das schaurig schoene tagebuch

Mein schaurig schönes Tagebuch #22: Der Fast-Nervenzusammenbruch und die Beinahe-Katastrophe

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Liebes Tagebuch, Weihnachten steht vor der Tür. Ich muss gestehen, die freien Tage ohne Verpflichtungen in einer sehr gemütlichen Atmosphäre haben wir uns redlich verdient. Die Renovierung ist so gut wie vorbei, die Wohnung ist in einem geputzten und dekorierten Zustand, der Kühlschrank ist gut gefüllt und auf dem Balkon schlummern Getränke-Vorräte, die jeden Prepper vor Neid erblassen lassen würden. Ich habe 2 neue Computerspiele in der Warteschlange (Assassins Creed: Syndicate und Red Dead Redemption 2) und ein ganzer Haufen Serien (The Witcher und Dark) ist darauf aus, meine Synapsen zu befriedigen. Möglicherweise wollen wir auch die Harry Potter Filme bingen. Das könnte wirklich klasse werden! Fast wäre es schiefgegangen, aber so richtig!

Am vergangenen Mittwoch kam ich von einem Einkauf beim Baumarkt nach Hause. Nicht das du jetzt denkst, ich gehe gerne in Baumärkte, liebes Tagebuch, oder mag es etwa in Werkzeugen zu baden und den Geruch von Holz und Lösemitteln einzuatmen. Baumärkte rangieren in meiner Beliebtheitsskala noch hinter Lebensmittelmärkten. Und die kann ich eigentlich nur wegen der Menschen, die sich darin zwangsläufig herumtreiben, nicht leiden. In Baumärkten hasse ich quasi alles.

Ich kam also nach Hause, als mich der Fliesenleger, der zu diesem Zeitpunkt in unserer Wohnung beschäftigt war, mit den Worten empfing: “Unitymedia war da, die mussten das Internet abschalten.”

Liebe Tagebuch, erinnerst du dich an den Film “Matrix”, wo Neo zum Ersten mal seinen Zeitlupen-Move macht? Genau. Die Zeit schien stillzustehen, als ich realisierte, was der Handwerker mir offenbarte. Alle Vorstellungen von einem perfekten Weihnachtsfest flogen wie Kugeln an meinem Gesicht vorbei, ohne das ich die Chance hätte, sie am Vorbeifliegen zu hindern. Konnte das sein? Es galt, alle Optionen zu prüfen. Ruhig, gelassen, konzentriert und zielgerichtet waren Eigenschaften, von denen ich in diesem Augenblick Lichtjahre entfernt war. Hektisch rannte ich umher und fuchtelte unkontrolliert mit den Armen. “Was fällt den besch**** Arsch*** ein, mir da verfi**** Internet abzustellen?

Ich glaube, so habe ich mich artikuliert. Ich rannte in den Keller, durch die Wohnung und an meinen Computer um alles zu prüfen. Das Formular “Großstörung im Unitymedia Netz”, das auf meinem Tisch lag, gab letzte Gewissheit. Aus die Maus. Wer jetzt den Teil wo ich mich und mein Suchtverhalten reflektiere, überspringt den nun folgenden Teil.

Stoerung

Ich bin die Störung!

Mit dem Formular in der zittrigen Hand versuchte ich, bei Unitymedia anzurufen. Festnetz geht natürlich nicht, weil das auch über die Internetleitung läuft, also muss das Handy ran. Man teilte mir mit, das mein Anschluss an das Internet schuld sei, dass rund 200 weitere Kunden, die die gleiche Glasfaserleitung benutzen, massive Störungen hätten. Aus Sicherheitsgründen, so mein Gegenüber am Telefon, musste mein Anschluss deaktivieren. Da man mich nicht angetroffen habe, müsse ich nun auf einen freien Techniker warten. Morgen vielleicht.

Jetzt war ich nicht mehr zu bremsen. Ich entschuldige mich hiermit schon mal höflichst bei dem Mitarbeiter Herrn B., der nun die volle Ladung abbekam. “Was fällt ihrem Schei****laden ein, mir unangekündigt und ohne Vorwarnung die Leitung zu kappen? Ticken sie noch sauber? Sie wissen schon, dass meine Frau beruflich auf den Zugang zum Internet angewiesen ist? Wie stellen sie sich das verda**** noch mal vor?

Herr B. legte glücklicherweise nicht gleich auf, sondern sah ein, dass das alles ein bisschen “unglücklich” gelaufen sei. So einfach während meiner Abwesenheit in den Keller zu marschieren und die Leitung zu kappen war ungünstig. Man versuche, mir schnell noch einen Techniker vorbeizuschicken. 3 weitere Anrufe später meldete sich jemand von unterwegs bei mir, in 20 Minuten sei er da.

Mittlerweile war ich völlig durchgeschwitzt. Trotzdem beschloss ich, vor der Haustür zu warten, damit der Mensch mit den richtigen Berechtigungen bloß nicht vorbeifährt. Der kam dann auch. Wir suchten den Fehler, fanden das neu installierte DLan als Störungsursache, waren aber gemeinsam der Ansicht, dass es da nicht sein kann. Also demontierten wir alles Kabel-Dosen in der Wohnung und fanden schließlich den Übeltäter in einer veralteten Kabeldose, die auch noch schlecht abgeschirmt war. Nach dem Tausch waren alle Störungen weg, auch das DLan konnte wieder in Betrieb genommen werden und meine Leitung war besser als vorher. Vielen Dank an Herrn D. aus Viersen, der sich Zeit genommen hat, nicht nur alles zu reparieren, sondern mir auch noch zu erklären. Muss ja Bescheid wissen.

Reflexion des eigenen Suchtverhaltens

Liebes Tagebuch, ich habe einen von diesen Tests gemacht, natürlich im Internet. “Ich solle mich wieder mehr um den Zugang zur realen Welt bemühen”, steht da. Ganz ehrlich? Die reale Welt kann mich mal! Ich verzichte liebend gerne auf die ganzen Idioten um mich herum. Das ist nun wirklich kein Verlust. Vielleicht sollte ich mich am Wochenende kollektiv mit angeblichen Freunden “besaufen”, um abzuschalten? Tolle Idee! Vielleicht geh ich auch ins Fußballstadion und brülle herum, damit die Leute auf dem Feld gewinnen. Super! Ich könnte mich ja irgendeiner radikalen Gruppierung anschließen, um dann Ideologien, die ich gefälligst toll zu finden habe, in die Köpfe anderer zu prügeln oder Mülltonnen anzuzünden, um gegen die zu sein, die genau das machen. Großartig!

Lasst mich doch einfach in Ruhe. Und vor allem lasst mir das Internet. Hier kann ich mir diese Welt so gestalten, wie ich sie mag. Nachrichten, die mich erfreuen. Menschen, die ich mag. Virtuelle Welten in der jeder mit jedem friedlich zusammenlebt und gemeinsam böse Aliens bekämpft. Oder meinen kleinen Inselstaat, auf dem ich regiere und wo ich unglückliche und protestierende Menschen einfach mit einem Theater glücklich machen kann. Parallelwelten. Entfliehen. Ausweichen. Wegbeamen.

Ohne Internet bin ich der realen Welt schutzlos ausgeliefert. Bin ich eben süchtig.

Die Kehrseite dieser Sucht liegt auf der Hand. Das Internet ist eine fragile Welt, in der an jeder Ecke das große Glück gleich neben dem großen Unglück um Freier buhlt. Eine Welt, die nur tröpfchenweise zulassen darfst, reißt du den Hahn ganz auf, erstickst du an der Flut dessen, was sich unzählige Menschen aus ihren kranken Gehirnen drücken. Eine Welt, in der die nächste Glückswolke immer ein bisschen fluffiger und knuddeliger erscheint, als die, auf der du dich befindest. Immer.

Ach, was solls. Wenn es mir zu viel wird, schalt ich einfach ab. Lese ein Buch und treffe mich auf ein Bier mit irgendwelchen Bekannten. ROFL.

Ich gehe jetzt suchten. Filme, Serien, Spiele, Nahrung. Gemeinsam mit Ehefrau Orphi. Denn nur die macht mich noch süchtiger ;) Frohe Weihnachten Euch allen!

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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MrCrow666
Gast
MrCrow666

Oh ja, ohne Internet wäre mein Leben auch ziemlich trostlos. Im Internet kann ich tun und lassen, was ich möchte und kann, wenn mir mal hier jemand auf den Pechkeks gehen sollte, diesen ignorieren (oder gar melden), was im realen Leben manchmal etwas schwieriger ist. Ohne Internet wäre ich als PC-Gamer besonders heutzutage ziemlich aufgeschmissen. Mir würden auch viele Infos durch die Lappen gehen und ich müsste mich noch via (Gaming-)Zeitschriften informieren, welche aber ,auch dank des Internets, immer weniger werden. Ausserdem gibt es immer weniger Spiele auf physischen Datenträgern, wodurch ich noch mehr auf die digitalen Stores wie Steam, Origin, Uplay, Epic Store etc. angewiesen bin. Habe mir erst heute wieder mehr als 10 Spiele auf Steam, im Epic Store und bei Uplay geholt, damit ich für die Weihnachtsfeiertage, für Silvester und den langen Januar was zum zocken habe.

Ich habe auch dank des Internets vieles über ältere, teilweise nie bei uns erschienene Technologien gelernt. Und natürlich auch noch über viele andere Dinge.
Und ohne Internet wäre ich wohl auch nie auf dieser Seite hier gelandet. :D
Ich brauche inzwischen auch keinen Fernseher mehr, weil ich mir dank Amazon Prime und Co. mir mein Fernsehprogramm selber zusammenstelle. Ausserdem bin ich da nicht mehr diesen elend langen und nervigen Werbeblöcken, wie man sie so gerne bei den Privatsendern sieht, ausgeliefert.

Wünsche euch allen, obwohl ich Atheist bin, ein frohes und vor allem besinnliches Weihnachten!