Gothic, die Geschichte eines Wortes: Musikalische Geburt und Einfluss der Künstler (1/3)

Nomen est Omen? Die Bedeutung eines Wortes hängt immer von dessen Einsatzzweck ab. Ein Stuhl wird auch noch in 1000 Jahren einen Stuhl beschreiben, weil das Wort eine simple und recht unveränderliche Sache beschreibt. Beschreibt aber ein Wort eine Chronologie, also eine Zeitspanne, Epoche oder ein zeitliche definiertes Ereignis, wird die Sache schon deutlich schwieriger. Dehnt man das noch auf Personen in einem Jugendkulturellen oder musikalischen Zusammenhang aus wird es beinahe abstrakt und lässt sich nicht mehr so einfach ableiten. Das Bild für das Wort Gothic ist eben nicht nur schwarz, sondern beinhaltet unzählige Möglichkeiten darauf zu blicken, manchmal muss man einen Schritt zurück treten und das ganze Bild betrachten.

Ich möchte versuchen die Ursprünge des Wortes Gothic in all seinen Formen zu beleuchten, sei es als Begriff für eine Szene, eine Jugendbewegung, eine Musikrichtung, einen Baustil, für Literatur, einen Lebensstil, ein Zeitalter oder sogar der Begriff für ein Volk, die Goten. Im heutigen ersten Teil dieses Artikel beleuchte ich die musikalische Herkunft und die Übertragung des Wortes auf reelle Personen, denn dies ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge.

Musikalische Herkunft

Siouxsie in Edinburgh 1980Die Herkunft in der Musik zu suchen ist  naheliegend, da es sich zu Beginn der Bewegung nur um ein neu entstandenes Genre der Musik handelte.  Die englische Musikzeitschrift  Sounds sorgt für die erste Publikationen des Begriffes und „übernahmen den Ausdruck Gothic von Souxsie Sioux, die damit die neue Richtung ihrer Musik beschrieb1, als sie Dezember 1977 in ihrem Artikel „New Musick“ über Siouxsie & The Banshees berichtet, nachdem sie im November bei John Peel zu Gast gewesen sind. Im Umfeld der Band Joy Divsion taucht der Begriff erstmals im Juni 1979 auf, als Martin Hannett, der das Album „Unknown Pleasures“  produzierte gegenüber der Journalistin Mary Hannon das Werk als „Tanzmusik mit unterschwelligen Gothic-Elementen2 beschreibt.

Als der Artikel von Hannon erscheint, zitiert sie den Keyboarder und Gitarristen von Joy Division Bernard Sumner der Nosferatu als seinen Lieblingsfilm nennt. Sie bezeichnet die Band als „Gothic im Sinne des zwanzigsten Jahrhunderts1. Im September 1979 nennt Tony Wilson, Chef des Labels Factory die Band in der BBC Sendung Something Else „im Vergleich zum Mainstream als Gothic„. 3 Die Musik-Redaktionen finden Gefallen an dem neuen Ausdruck und verwenden ihn immer wieder bei Bands, die sie als ähnlich oder gleich stilisieren. Schon im Oktober 1979 beschwert sich Penny Kiley im Musikmagazin Sounds: „Der Ausdruck Gothic ist eine reichlich überstrapazierte Beschreibung des Genres, aber der Effekt von Joy Division ist der derselbe wie der … der Banshees3

Im November 1980 rezensiert der New Musical Express (NME) das kürzlich von Bauhaus herausgebrachte Album „In the Flat Field“  und überschreibt es mit dem Wortspiel „Gothick as a brick, das auf das englische Sprichwort „thick as a brick“ zurück geht3, das man frei übersetzt wohl am besten mit „Dumm wie Bohnenstroh“ übersetzt. In einem Interview mit Steve Keaton, der 1982 für die Musikzeitschrift Sound schreibt, lässt sich Abbo, Frontmann der Band UK Decay über die neue Bezeichnung aus: „Plötzlich gab es eine ganze Reihe von Bands […] und plötzlich fingen die Leute an über eine Szene zu reden. Ich erinnere mich, dass ich erklärte, wie würden auf diese Gothic-Geschichte stehen, und dann lachten wir darüber, dass wir Platten nur in Form der Unholdgestalten auf Kirchendächern machen und überhaupt nur in Kirchen auftreten sollten3. Die Sounds druckt das gesamte Interview und machte aus der Geschichte einen Fakt.

Vom Genre zum Künstler

Ian Asbury 2007Bislang besteht zwischen dem Wort und der Musik eine unlösbare Verbindung, man wurde gefragt ob man Gothic hört, nicht ob man Gothic ist. Ian Asbury der mit seiner 1981 gegründeten Band Southern Death Cult selbst für die Formung des Genre sorgte, bringt erstmals den personellen Bezug zur Bezeichnung Gothic als er Andi Sexgang von den Sexgang Children als „Gothic-Pixie“ beschreibt, was man frei übersetzt wohl am besten Gothic-Kobold nennt. Im Laufe der Zeit verkürzt er den Bandnamen immer weiter (in Death Cult und später dann in The Cult) „da man fürchtete, für eine Gothic Band gehalten zu werden.4, vielleicht weil man mit der aufkommenden Szene selbst nichts zu tun haben wollte. Die Sexgang Children, „welche den typischen Batcave Sound der Zeit spielen1  sollten in den Legenden um den Londoner Club Batcave für eine ganz andere Spielart des Gothic sorgen, die man heute nach eben diesem Club benennt.

In der Band Bauhaus scheint sich das ganze Phänomen des Begriffes zu manifestieren, sie brachten den Stil der Musik die von Joy Division geprägt wurde und den düsteren Style den Siouxsie & The Banshees initiierten auf den Punkt. „The most important starting point of goth, however, was probably provided by the images and sounds of Bauhaus – notably the Single ‚Bela Lugosi’s Dead‘, released in 19795 Bauhaus vereint auch rückblickend die wichtigsten Eigenschaften des Gothic und dürfte damit als „Stilsetzend“ betrachtet werden.

Die englische Presse festigte den Begriff weiter, indem sie ihn auch immer mehr auf den Künstler als auf die musikalische Richtung münzte und nicht nur ihre Musik damit beschrieb sondern auch die Bandmitglieder selbst. David Dorrell vom NME, schrieb in einen Artikel über Andi Sex Gang von den Sex Gang Children: „…der im Dachgeschoss eines alten viktorianischen Gebäudes wohnte und von einigen Count Visigoth genannt wurde – und seine Anhänger eben goths.6 Man fixitierte Gothic nun nicht mehr allein am an der musikalischen Ausrichtung, sondern auch am Aussehen der Bandmitglieder, was dazu führte, das in der Folgezeit immer wieder Bands so bezeichnet wurden, deren Musik mit Gothic überhaupt nichts zu tun hatte. Ian Curtis hinterließ ein musikalisches Vakuum, denn die Presse folgerte, das hier Musik und Einstellung gelebt wurden – bis zum Selbstmord.

x-mal deutschland liveDas Phänomen des Wortes Gothic blieb jedoch ein bis Mitte der 80er ein Inselereignis und wurde größtenteils in Großbritannien verwendet, in Deutschland zum Beispiel ordnet man die Bands unter die Genre New Wave oder Post-Punk oder greift gelegentlich die Bezeichnung Positive Punk, des Journalisten Richard North auf, der in seinem Artikel Punk Warriors vom Februar 1983 zu dem neuen Stil Stellung bezieht. Auch deutsche Bands, die sich eindeutig einordnen ließen wurden konsequent ignoriert, die 1980 gegründeten X-Mal Deutschland, oder auch die Band Geisterfahrer die sich zur selben Zeit in Hamburg gründeten wurden der Neuen Deutschen Welle zugeordnet, was ihrem musikalischem aber keinesfalls gerecht wurde. So wundert es nicht, das beispielsweise X-Mal Deutschland ihre größten Erfolge auf eben dieser Insel feierten. Speziell in Deutschland entwickelt der Begriff Gruftie ein Eigenleben und steht in Konkurrenz zum Waver, das Wort Gothic erlangte hier erst Mitte der 90er Jahre an größerer Popularität.

(Bilderquellen: Teaser – Guldfisken | Siouxsie 1980 – Mantaray100 | Ian Asbury 2007 – Yves Lorson | X-mal Deutschland – MySpace Profil)

Einzelnachweise

  1. Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes, S.51,  2004[][][]
  2. Scathe Demon: History of Goth, Synopsis 1979 [LINK] []
  3. Dave Thompson & Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock, S. 152, 2004[][][][]
  4. Matzke & Seeliger: Das Gothic- und Dark Wave Lexikon. Die schwarze Szene von A-Z, Neuauflage, S. 127 ,2003[]
  5. Paul Hodkinson: Goth. Identity, Style and Subculture, S. 36f, 2003[]
  6. Roman Rutkowski: Das Charisma des Grabes, S.52,  2004[]
Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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von Karnstein
von Karnstein (@karnstein)
Vor 11 Jahre

Gemeinheit, so einen Artikel wollte ich doch schon schreiben, jetzt wo ich mich an der Uni so viel mit dem Thema beschäftigt habe (und gerade auch eine Hausarbeit darüber schreibe)… ;)

Aber ok, meiner ist vom Aufbau etwas anders angedacht, und beim ersten Überfliegen finde ich bislang alles sehr gut. Eventuelle Kritik kommt dann später ;)

Christian Anubis
Christian Anubis (@guest_9654)
Vor 11 Jahre

Hallo Robert! Sehr gute schriftliche Material für Sie da! Dies ist das zweite Mal, dass ich Ihre Website besuchen, kommen wieder sicher. Big Hug aus Brasilien

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