Im April war der Vampir noch derjenige, der oben stand und dem Werwolf mit überlegenem Grinsen erklärte, dass die ganze Gartenzwerg-Katastrophe nur ein Aprilscherz gewesen sei. Im Juni steht er selbst unten – wortwörtlich, drei Meter tief, Schaufel in der Hand, Lehm bis zu den Knien. Denn Alana Abendroth hat ihm verraten, dass er aufblüht, wenn er sich mehr Zeit für sein Hobby nimmt und den Bau des Gewölbekellers fortsetzt. Und Zeit nimmt sich der Vampir. Sehr viel Zeit. Was als bescheidenes Abteil für einen einzelnen Sarg begann, ist inzwischen ein ehrgeiziges Tunnelsystem mit Seitengewölben, einer geplanten Fledermaus-Galerie und einem ersten Kreuzgewölbe, das nach dem dritten Einsturz nun endlich hält. Gute Laune hat er dabei nicht, Zuversicht auch nicht – aber Grundstimmung ist für einen Vampir ohnehin überbewertet.
Was ihn wirklich aufblühen lässt, ist die Expansion. Drei Nachbarn hat er bereits ihr Kellerabteil abgeschwatzt, mit jenem hypnotischen Blick, gegen den niemand etwas ausrichten kann und nach dem sich alle Beteiligten an nichts mehr erinnern. Der erste Nachbar unterschrieb die Überlassung im Glauben, er bestelle eine Pizza. Der zweite hält bis heute für einen schönen Traum, was eigentlich ein notariell beglaubigter Vertrag war. Der dritte war die Grableuchte, die ihr Abteil ohnehin nur dazu benutzt hatte, ein müffelndes Geheimnis im Schrank zu verstecken, und insgeheim froh war, das Ganze loszuwerden, bevor jemand draufkommt, was sie da eigentlich aufbewahrt.
Mittlerweile ist der Vampir derart in Fahrt, dass er anfängt, die Statik der gesamten Nachbarschaft neu zu denken. Er träumt von einem zentralen Gewölbesaal, einer unterirdischen Sargallee, vielleicht sogar einem kleinen Brunnen – schließlich hat das beim Frankfurter Hauptfriedhof auch ganz gut funktioniert. Beim vierten Nachbarn wird es allerdings knifflig. Das ist nämlich der Werwolf, und der hat seinen Keller bereits restlos mit 36 Gartenzwergen ausgelastet. Der hypnotische Blick prallt diesmal wirkungslos ab – nicht, weil der Werwolf besonders willensstark wäre, sondern weil er beim Grübeln über seine Gartenzwerge so tief in Gedanken versunken ist, dass schlicht niemand zu Hause ist, den man hypnotisieren könnte. Und so endet der Juni für den Vampir mit drei eroberten Kellern, einem halben Kreuzgewölbe und der schmerzhaften Erkenntnis, dass das größte Hindernis für ein unterirdisches Imperium nicht die Statik ist, sondern ein abgelenkter Nachbar mit zu viel Gartendekoration.


