Gefühl und Kontrolle: Depeche Mode in der DDR

Ich mag Depeche Mode, wirklich jetzt. Die Band begleitet mich mit ihrer Musik schon mein ganzes musikalisches Leben. War es noch „Just can’t get enough“ im Kinderzimmer, sind die Klänge von „The things you Said“ stellvertretend für weiße Strümpfe in Halbschuhen mit Stahlkappe, für ein Originales 101-Shirt und auch für meine ersten Ohrringe. Regelmäßige Leser wissen natürlich, dass ich maßlos untertreibe, aber eine Einleitung im Stile von „Depeche Mode sind total der Hammer!“ klingt dann doch eher überschwänglich und unglaubwürdig.

Mein erstes Konzert war ein entsprechende Nahtoderfahrung, jedenfalls schlug der Puls weit über das von Ärzten empfohlenen Maß hinaus. Das war 1990. Was müssen die Jugendlichen in DDR gefühlt haben, als sie 1988 erfuhren, dass Depeche Mode im März ihr einziges Konzert anlässlich des FDJ Geburtstages gaben? In welche Sphären schlug der Puls derer, die es tatsächlich geschafft hatten, eine Karte zu bekommen? Ihr wusstest noch nicht, dass Depeche Mode ein Konzert in der DDR gaben?

Ein großartiger Artikel bei einestages und ein wieder aufgetauchtes Video vom damaligen Jugendsender DT’64 lassen Erinnerungen wach werden. Nicht weil ich etwa dabei war, sondern weil ich vielleicht das Gefühl während dieser besonderen 90 Minuten gut verstehen kann. Heute läuft schon die ganze Zeit Depeche Mode und ich habe einfach Lust, etwas darüber zu schreiben. Etwas von Gefühl, Musik und Kontrolle.

Der 7. März 1988 ist ein kalter Tag in Ost-Berlin. Doch auch der leichte Schneefall kann mehrere tausend schwarz gekleidete Jugendliche nicht davon abhalten, sich vor der Werner-Seelenbinder-Halle am Prenzlauer Berg zu versammeln. Eine Eintrittskarte für die Veranstaltung, die hier am Abend stattfinden soll, besitzen nur die wenigsten von ihnen. „Geburtstagskonzert der FDJ“ steht in schlichter Schrift auf dem braunen Papier, Preis: 15 Ostmark. Ein weiterer Hinweis auf das Programm findet sich nicht. Trotzdem bieten die frierenden Fans Fantasiepreise, um in die Halle zu gelangen.
Auch ohne offizielle Ankündigungen hat sich das Gerücht bis in den letzten Winkel der Republik verbreitet: Depeche Mode würden an diesem Abend ihr erstes und einziges Konzert in der DDR spielen. Eine Sensation, nicht nur für die zahlreichen ostdeutschen New-Wave-Anhänger. „Ich konnte das nicht glauben. Die Ungarn, die bekamen so was vielleicht hin, das war ja schon halber Westen“, erinnert sich Sascha Lange, Autor des Buches „DJ Westradio“, der damals dabei war. „Aber die FDJ – niemals!“

„Fanliebe“ war in der DDR eine Fernbeziehung, so heißt es weiter im Artikel. Da komme ich mir schon beinahe lächerlich vor wie ich bereits 1988 mit meiner Mutter darüber zankte, ein Konzert in Dortmund zu besuchen, Geld dafür zu sparen um dann doch nicht fahren zu dürfen. Gleichwertig mögen die Empfindungen gewesen sein, als man seinerzeit fast ausschließlich von schwarz gekleideten umringt, zu den ersten Tönen in einen tranceartigen Zustand verfiel. „Nothing“, der Kopf leert sich wie eine Badewanne, alles ist vergessen, nur Gefühl und Empfindungen füllen den leeren Raum wie ein Badezusatz. Man riecht den Geruch des Wassers, man fühlt die Wärme der Emotionen, der Schaum hüllt alles um einen herum in eine glitzernde Zauberwelt.

In diesem Alter sind die Erfahrungen einfach intensiver, weil nichts dem empfinden im Weg steht. Keine Verantwortung, keine Alltag, keine Verpflichtungen. Sie Musik hinzugeben ist eine großartige Eigenschaft, die Jugendliche wie ganz selbstverständlich beherrschen. Sie kreischen, sie schreien, sie weinen oder sie schließen die Augen und denken an nichts anderes.

Ein Gefühl, dass man sich bewahren sollte. Eine Band, die für die Vergangenheit steht, hilft dabei, sich daran zu erinnern, wie man früher einmal war. Heute ist es anders, der Alltag zerrt am Gefühl. Rationalität und Verstand sind gefragt, kein infantiles Gehabe für komische Musik. Ungeschriebene Gesetze sagen, dass „Erwachsene“, die zu Depeche Mode die Augen schließen, ekstatisch tanzen oder eine Träne aus dem Augenwinkel drücken, komisch sind. Die Gesetze verpflichten dazu, Kontrolle zu bewahren, nicht loszulassen, schon gar nicht bei Musik. Mein Gesetz sagt: Lasst euch nicht blenden von den Dogmen einer Welt der Selbstbeherrschung, haltet fest an dem intensiven Gefühl, dass euch damals durchströmte und auch heute noch in euch schlummert. Lasst dem Gefühl für Musik freien Lauf!  Früher dauerte das schon mal einen ganzen Sommer, heute ist es nach rund 5 Minuten vorbei. Ganz verschwinden sollte es nie.

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(Bildquelle: Dennis Burmeister, depechemode.de/einestages.de)

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Katrin
Katrin (@guest_16174)
Vor 10 Jahre

Ich war bei diesem legendären Konzert 1988 in der Werner-Seelenbinder-Halle in Berlin. Die Erinnerungen daran scheinen noch immer taufrisch und ich kann quasi auf Knopfdruck die Gefühle von damals auch heute noch für mich greifbar machen. Einiges stand damals schon auf einem Kurs der Veränderung und die Perestroika in der damaligen Sowjetunion schwappte so allmählich auch in die damalige DDR. Irgendwie war wohl auch für die alten, verknöcherten Menschen, die dieses Land regierten nicht mehr ignorierbar, dass ein Staat nur funktionieren kann, wenn die Menschen, die in ihm leben jedenfalls einen gewissen Grad an grundsätzlicher Zustimmung zu diesem Konstrukt „Staat“ miteinander teilen. Und so wollte man wohl die aufkommenden kritischen Stimmen besänftigen, indem man sich ein wenig weltoffener zeigte und eben hier und da den eisernen Vorhang ein wenig gen Westen lüftete. Ich war damals mit meinen 14 Jahren großer Depeche Mode Fan. Darüber hinaus unpolitisch pupertär. Die Bravo-Poster an meiner Wand hatte ich mit meinem mühsam zusammen gesparten Taschengeld von entfernt bekannten Menschen gekauft. Meine Mutter weiß bis heute nicht, dass ich je A4- Seite Bravo-Glanzpapier um die 30,00 Mark hingeblättert hab, sie würde mich heute noch lynchen, befürchte ich. Die Musik, die hatte ich auf Tonbändern, stundenlang habe ich vorm Radio gesessen und mitgeschnitten und geflucht, wenn der Verkehrsfunk mitten in einen Song piepte. Dann hieß es basteln. Mit Schere und Tesa. Klebeband hieß das damals und man konnte, wenn man handwerklich halbwegs geschickt war, einige Aufnahmen damit retten… Und dann hieß es plötzlich, Depeche Mode würden nach Berlin kommen. Also in „mein“ Berlin. Das konnte doch gar nicht sein?! Allein die Ankündigung in unserer Schule ließ mir die Knie weich werden. 6000 Karten für alle Schulen der DDR. Und sie sollten nach eigenem Ermessen vergeben werden. In unserer Klasse landeten zwei Karten und ganz klar waren plötzlich alle unheimlich vernarrt in Depeche Mode und wollten dahin. Wir haben das Ganze dann demokratisch entschieden, die beiden Schüler mit den meisten Handstimmen bekamen die Karten. Und ich bekam keine. Shit! Der Tag war gelaufen. Ich hab mich zu Hause verkrochen und Dave-Gahan-Poster angeheult…
Zwei Tage später kam dann meine Freundin, die eine der Karten in der Schule erstanden hatte und meinte, sie hätte ne Karte für mich. Ich hab das nicht verstanden, sie wollte doch so unbedingt dahin? Wollte sie ja auch, erklärte sie mir. Sie hat noch eine Karte. Es hat ne Weile gedauert, bis ich kapiert hatte, dass ihr Vater über sieben (wahrscheinlich partei-politisch konforme) Ecken noch eine erwischt hatte. Meine Güte… die Tage bis zum Konzert verbrachte ich irgendwo auf Wolke sieben und jenseits jeglicher Realität. Und dann war es soweit. Mit der Straßenbahn durchs grau-kalte Ostberlin zu Depeche Mode zuckeln. Das war so irreal… Vor der Halle waren provisorische Bauzäune aufgebaut, die die Leute im Zaum halten sollten. Menschenmassen säumten die Strassen und flehten um Tickets. Sie boten ihre Mofas, Motorräder und Autos zum Tausch an. Auch Unmengen von Bargeld wurde mir unter die Nase geschoben. Aber jeder der ein Ticket hatte, wusste, dass all das, was da in der Halle wartete, mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen wäre… An einer kleinen Stelle wurde die Absperrung dann geöffnet und irgendwie wollte jeder zuerst rein… die Leute schoben und drückten und plötzlich passierte das, was richtig böse hätte enden können: Die Masse kam ins Fallen und vor mir lagen Menschen und ich konnte nicht vor und nicht zurück und betete nur, dass niemandem was passiert. Die Zäune wurden dann schlagartig geöffnet und der Druck war damit erstmal weg, jeder konnte sich irgendwie nach vorn befreien und soweit ich weiß, ist niemand ernsthaft verletzt worden. Die Panikschreie haben sich trotzdem in mir eingebrannt und ich habe noch heute ungute Gefühle in dichtem Gedränge… In der Halle angekommen, war alles nur noch ein Rausch. Die Vorband wurde gnadenlos ausgebuht, wir wollten Depeche Mode! Und dann endlich ging´s los… ein gefühltes, stundenlanges Intro… und die Leute fingen an zu springen und zu schreien und nach vorn zu drängen. Man konnte die Füße heben und wurde meterweit nach vorn getragen. Der Hallenboden war aus Parkett und bebte. Und die Songs, die konnte jeder mitsingen. Von der ersten bis zur letzten Note. Es war ein Fest! So viele Menschen mit so vielen Träumen, die an diesem Abend wahr wurden. So viele Emotionen, wohin damit ? Raus schreien! Und diesen Abend niemals enden lassen wollen. Ich habe nie wieder ein emotionaleres Konzert erlebt als dieses. Unvergessen für immer. Danke für den Artikel, Robert! :-)

Heimfinderin
Heimfinderin (@guest_16186)
Vor 10 Jahre

Ich war zwar nie ein ausgesprochener DM-Fan (das waren für mich die typischen Dave-Gahan-Verschnitte – nicht böse sein…) aber mit einigen dieser Songs verbinden mich ganz persönliche Momente meiner Jugend, auch inhaltlich. Was ich aber anmerken wollte: Robert hat mir in diesem Artikel einige Fragen über mein eigenes „schwarz-sein“ beantwortet. Und das stärkste Ventil, das wir hatten, war die Musik.
Ein berührender Artikel, den ich für mich auch auf andere Bands übertragen kann. Danke :)

NorthernNephilim
NorthernNephilim (@guest_16187)
Vor 10 Jahre

Schöner Artikel. Um auf den umfangreichen ersten Kommentar zurückzukommen; Nun interessiert mich doch wer die Vorband war :)

Katrin
Katrin (@guest_16198)
Vor 10 Jahre

Hi NorthernNephilim,

Vorband waren Mixed Pickles -> http://www.parocktikum.de/wiki/index.php/Mixed_Pickles

Henrik
Henrik (@guest_49828)
Vor 8 Jahre

Danke Katrin. Du hast es genau so beschrieben wie es war. Eben war eine Reportage mit dem Sommer 88 im MDR. Natürlich mit Depeche Mode.

Katrin
Katrin (@guest_49831)
Vor 8 Jahre

Hör Dir mal nur die letzte Minute des folgenden Mitschnitts an, mir treibts da noch immer schlagartig die Tränen in die Augen:

Tränengeflutete, höchst emotionale Konzerte habe ich auch in der Folgezeit noch erleben können (Dead Can Dance 1993 oder das Abschlusskonzert von Garden Of Delight 2008 zum Beispiel), aber ganz klar bleibt dieses Depeche Mode Konzert im Kontext meiner eigenen, kleinen Geschichte immer das Bemerkenswerteste.

NorthernNephilim
NorthernNephilim (@guest_49834)
Vor 8 Jahre

Robert hier der komplette Film der Sonntags auf dem MDR lief:

Auch wenn ein Großteil der Bands sicher nicht „gruftig“ sind ist der Film hier doch sehenswert, was die Menschen aufopfern um mal „ihren“ Star live zu sehen. Dann noch wie Legenden wie: David Bowie forderte auf ein Teil der Lautsprecheranlage Richtung Osten zu drehen damit die auch was hören.

Katrin
Katrin (@guest_50231)
Vor 7 Jahre

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