11 Oktober

Gruftis - die den Tod zum Gott erheben

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene — Jahrgang: 20099 Kommentare

Bild vom Zeitungsausschnitt mit SchlagzeileJetzt gibt’s was auf den Deckel. Den Sarg­de­ckel natür­lich, denn in einem im Okto­ber 1991 erschie­ne­nen Arti­kel eines Boulevard-Magazins wer­den die Gruf­tis mit dem Frei­tod jun­ger Men­schen in Ver­bin­dung gebracht. Die­ses mal ver­lässt man sich nicht nur auf den Autor des Arti­kels, son­dern holt sich auch noch Exper­ten mit an Bord, die zu dem Thema etwas sagen können.

Beson­ders inter­es­sant finde ich die­ses mal die Ver­mi­schung von Pole­mik, Fak­ten und blan­kem Unsinn der wie­der an einer Per­son auf­ge­han­gen wird um sie dann auf eine ganze Jugend­be­we­gung zu pro­ji­zie­ren. Es ist immer wie­der erschre­ckend, wie leicht man Men­schen fin­det, die einem das erzäh­len was man hören möchte. Schnell wer­den noch ein paar naive Freunde zusam­men­ge­trom­melt und schon gibt es ein prima Grup­pen­foto, viel­leicht sogar direkt beim Bestat­ter, da gibt es die not­wen­di­gen Austat­tungs­ge­gen­stände. Behaupte ich jetzt mal ein­fach so. Aber was hat uns der Arti­kel zu erzählen?

»3 Tote in 30 Tagen — Was treibt so viele junge Men­schen ins Reich der Schat­ten? In Leip­zig wur­den Toten­schä­del aus der Gruft der Fami­lie Knaur geraubt. In Chem­nitz schlach­te­ten Jugend­li­che Kat­zen und opfer­ten sie dem Teu­fel. In Suckow fei­er­ten »Gruf­tis« schwarze Mes­sen mit Toten­ge­sän­gen zu Rock­mu­sik. In Frei­tal schließ­lich lie­ßen sich bin­nen einer Woche drei junge Män­ner vom Zug über­rol­len — insze­niert als mar­ka­bre Todesrituale.«

Schon beim lesen des ein­lei­ten­den Tex­tes wird klar, hier wur­den Schlag­zei­len mit­ein­an­der ver­knüpft bei dem nur in einer expli­zit von Gruf­tis die Rede ist, doch der Text­auf­bau und die Wort­wahl brin­gen die ande­ren eigent­lich zusam­men­hang­lo­sen Zei­len in einen ande­ren Kontext.

Bild vom ArtikelAlle Fälle haben eines gemein­sam: Sie spie­len in der Welt der Gruf­tis. Keine Ein­zel­fälle, son­dern die Spitze einer Bewe­gung, die immer mehr Kin­der und Jugend­li­che in ein Schat­ten­reich treibt, wo der Tod die Gedan­ken beherrscht. Dr. Hart­mut Zin­ser (47), Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler an der FU Ber­lin: »Man muß kein Hell­se­her sein, um einen dras­ti­schen Anstieg vor­aus­zu­sa­gen.« 65 Pro­zent der Ost­ber­li­ner Schü­ler, ermit­telte Dr. Zin­ser, inter­es­sie­ren sich für Okkul­tis­mus, 12 Pro­zent haben bereits Erfah­run­gen mit Glä­ser­rü­cken, Pen­del oder heid­ni­schen Kulten.

Szene aus Ber­lin: In einem dunk­len Raum hocken Jugend­li­che, starr, in Gewän­dern wie schwarze Toten­hem­den, die Gesich­ter weiß geschminkt. Bleich, regungs­los. Düs­ter wabert von irgend­wo­her ein Bass. Dann, wie ein Auf­schrei in der Musik: »Take the dream« — nimm den Traum. Ralf (21) wie­der­holt den Satz wie ein Gebet. Gruf­tis haben ihre eigene Musik. Ihre Bands hei­ßen »Fields of the Nephilim« (Fel­der der Nebel­schwa­den), »Dead can Dance« oder »Sioux­sie & The Bans­hees«, das sind Todes­faune aus schot­ti­schen Sagen. Sie sin­gen von den See­len der Toten, die unter uns sind.

Ralf lächelt, wäh­rend er sagt: »Das Leben ist beschis­sen.« An einer Hals­kette trägt er ein kel­ti­sches Kreuz. Wie Rep­ti­li­en­au­gen blit­zen die Steine sei­ner Ringe. »Das Leben ist eine Last«, wie­der­holt er. Es selbst been­den? »Wenn du soweit bist, warum nicht? Der Weg führt doch sowieso dahin.«

Aus einem Boulevard-Magazin im Okto­ber 1991, vie­len Dank an www.mupfelofen.de für die Bereit­stel­lung der Vorlage.

Fazit: Es lohnt sich gar nicht den Arti­kel in seine Bestand­teile zu zer­le­gen, so viel Mist kann man nicht fil­tern. Nichts von den Fäl­len spielt in der Welt der Gruf­tis, son­dern in der Welt kran­ker, wil­len­lo­ser, nai­ver oder dum­mer Men­schen. Lei­der kann man kei­nem ver­bie­ten sich schwarz anzu­zie­hen, Ket­ten und Anhän­ger zu tra­gen und sich die Haare zu einem Vogel­nest zu tou­pie­ren. Ralf meint sein Leben wäre beschis­sen und eine Last. Schön für Ralf. Offen­bar war das der ein­zige, der sei­nen Mund gegen­über dem neu­gie­ri­gen Jour­na­lis­ten auf­ma­chen wollte. Man wünschte, er hätte ihn zugelassen.

Viel­leicht ist es genau das, was sol­che Zei­tun­gen so popu­lär macht. Die Ver­mi­schung von Fak­ten und Phan­ta­sie zu einer Col­lage die auf den ers­ten Blick glaub­haft erscheint. Man schreibt das, was der Leser (ver­meint­lich) lesen will, benutzt Flos­keln, die er ver­steht und würzt es mit insze­nier­ten Bil­dern. Ist das Jour­na­lis­mus? Ich finde es ist höchs­tens gute Unter­hal­tung auf nied­rigs­tem Niveau. Ein Bans­hee ist übri­gens kein Faun und auch nicht aus Schott­land, son­dern ein weib­li­cher  iri­scher  Geist, des­sen Erschei­nung einen bevor­ste­hen­den Tod in der Fami­lie ankündigt.

Man fragt sich, ob die Auto­ren und Prot­ago­nis­ten eines sol­chen Arti­kels immer dar­über im Bilde sind was mit ihrem Namen, ihrer Geschichte und ihren Bil­dern pas­siert.  In der Regel wir­ken sol­che Arti­kel auf mich frei erfun­den und schei­nen so absurd das man die geringste Spur von Wahr­heit in Frage stellt. Gibt es Ralf wirk­lich?  Wis­sen die nament­lich erwähn­ten über­haupt von sol­chen Zitaten?

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.

Kategorie: Dunkle Vergangenheit, Schwarze Szene
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9 Kommentare

  1. Die Medien müs­sen doch die Wahr­heit etwas extre­mer dar­stel­len als sie ist, denn nur so ver­kau­fen sich Maga­zine beson­ders gut und man erreicht oft eine Stei­ge­rung im Absatz.

    Seit dem die Welt vor eini­gen Jah­ren gesagt hat das Michael Jack­son kein Geld mehr hätte, hab ich mich für ein und alle mal vom Fern­se­hen und Radio verabschiedet.

  2. Hallo Paul,
    erst­mal vie­len Dank für den wohl schnells­ten Kom­men­tar in mei­ner (kur­zen) Blog-Geschichte. 4 Minu­ten nach Ver­öf­fent­li­chung. Respekt :)

    Doch zurück zum Thema. Dür­fen sich diese Maga­zine und Auto­ren dann noch ernst­haft Jour­na­lis­ten nen­nen? Ich meine gerade in Zei­ten, wo »Qua­li­täts­jour­na­lis­ten« sich über den Anspruch der Blog­ger auf­re­gen? Manch­mal habe ich das Gefühl, das eine schließt das andere aus. Ich werde nie ver­ste­hen warum man immer dar­auf erpicht ist, die Auf­lage zu stei­gern, anstatt bei einem flo­rie­ren­den, wenn auch klei­ne­ren Maga­zin zu blei­ben. Anyway.

    Ja, das könnte man machen. Dem Fern­se­hen und dem Radion ent­sa­gen, damit bleibt einem viel Ärger erspart. Lei­der ent­geht man damit auch ein Stück weit der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung, so schlecht oder so gut sie auch sein mag. Viel­mehr als frü­her darf man heute nicht ein­fach alles blind kon­su­mie­ren, son­dern muss son­die­ren. Das schwie­rige ist nicht Infor­ma­tio­nen zu bekom­men, das schwie­rige ist die guten von den schlech­ten zu tren­nen und sei es auch nur für die eigene Erfahrung.

  3. Wie gut, dass jetzt das Inter­net zur Ret­tung des Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ange­tre­ten ist. Oder so ähnlich.

    Aber bei sol­chen »Repor­ta­gen« bin ich skep­tisch, denn da wird man kaum einen ech­ten Ein­blick erlan­gen und es würde mich nicht wun­dern, wenn die meis­ten Arti­kel und Fern­seh­be­richte mit einem bestimm­ten End­pro­dukt im Sinne geschrieben/gedreht wur­den. Soll hei­ßen, dass nicht echte Mit­glie­der wel­cher Grup­pie­rung auch immer gefragt wur­den, son­dern Jugend­li­che gefragt wur­den sich zu ver­klei­den und bestimmte Sachen zu sagen.
    Ich hab mal in der Bravo (glaub ich, ist min­des­tens 15 Jahre her) einen Leser­brief von einem Vater gele­sen, der sei­nen Sohn ver­tei­digt hat, weil der mit Haken­kreu­zen posiert hat. Er behaup­tete, dass sein Sohn dafür Geld gekriegt hat und nichts mit der Szene zu tun hat. Kann natür­lich ebenso eine Lüge sein, aber ich fand das glaubhaft.

  4. Wo hast du nur die gan­zen ollen Zei­tungs­ar­ti­kel her ? Alle im Ver­lauf der Zeit auf­be­wahrt, oder extra alle für die Bei­träge gesucht und besorgt ?

  5. Über den Arti­kel möchte ich lie­ber gar­nicht erst anfan­gen mich wirk­lich aus­zu­las­sen, sonst schreibe ich mich in Rage und finde kein Ende.

    Inter­es­sant finde ich nur, dass Mar­tin Luther »Nephilim« noch als »Rie­sen« über­setzt, und moderne Bibeln das ent­we­der auch tun oder den etwa »Gefal­lene« bedeu­ten­den Eigen­na­men bei­be­hal­ten — nur BILD weiß wie­der mehr und über­setzt »Nebel­schwa­den«.
    So viel zur über­ra­gen­den und seriö­sen Recherche-Arbeit, die sicher­lich auch dem Rest des Arti­kels zu Grunde liegt.

    Der Lin­gu­ist in mir sagt »Danke« und geht, der Grufti in mir ist schon längst weg :)

  6. @juliaL49: Im Prin­zip kön­nen wir von Glück spre­chen, das Inter­net zu haben, denn so haben wir die Mög­lich­keit, man­chen Din­gen auf den Grund zu gehen und sel­ber nach­zu­for­schen. Erschre­ckend finde ich dann die Tat­sa­che in dei­nem letz­ten Satz, denn ich habe damals auch die Arti­kel in der Bravo bei­spiels­weise für voll genom­men und damit einer Zeit­schrift eine »Macht« ein­ge­räumt, die es wohl eigent­lich nicht ver­dient. Heute ist viel­mehr die Gefahr in der Flut der Infor­ma­tio­nen zu ertrin­ken und die her­aus­zu­fil­tern, die wirk­lich rele­vant sind.

    @Sebastian: Unter­schied­li­che Quel­len. Den hier geschrie­be­nen habe ich, wie im Bei­trag bereits erwähnt von mupfelofen.de, andere habe ich per E-mail geschickt bekom­men (Noch­mals Danke an Mar­kus). Außer­dem besorge ich mir alte Zeit­schrif­ten selbst und suche darin nach rele­van­ten. Letzte Woche habe ich bei­spiels­weise rund 200 Bravo’s gesich­tet. Selbst­ver­ständ­lich freue ich mich auch immer über neue Arti­kel, die man gerne per E-Mail an mich schi­cken kann.

    @von Karn­stein: Auch der Grufti in Dir kann gerne blei­ben. Nicht zuletzt etwas über die Vor­ur­teile zu erfah­ren unter denen der »Nach­wuchs« von heute immer noch lei­det. Es soll sogar Men­schen geben, die eben nur wegen die­ser Vor­ur­teile in eine Szene »gera­ten«. Davor gru­sele ich mich dann immer. ^^

  7. »Reich der Schat­ten«, aha. Klingt eher nach Mordor oder Z’ha’Dum als schlicht nach »Tod«. Um jenen als Reich von irgend­was zu beschrei­ben müsste man jeden­falls schon mal dage­we­sen und — was noch wich­ti­ger ist — zurück­ge­kom­men sein. ;)

    Der Defi­ni­tion des Arti­kels nach müsste übri­gens jeder Bud­dhist ein Grufti sein, denn die Vier Edlen Wahr­hei­ten bestä­ti­gen u.a. die Aus­sa­gen jenes Ralf. ;)

    Über so einen Quatsch kann man sich regel­mä­ßig auf­re­gen, wenn man irgend­ei­ner Sub­kul­tur oder Min­der­heit ange­hört, über die dann der Durch­schnitts­bür­ger mit sol­chen Berich­ten »infor­miert« wird. Gilt für Gruf­tis wie für Cosplayer oder Beamte, da könnte ich eini­ges berichten.

  8. Bild. Mehr muss man dazu eigent­lich nicht sagen.

    Außer, dass du einen wei­te­ren Feh­ler über­se­hen hast — Nephilim, im Arti­kel falsch mit Nebel­schwa­den über­setzt, sind bos­hafte Wesen, die grö­ßer und stär­ker sind als Men­schen. Sie sind Wesen, die von gött­li­chen Wesen gezeugt und von Men­schen­frauen gebo­ren wur­den und ent­stam­men der altis­rae­li­schen Mythologie.

    Dass man übri­gens Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler (!!!) her­an­zieht, um eine Sub­kul­tur, deren Sinn eine ästhe­ti­sche und innere Rebel­lion gegen ver­knö­cherte Werte, die Men­schen zur Kon­for­mi­tät zwin­gen (wol­len — Hier als Bei­spiel der Spruch »Du denkst wohl, du bist was beson­de­res«), ist bescheu­ert. Genauso gut könnte man Udo Pastörs zum Inte­gra­ti­ons­hel­fer machen.

    Aber gut zu wis­sen, dass sich in 18 Jah­ren nichts ver­än­dert hat an der Qua­li­tät der Springerpresse.

  9. @Jessica: Rich­tig. Obwohl mich diese Berichte eigent­lich nicht belas­ten finde ich jedoch die Wir­kung auf das Umfeld erschre­ckend. Ich glaube das schlimmste daran, ist die Leicht­gläu­big­keit und Beein­fluss­bar­keit der Leser, die das dann auch noch für bare Münze neh­men. Trau­rig aber wahr.

    @Alex: Stimmt, ich hätte mir fast den­ken kön­nen das noch wei­tere Feh­ler vor­han­den sind. Danke für die Korrektur.

    Die »Ver­wen­dung« eines Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lers ist natür­lich auch wie­der fast geschickt, denn das erweckt ja beim Leser den Ein­druck einen frem­den, anders­ar­ti­gen, abstos­sen­den Reli­gion die dann in die glei­che Schub­lade gesteckt wird, wie andere Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten oder Sek­ten. Aber wie du bereits abschlie­ßend bemerkst, so ken­nen wir die Sprin­ger­presse, die sich wahr­schein­lich auch in den nächs­ten 18 Jah­ren nicht ver­än­dern wird.

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