Bravo-Report 1992: Martins schwarze Träume

Anfang der 90er herrschen paradiesische Zustände für den geneigten Grufti. In den deutschen Ballungszentren gibt es meist Gleichgesinnte und ein lebendiges Angebot der schwarzen Subkultur. Gothic und Wave liegen im Trend, Mailorder-Händler bieten Szene-Klamotten bereits in einschlägigen Zeitschriften an. Der Fall der Mauer sorgt für eine schwarze Wiedervereinigung und belebt die damals schon totgesagte Szene. 1992 erblickt das Wave-Gothic-Treffen. Nicht das jemand einen Rechtschreibfehler vermutet, bis 1995 hieß das mittlerweile größte Festival der schwarzen Szene noch „Gothic“, bevor es fortan unter dem Namen „Wave-Gotik-Treffen“ in Erscheinung trat das schummrige Licht der Welt, Gothic war in vieler Munde. Mittlerweile war das Phänomen auch in die entlegensten Winkel der Republik gedrungen, doch wie war das denn damals, als Grufti vom Dorf?

Die Bravo klärt auf und entdeckt den 20-jährigen Kindergärtner Martin: „Ein schwäbisches Dorf: Eine kleine Barockkirche, Bauernhöfe, Geranien auf den Balkonen. Ländlicher Friede. Aber das scheint nur so. Martin, „der Schwarze“, geht die Hauptstraße entlang. Kalkweißes Gesicht, Toupierte Haare, schwarze Kleidung, Schmuck – ein Grufti, ein „Gothic“. Einer, der nun wirklich nicht in diese Dorfidylle passt.“ Tagsüber ist Martin Kindergärtner und nachts ein waschechter Grufti? Wie passt das zusammen? Oder erfüllt sich damit wieder ein Klischee, dass Gruftis vornehmlich in sozialen Berufen ihr Unwesen treiben? Was vielleicht auch wieder ein schönes Klischee wäre, schließlich ist das dann doch aktive Verbesserung an einer viel zu kalten Welt.

Zugegeben, der Einleitungstext ist ein wenig dick aufgetragen, die tatsächliche Anzahl schwarzer Gestalten bleibt zu jener Zeit vermutlich überschaubar. Zeitschriften und Presse, die die Szene seit Mitte der 80er immer wieder ins Visier merkwürdiger Berichterstattung nehmen, sorgen für die gefühlte Verbreitung. Die stetig wachsende Anzahl der Szene-Gänger ist eine Folge dieser Verbreitung. Martin lebt 1992 jedenfalls im Dorf und ist derjenige, über den man in einer solchen „Gemeinschaft“ eben redet, wenn er von der Norm abweicht. Er hat jedoch genügend Selbstbewusstsein und eine Mutter, die ihren Sohn „in Ordnung“ findet, so begann sein Einstieg bereits im Alter von 12 Jahren.

(…) Martin liebt’s nun mal schwarz. „Ich fühl mich da sehr wohl. Das steckt ganz tief in mir drin. Woher das kommt, weiß ich auch nicht – es fing schon mit 12 an bei mir. Ich hab einfach einen totalen Connex 1 zu diesen mystischen Farben.“

1992 hat man längst damit begonnen, seiner Szene-Dasein ein Bedeutung zu geben, die über Musik und Kleidung hinausgeht. Konnten Jugendliche einige Jahre zuvor nicht wirklich beschreiben, warum sie sich mit Kreuzen und Totenköpfen schmücken, sich für Okkultismus interessieren und einer gewissen „Todeästhetik“ frönen, so hat man mittlerweile begonnen, sich mit seinem Auftreten zu beschäftigen. Auch Martin hat ein klare Meinung: „Ich glaube, alles hat einen tieferen Sinn. Mit Okkultismus und so hab ich nichts am Hut. Und mit Satansmessen sowieso nicht. Ich finde es auch total blöd, daß die meisten Leute uns mit Friedhöfen in Verbindung bringen. Die sollen sich halt mal besser informieren – wir mögen zwar Symbole der Vergänglichkeit, also Grabkreuze, die Farbe Schwarz, Totenschädel und so, aber nur als Symbol, als Mahnung an den Tod, der ja allgegenwärtig ist.

Vorbei scheinen die Zeiten, in denen Gruftis undifferenziert die Strömungen und vermeintlichen Rituale innerhalb der Szene aufnehmen. Der Presse glaubt man schon lange nicht mehr. Sicherlich gab es Gruftis, die sich mit satanistischen Ritualen beschäftigten und der Friedhof war in den späten 80ern in der Tat ein beliebter Ort sich zu treffen. Aber machen wir uns nichts vor, wir alle waren jung und haben uns ausprobiert. Schon mal nachts einen Friedhof besucht? Es ist gruselig, still und beklemmend – vielleicht genau der Kick, den sich andere am Wochenende vor dem Stadion holen, oder bei einer wüsten Auseinandersetzung mit der Staatsmacht. Klischees sind nie aus der Luft gegriffen, es gibt immer Einzelne, die jedes gefühlte Klischee erfüllen. Und ein Stück weit haben wir davon auch profitiert, denn man betrachtete uns als befremdlich und machte einen großen Bogen ums uns. Man sprach nicht mit uns, sondern nur über uns. Wir wollten unsere Ruhe und haben sie bekommen.

Zurück zu Martin, den 90ern und den Folgen eines guten Umfelds. „In seinem Zimmer ist es dunkel wie in einer Höhle – aber ordentlich! In Reih und Glied hängen die Nietengürtel und anderer Grufti-Schnick-Schnack an der Tür, das Bett ist frisch bezogen. Seine Mama, 44 und Hausfrau, kommt herein und bringt Kaffee und Gebäck. Wie findet sie die Bude ihres Sohnes? „Ach, eigentlich ganz okay. Ich könnte in dieser tristen Stimmung zwar nicht leben, aber es ist seine Sache. Solange er das nur für sich selbst macht, anderen damit nicht schadet und keine Drogen nimmt, ist das in Ordnung“, meint sie. Und: „Wir sind ein bißchen anders als die anderen hier. Vor acht Jahren sind wir von München aufs Land gezogen, weil es hier noch billig ist.“ Aha! Zugezogene. Schon immer ein Stempel in eingeschworenen Gemeinschaften dörflicher Idylle. Man bleibt lieber unter sich, betrachtet Neu-Ankömmlinge skeptisch und prüft Verhaltensweisen und Lebensart. Irgendwie gruftig, so eine dörfliche Gemeinschaft. Paradox.

Martin hat eine Band, die sich „Exexute My Breakfast“ nennt, spielt Gitarre und Keyboard und ist darüber hinaus ein sehr kreativer Mensch, „die Klamotten näht er sich selbst (Gruft macht Kreativ!), teure Hobbys hat er auch nicht.“ Vermutlich ein Erbe seiner Mutter, die Saxophon in einer Big-Band spielt und dem Bauchtanz zugetan ist. Sein Geld verwendet er dafür, Konzerte oder Treffen zu besuchen: „Die Treffen oder Konzerte sind echt toll. Ich kenn inzwischen Leute aus ganz Europa. Es ist unglaublich, wieviele von uns es inzwischen gibt, dabei war unsere Bewegung ja vor einem Jahr so gut wie totgesagt.

Totgesagte leben länger. Bis zum heutigen Tage sollte die Prophezeiungen, dass Gothic „tot“ ist immer wieder widerlegt worden. Anfang der 90er war es der Mauerfall, der der Bewegung neuen Schwung verpasste und Gruftis aus Ost- und Westdeutschland zusammenführte. Noch im selben Jahr – wie Eingangs erwähnt – sollte das WGT ins Leben gerufen werden, dass Deutschland im Laufe der nächsten Jahre in den Mittelpunkt der internationalen Gothic-Szene rückte.

Martin ist Sterotyp für die Grufti-Szene, die auch häufig in einschlägigen Nachschlagewerken beschrieben wird. Er kommt aus der bürgerlichen Mitte und aus einem intakten Umfeld, seine Rebellion richtet sich nicht gegen das Elternhaus oder gegen seinen sozialen Status, sondern vielmehr gegen die tabuisierte Gesellschaft. Tod und Vergänglichkeit, allgegenwärtig aber aus der Wahrnehmung verbannt. Gelebtes Interesse an Mythologie,  dem Glauben an einen tieferen Sinn seiner Existenz ohne die Fesseln einer religiösen Weltanschauung. Seine Berufswahl mag dem Individuum geschuldet sein, entspricht aber meinem Eindruck, dass sie überdurchschnittlich viele Szene-Angehörigen einem sozialen Beruf verschrieben haben. Krankenpfleger, Altenpfleger, Sozialarbeiter, Kindergärtner. Ob das jedoch ein Fakt ist, sich belegen lässt oder nur meiner subjektiven Wahrnehmung entspricht, ist Thema für einen anderen Artikel. Martin ist heute 40 Jahre alt, mich würde interessieren, was aus ihm geworden (oder geblieben ist). Vielleicht fühlt er sich durch diesen Artikel dazu animiert, mir zu schreiben.

Einzelnachweise

  1. Das Wort „Connex“ stammt vom lateinischen Begriff „co(n)nexus“ den man als „Verknüpfung“ übersetzt. Im Deutschen Lexikon ist es zu unter „Konnex“zu finden und beschreibt hier eine bestehende Verbindung zu zwei Dingen. Vgl.: http://de.wiktionary.org/wiki/Konnex[]
Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Dodo
Dodo (@guest_31168)
Vor 8 Jahre

Die Tatsache, dass man uns meidet, ist wohl mittlerweile nicht mehr zutreffend, hm?
Ein paar Blicke erhascht man in der Stadt noch, aber in Ruhe lässt mih trotzdem niemand. Leider, auch wenn ich mich für einen höflichen Mensch halte und nie abfällig auf nette Ansprahe reagieren würd.
Könnte auch dran liegen, dass ich in Leipzig wohn.

Ich lese gern solch alte Gruftgeschichten. Komme selber vom Dorf und kenne das zu gut. Meine Eltern haben leider nie hinter mir gestanden, wollten mich warnen, wollten nicht dass ich „tiefer in irgendetwas hineinrutsche“.
Wie war es denn bei euch?

Ach übrigens, ich bin Altenpfleger. ;)

Axel
Axel (@guest_31171)
Vor 8 Jahre

Aber GERADE in Leipzig ist das doch egal wie schwarz man dort rumrennt. Die sind das doch nun wirklich gewohnt (und das nicht nur wegen dem WGT). ^^

Ian Luther
Ian Luther (@guest_31172)
Vor 8 Jahre

Toller Artikel. Ich kann mich sehr gut damit identifizieren. Und auch, obwohl der Artikel aus der Bravo kommt, muss ich sagen, dass er einer der besten überhaupt ist.

Libbit
Libbit (@guest_31173)
Vor 8 Jahre

Kann mich Ian nur anschließen.
Zu der sozialen Sache: Ich bin angehende Erzieherin, der Herr von Karnstein angehender Altenpfleger. Was sagt man dazu. :p

Flowers
Flowers (@guest_31174)
Vor 8 Jahre

Angehender Ergotherapeut! :D

Aber ja, stimmt schon, der Artikel spiegelt mal etwas wieder, wo man sagen kann: „Jau, so ist das bei mir auch (gewesen)!“ Freut mich, dass er hier gelandet ist. (:

Ian Luther
Ian Luther (@guest_31175)
Vor 8 Jahre

Und ich Grafik-Designer :-)

Axel
Axel (@guest_31176)
Vor 8 Jahre

Und ich arbeitslos.
(Wenn auch ehrenamlich im … sozialen Bereich tätig)

Altgruftipunk
Altgruftipunk (@guest_31178)
Vor 8 Jahre

Erbaulicher Beitrag. Was Martin heute macht, würde auch mich interessieren.

Ian Luther
Ian Luther (@guest_31179)
Vor 8 Jahre

Grafik-Design ist auch mehr meine Leidenschaft, ich habe es zwar beruflich gelernt, aber ich finde es zu schade, seine Kreativität an die Industrie und Wirtschaft zu verkaufen. Darum bin ich momentan Helfer in einer Leasing-Firma, da ich in gestalterischen Dingen doch eher im „Schwarzwald“ stecken geblieben bin, und der lässt sich schlecht verkaufen, es sei denn man ist Musiker und nennt sich heutzutage Unheilig oder sonst irgend etwas.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@rosa-chalybeia)
Vor 8 Jahre

Wirklich ein ausnehmend guter Bravo-Artikel. Sympatischer Mensch der da interviewt wurde. Ich fände es auch mal sehr spannend wenn die Leute die man da damals befragt hatte, auf die jeweiligen Artikel aufmerksam würden und sich nochmal zu Wort melden, wäre garantiert spannend.

Zu meiner eigenen Berufswahl: sollte inzwischen hinreichend bekannt sein :D – aber noch immer hin- und hergerissen zwischen Wissenschaft, Technik und Kreativität. Ich kenne selbst genügend Schwarzkittel die ebenso im sozialen Bereich tätig sind, von daher kann ich den Eindruck auch bestätigen daß das eine sehr gruftöse Berufswahl zu sein scheint, ein anderer großer Teil scheint aber ebenso im IT-Bereich gelandet zu sein – was bei mir ja auch beinah der Fall war – da hat man, je nach Sparte, einfach auch mal bissl Ruhe vor der Spezies Mensch ;)

Melle Noire
Melle Noire (@guest_31183)
Vor 8 Jahre

Hi!

Den Eindruck, daß viele Gothics sozialen Berufen nachgehen, kann ich ebenfalls bestätigen. Ich hatte auch mal einen Freund, der Sozialpädagoge war. Allerdings gibt es eben auch viele, die künstlerisch und kreativ tätig sind (sei es nun „nur“ hobbymäßig wie bei mir oder wirklich beruflich). Ich bin zB kein Mensch für soziale Berufe, das liegt mir nicht, meinem Freund liegt sowas aber ziemlich (auch wenn er nur „Teilzeitgruftie“ ist *g*). Ich bin hingegen derweil am Überlegen, ob ich nicht einen Bürojob ergreifen sollte, in den letzten Monaten habe ich irgendwie festgestellt, daß das evtl etwas für mich sein könnte. Ich erledige auch hier schon bei uns daheim den ganzen Papierkram und habe meine eigene Büroecke. Vielleicht lande ich ja in irgendeiner Verwaltung oder so. ;) Schaun mer mal…

Zum Artikel: Das ist ja goldig – auch wenn ich das hier am Handy grad nicht lesen kann. Martins Wände sind schonmal genauso lila wie meine (so ziemlich der selbe Farbton. LOL). Und hier drinnen ist es auch ähnlich düster. :) Witzige Geschichte.

Dunkle Grüße!
Melle

NorthernNephilim
NorthernNephilim (@guest_31185)
Vor 8 Jahre

Alleine wegen solcher Perlen die Robert immer wieder ausgräbt, liebe ich diesen Blog!

mela
mela (@guest_31188)
Vor 8 Jahre

Ein feiner Artikel, der mir soeben den Abend versüßt hat. Was aus dem Knaben geworden ist, würde mich auch interessieren.

Ich frag mich gerade nur mal wieder, woher um alles in der Welt man solch alte Beiträge aus der Bravo zaubert? Gibt es da einen Wunschbrunnen?

Ich selber bin übrigens absolut unsozial unterwegs. Als Dipl. Math. vergnüge ich mich lieber mit Formeln als mit Menschen und beruflich hat es mich in die Software-Entwicklung verschlagen. Meinem Eindruck nach gibt es in diesem Zweig aber wirklich wenige Schwarzvölkler, entgegen Rosas Meinung. Oder ich habe bisher einfach nicht die richtigen kennen gelernt.

Schwarzer Baas
Schwarzer Baas (@guest_31190)
Vor 8 Jahre

Ich bin (völlig ungruftig) selbständiger Handwerksmeister/Maler & Lackierer. Aber auch ich finde mich in Martin wieder. Aufgewachsen in einem Dorf (Vorort von Mönchengladbach), im Nachbardorf zum Gymnasium gegangen und von vielen aus der Dorfjugend komisch beäugt, belästert oder gemieden.

Sogar für schwul wurde ich gehalten, weil ich schon seit 1982 einen Ohrring trage. Anfang der 80´er war ein Ohrring (natürlich selbst gestochen) für männliche Wesen noch ein absolutes Tabu. Mit schwarzer pumpiger Hose, Papa´s original schwarzen 60´er Jahre Schuhen und schwarz grau meliertem Mantel, einer Frisur Typ: Huhn rückwärts durch die Hecke gezogen, passte ich nicht wirklich zur Turnschuh-Karohemd-Röhrenjeans-Fraktion.

Aber mal zurück zu meinem ungruftigen Beruf. Als Handwerker, der hauptsächlich bei Privatkundschaft arbeitet, habe ich die Erfahrung gemacht, dass gerade die älteren Kunden großen Wert auf persönlichen Kontakt legen. Oft habe ich den Eindruck, dass die handwerkliche Leistung eher nebensächlich und der persönliche Kontakt viel wichtiger ist. In einer Werbung würde stehen: Malerarbeiten inklusive Seniorenbespassung. Insofern doch ein bisschen ein sozialer Beruf.

Herbstlaubrascheln
Herbstlaubrascheln (@guest_31192)
Vor 8 Jahre

Gelungener Bericht, war nett zu lesen. Wäre tatsächlich interessant, was aus Martin geworden ist und ob er sich noch in der Szene aufhält.

Das Berufs-Thema find`ich auch ganz interessant; wahrscheinlich ist das tatsächlich so ein gewisser Hang zu sozialen Tätigkeiten da..zumindest habe ich persönlich oft den Eindruck, dass viele Grufties gerne helfen. Oder sich vielleicht auch mit weniger schönen Dingen auseinander setzen. Oder Interesse am „dahinter blicken“ haben, wer weiß. Mich erstaunt das schon immer wieder etwas, da ich nicht wenige Schwarze als leicht menschenscheu kennengelernt habe ;) Wie auch immer, mein eigener Beruf ist schrecklich ungruftig, weder sozial noch kreativ.

Lucretia
Lucretia (@marion)
Vor 8 Jahre

Ich muss zugeben, als ich „Bravo Report“ gelesen habe hatte ich Guldhans Video im Kopf und dachte: „Ah, wieder was zum Lästern.“ Aber nein, den Artikel finde ich wirklich gut. Weder das klischeehafte „Wir sind so böse und traurig und sitzen immerzu am Friedhof“ noch das heutzutage übliche „Eigentlich sind wir genauso wie ihr, nur ein bisschen dunkler angezogen.“ Blabla.

Um noch was zum Thema Berufe beizutragen:
Ich bin auch in der sozialen Schiene unterwegs, studiere Ethnologie und arbeite als Freizeitpädagogin im Kinder- und Jugendbereich.

Death Disco
Death Disco (@guest_31194)
Vor 8 Jahre

Ich denke nicht, dass er noch dabei ist, es sei denn, er hat sich mit der Szene gewandelt, was ich bezweifle. 1992 stand „schwarz“ noch für „Wave“. Martin war ein Waver und, wie die Poster an der Wand und das Gitarrenfoto von ihm selbst zeigen, dementsprechend auch stark musik-orientiert. The Cure waren anno ’94 nicht mehr angesagt und Silke Bischoff (siehe neben seinem Kopfkissen – das Poster entstammt der ’91er Debüt-LP) schlugen schon mit dem ’93er Nachfolge-Album einen ganz neuen Weg ein. Vielmehr glaube ich, dass er einer derjenigen ist, die Mitte/Ende der 90er das Handtuch warfen. Zu viele Veränderungen liegen in dieser Zeit. Gut möglich, dass er auch heute noch Gitarre spielt, aber sicher nicht mehr in einer Wave-Band. Vielleicht ist er Session-Musiker oder sowas oder hat das Musizieren gänzlich aufgegeben.

Herbstlaubrascheln
Herbstlaubrascheln (@guest_31198)
Vor 8 Jahre

So gesehen hätte wohl sogar ich als Szenegrünschnabel, der grad mal seit etwa 12 Jahren dabei ist, längst das Handtuch werfen müssen. Mittlerweile sind wir ja nur noch von Veränderungen umgeben, möchte man meinen. Ich komm`kaum mehr mit.

Death Disco
Death Disco (@guest_31199)
Vor 8 Jahre

Ich nehme das gar nicht so wahr. Seit über ’nem Jahrzeht dönst der Techno-Beat und die Rammstein-Gitarre. Also zumindest musikalisch sind die letzten 10-15 Jahre im Overground wie festgefroren. Die heutige Szene zehrt daraus. Heute heißen die Bands halt nicht Rammstein und Oomph!, sondern Unheilig und ASP. VNV Nation und Covenant wurden von hunderten anderer Future-Pop-Combos abgelöst. Aber die Musik blieb dieselbe.

Ich war gerade eben bei eBay unterwegs und sah ein paar Billig-Angebote zu Bands, deren Namen ich nicht kannte… ich habe mir mal Zeit genommen, sie durchzuhören. Furchtbar. Techno-Beat, Trance-Sequenzen, Null Experimentierfreudigkeit. Geradewegs zusammengebastelt für den Club-Einsatz. Und solcher Schrott bekommt auf Youtube tausende Aufrufe und positive Bewertungen im zweistelligen Bereich. Was für eine Rotz-Ära.

Klar, wir haben ja immer noch unsere paar Nischenstile, hier ein bisschen Goth, der neben dem Minimal-Electro-Bereich momentan wahrscheinlich die lohnenswerteste Gattung darstellt, da ein bisschen Noise und Neofolk-Gezupfe. Aber auch hier wird in letzter Zeit literweise minderwertige Soße angespült. Ist doch unerträglich geworden.

Ian Luther
Ian Luther (@guest_31202)
Vor 8 Jahre

Was ich feststelle: Auch auf dem Oldschool-Floor sind es eher die Songs mit der härteren Drumline und dem härtesten Gezupfe, was die Leute bleiben lässt. Einmal das Falsche, das Ruhige, oder das Ausgelutschte gespielt, schon sind die Schwarzkittel davon. Beliebter Rausschmeißer: Moonchild.

Ian Luther
Ian Luther (@guest_31203)
Vor 8 Jahre

Es sind in der lokalen Clublandschaft starke Veränderungen zu spüren: Ein Club nach dem anderen schließt bei uns momentan. Es ist, als ob nicht mal mehr Rammstein die Leute zieht, und die einzige Überlegung statt mal etwas alternativ schwarzem zu machen, werden House und Hip Hop – Veranstaltungen angeboten. Im schwarzen Club mit gruftigem Ambiente ist das natürlich genau das richtige für die Kniekehlen-Hosenträger und Leggings-Fetischistinnen.

Melle Noire
Melle Noire (@guest_31204)
Vor 8 Jahre

Würdet Ihr also sagen: Die Luft ist grad irgendwie raus aus musikalischer Sicht?

Death Disco
Death Disco (@guest_31207)
Vor 8 Jahre

Du darfst gerne auf seine Antwort warten. Ich darf mir doch aber dennoch seinen weiteren Werdegang ausmalen, falls das noch erlaubt ist. Ich verstehe gar nicht, warum man das nun so angreifen muss.

Ihr Leute begreift einfach nicht, dass das Ding vorrangig eine Musikszene war. Ohne Musik würde dieses Konstrukt überhaupt nicht existieren. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass zahlreiche Grufties in der Mitte der 90s die Biege machten, sich aus dem Clubleben zurückzogen und auch das Outfit stark veränderten. Die ganze Grufti-Ästhetik war IMMER musikgebunden.

Und warum sollte ich nicht Bezug auf den Artikel nehmen und das ansprechen, was ich herauslese? Gerade dieser BRAVO-Artikel zeigt es doch deutlich: Wave-Musik, wo man hinschaute. The Cure sind nun scheiße, er findet Dead Can Dance, Death in June und Current 93 toll, spielt sogar in einer eigenen Band und besucht regelmäßig Konzerte. Und Du willst mir erzählen, Musik würde dabei keine Rolle spielen?

Entschuldigung, aber hier läuft doch irgendetwas schief… Dieser Martin inhaliert sie regelrecht.

Axel
Axel (@guest_31208)
Vor 8 Jahre

 Robert Forst: Zu Deiner Frage bezüglich sozialen Berufen. Nun ja, viele Gruftis sind nunmal auf irgendeine Weise emotional, sonst wären sie ja nicht in der Szene. Und da passt doch ein soziale Beruf einfach dazu; viele Gruftis sind ja auch sozial eingestellte Menschen. Gut, in letzter Zeit gibts auch immer mehr IT-Freaks, aber das ist heute nunmal so. Aber ansonsten ist es ja an sich schon von der Seele eines Gruftis normal, dass ma in die soziale oder kreative Ecke geht; oder beides miteinander vermischt.

Scyllarus
Scyllarus (@guest_31209)
Vor 8 Jahre

Die sozialen Gruftis – das ist auch ein interessantes Spannungsfeld. Auf der einen Seite auffallen, anderssein, abschrecken und sich abgrenzen, und auf der anderen soziale Berufe, Fürsorge … und das eben nicht (nur) für Unseresgleichen, sondern für die „Normalos“, von denen wir sonst lieber in Ruhe gelassen werden wollen.
Mir fallen in meinem Bekanntenkreis jetzt noch Lehrer, Sozialarbeiter, Altenpfleger ein – ja, die sind auffallend häufig, und ich habe mir bislang noch nie Gedanken darüber gemacht. Ich selber gehöre zwar zur IT-Fraktion (von der Ausbildung her Naturwissenschaftler), aber diese Pole spüre ich trotzdem, muß mich immer wieder bremsen, um mit nicht tiefer in soziale Projekte zu rutschen, als es mir gut tut.

Melle Noire
Melle Noire (@guest_31210)
Vor 8 Jahre

Ob Martin nun immernoch dunkel unterwegs ist, ist wahrlich schwer zu sagen. Vielleicht wird er diese Diskussion hier niemals lesen (und man kann ja auch schlecht eine „Fahndung“ nach ihm rausgeben… LOL… Theoretisch könnte man natürlich mal die BRAVO anschreiben ;D). Vielleicht ist Martin heute ganz anders unterwegs… Oder er ist wirklich immernoch schwarz und damit ein wahres Szeneurgestein… Alles reine Spekulation! :) Mal andersherum gefragt: Wieviele Leute kennt Ihr, die damals schon schwarz waren und es heute immernoch sind? Wir reden hier immerhin von einem Zeitraum von 20 Jahren. Anderseits: In 6 Jahren bin ich auch 20 Jahre dabei… :) Es könnte also durchaus sein, daß Martin in all den Jahren der Szene treugeblieben ist. :)

Death Disco
Death Disco (@guest_31217)
Vor 8 Jahre

@Death Disco: Wie du schon geschrieben hast, das “Ding” war eine Musikszene. Meiner Ansicht nach ist das seit einigen Jahren obsolent.

Wir reden hier nicht über einen BRAVO-Artikel von 2012, sondern von 1992.

Mein “Angriff” war eigentlich darauf gemünzt, dass Du aus allen Artikeln einen musikalischen Bezug herstellst

Der ist doch bereits vorhanden! Das ist einer der Hauptaspekte obig behandelter Person. Ich sehe keinen Grund, das nun zu ignorieren, nur weil einige schon wieder panische Angst vor 12 Seiten Musikdiskussion entwickeln.

Auch das Martin nichts mit Musik zu tun hat, entspricht nicht meiner Meinung, daraus aber einen möglichen Ausstieg zu generieren finde ich — sorry wenn ich Dich damit angegriffen habe — an der Haaren herbeigezogen.

Ich ganz und gar nicht. Szenen verschwanden in den 80er/90ern oft mit der Musik. Mit Grunge war’s auf Anhieb vorbei, als Nirvana samt Cobain den Bach runtergingen. Andere Beispiele: Shoegazing, Madchester, Britpop und so weiter. Als würde Gothic/Wave dabei eine Ausnahme machen. Tut mir leid, aber genau diese hineininterpretierte Sonderstellung der Gothic-Kultur halte ich für lächerlich. Musiker wie Fans sind Mitte/Ende der 90er scharenweise aus der Szene verschwunden. Gerade auch Leute wie Martin, die Ende der 80er/Anfang der 90er Teil der Szene waren. Ich hatte vor kurzem zum Beispiel Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern der Bands The Caves und Cryptic Flowers. Niemand von ihnen hat heute noch etwas mit Gothic/Wave am Hut. Die sind musikalisch ganz woanders aktiv, falls sie im musikalischen Bereich überhaupt noch aktiv sind. Es würde mich sogar stark wundern, sollte das bei Martin anders sein.

Falls Du nun eine Diskussion über mutmaßlich „soziale Berufe“ führen willst, halte ich mich gerne raus. Sowas interessiert mich zum Beispiel gar nicht. Über Alten- und Krankenpfleger hab ich nun wirklich keine positive Meinung. Da ist meine negative Einstellung zur heutigen Musik noch harmlos…

Irmin
Irmin (@guest_31221)
Vor 8 Jahre

Dieser Bericht datiert ja von vor meiner Zeit, daher an diejenigen, die damals schon einen etwas weiteren Blick auf die Welt hatten: Ist dieser Artikel auch eine Ausnahme unter vielen eher schrottigen Berichten oder konnte man damals tatsächlich besser über Subkulturen berichten?

Zur Diskussion über die Berufswahl:

Ich kenne selbst genügend Schwarzkittel die ebenso im sozialen Bereich tätig sind, von daher kann ich den Eindruck auch bestätigen daß das eine sehr gruftöse Berufswahl zu sein scheint, ein anderer großer Teil scheint aber ebenso im IT-Bereich gelandet zu sein

*meld*

(Wobei man das mit dem „Beruf“ so oder so sehen kann, ich zog es nach dem Studium vor, noch ein wenig an der Uni zu bleiben… aber als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bekomme ich Geld für meine Arbeit, also ist das wohl mein Beruf)

Aber so groß scheint der Anteil nun auch nicht zu sein, in meiner Umgebung kenne ich gerade mal zwei mit kompatiblem Musikgeschmack. Gut, mag daran liegen, dass man mit nem Wirtschaftsinformatikstudium auch viele BWL-Schnösel dabei hat, die lernen wollen, mit nem PC umzugehen… ;) Dennoch bin ich schon ein wenig „enttäuscht“ von der Ausbeute, nicht mal viele Metaller gibt es hier… schade eigentlich. Dabei hab ich jetzt mit nem Lehrstuhl für IT-Sicherheit doch einen Schwerpunkt, der eigentlich dafür prädestiniert sein sollte…

Mit sozialen Berufen kann ich auch nicht so viel anfangen. Nicht bezogen auf die Leute, die so was machen. Da bewundere ich diejenigen, die ihren Job ernst nehmen und sich in nicht gerade einfacher Umgebung um andere Leute kümmern. Es sagt schon viel über die allgemeine Wertschätzung dieser Berufe aus, wenn sich so mancher Politiker ernsthaft Gedanken darüber macht, dass man dafür doch Arbeitslose einsetzen könnte. Klar, kann ja jeder, sowas. Es wäre nur absolut nichts für mich. Reicht schon, an der Uni auf der „anderen Seite“ zu sein und von Studenten genervt zu werden… :>

Kara Ben Nemsi
Kara Ben Nemsi (@marco)
Vor 8 Jahre

feiner Artikel, kannte ich noch gar nicht.
Bin auch vom Lande wie so viele.. Denke mal die dörflich bedingte Reibung mit Eltern/Lehrern/Einwohnern tat der Szene gut..Fast alle Dorfgrufts die ich kenne sind auch jetzt noch schwarz geblieben, während man in den Städten oft den Trends hinterher hinkte.

Eine besondere „Soziale“ Gewichtung der Szene kann ich nicht erkennen, in meinem Umfeld jedenfalls nicht. Aus dunklen Einzelgängern und Freaks werden nun mal meist keine Menschenfreunde. Die „alten Grufts“ von hier, die noch dabei sind haben meistens eigene Firmen. Unterordnung und gesellschaftlichen Zwängen konnte man damit am besten begegnen. Ist schon lustig zu sehen, dass gerade die denen früher ein berufliches Desater vorausgesagt wurde jetzt wirtschaftlich gut gestellt sind. Und somit kann man weiter seinen skurillen Interessen treu bleiben.

parasita
parasita (@guest_31261)
Vor 8 Jahre

Ich finde die Diskussion um die Berufswahl interessant – auch weil sie etwas über das Verhältnis von „echter Szene“ und „Wochenend-Gothics“ verrät.

Sieht man sich den gepiercten, iro-tragenden Gothic an, fragt man sich, in welchem Umfeld denn das täglich Brot verdient wird. Es gibt eine Szene-Ökonomie (Laden/Music-Label/Tattoo-Studio…), die Arbeitsplätze für einen harten Kern bietet und wo ein szenetypisches Outfit natürlich dazu gehört. In einem kreativen Beruf ist es ebenso nahezu zwingend einen individuellen Stil offen zur Schau zu stellen. Ob der dann „schwarz“ ist oder anders, spielt vermutlich eine untergeordnete Rolle (aus Sicht des Berufsfeldes, nicht aus Sicht des Einzelnen natürlich!).

Ich schätze, dass soziale Berufe auch deshalb häufig gewählt werden, weil sie den individuellen Stil zulassen. Man zieht bei Dienstantritt seine Uniform, z.B. den Pfleger-Kittel, an und was man darunter trägt, interessiert keinen. Nach Dienstende zieht man sie wieder aus und darf „man selbt sein“. Der Rollenwechsel ist durch Symbole (die Kleidung) deutlich markiert.

Das ist in einer Bank/Versicherung/Verwaltung/im Verkauf anders. Auch der Business-Anzug stellt m.E. zwar eine rollenspezifische Uniform dar, wird aber eben weit eher mit Alltagskleidung assoziiert als der weiße Kittel und markiert den Rollenwechsel nicht so deutlich. Klar, dass auch Banker inzwischen ihre Tattoos unterm Hemd tragen, aber Menschen in diesen Berufen werden von den „echten“ Szene-Gängern dann auch gerne mal als Wochenende-Gothics belächelt.

P.S. In meinen direkten Umfeld sind die „klassischen“ sozialen Berufe nicht so stark vertreten, es sei denn man sieht Unterrichten (im dem breiten Spektrum von Berufsvorbereitungsjahr bis Hochschuldidaktik…) als soziale Tätigkeit. Hingegen gibt es auch viele Biologen/Naturwissenschaftler. Laborratten??? :-)
Zumeist behelfen wir uns damit, „ganz normale“ Kleidung zu tragen, nur eben in schwarz. Daher bin ich auch immer froh, wenn die Mainstream-Mode (H&M & Co) auch Schwarzes bereitstellt.

mela
mela (@guest_31262)
Vor 8 Jahre

Ich persönlich wage zu bezweifeln, dass eine emotionale Tiefe oder Offenheit wirklich der Grund für eine wahrgenommene Häufung von Schwarzvölklern unter den Sozis ist.
Man selber hat ja meist Bekannte und Freunde mit selben Interessen. Und wenn dies neben der Szenezugehörigkeit (was ja auch nicht immer ein gemeinsames Interesse darstellt, auch wenn man sich der gleichen Subkultur zugehörig fühlt. Unter dem Deckelnamen Gothic verbirgt sich heutzutage ja zwischen Mittelalter bis Industrial so ziemlich alles und untereinander ist man sich auch nicht immer grün) eben der Beruf ist, so sollte es doch niemanden wundern, wenn man in seinem schwarzen Bekanntenkreis seinen eigenen Beruf plötzlich stark vertreten sieht. Der IT’ler sieht viele IT’ler, der Soziale eben viele Soziale.
In meinem schwarzen Bekanntenkreis ist zum Beispiel das Kreative ganz weit vorne dabei: sei es nähen, stricken, basteln oder kochen. Das liegt aber auch daran, dass ich mich in meiner Freizeit viel mit eben diesen Themen beschäftige. Beruflich als Mathematikerin im IT-Bereich teile ich mit wenigen die gleichen beruflichen und privaten Interessen. Mein Ex war der einzige weitere ITler, der am Wochenende schwarz unterwegs war (ich sträube mich aber, ihn als wirklichen Schwarzvölkler zu sehen, da es für ihn nur eine Wochenendparty ist) – in meinem schwarzen Bekanntenkreis sind demnach wirklich alle Berufs- und Bildungsgruppen vertreten, vom Elektriker, über Einzelhandelskaufmann, über Kindergärtner, Krankenschwester, Doktoranden der Naturwissenschaften, Fotografen hin zum Pferdewirt.
Auch meine ich, dass der soziale Bereich unglaublich weit gesteckt ist: Lehrer, Ärzte, Psychologen, Kindergärtner, Pfleger, Rettungsdienst, … im Grunde jeder, der mit Menschen arbeitet. Und auch ich komme mir als IT’ler sehr oft als Kindergärtnerin vor.
Aber ich merke, dass ich den Faden verloren habe. Die emotionale Tiefe oder Offenheit, die ja so stark in der Szene vertreten sei….meiner Meinung nach Mumpitz. Die emotionslosesten und im wahrsten Sinne des Wortes asozialsten (also gesellschaftsfeindlichen) Menschen habe ich bisher – Überraschung! – unter den Schwarzvölklern kennen gelernt. Ich selber würde mich auch als emotionsarm beschreiben, breche ich doch gerne alles auf Logik und Wissenschaft herunter. Wie der moderne Sherlock Holmes von BBC zu sagen pflegt: „Emotionen sind ein chemischer Fehler auf Seiten der Verlierer.“
Ich möchte aber einwenden, dass ich Respekt vor dem Sozialwesen habe: ihr erledigt Arbeit, die ich niemals könnte, ohne mein Lächeln morgens auf dem Weg zur Arbeit zu verlieren.

Zumeist behelfen wir uns damit, “ganz normale” Kleidung zu tragen, nur eben in schwarz. Daher bin ich auch immer froh, wenn die Mainstream-Mode (H&M & Co) auch Schwarzes bereitstellt.

Same here!

Herbstlaubrascheln
Herbstlaubrascheln (@guest_31272)
Vor 8 Jahre

Nochmal was zum Thema Martin und ob er sich nun noch in der Szene aufhält oder nicht…..ganz ehrlich, ich finde, man sollte nicht alles so dermaßen schwarz sehen. Natürlich kenne ich die Szene der 80er Jahre nicht, dafür bin ich eindeutig eine ganze Hausecke zu jung. Und was nun wann den Bach runter ging oder was sich gewandelt hat und so weiter und so fort, kann ich logischerweise also auch schlecht beurteilen.Dass die Musik von „damals“ nicht mehr existiert und einer vollkommen anderen gewichen ist bzw. sich sehr vieles schlicht und einfach vermischt und neu eingebracht hat, kann ich nachvollziehen und habe ich selbst in meinen lediglich knapp über 10 Jahren Szenezugehörigkeit miterlebt, aber wenn man an nix mehr ein Gutes Haar lassen kann, finde ich das ehrlich gesagt schon irgendwie sehr schade. Was hält einen dann überhaupt noch in der schwarzen Szene? Die Erinnerungen an früher? Wie auch immer.

Altgruftipunk
Altgruftipunk (@guest_31366)
Vor 8 Jahre

1992 ging Martin als Waver um. 1989 so rum hatte meine Saarbrücker Lieblingsdisco (Gloria-Palast, heute N8werk) den New Wave binnen weniger Wochen vom Plattenteller verbannt. Bin in dieser Phase noch mehrmals hingepilgert, vom Dorf mit dem Bus, und immer früher und genervter aus der Lokalität geflüchtet. Einmal stapfte ich schon so gegen halb elf wutentbrannt an einem alten Mann vorbei, der gaffte, wie eben manche Leute noch heute gaffen. Auf einmal zeigte er mit seinem Stock Richtung Gloria, rief zweimal, dreimal: „Da lang müssen Sie, das Gloria liegt doch da!“ Und lachte sich kaputt. :D

Meine ganz private Erfahrung von/Sichtweise auf damals ist: Gruftis oder New Waver oder Schwarzkittel oder Gruftipunks – die kennzeichnete ihre Optik, die Musik und die Orte, an denen sie anzutreffen waren. Das wusste auch dieser alte Mann.

Ich bin dann nach Trier gezogen zum Studium (nix sozial, Geographie *g). Dort gab es noch eine Zeitlang das Wellblech (in SB übrigens auch eins). Kleiner, dafür wesentlich schwärzer und kultiger als das Gloria. Dort ging es so wüst zu, dass selbst die ehemaligen Betreiber heute nicht mehr wissen, ob sie ihr cooles Kellergewölbe wegen der Anwohnerbeschwerden nun 1991 oder ’92 schließen mussten. :D

Danach kam, zumindest für mich und in Trier, eine halbschwarze Flaute. Ganz wie Death Disco es anspricht. 1995 fand ich zum Schwarzkitteltum zurück, da gab es eine geniale neue Fete (Tortured Souls). Dort hörte man viele Deutsche Todeskünstler und es ging mit ein wenig, sagen wir mal, Mittelalterkrams los. Dead Can Dance und Qntal. Schlagt mich, aber heute wie damals wusste ich nur selten Band & Titel all der vertrauten Lieder. Jedenfalls neu und doch vertraut. Vielleicht allererste Cybermode, spacig aber unbunt.

Ab 2007 hatte ich eine zurückgezogen schwarze Zeit, bin erst 2011 wieder auf Feten gegangen. Hoppla. Da hatte sich erheblich mehr verändert als während der vorherigen Pause. Allein schon die Macbooks, die Anlage und DJ-CD-Kofferstapel ersetzt hatten … ganz zu schweigen von der Musik und der Klamottage. Insgesamt weniger, hm, böse.

In den 80ern kamen mir die Orte und die Musik immer wie Insiderwissen vor, auch zB die Quelle von Pikes oder Directions-Farben. Ich war stets allein unterwegs, besaß kaum Geld und kein Auto, blieb in vielem unwissend. Gegenüber Normalskis natürlich eine Koryphäe … Immerhin gab es eine Art Vorläufer von Foren, Kommunikation via Zeitungsanzeigen (z.B. im FindlinG die 311er). In den 90ern hab ich hingerissen den (damals noch) X-tra-Jahreskatalog entdeckt – ein dickes Buch, nur mit richtiger Gruftimode! Wahnsinn! Und ausschließlich schwarz-lila Fotos, der nächste kam dann in Rosa. :D Heute kann jeder in gefühlten tausend Online-Gothic-Shops die seltsamsten Klamotten kaufen. Kann Fetentermine finden, auf Playlists nachgucken, wie ein Lied heißt. Selbst der alte Mann mit Stock kann das (jetzt ein Methusalem, wenn er noch immer lacht).

Unsere zeitgenössische Kommunikationstechnik bietet viele Vorteile. (Z. B. mit Google Maps den Weg zur Elektronischen Nacht erforschen. *g) Mich dünkt, vom erheblich vereinfachten Weg zur Information kommt aber auch diese seltsame Verwässerung der Urszene, wenn man sie denn als Nachteil sehen will (und das tue ich irgendwie schon, so als Altgruftipunk). Na, und sicher hat auch die fleißige Vermarktung damit zu tun. Ab in den Gruftikatalog damit, wird schon einer kaufen.

Doch von den Urgestalten sind noch immer welche dabei. Es gibt Leute, die seit damals schwarz rumstiefeln und das alles gesehen und „überlebt“ haben. Und es gibt junge Leute, die trotz der neuen Zeit ähnlich drauf sind. Mag sein, auch Martin ist noch dabei. Mag sein, er ist anders drauf, hat aber Gothicnachwuchs. :D

Hm, es ist spät und dieser rote Elblingsekt eine feine Sache. Was wollte ich eigentlich mitteilen, so als Kernaussage in Omi-Erzählt-von-damals? – Vielleicht, dass Spontis ein wunderbares Weblog ist. ;)

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