Stimmgewalt beim WGT: Wie zwölf Stimmen die Apokalypse singen

Im WGT-Podcast erzählen Heike und Erica von Stimmgewalt, wie aus zwölf Chorstimmen die Berliner Dark-A-Cappella-Band wurde – über das Album Eskhatophonia, die Auftritte mit Lord of the Lost, die Magie der Zahl Zwölf und warum gerade zwei tiefe Stimmen fehlen.

Ihr kennt das inzwischen: Immer wenn ich es schaffe, im 80s80s Studio auf dem WGT einen Platz auf der Gästeliste freizuschaufeln, kommt am Ende mehr dabei heraus, als das straff getaktete Radioprogramm überhaupt senden kann. So war es bei Lydia Benecke, und so war es jetzt wieder. Ich habe das ganze Gespräch mit Moderatorin Sabine Beck bearbeitet und als Podcast aufbereitet. Betrachtet es als das, was es ist: ein kleiner Mitschnitt, der viel zu schade war, um auf einer Festplatte zu verstauben.

Wer ist eigentlich Stimmgewalt?

Falls ihr den Namen zum ersten Mal lest: Stimmgewalt ist eine A-Cappella-Band aus Berlin, die sich ein eigenes Genre ausgerufen hat – Dark A Cappella. Düstere Musik, komplett ohne Instrumente. Kein Schlagzeug, keine Gitarre, keine Synthies. Alles, was ihr hört, kommt aus zwölf Kehlen – inklusive Rhythmus, denn gleich zwei Mitglieder machen als Beatboxer das Schlagzeug mit dem Mund.

Die Wurzeln reichen bis 2008 zurück, als Teile der heutigen Besetzung noch als Passionata Chor Berlin mit Corvus Corax das Projekt *Cantus Buranus* aufführten. Daraus wurde ein Chor, der Bands aus Metal und schwarzer Szene den satten Chorsound liefert – und daraus wiederum eine eigenständige Band. Der Grund für diesen Schritt ist im Interview wunderbar auf den Punkt gebracht: Man kam alle aus Chören und hatte schlicht keine Lust mehr, „nur so ’ne Orgelpfeife und austauschbar“ zu sein. Bei Stimmgewalt gibt es dagegen keinen Chorleiter, der alles entscheidet – jede und jeder ist ein eigener Charakter, und alles wird gemeinsam gemacht.

Wer die Referenzliste durchgeht, findet dort echte Szenegrößen: Stimmgewalt stand mit Lord of the Lost, Joachim Witt, ASP, Ost+Front und vielen anderen auf der Bühne oder im Studio. Der Vergleich mit Van Canto liegt nahe, hinkt aber, wie Heike im Gespräch klarstellt: Die haben ein echtes Schlagzeug – Stimmgewalt macht wirklich alles mit der Stimme.

Zwei Standbeine: eigenes Programm und satter Chorsound

Stimmgewalt bei 80s80s (1)
Stimmgewalt bei 80s80s (1)

Ein schöner roter Faden im Gespräch: Stimmgewalt lebt von zwei Seiten. Da ist einerseits das eigene Programm, andererseits die Arbeit als Background für andere Bands. Und genau diese Kollaborationen sorgen für die Gänsehaut-Momente. Heike erzählt von der Zusammenarbeit mit Lord of the Lost – erst der gemeinsame Song, dann „Gothic meets Klassik“ im Leipziger Gewandhaus. Vor viertausend Menschen zu singen, die Handys und Taschenlampen in die Höhe halten, das war selbst für sie eine neue Dimension. „Wir geben den Stücken die Epic“, bringt sie es trocken auf den Punkt.

Erica ergänzt den Auftritt beim M’era Luna – gemeinsam mit Lord of the Lost auf der großen Bühne, Pyrotechnik, diese Masse an Menschen. Für Heike war das buchstäblich ein Kindheitstraum: „Genauso habe ich mir das vorgestellt, als ich als Teenager mit der Haarbürste vor’m Spiegel stand.“ Und trotzdem – und das ist mir sympathisch – betont sie, dass es nie um die größten Bühnen geht. Die nimmt man gerne mit. Aber der eigentliche Antrieb ist ein anderer: gemeinsam musizieren, weil es Freude macht.

Eskhatophonia: Ein Ende, das immer auch ein Anfang ist

2023, zum zehnjährigen Bandjubiläum, erschien das Debütalbum Eskhatophonia – „Klänge vom Ende aller Dinge“ –, produziert von Chris Harms (Lord of the Lost) und veröffentlicht über das Label 7hard. Das Wort „Eskhatophonia“ hat die Band selbst erfunden; eine kleine Metal-Tradition, sich Begriffe auszudenken, die einfach cool klingen.

Was mir im Interview besonders gefallen hat, ist, wie das Konzept entstand: Erst waren die zwölf Songs da, dann die Frage, welche Geschichte sich daraus erzählen lässt. Und plötzlich war der Faden sichtbar – es geht immer irgendwie um Ende, Abschied, Dramatik, aber eben auch um das Schöne daran: den Neuanfang, der mit jedem Ende zusammenhängt. Schwere ohne Resignation. Ehrlich gesagt: näher an dem, was die schwarze Szene seit Jahrzehnten kann, kommt man kaum.

Die Sache mit der Zwölf

Wer sich mit Stimmgewalt beschäftigt, stolpert unweigerlich über die Zahl 12. Zwölf Mitglieder, zwölf Songs auf dem Album, zwölf Zacken im Sternlogo, Halbtonschritte, sogar die Offenbarung des Johannes auf dem Cover. Ist das nun Zahlenmagie oder Zufall?

Die Erklärung ist erst mal handfest: Der klassische A-Cappella-Aufbau besteht aus drei Sopranistinnen, drei Altistinnen, drei Tenören und drei Bässen – macht zwölf. Aber, so geben Heike und Erica lachend zu, es fügt sich eben auch immer wieder. Zwischenzeitlich waren sie sogar mal dreizehn und überlegten schon, einen Zacken ans Logo zu setzen – dann wurden sie wieder zwölf. Die Zahl findet zurück.

Und hier kommt ein aktueller, ehrlicher Hinweis aus dem Gespräch, den ich euch nicht vorenthalten will: Momentan ist Stimmgewalt eigentlich nur zu zehnt. Zwei „Sternzacken“ fehlen. Die Band sucht „zwei tiefe Stimmen – einen Bass und einen Tenor.“ Wer sich also berufen fühlt, gern in der Nähe von Berlin ist (einmal pro Woche wird geprobt), sich auf der Bühne wohlfühlt und vielleicht sogar Noten lesen kann (Pflicht ist es nicht – es gibt sogar ein Programm zum Nachhören der Stimmen), der sollte sich bei der Band melden. Übrigens: Auch als Frau kann man dort Tenor singen. Die Stimme muss nur tief genug sein.

 „Ich glaube, sie finden uns nicht ganz scheiße“

Am schönsten ist im Podcast der Moment, in dem Heike vom ersten offiziellen WGT-Auftritt erzählt. 2023, in der Peterskirche, nach einer Laudatio von Mark Benecke. Da saßen fünfhundert Menschen in schwarzen Klamotten und guckten – Heikes Worte – „unglaublich ernst und skeptisch“. Die Band sang ihren ersten Song, wurde fertig, und dann standen alle auf und brüllten und klatschten. „Okay“, dachte sie sich, „ich glaube, sie finden uns nicht ganz scheiße.“ Ein Satz, der die ganze Band ganz gut zusammenfasst: null Attitüde, dafür jede Menge Herz.

Zwölf Egos, eine Bühne, keine Instrumente

Zwölf Menschen, kein Chef, keine künstlerische Leitung – das klingt nach Drahtseilakt. Erica, die erst seit einem Jahr dabei ist und ursprünglich aus Portugal kommt (sie hat in Lissabon Operngesang studiert), beschreibt das Erfolgsrezept mit einem Wort, das man in einer Band selten hört: Demokratie. Es gibt Raum für alle Egos, Raum für Diskussionen – „manchmal zu viel Raum“, wie sie schmunzelnd zugibt. Sabines Vergleich mit dem Elternabend sitzt.

Aber genau das trägt die Band inzwischen seit über zehn Jahren. Viele sind seit Jahren dabei, haben gestritten, sich zusammengerauft und dabei ein gemeinsames Ziel behalten: schöne Kunst machen. Die Arrangements bringt meist Altistin Anne mit („die malt Bilder mit Tönen“), aber einbringen darf – und soll – sich jede und jeder. Vielleicht funktioniert es gerade deshalb so gut.

Was das WGT für sie bedeutet

Zum Schluss wollte Sabine noch wissen, was das WGT für die beiden eigentlich bedeutet. Heike würde sich selbst gar nicht als komplett „in der schwarzen Szene“ verorten, fühlt sich aber ihr Leben lang dorthin gezogen – wegen der Toleranz und einer geradezu existenzialistischen Grundhaltung: Das Leben ist absurd, es schuldet einem keinen Sinn, also erfindet man ihn selbst und wird kreativ. Damit lässt sich gut leben, deshalb kommt sie seit Jahren zum WGT, auch wenn sie nicht auftritt.

Für Erica ist es noch besonderer: In Portugal fiel sie mit komplett schwarzer Kleidung und Spitze auf; in der schwarzen Szene fühlt sie sich zum ersten Mal richtig sie selbst. Und auf dem WGT zu singen, direkt, ist für sie eine echte Premiere – „so eine Ehre, mit Stimmgewalt dabei zu sein“. Die Band, ergänzt Heike, ist umgekehrt genauso froh, eine studierte Opernsängerin dazubekommen zu haben.

Jetzt reinhören

Macht es euch gemütlich und hört rein. Es ist selten, dass man erlebt, wie zwölf – aktuell zehn – Menschen ganz ohne Instrumente eine Kathedrale füllen und dabei so bodenständig und sympathisch bleiben. Danke an Sabine Beck für das Gespräch und an Stimmgewalt für die Offenheit. Und wer weiß: Vielleicht liest das ja gerade ein Bass oder ein Tenor, der als zwölfter Sternzacken noch fehlt.

Die Band findet ihr auf ihrer Webseite, bei Instagram und überall, wo es Merch und Musik gibt. Eskhatophonia streamt ihr auf Spotify und überall dort, wo wann es vermutet. Übrigens: Heute, am 31. Juli 2026 erscheint auch die neue Single „Rivers“!

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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