1991: Gruftis – die den Tod zum Gott erheben

Jetzt gibt’s was auf den Deckel. Den Sargdeckel natürlich, denn in einem im Oktober 1991 erschienenen Artikel eines Boulevard-Magazins werden die Gruftis mit dem Freitod junger Menschen in Verbindung gebracht. Dieses mal verlässt man sich nicht nur auf den Autor des Artikels, sondern holt sich auch noch Experten mit an Bord, die zu dem Thema etwas sagen können.

Besonders interessant finde ich dieses mal die Vermischung von Polemik, Fakten und blankem Unsinn der wieder an einer Person aufgehangen wird um sie dann auf eine ganze Jugendbewegung zu projizieren. Es ist immer wieder erschreckend, wie leicht man Menschen findet, die einem das erzählen was man hören möchte. Schnell werden noch ein paar naive Freunde zusammengetrommelt und schon gibt es ein prima Gruppenfoto, vielleicht sogar direkt beim Bestatter, da gibt es die notwendigen Austattungsgegenstände. Behaupte ich jetzt mal einfach so. Aber was hat uns der Artikel zu erzählen?

„3 Tote in 30 Tagen – Was treibt so viele junge Menschen ins Reich der Schatten? In Leipzig wurden Totenschädel aus der Gruft der Familie Knaur geraubt. In Chemnitz schlachteten Jugendliche Katzen und opferten sie dem Teufel. In Suckow feierten „Gruftis“ schwarze Messen mit Totengesängen zu Rockmusik. In Freital schließlich ließen sich binnen einer Woche drei junge Männer vom Zug überrollen – inszeniert als markabre Todesrituale.“

Schon beim lesen des einleitenden Textes wird klar, hier wurden Schlagzeilen miteinander verknüpft bei dem nur in einer explizit von Gruftis die Rede ist, doch der Textaufbau und die Wortwahl bringen die anderen eigentlich zusammenhanglosen Zeilen in einen anderen Kontext.

Bild vom Artikel

Alle Fälle haben eines gemeinsam: Sie spielen in der Welt der Gruftis. Keine Einzelfälle, sondern die Spitze einer Bewegung, die immer mehr Kinder und Jugendliche in ein Schattenreich treibt, wo der Tod die Gedanken beherrscht. Dr. Hartmut Zinser (47), Religionswissenschaftler an der FU Berlin: „Man muß kein Hellseher sein, um einen drastischen Anstieg vorauszusagen.“ 65 Prozent der Ostberliner Schüler, ermittelte Dr. Zinser, interessieren sich für Okkultismus, 12 Prozent haben bereits Erfahrungen mit Gläserrücken, Pendel oder heidnischen Kulten.

Szene aus Berlin: In einem dunklen Raum hocken Jugendliche, starr, in Gewändern wie schwarze Totenhemden, die Gesichter weiß geschminkt. Bleich, regungslos. Düster wabert von irgendwoher ein Bass. Dann, wie ein Aufschrei in der Musik: „Take the dream“ – nimm den Traum. Ralf (21) wiederholt den Satz wie ein Gebet. Gruftis haben ihre eigene Musik. Ihre Bands heißen „Fields of the Nephilim“ (Felder der Nebelschwaden), „Dead can Dance“ oder „Siouxsie & The Banshees“, das sind Todesfaune aus schottischen Sagen. Sie singen von den Seelen der Toten, die unter uns sind.

Ralf lächelt, während er sagt: „Das Leben ist beschissen.“ An einer Halskette trägt er ein keltisches Kreuz. Wie Reptilienaugen blitzen die Steine seiner Ringe. „Das Leben ist eine Last“, wiederholt er. Es selbst beenden? „Wenn du soweit bist, warum nicht? Der Weg führt doch sowieso dahin.“

Fazit: Es lohnt sich gar nicht den Artikel in seine Bestandteile zu zerlegen, so viel Mist kann man nicht filtern. Nichts von den Fällen spielt in der Welt der Gruftis, sondern in der Welt kranker, willenloser, naiver oder dummer Menschen. Leider kann man keinem verbieten sich schwarz anzuziehen, Ketten und Anhänger zu tragen und sich die Haare zu einem Vogelnest zu toupieren. Ralf meint sein Leben wäre beschissen und eine Last. Schön für Ralf. Offenbar war das der einzige, der seinen Mund gegenüber dem neugierigen Journalisten aufmachen wollte. Man wünschte, er hätte ihn zugelassen.

Vielleicht ist es genau das, was solche Zeitungen so populär macht. Die Vermischung von Fakten und Phantasie zu einer Collage die auf den ersten Blick glaubhaft erscheint. Man schreibt das, was der Leser (vermeintlich) lesen will, benutzt Floskeln, die er versteht und würzt es mit inszenierten Bildern. Ist das Journalismus? Ich finde es ist höchstens gute Unterhaltung auf niedrigstem Niveau. Ein Banshee ist übrigens kein Faun und auch nicht aus Schottland, sondern ein weiblicher  irischer Geist, dessen Erscheinung einen bevorstehenden Tod in der Familie ankündigt.

Man fragt sich, ob die Autoren und Protagonisten eines solchen Artikels immer darüber im Bilde sind was mit ihrem Namen, ihrer Geschichte und ihren Bildern passiert.  In der Regel wirken solche Artikel auf mich frei erfunden und scheinen so absurd das man die geringste Spur von Wahrheit in Frage stellt. Gibt es Ralf wirklich?  Wissen die namentlich erwähnten überhaupt von solchen Zitaten?

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Paul
Paul (@guest_4306)
Vor 12 Jahre

Die Medien müssen doch die Wahrheit etwas extremer darstellen als sie ist, denn nur so verkaufen sich Magazine besonders gut und man erreicht oft eine Steigerung im Absatz.

Seit dem die Welt vor einigen Jahren gesagt hat das Michael Jackson kein Geld mehr hätte, hab ich mich für ein und alle mal vom Fernsehen und Radio verabschiedet.

juliaL49
juliaL49 (@guest_4310)
Vor 12 Jahre

Wie gut, dass jetzt das Internet zur Rettung des Qualitätsjournalismus angetreten ist. Oder so ähnlich.

Aber bei solchen „Reportagen“ bin ich skeptisch, denn da wird man kaum einen echten Einblick erlangen und es würde mich nicht wundern, wenn die meisten Artikel und Fernsehberichte mit einem bestimmten Endprodukt im Sinne geschrieben/gedreht wurden. Soll heißen, dass nicht echte Mitglieder welcher Gruppierung auch immer gefragt wurden, sondern Jugendliche gefragt wurden sich zu verkleiden und bestimmte Sachen zu sagen.
Ich hab mal in der Bravo (glaub ich, ist mindestens 15 Jahre her) einen Leserbrief von einem Vater gelesen, der seinen Sohn verteidigt hat, weil der mit Hakenkreuzen posiert hat. Er behauptete, dass sein Sohn dafür Geld gekriegt hat und nichts mit der Szene zu tun hat. Kann natürlich ebenso eine Lüge sein, aber ich fand das glaubhaft.

Sebastian
Sebastian (@guest_4311)
Vor 12 Jahre

Wo hast du nur die ganzen ollen Zeitungsartikel her ? Alle im Verlauf der Zeit aufbewahrt, oder extra alle für die Beiträge gesucht und besorgt ?

von Karnstein
von Karnstein(@karnstein)
Vor 12 Jahre

Über den Artikel möchte ich lieber garnicht erst anfangen mich wirklich auszulassen, sonst schreibe ich mich in Rage und finde kein Ende.

Interessant finde ich nur, dass Martin Luther „Nephilim“ noch als „Riesen“ übersetzt, und moderne Bibeln das entweder auch tun oder den etwa „Gefallene“ bedeutenden Eigennamen beibehalten – nur BILD weiß wieder mehr und übersetzt „Nebelschwaden“.
So viel zur überragenden und seriösen Recherche-Arbeit, die sicherlich auch dem Rest des Artikels zu Grunde liegt.

Der Linguist in mir sagt „Danke“ und geht, der Grufti in mir ist schon längst weg :)

Jessica
Jessica (@guest_4314)
Vor 12 Jahre

„Reich der Schatten“, aha. Klingt eher nach Mordor oder Z’ha’Dum als schlicht nach „Tod“. Um jenen als Reich von irgendwas zu beschreiben müsste man jedenfalls schon mal dagewesen und – was noch wichtiger ist – zurückgekommen sein. ;)

Der Definition des Artikels nach müsste übrigens jeder Buddhist ein Grufti sein, denn die Vier Edlen Wahrheiten bestätigen u.a. die Aussagen jenes Ralf. ;)

Über so einen Quatsch kann man sich regelmäßig aufregen, wenn man irgendeiner Subkultur oder Minderheit angehört, über die dann der Durchschnittsbürger mit solchen Berichten „informiert“ wird. Gilt für Gruftis wie für Cosplayer oder Beamte, da könnte ich einiges berichten.

Alex
Alex (@guest_4323)
Vor 12 Jahre

Bild. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

Außer, dass du einen weiteren Fehler übersehen hast – Nephilim, im Artikel falsch mit Nebelschwaden übersetzt, sind boshafte Wesen, die größer und stärker sind als Menschen. Sie sind Wesen, die von göttlichen Wesen gezeugt und von Menschenfrauen geboren wurden und entstammen der altisraelischen Mythologie.

Dass man übrigens Religionswissenschaftler (!!!) heranzieht, um eine Subkultur, deren Sinn eine ästhetische und innere Rebellion gegen verknöcherte Werte, die Menschen zur Konformität zwingen (wollen – Hier als Beispiel der Spruch „Du denkst wohl, du bist was besonderes“), ist bescheuert. Genauso gut könnte man Udo Pastörs zum Integrationshelfer machen.

Aber gut zu wissen, dass sich in 18 Jahren nichts verändert hat an der Qualität der Springerpresse.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 6 Jahre

„Es soll sogar Menschen geben, die eben nur wegen dieser Vorurteile in eine Szene “geraten” “
Das war auch immer wieder mein Gedanke, wenn ich solch haarsträubenden Bockmist über Satanismus, kranke Rituale, Selbstmordanleitung usw. lese.
Es ist schon schlimm genug, dass Otto Normalbüger, die nicht über den BILD-Zeitungsrand hinaus schauen, unreflektiert das glauben, was ihnen präsentiert wird.
Wenn dann auch noch entweder wirklich „Kranke“ glauben, in der Gothic Szene bestens aufgehoben zu sein und sich da austoben zu können, oder – noch schlimmer – Szeneeinsteiger glauben, sich überhaupt erstmal mit sowas wie Satanismus beschäftigen zu müssen, um dazu zu gehören, hört für mich der Spaß auf. Das setzt dann nämlich in Gang, dass dann auch wirklich Leute in der Szene rumlaufen, die sowas machen. Entweder, weil sie sowieso schon gestört waren oder weil sie glauben, es gehöre dazu und sie wären sonst nicht „true“.

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