Genua: Cimitero monumentale di Staglieno (1851)

Über einen ganzen Berghang im Nordosten Genuas breitet sich auf mehr als einem Quadratkilometer der Cimitero monumentale di Staglieno aus – einer der größten und für viele auch schönsten Friedhöfe Europas. Wer ihn betritt, taucht in eine Stadt der Toten ein, in der naturgetreue Marmorfiguren, trauernde Engel und monumentale Gruften eine ganze Epoche bürgerlicher Trauerkultur konservieren.

Die Wurzeln der Anlage reichen bis zu Napoleons Edikt von Saint-Cloud (1804) zurück, das Bestattungen in Kirchen und innerhalb der Städte untersagte und so überall in Europa den Bau großer Außenfriedhöfe anstieß. 1835 wurde der Genueser Stadtbaumeister Carlo Barabino (1768–1835) mit dem Entwurf beauftragt, doch er starb noch im selben Jahr während einer Choleraepidemie. Sein Schüler Giovanni Battista Resasco (1798–1871) übernahm das Projekt, hielt an Barabinos klassizistischer Grundidee fest und vollendete sie. Nach Baubeginn 1844 wurde der Friedhof Anfang 1851 eröffnet, obwohl die Arbeiten noch lange nicht abgeschlossen waren – sie zogen sich bis um 1880 hin.

Architektonisch nutzt Staglieno die Hanglage geschickt aus: Auf den Geländestufen reihen sich Arkaden und Kolonnaden mit mehrstöckigen Urnennischen, in den steileren Flanken liegen, fast parkartig eingebettet, Familiengruften in allen erdenklichen historisierenden Stilen. Im Zentrum thront ein klassizistischer Rundtempel, das Pantheon, davor eine hohe Statue des Glaubens von Santo Varni.
Berühmt wurde Staglieno jedoch vor allem für seine Skulptur. Während Mailands Monumentale stark vom Eklektizismus geprägt ist, steht Genua für einen ausgeprägten bürgerlichen Realismus: erstaunlich lebensnahe Figuren der Genueser Kaufmannsschicht, die mit zunehmend symbolistischem Einschlag den Tod als Mysterium inszenieren. Ikonisch ist der „Engel der Auferstehung“, den Giulio Monteverde 1882 für das Grabmal der Familie Oneto schuf – ein abgewandter, sinnlicher Engel, dessen fast moderne Gestik unzählige Nachahmungen fand. Volkstümlicher, aber nicht weniger berühmt ist das Denkmal der Nussverkäuferin Caterina Campodonico von Lorenzo Orengo (1881): Die Frau finanzierte ihr Grab zu Lebzeiten selbst und ließ sich in Tracht und mit ihren Verkaufsketten darstellen, so wie sie an den Straßenecken Genuas stand.

Für die dunkle Szene ist Staglieno aus einem ganz besonderen Grund ein Sehnsuchtsort. Das Cover von Joy Divisions Album Closer (1980) zeigt eine Fotografie von Bernard Pierre Wolff, die das Familiengrab Appiani festhält – eine Beweinung Christi von Demetrio Paernio. Damit ist der Friedhof tief in die Bildsprache von Post-Punk, Dark Wave und Gothic eingeschrieben. Schon zuvor hatten Besucher wie Friedrich Nietzsche, Mark Twain und Ernest Hemingway den Ort bewundernd beschrieben. Auch prominente Tote ruhen hier, darunter der Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini, der Liedermacher Fabrizio De André und Constance Wilde, die Frau Oscar Wildes.
So verbindet Staglieno klassizistische Strenge mit überbordender Grabkunst und einer Aura, die zwischen feierlicher Andacht und morbider Schönheit changiert – ein Ort, der die Trauer des 19. Jahrhunderts in Marmor gegossen hat und bis heute fasziniert.