Wisborg – Immer mit einem Hauch von Melancholie

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Ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt. Die Szene lebt, gedeiht und blüht. Ständig entdecke ich kleine Klangperlen, die mir das Gefühl geben, diese mit anderen zu teilen. Ohne Rücksicht auf objektive Berichterstattung und weit entfernt von einer Bewertung möchte ich darüber schreiben, wie ich Wisborg, die Band um die es hier geht, finde. Zehn Jahre musikalischen Erziehung haben sich leider nicht prägend in meiner Wahrnehmung verewigt. Subjektiv und emotional ist die Devise. Und bitte, wer steht schon auf der Tanzfläche und denkt, dass das jetzt sehr sotto voce gesungen und allgemein sehr grave war?

Der Drumcomputer hämmert den Rhythmus aus den Lautsprecher. Treibt. Gitarrenklänge erfüllen die imaginäre Bühne in der Musik. Fordernd. Darüber legt sich die Stimme von Konstantin, wie eine Robe aus dunklem Samt, die sich über die Melodie des Synthesizers legt. Tief und schwer zieht sie einen hinab. Fesselt den Hörer an die Klänge und führt weiter durch eine melodisch-dunkeldüstere Reise.

Vor meinem geistige Auge sitzt ein dramatisch gestylter Teenie mit Nietenarmband heulend in der Ecke und beklagt hingebungsvoll das fundamentale Zerwürfnis des menschlichen Seins und ich bin auch nicht weit davon entfernt mich dazu zusetzten. „Baby, this is the worst of all possible worlds “ (Desire). Der Vergleich mit HIM springt mir als erstes in den Sinn. Ein Mensch, der mehr von Musik versteht als ich, hat mir ja gesagt, dass der Vergleich deutlich hinkt, aber in meiner subjektiven Wahrnehmung ist mir das egal. Auch, wenn Wisborg für mein Empfinden musikalisch qualitativ hochwertiger sind und das schon mit ihrem ersten Album „The Tradegy of Seconds Gone„.

Anlass genug bei Konstantin und Nikolas von Wisborg mal nachzufragen.

Konstantin: Nikolas und ich haben schon vorher in anderen Bands Musik gemacht, an die allerdings nicht alle Mitglieder die gleichen Erwartungen hatten wie wir. Aus diesem Grund haben wir uns Anfang 2017 entschieden, gemeinsam ein neues Projekt zu gründen. Schnell war klar, dass wir es elektronischer aufziehen wollten als unsere vorherigen Bands, mit Drumcomputer und vermehrtem Einsatz von Synthesizern.

Nikolas: Die Wechselwirkung zwischen uns hat schon vor Wisborg sehr gut funktioniert, sei es in der Arbeitsweise, der gegenseitigen Inspiration oder instrumentalen Entscheidungen. Auch der experimentelle Wechsel von der bekannten Standard-Bandbesetzung zum Duo war von Anfang an eine spannende Idee.

„Haunting music that draws from elements of dark wave and post-punk“ sagen Wisborg über sich selbst auf ihrer Facebookseite. Und nicht nur in der Musik manifestiert sich das wieder, auch das Artwork des Albums „The Tragedy of Seconds Gone“ spiegelt diese Düsternis wieder. Die verwendete Ästhetik spiegelt die morbider Stummfilme der 1920er Jahre wieder und verwebt sich auf wunderbare Weise mit der Musik zu einem Gesamtkunstwerk.

Konstantin: Wir haben unsere Musik von Anfang an mit Visuals untermalt, die sich an den expressionistischen deutschen Horrorfilmen der Zwanzigerjahre orientieren. Nosferatu, Caligari und Co haben naturgemäß eine unheimliche Bildgewalt, um auch ohne gesprochene Dialoge auf den Zuschauer wirken zu können. Harte Kontraste zwischen Licht und Schatten, Farbfilter, die abstrakte Kulissen in unwirkliches Licht tauchen… all das untermalt die Schwere und den Pathos unserer Musik perfekt.

Wisborg nehmen einen mit auf eine Reise. Auf einen nächtlichen Spaziergang durch eine nebelige, morbide Landschaft, die von Grab- und Irrlichtern erleuchtet ist. Sie wirkt grotesk und finster und irgendwie auch zwielicht schmeichelnd. Dabei malen die Texte ihre eigenen Bilder zu der Musik, verstärken atmosphärische Aspekte und bedienen sich methaphorischer Elemente, die in ihrer Ausdrucksstärke auch alleine stehen und dem Kitsch anheim zufallen könnten – tun sie aber nicht. Auch wenn der Grad zu diesem dem ein oder anderen teilweise etwas schmal erscheinen mag.

„And now your tears are falling like leaves, Witness to the beauty of our spring, When our love was blooming, Autumn’s going by, I’m gonna bury you in snow […] And from your tomb, Flowers shall grow, And what we had, I’ll have again and again, But you won’t“ (Wisborg – Winter falls)

Konstantin: Die Texte sind meine Baustelle. In der Regel liegt ein Gefühl oder ein Erlebnis von mir zugrunde, das ich abstrahiere und verallgemeinere. Unabhängig davon habe ich großen Spaß daran, literarische und populärkulturelle Referenzen in meinen Texten zu verarbeiten. Wer Muße hat, kann ja mal das Booklet durchgehen und in den Lyrics auf die Suche gehen. Wer alle Referenzen findet und einschickt bekommt ein T-Shirt umsonst.

Worum es bei Wisborg geht, sind am Ende immer die wesentlichen Dinge im Leben: „Liebe, Sex, Tod und Vergänglichkeit“. Besonders spannend ist für mich – neben der sprachlichen Verarbeitung der Thematik – ist der punktgenaue Einsatz von Gitarre und Synthesizer, die sich wunderbar ergänzen. Musik und Klang waren dabei schon immer Teil des Lebens von Konstantin und Nikolas.

Nikolas: Das ganze Konstrukt des Musikmachens interessiert mich seit jeher, vom Erforschen verschiedener Instrumente, über Produktionsweisen bis zu Orga-Abläufen […] Die ersten Schritte waren bei mir auch väterlicherseits am Klavier, allerdings hatte ich bis Wisborg keine Ambitionen, dem Klavierspielen aktiv nachzugehen. Mit ca. 14 Jahren kam ich erst in Kontakt mit Rockmusik, habe dadurch für mich etwas gefunden, mit dem ich mich identifizieren konnte und habe mir zeitnah eine E-Gitarre besorgt. Musik ist für mich vor allem ehrliche Emotion, im übertragenen Sinn sogar ein Katalysator im Emotionschaos. Nichts anderes bringt es manchmal so auf den Punkt.

Konstantin: Ich habe eigentlich schon immer Musik gemacht. Meine Eltern sind beide Berufsmusiker, dementsprechend war Musik bei uns zuhause immer allgegenwärtig. Was Musik für mich ist? Das, was mich im Leben am meisten erfüllt. Ich habe einen unstillbaren Drang, mich künstlerisch zu verwirklichen und nichts hat eine so berauschende Wirkung auf mich, wie Musik zu hören und zu machen. Dabei ist fast nebensächlich, was sie ausdrücken soll; es geht doch nur darum, was sie im Kopf des Zuhörers für Assoziationen hervorruft. Niemand fühlt dasselbe beim Hören meiner Musik wie ich beim Schreiben und vice versa; deshalb ist das Rezipieren von Musik etwas unheimlich Persönliches und Intimes.

Die Leidenschaft und Begeisterung für Musik sprüht förmlich aus Wisborgs Musik heraus und gemeinsam fügt sich Klang, Text und Ästhetik zu einem wundervollen Gesamtkunstwerk, das sowohl kraftvoll wie melodisch ist. Immer mit einem Hauch Melancholie, ohne dabei eintönig oder angenutzt zu wirken. Dazu trägt sicher auch die gemeinsame Arbeit an der Komposition bei.

Konstantin: In der Regel schreibe ich ein Grundgerüst für einen Song, bringe es in den Proberaumkontext und wir schrauben zusammen daran, sodass etwas Gemeinsames daraus wird.

Nikolas: Das Endergebnis ist meist ein Zwitter aus geplanten Ideen, die von Anfang an das Fundament des Songs bilden, gemischt mit Unfällen, die im Arbeitsprozess entstehen. Einige Samples auf dem Album sind kurz bevor wir ins Studio gegangen sind noch im Proberaum entstanden.

Neugierig? Wisborg hat neben einer eigenen Homepage auch ein soziales Profil bei Facebook und Instagram. Im Bandcamp kann man das Album gleich für 7€ (digital) erwerben.

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Victor von Void
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Rein gehört und für gut befunden, auch weil die Stimme entfernt an Sven Friedrich erinnert. Danke Flederflausch!