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Gothic Friday September: Das Internet, unendliche Weiten…

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computerumgebung-bei-spontis…wir schreiben das Jahr 2016. Doch für diesen Artikel habe ich intensiv in meiner Vergangenheit gewühlt und erstaunliches zu Tage gefördert: 1986, also genau vor 30 Jahren habe ich meinen ersten Computer bekommen. Die Quittung über 1.498 DM1 habe ich noch, den C-128 von damals leider nicht mehr. Den ersten ernst zu nehmenden Internetzugang schaffte ich mir 1995 an, ein 56K Modem, dass bei der Einwahl diese heute schon nostalgischen Geräusche machte. Als 1999 dann ADSL das Modem zum schweigen brachte und das Netz in einer annehmbare Geschwindigkeit verfügbar war, bin ich dem Internet verfallen. Daher erschien mir das Thema des Gothic Friday im September zunächst leicht, um dann doch irgendwie schwierig zu werden. Was es leicht machte war die Tatsache, dass ich ja irgendwie mit dem Internet aufgewachsen bin. Ich kenne nahezu alles, was es zu bieten hat und finde es schön, mich darin zu bewegen, auszutoben oder berieseln zu lassen. Es sollte also kein Problem sein, einen Rundgang durch “mein Internet” mit Euch zu machen. Allerdings blogge ich seit 2008 genau darüber. Über Seiten, auf denen ich mich bewege, die ich mal schön und auch mal schrecklich finde. Wie könnte ich also etwas sinnvolles über das Thema schreiben, was nicht schon durch die rund 1.200 Artikel bei Spontis abgedeckt ist? Glücklicherweise hat Svartur Nott gleich ein paar Fragen mitgeliefert, die dann doch ein wenig vom Enthusiasmus herauskitzeln.

Internet & Schwarzsein
Inwiefern lassen sich für euch Internet und euer Schwarzsein vereinbaren? Ist das Internet bezogen auf Letzteres eine Bereicherung? Wenn ja, in welchen Bereichen? Zeigt sie uns! Seht ihr irgendwo Probleme und wenn ja, welche?

Internet und Schwarzsein lassen sich meiner Ansicht nach nicht nur vereinbaren, sie sind mittlerweile voneinander abhängig. War es im Dekadenwechseln von den 1980ern zu den 1990er der Mauerfall, der vor allem hier in Deutschland der Szene eine Adrenalininjektion verabreichte, so war es im nächsten Wechsel in die 2000er das Internet, das die sich immer weiter ausdifferenzierende Szene verband, denn hier fand man auch als einsamer Grufti in der tiefsten dörflichen Provinz Anschluss zu einer Szene. So konnte die Szene, der man eigentlich den baldige Tod prophezeite, immer weiter wachsen und weitere Anhänger finden. Man konnte sich über alles, was mit der Szene zu tun hatte, informieren, es kennenlernen, konsumieren und in gewisser Weise partizipieren. Es war im Grunde gar nicht mehr notwendig, das Haus zu verlassen oder Treffpunkte aufzusuchen.

Darüber hinaus wurde das Netz auch Ausdrucksmittel der eigenen Kreativität und gleichzeitiges Medium für deren Verbreitung. Jeder konnte mit seinem erschwinglichen Pentium 4 und einer mittlerweile erschwinglichen DSL-Verbindung Internetseiten programmieren, um seine digitalisierten Werke einer unermesslich breiten Öffentlichkeit präsentieren. Erinnert ihr Euch an die Weiten von Geocities? Diese unermesslich Flut an düsteren Seiten mit Gedichten, Grafiken, Gedanken und flackernden Grablichtern war einfach fantastisch.

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1997 war ich noch streng wissenschaftlich unterwegs und betrieb diese kleine Seite, die sich mit SETI beschäftigte. Das damals gerade eingeführte ADSL, war ein weiteres Thema.
LAN-Party Anno 2000
2000 habe ich kleine LAN-Partys organisiert, um mit meinen Freunden gegen die KI oder gegeneinander zu spielen. Der selbst gezimmerte Tisch hielt die damals noch RIESIGEN Bildschirme problemlos aus.

Auch wenn sich die Ausdrucksmöglichkeiten verändert haben, formt das Netz die Szene 2016 immer noch. So basieren viele Partys oder Veranstaltungen auf der Reichweite des Mediums, unzählige Gothic-Bands nutzen die Möglichkeit sich und ihre Musik zu promoten, Foren und Blogs sind Treffpunkte Gleichgesinnter und mittlerweile werden sogar Geschäftsideen per Crowdfundig finanziert.

Für mich persönlich war das Internet immer schon eine Bereicherung, seit ich mit dem 56k Modem durch die Untiefen des Netzes streifte. Alles was geboten wurde, habe ich ausprobiert. Exzessives Online-Spiele mit Ultima und Diablo II, die Pflege mehrerer Internetseiten, ich war als Forenadministrator unterwegs, chattete im ICQ und konsumierte hemmungslos, was das Netz anbot. Ich kann mich nicht auf einen Bereich einigen, in dem ich das Netz als Bereicherung sehe, es sind ein ganze Reihe von Dingen, die es zum Dreh- und Angelpunkt meiner Freizeitaktivitäten machen.

Und da fangen dann auch schon die Probleme an. Denn man könnte durchaus sagen, dass ich ein gewisses Suchtverhalten an den Tag lege – auch wenn sich das im Vergleich zu früher deutlich “verbessert” hat. Wer mich heute kennt, wird sich nicht vorstellen können, wie weit das ging. Es gab Phasen in meinem Leben, da habe ich das Internet der realen Welt vorgezogen, mich vergraben, versteckt und gewisser Weise auch ausgelebt. Wenn man so möchte, eine durchaus “schwarze” Eigenschaft, denn das Schaffen einer Parallelwelt hat mir immer schon die Ruhe gegeben, die ich brauchte.

Das Internet unterscheidet nicht zwischen gut und böse, trotz aller Versuche Inhalte zu sperren, die Auffindbarkeit einzuschränken, Täter aufzuspüren und Opfer zu schützen. Hier findest du neben den wundervollen Dinge die das Leben bietet auch die grausamen und verstörenden Seiten. Und auch hier liegt in gewisser Weise ein philosophischer Ansatz des “Schwarzseins”, denn hier findest du alles was du suchst, völlig egal wie abseitig, morbide, merkwürdig, okkult und böse es auch sein mag. Und bevor ich jetzt für die Freiheit des Internets plädiere, widme ich mich lieber der nächsten Frage.

Soziale Medien
Nutzt ihr Facebook, Whatsapp & Co? Wie wichtig sind sie euch hinsichtlich Kontaktaufnahme und -pflege? Gibt es Verweigerer unter euch, die sich bewusst gegen einen Gebrauch sozialer Medien entscheiden?

facebook-profil
Soll ja noch Leute ohne Facebook geben. So sieht es jedenfalls bei mir im Profil aus. Nicht sehr spannend ;)

Natürlich. Die sozialen Medien erfüllen für mich einen unmittelbaren Zweck, sind Bereicherung, Inspiration und nicht mehr wegzudenkendes Mittel Menschen kennen zulernen, Kontakte zu pflegen und Dinge zu organisieren. Ich empfinde das als extreme Bereicherung meines Lebens, denn soziale Medien versetzen mich in die Lage, Leute zu treffen, die ich sonst mit Sicherheit nicht getroffen hätte.

Über die Gefahren versuche ich mich zu informieren und entsprechend zu handeln oder besser gesagt nicht zu handeln. Ich teile weder meine innersten Gefühle, Ängste und Emotionen mit meiner Freundesliste, noch meine Erlebnisse oder Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich kontrolliere mich selbst, anstatt Schuld und Verantwortung auf die kommerziellen Anbieter abzuwälzen. Das erscheint paradox, denn durch diesen Blog teile ich sehr wohl eben diesen Dinge mit einer viel breiteren Öffentlichkeit, denn hier muss man nicht “Freund” sein, um mich kennenzulernen. Ein Talent, zwischen meinen Zeilen, die ich seit 2008 hier hinterlasse, zu lesen reicht aus, um etwas über mich in Erfahrung zu bringen, obwohl ich das nicht für sonderlich spannend erachte.

Hier habe ich mehr Kontrolle über das, was ich von mir preisgebe, denn das Schreiben eines Artikels erzeugt deutlich mehr Besonnenheit als das Hinterlassen einer Statusmeldung bei Facebook. Dort ist es meiner Ansicht nach einfach zu leicht, eine Meinung zu haben, etwas aus seinem Leben zu teilen oder andere damit zu penetrieren wo man gerade ist, wie man sich gerade fühlt, was man gerade isst und wer mit einem Unterwegs ist. Smartphones machen es möglich. Das fällt hier weg. Erfahrungsgemäß investieren auch die Kommentierenden hier im Blog mehr Zeit beim Verfassen ihrer Meinung, als sie es bei Facebook tun. Dieses Maß an Selbstkontrolle finde ich äußerst luxuriös und beruhigend.

Last but not Least nutze ich die sozialen Medien natürlich auch wegen Spontis, denn wenn du als Nischenseite hier nicht aktiv bist, findest du einfach nicht statt. Der größte Teil der Besucher, die täglich auf dieser Seite vorbeischauen, kommen über das soziale Netzwerk.

Sinkendes Niveau und Selbstdarstellung
Mit dem Siegeszug der sozialen Medien wird häufig eine Verflachung der Diskussionskultur und an Narzissmus grenzende Selbstdarstellung verbunden. Wie seht ihr die Kritikpunkte bezogen auf die Schwarze Szene?

Eine Verflachung der Diskussionskultur im Internet? Das stimmt absolut. Dieses Phänomen gibt es aber bereits seit den ersten Newsrooms, Foren und Chatkanälen und nicht erst seit Facebook. Nur der Grad der Verbreitung und die Anzahl derer, die ihre Meinung in den Äther pusten, ist größer geworden. Sogenannte “Trolle” gibt es seit den ersten DFÜ-Modems, in die man noch den Telefonhörer hineindrücken musste. Du stellst eine Frage, wie man beispielsweise an Pikes weitere Löcher in die Bänder zum verschließen bekommt und die erste Antwort lautet entweder, warum man überhaupt Pikes trägst, dass die Schuhe generell Scheiße sind, dass das eine total dämliche Frage ist oder man die Suchfunktion nutzen soll, weil das angeblich schon mal alles erzählt wurde. Es liegt in der Natur des Menschen zu meckern, anstatt die Frage nach der Lochzange zum 1000. mal zu beantworten.

Robert Forst - Selbstdarstellung
Gehört ein wenig Selbstdarstellung nicht irgendwie dazu?

Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, hatte ich tatsächlich ein wenig Angst vor eben diesem Verhalten, denn Bloggen lebt ja vom Kommentieren und von der Interaktion mit seinen Besucher. Doch meine Skepsis war unbegründet. Ich bin seit nunmehr 8 Jahren immer wieder aufs neue erstaunt, mit welcher Hingabe hier kommentiert wird und wie “tief” manche Diskussionen verlaufen. Verflachung der Diskussionskultur? Auf jeden Fall. Spontis scheint die Ausnahme zu sein. Ob es an den Leuten der schwarzen Szene liegt? Ob die generell nicht so sind? Ob es die Art und Weise meiner Artikel ist? Oder ob ich einfach nur Glück habe? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum das so ist. Ich genieße es aber sehr.

Narzismus ist ebenfalls ein uraltes Phänomen, dass es schon so lange gibt, wie die Szene existiert. Erinnern wir uns an die Kings Road in London, an das Batcave oder die Blitzkids. Narzissten in Reinform. Sehen und gesehen werden. Sich selbst inszenieren, inspirieren und ausleben. Die Selbstdarstellung ist meiner Ansicht nach einer der Eckpfeiler dieser Subkultur. Das ist bis heute so geblieben. Einziger Unterschied: Heute gibt es einen anonymen und leicht zugänglich Feedback-Kanal, der massenhaft genutzt wird. Früher musste man schon vor Ort sein, um die Selbstdarsteller zu treffen. Dazu noch ein wenig Unhöflichkeit und Selbstbewusstsein, seinem Gegenüber die Meinung ins Gesicht zu blasen. Vor dem Blitz Club in London war es vielleicht Steve Strange der sagte, ob du gut oder scheiße aussiehst.

Im Internet präsentierst Du dich Hunderten oder Tausenden anderer Augen, die nahezu anonym vor ihrem Monitor hocken und mit wenig Klicks darüber entscheiden, ob du gut oder schlecht aussiehst. Menschen, die über Dich lästern oder lachen und Dein Selfie massenhaft teilen um es in einem anderen Kontext ihren Freunden zu präsentieren. Nicht der Narzismus ist das Problem, sondern die Möglichkeit innerhalb von Sekunden ein Bild zu machen, um es im Internet zu präsentieren. Löschen nahezu unmöglich.

Es sind die labilen unter den Selbstdarstellern, die mich traurig machen. Die sich auf der Suche nach Anerkennung des Internets bedienen und den Blick für die 50 lobenden Kommentare verloren haben, sondern sich an den chronisch Frustrierten reiben, denen das Bild nicht gefällt. Die daran kaputt gehen und nicht damit leben können, wenn andere sie scheiße finden, die sich zu Herzen nehmen was Facebook-Bekanntschaften über sie denken und dann zu Hause alleine gegen das Gefühl der Minderwertigkeit kämpfen.

Bestandsaufnahme
Welche (schwarzen) Internetauftritte verfolgt ihr neben Spontis noch? Wovon handeln diese und wie seid ihr darauf aufmerksam geworden? Welchen Kanälen folgt auf YouTube oder Twitch?

Zu vielen um sie aufzuzählen, dass bringt meine leidenschaftliche Tätigkeit als Blogger einfach mit sich. Ich benutze den Dienst DIGG, der für mich alle relevanten Seiten im Blick behält und aufbereitet. Meine jüngsten Favoriten sind für jedermann zu sehen. Vielleicht gewinnt man so einen Überblick. Beschränke ich mich also mit dem, was sonst unter dem schwarzen Radar fliegt, also aufgrund akuter Buntheit verleugnet wird.

Twitch finde ich zum Beispiel sehr spannend und ich sehe mir regelmäßig Gronkh (alle möglichen Spiele) oder auch Quickybaby (WoT) an, um mitzufiebern, neues zu entdecken oder einfach unterhalten zu werden. Diese einfache und zeitgemäße Art “Fernsehen” zu machen revolutioniert gerade die Sehgewohnheiten der Jugend, denn die nicht so gut wie gar nicht mehr am “normalen” Fernsehen teil. Aber das artet aus. Beschränke ich mich auf das, was “irgendwie” schwarz ist und zu mindestens den ein oder anderen Leser interessiert. Den Kanal von “Ask a Mortician” finde ich beispielsweise sehr sympathisch:

CLOSING MOUTHS POSTMORTEM (Ask a Mortician)

Nicht zu vergessen die YouTube-Kanäle von Engel mit nur einem Flügel, Ben Bloodygrave, Jurassica Parka, Toxic Tears, Black Friday, Post Punk oder auch Jas Townsend. Ich bin übrigens sehr gespannt auf Eure Beiträge, wirklich. Als Hobby-Narzisst dreht sich ja sonst die Welt im Grunde um mich – für Euch mache ich eine Ausnahme.

  1. Ihr müsst Euch das mal vorstellen, das war damals ein Vermögen! Meine Eltern kündigten an, mir 2 Geburtstage und 2 Weihnachten nichts zu schenken und das schlimmste war: Sie haben es auch noch durchgezogen! []
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Tanzfledermaus
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Den Aspekt, dass das Internet auch die Gefahr birgt, Menschen mit angekratztem Selbstwertgefühl und diejenigen, die gedisst werden, (weiter) herunter zu ziehen, finde ich sehr wichtig. Gab es früher kleine Zettelchen und Getuschel hinter vorgehaltener Hand, wenn man jemanden nicht mochte, so wird das jetzt öffentlich breitgetreten. Die Hemmschwelle, gemein zu werden, ist massiv gesunken. Das Gegenüber ist ja weit genug weg, damit man sich auf sicherer Seite wähnt. Und anonym ist es sogar noch einfacher – und feiger.

Warum heutzutage so viele meinen, wirklich jedes noch so kleine Detail ihres Alltags präsentieren zu müssen, ist mir ein Rätsel. Was man gerade anhat, was man isst, wo man sich gerade aufhält und weitere Banalitäten. Als ob das wirklich den Selbstwert erhöhen würde. Eigentlich ist es ja eher lächerlich und je mehr man von sich zeigt, desto angreifbarer macht man sich für diejenigen, die stänkern wollen.