20 Jahre Mauerfall – Wir sind das Volk

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Bild 183-1990-0922-002Da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Ich habe mich tatsächlich schon während des ersten Kaffees und auch noch am frühen Morgen aufgeregt. Die ganze Welt feiert den Jahrestag des Mauerfalls, aus aller Welt gibt es Meldungen über Feierlichkeiten zum Fall der Mauer am 9.11.1989 und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, das sich Leute auf die Schulter klopfen, die damit überhaupt nichts zu tun haben.

1378 km lang war die Grenze zwischen den beiden deutschen Ländern, mit rund 1,4 Millionen Minen bestückt, 55.000 Selbstschussanlagen hinderten die Bürger der DDR am “illegalen” Grenzübertritt. Die Stasi zählte 38.063 Fluchtversuche, wieviele Menschen davon ermordet wurden, ist immer noch unklar. Die, die dem Tod entkamen, wurden ins Gefängnis gesteckt. 221 Todesurteile wurden in der DDR verhängt, 164 vollstreckt. Werner Teske wurde im Juni 1981 durch einen Genickschuss hingerichtet und war das letzte Opfer der Todesstrafe. 180.000 hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi sorgten für 112 km Akten, an denen man heute noch zu knabbern hat. Die Berliner Mauer mit ihren rund 168 km nur das Symbol dieses Wahnsinns. 1Quelle für Zahlen und Fakten: stern.deEine Diktatur in Zahlen, Wikipedia – Berliner Mauer, eigene Recherche bei Google.de

In Paris feiert man mittlerweile auch den Mauerfall und freut sich für die Deutschen. Die Bedenken, die Frankreichs damaliger Präsident Francois Mitterrand kurz vor Weihnachten 1989 äußerte, scheinen zerstreut. Gebranntes Kind scheut das Feuer – Ist den Franzosen zu verdenken Angst vor einem “starken” Deutschland zu haben? Die Narben der Vergangenheit sind tief. Schön das man sich jetzt gemeinsam freut, selbst über einen gemeinsamen Feiertrag wird spekuliert, Frankreichs Europastaatsekretär Lellouche: “Wir haben viele Ideen gemeinsam mit den Deutschen. Im neuen Jahr wird einiges angekündigt werden!2Aus dem Artikel: Auch Paris feiert den magischen Moment der Geschichte, tagesschau.de vom 09.11.2009 Ein gemeinsamer Feiertag?

In Los Angeles, der Stadt der Engel schreibt man ganz frech: “Am 9. November 1989 fiel die Mauer, am 8. November 2009 wird sie in Los Angeles wieder aufgebaut.” So zu lesen im Intro der eigens dafür eingerichteten Seite “Wallproject” (via Süddeutsche). Auf einem Stück der Mauer haben die Amerikaner die ihrer Ansicht nach wichtigsten Persönlichkeiten des Mauerfalls abgebildet. John F. Kennedy “Ich bin ein Berliner!” und Ronald Reagan “Mister Gorbatschow, tear down this wall!

In London baut die britische Künstlerin Manon Awst zusammen mit Benjamin Walther vor der deutsche Botschaft ein 3,5 Meter hohe Eis-Mauer auf, die im Laufe des Tages schmelzen soll. Damit soll gezeigt werden: Grenzen können überwunden werden. 3Aus dem Artikel: 20 Jahre Mauerfall, Freude und Nostalgie im Ausland, Allgemeine Zeitung vom 08.11.2009 Grenzen, die einst von Margaret Thatcher gebaut wurden: “Es ist klar, dass Britannien, Frankreich und die Sowjetunion gegen die Wiedervereinigung sind…4Aus dem Artikel: Mauerfall schwächte auch Margaret Thatcher, welt.de vom 21.10.2009

Jahr um Jahr schmücken sich Politiker und Menschen mit dem historischen Mauerfall, partizipieren mit dem Ereignis das vor 20 Jahren die Welt bewegte. Doch einzig und allein den Menschen, die zu tausenden auf die Strasse gingen und friedlich für mehr Rechte kämpften gebührt dieser Ruhm. Kurioserweise bot die Kirche in der DDR den entsprechenden Freiraum, eine solche Bewegung ins Leben zu rufen und war immer wieder Rückzugsort für “Anderesdenkende” Menschen. Aus den Friedensgebeten entstanden die Montagsdemonstrationen, die schließlich im Oktober 2009 bis zu 300.000 5Aus einem Gespräch mit Christian Führer: Friedliche Revolution, Goethe-Institut, Februar 2009 Menschen zu einem Protestmarsch animierten. “Wir sind das Volk!” und der geballte Wille vieler Bürger drehte das Diktat um und zwang die Politiker in die Rolle der diktierten. Kohl, Reagan und Gorbatschow sind meiner Ansicht nach Nutznießer und haben allenfalls durch Hilfestellungen, Wegbereitungen und Solidaritätsbekunden Einfluss genommen.

Im Mai 1989 weisen Bürgerrechtler der SED Wahlbetrug nach, das die ersten Menschen auf die Straße bringt, aus 550, die am 8.Mai in der Leipziger Nikolaikirche eingekesselt werden, werden am 25. September schon 5000. Die größte Protestaktion seit dem Bau der Mauer 1961. Immer wieder Demonstrationen, viele Festnahmen und Übergriffen seitens der Polizei. Flüchtlinge, die sich in die deutsche Botschaft in Prag drängen, dürfen am 30. September 89 ausreisen.  Während die SED am 7. Oktober noch den 40. Jahrestag der DDR feiert, demonstrieren in Leipzig am 9. Oktober 1989 70.000 Menschen. Die Organe wagen es nicht die Massendemo gewaltsam aufzulösen. Am 16. Oktober 89 sind es 100.000.  Erich Mielke, Chef des Stasi, ordnet am 6. November 89 die Aktenvernichtung an.

9. November: Pressekonferenz um 18 Uhr in Ost-Berlin. Günter Schabowski, Pressesprecher des neuen Politbüros, spricht über “dieses Bedürfnis der Bevölkerung zu reisen oder die DDR zu verlassen”. Um 18.53 Uhr stellt Ricardo Ehrmann von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa eine Frage zum neuen Reisegesetzentwurf. Schabowski beugt sich über seine Papiere, sagt: Es “ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden.” Der Ministerrat habe schlossen, “heute, äh, eine Regelung zu treffen die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.” “Ab wann” hakt Ehrman nach. Schabowski blättert wieder in Papieren. Er hat keine Ahnung. Krenz hat ihm die Blätter erst kurz vor der Pressekonferenz in die Hand gedrückt. Die Journalisten lassen nicht locker. Schabowski stottert, sucht nach Worten. Dann sagt er: “Dass tritt nach meiner Kenntnis…” Er macht eine Pause. “ist das sofort, unverzüglich.” Eigentlich sah die neue Reiseregel vor, die DDR-Bürger Ausreiseanträge stellen zu lassen. Doch das hat Schabowski in den Papieren überlesen. Um 19.05 Uhr meldet die Tagesschau: “DDR öffnet Grenze”. (Quelle: 20 Jahre Mauerfall – Das geschah im Jahr 1989, stern.de)

Nicht, das mich einer falsch versteht. Sicher haben auch diese Menschen und Politiker ihren Teil dazu beigetragen, aber sie haben nur auf das reagiert, was 1989 unausweichlich erschien. Das ist meine Sicht der Dinge und gerne lasse ich mich über andere Ereignisse aufklären oder eines besseren belehren, vorzugsweise von denen, die dazu etwas sagen können und wollen. Als ich 1989 mit vielen anderen auf dem Marktplatz stand um mich für die anderen zu freuen war ich 16 Jahre alt, 20 Jahre später kann ich wahrscheinlicher immer noch nicht vollständig erfassen, was damals in der DDR geschah. Aber in Zeiten von gegenseitiger politischer Bauchpinselei stößt mir so etwas immer unangenehm auf, wenn sich Leute aus der Öffentlichkeit mit den Kronen der anderen schmücken. Der Kanzler der Einheit? Ein gemeinsamer Feiertag mit Frankreich? John F. Kenndy und Ronald Reagan als Symbol für den Mauerfall?Das einzige Symbol, das für mich zählt sind die Menschen, die im Oktober 1989 auf die Straße gingen um für ihre Freiheit und ihre Rechte zu demonstrieren, friedlich. Wohlwissend, das sie von Stasi und Staat beobachtet werden und in Angst wohlmöglich weggesperrt zu werden und in der Gewissheit, sich auf der Staatsfeindliste ganz nach oben katapultiert zu haben. Erst mit der Hoffnung und dann mit dem Willen etwas verändern zu können. Ein Gefühl, das man heute schmerzlich vermisst.

(Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0922-002, Friedrich Gahlbeck)

Einzelnachweise   [ + ]

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Magrat
Gast

Ich kann mich deiner Meinung nur anschließen.

Damals, 1989, war ich gerade mal 13, ich stand an kalten Montagabenden gemeinsam mit einigen Freundinnen und Tausenden von Menschen inmitten unserer Stadt, wir demonstrierten mit und auch wenn wir noch ziemlich jung waren, wir wußten, daß hier etwas Bizarres, etwas Unbegreifbares im Gange war.

Manche Leute behaupten zwar, mit 13 wären wir viel zu jung gewesen, um überhaupt zu wissen, was los ist.

Ich aber sage, mit 13, da hatte ich bereits 7 Jahre Jungpionier-Sein, Thälmann-Pionier-Sein, Staatsbürgerkunde, erweiterten Russisch-Unterricht ab der 3. Klasse, unzählige Fahnenappelle, Pflicht-Gruppenratssitzungen, Anwesenheitspflicht bei Mai-Demonstrationen inklusive “Anzugsordnung” und “Pflicht-Winken” und immer wieder Probealarme mit Aufenthalt im schuleigenen Luftschutzkeller für den Fall eines atomaren Angriffs der USA unter Reagan hinter mir, die mir wirklich Angst machten.

Ich bin mit Parolen aufgewachsen, die ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde, wie “Von der Sowjetunion lernen heißt Siegen lernen!”, “Freundschaft zur Sowjetunion – Herzenssache aller!”, “Der Sozialismus siegt!”.

Micky Mouse-Hefte galten als Schund- und Schmutzliteratur und Westfernsehen war offiziell – nun ja – nicht erwünscht.

Ich erlebte, wie eine gute Freundin plötzlich einfach nicht mehr da war (genauso wie 2 andere Kinder und eine Lehrerin),und man erfuhr, daß diese Familien einen Ausreiseantrag gestellt hatten und nun bei Nacht und Nebel das Land hatten verlassen müssen.

Nein. Ich denke, mit meinen 13 Jahren war ich nicht wirklich zu jung, um zu verstehen, was damals in unserem “Vaterland” vor sich ging.

Noch heute bekomme ich buchstäblich Gänsehaut, wenn ich die Filme aus der Botschaft, mit Genschers unvollendetem Satz und die Ereignisse am Brandenburger Tor sehe.

Und noch heute bin ich der Meinung, daß es damals ganz knapp war und an ein Wunder grenzt, daß es nicht zum großen Blutvergießen kam.

Und nein, ich denke nicht, daß sich damit irgendein Politiker heute schmücken sollte. Das ist einzig und allein der Besonnenheit der Menschen damals zu verdanken.

So. Was für ein langer Kommentar… ;-)

Steffi
Redakteur

Ich kann Deinen Ausführungen nur zustimmen.

Ich bekomme immer wieder eine Gänsehaut wenn ich die Berichte der Menschen von damals sehe und höre. Ich finde die Menschen haben damals beachtliches geleistet und es ist immer noch ein Wunder für mich das kein Schuss fiel.

S. Meyer
Gast

Das die Mauer fällt, hat keiner kommen sehen und daher ist es schon sehr verwunderlich wer sich im Nachlauf damit brüstet für diesen Vorgang die Lorbeeren einstreichen zu dürfen.

Die Masse der Menschen selbst – die zu tausenden den Druck aufgebaut haben sind anscheinend nur das Ergebnis der Bemühungen von einigen ausgewählten Strippenziehern…

Aber ist es nicht seit mehr als 20 Jahren so, dass sich immer ein Politiker oder Wichtigtuer in den Vordergrund drängt, wenn es darum geht Lob, Anerkennung und Aufmerksamkeit zu ernten ?

Die aktuelle Geschichte zeigt doch auch erneut – erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, tritt der Ritter in goldener Rüstung auf und will helfen – sich opfern für die Mehrheit. Warum nur ist nie ein Ritter im Vorfeld in Sicht und schreitet ein wenn noch nicht alles verloren ist.

Besonders den letzten Satz des Artikels finde ich schön. Obwohl er nicht ganz stimmt. Ein Ereignis das Deutschland “verbunden” hat gab es in den 20 Jahren noch – das wir Gefühl zur Fußball Weltmeisterschaft war irgendwie vergleichbar.

Traurig eigentlich, dass es in 20 Jahren nur 2 Ereignisse gegeben hat in denen man fühlte das Deutschland etwas besonderes ist. Wenige Monate Hochgefühl sind eindeutig zu wenig wenn darauf 18 Jahre folgen in denen man sich fühlt als hätte man nichts zu melden.