Mailand: Cimitero Monumentale (1866)

Wer den Cimitero Monumentale durch das mächtige, schwarz-weiß gestreifte Eingangsgebäude betritt, ahnt schnell, dass dies kein gewöhnlicher Friedhof ist. Über eine Fläche von rund 250.000 Quadratmetern erstreckt sich hier eine Stadt der Toten, in der sich das Mailänder Großbürgertum über Jahrzehnte hinweg an Pracht und Pathos zu übertreffen suchte. Engel und Trauernde, allegorische Gestalten und ganze Reliefzyklen aus weißem Marmor und dunkler Bronze säumen die Wege – ein Freilichtmuseum der Grabkunst, das viele Besucher mehr fasziniert als manches Stadtmuseum. Doch bevor die Bildhauer kamen, brauchte es einen langen Weg bis zur Gründung.

Eine lange Vorgeschichte

Die Idee eines großen, zentralen Friedhofs für Mailand reicht weiter zurück, als man vermuten würde. Schon 1837 – damals stand die Lombardei noch unter österreichischer Herrschaft – drängte die Verwaltung darauf, die zahlreichen kleinen Begräbnisstätten der Stadt aufzugeben. Über Jahrhunderte hatte man die Toten rund um die Pfarrkirchen bestattet; mit dem Wachsen der Stadt und einem neuen, hygienisch geprägten Denken galten diese kirchennahen Gräber jedoch zunehmend als gesundheitliche Belastung. Sechs ältere Friedhöfe sollten geschlossen und durch eine einzige moderne Anlage ersetzt werden.
Das Vorhaben zog sich über zwei Jahrzehnte hin, ohne dass etwas Greifbares entstand. Erst nach der Einigung Italiens nahm die Sache Fahrt auf. Die junge italienische Stadtverwaltung machte aus dem Projekt einen Teil ihrer städtebaulichen Erneuerung und schrieb einen öffentlichen Wettbewerb aus. Einundzwanzig Entwürfe gingen ein, und in der Sitzung vom 10. Juli 1863 fiel die Entscheidung zugunsten eines bis dahin wenig bekannten Architekten – maßgeblich beeinflusst von Camillo Boito, dem einflussreichen Architekturlehrer der Brera-Akademie.

Carlo Maciachini und sein Entwurf

Der Sieger war Carlo Maciachini (1818–1899), eine ungewöhnliche Figur. Geboren in bescheidenen Verhältnissen im Dorf Induno Olona, war er als junger Mann nach Mailand gekommen, hatte dort als Holzschnitzer und Kunsttischler gearbeitet und sich erst spät, neben dem Beruf, an der Brera-Akademie zum Architekten weitergebildet. Der Cimitero Monumentale wurde sein Lebenswerk.
Sein Entwurf ist ein Musterbeispiel des historistischen Eklektizismus. Statt sich für einen Stil zu entscheiden, verschmolz er Anklänge an lombardische Romanik, pisanische Gotik und byzantinische Formen zu einem betont feierlichen Ganzen. Für die Fassaden setzte er mehr als vierzig verschiedene Marmor- und Granitsorten ein, was dem Hauptbau seine charakteristische Streifung verleiht. Es sollte kein nüchterner Bestattungsort entstehen, sondern ein würdevoller Park, in dem Architektur, Skulptur und Erinnerung ineinandergreifen.

Eröffnung 1866 und der Famedio

Am 2. November 1866, dem Allerseelentag, wurde der Friedhof feierlich eingeweiht, obwohl die Bauarbeiten noch lange nicht abgeschlossen waren. Mailand zählte damals etwas mehr als 230.000 Einwohner. Das Herzstück und zugleich die ikonische Eingangsarchitektur ist der Famedio, der „Tempel des Ruhmes“: ein neomittelalterlicher Kuppelbau, der sich als ambrosianisches Pantheon versteht, als Ehrenhalle für die bedeutendsten Persönlichkeiten der Stadt. Viele Inschriften sind dabei Kenotaphe, Gedenkmale für andernorts Begrabene. Die größte Anziehung übt der Sarkophag des Schriftstellers Alessandro Manzoni aus, dessen Gebeine 1883 hierher überführt wurden. Geehrt werden hier außerdem der Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo und der Philosoph Carlo Cattaneo.

Bemerkenswert für seine Zeit ist der überkonfessionelle Charakter der Anlage. Maciachini beschrieb sie als einen Ort, der „allen Menschen und allen Religionen offen“ stehe. Östlich des Famedio liegt, durch eine Mauer abgetrennt, der 1872 eröffnete jüdische Bereich, im Westen jener für Andersgläubige und Konfessionslose. In diese Haltung fügt sich auch der Tempio Crematorio: Finanziert vom liberalen Industriellen Alberto Keller, in griechisch-dorischem Stil errichtet und im Januar 1876 mit der ersten Einäscherung – jener Kellers selbst – eingeweiht, gilt er als eines der ersten Krematorien Italiens und der modernen westlichen Welt. Das war alles andere als selbstverständlich, lehnte die katholische Kirche die Feuerbestattung doch bis 1963 ab.

Vom Friedhof zum Freilichtmuseum

Seine wahre Berühmtheit verdankt der Cimitero Monumentale dem Reichtum seiner Grabkunst – und genau hier setzt die Bildauswahl an. Die großen Industriellendynastien Mailands, Namen wie Pirelli, Bocconi, Falck, Bernocchi und Campari, beauftragten die bedeutendsten Bildhauer ihrer Zeit, darunter Leonardo Bistolfi, Adolfo Wildt, Medardo Rosso, Giannino Castiglioni, Giacomo Manzù und der Avantgardist Lucio Fontana – vom symbolistischen Jugendstil bis zur klassischen Moderne.

Einige Werke sind zu Wahrzeichen geworden. Das Grabmal der Familie Campari – der Dynastie hinter dem gleichnamigen Aperitif – wird von einer überlebensgroßen Plastik des Abendmahls geschmückt, die Giannino Castiglioni 1939 nach Leonardo da Vinci schuf. Für den Textilfabrikanten Antonio Bernocchi entstand ein hoch aufragender, spiralförmig gewundener Turm mit Szenen des Kreuzwegs, der an die römische Trajanssäule erinnert. Wer Sinn für das Melancholische hat, sollte Adolfo Wildts „Affetto nel dolore“ suchen oder den berührenden „Ultimo Bacio“ von Emilio Quadrelli.

So ist aus dem Reformprojekt des 19. Jahrhunderts über mehr als 150 Jahre hinweg ein Ort gewachsen, an dem sich Stadtgeschichte, bürgerlicher Repräsentationswille und herausragende Kunst untrennbar verbinden. Der Cimitero Monumentale erzählt die Geschichte Mailands gewissermaßen von ihrem Ende her – in einer Sprache aus Marmor und Bronze, die bis heute nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren hat. Carlo Maciachini selbst fand übrigens ebenfalls hier seine letzte Ruhe.