Wort.

Steine in den Weg, nur noch mitgetragen – das ist eine Aussage, die aufhorchen lässt. Von wem kommen diese Steine?

Was die Steine angeht, kommt es mir manchmal so vor, als wäre das Interesse bei der WGT-Orga an der Party in den letzten Jahren einfach abhanden gekommen. Weitere Details kann ich da leider nicht mitteilen.

When We Were Young 2026

Die When We Were Young findet 2026 erstmals im Felsenkeller Leipzig statt – am Freitag, den 22. Mai und Samstag, den 23. Mai. Beide Abende stehen unter dem gewohnten Motto: 100 % Gothrock, Postpunk, Deathrock und alles, was dazugehört.

Am Freitag legen auf: Rickbats (O’Death / US), Knüpfi (Schwarzes Leipzig tanzt, Vanity Noire / DE) und MadLyn (When We Were Young, Vanity Noire / DE).
Am Samstag: Adrienne Scissorhands (Post-Mortem / US), Fil Noir (Reformation Club / UK) und Slow Pulse Boy (Unknown Pleasures Party / DE).

Einlass nur mit WGT-Bändchen.

Wer Thomas‘ Frage – „mache ich nur noch zwei Tage, um zu schauen, ob es Protest gibt“ – mit seinen Füßen beantworten will, hat dieses Jahr die Gelegenheit dazu.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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MourningBat
MourningBat(@mourningbatgmail-com)
Vor 1 Stunde

Schade, nur mit Bändchen. :( Dabei bin ich auf der Suche, nach einer „ur-gruftigen“ Alternative. Also, falls jemand einen Tipp im Rahmen des WGT hat… ;)

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