Wochenschau: Zwischen sozialer Verantwortung und dem Sterben der Clubs

Soziale Verantwortung ist in diesen Tagen eine wichtige Begrifflichkeit, um uns und vor allem unsere Mitmenschen vor der Pandemie zu schützen. Sicher, als freie Menschen können wir mit unserem Körper machen, was wir wollen. Wer Lust hat, leckt Klobrillen ab oder filmt sich dabei, wie man Alkohol möglichst schnell zu sich nimmt, um an der “Corona-Desinfektons-Challenge” teilzunehmen. Was jedoch verloren gegangen zu sein scheint, ist die soziale Verantwortung, um Andere vor diesem “Freiheits-Gefühl” zu schützen. Ungebremst grassiert der “ICH-Virus”, der selbst Corona in den Schatten stellt. Es wird ausgenutzt, was erlaubt wird – und zwar exzessiv und völlig zweckentfremdet. Demonstrationen jetzt ohne Teilnehmerbeschränkung? Prima, machen wir eine Rave-Party draus. Auch anderswo wird für jeden Unsinn demonstriert, weil man sich und seine kleine Welt in Gefahr sieht. Ich glaube jeder von Euch, lieber Leser, hat schon mit diesem Virus zu tun gehabt. Ich hoffe jedoch sehr, ihr steckt Euch nicht an.

Umstrukturierung im Gange | In eigener Sache

Aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein: es gab wieder eine Umstrukturierung unter der Motorhaube dieser Internetseite. Rein äußerlich haben sich nur ein paar Kleinigkeiten verändert, allerdings wurde mal wieder das Design auf ein anderes Fundament gestellt, das uns in Zukunft mehr Freiheiten einräumt. Auch in den nächsten Wochen werden wir die Veranstaltungsfreie Zeit intensiv dazu verwenden, hier weiterzuarbeiten. Ein neues Kommentarsystem steht schon in der Startlöcher, der Festival- und Veranstaltungskalender (der zurzeit einfach nicht gebraucht wird) wird überarbeitet und auch so ein lästiger Cookie-Hinweis, der jetzt aufpoppt, wenn man die Seite zum ersten Mal besucht, ist Pflicht geworden. Ihr seht, ich denke gar nicht daran, aufzuhören. Euer Zuspruch zur jüngsten “Krise” war so unfassbar groß, dass ich voller Elan weitermache. Auch das Spontis-Magazin wird parallel dazu fertig gemacht, aber dazu gibt es demnächst noch einen eigenen Artikel.

Martina Weith (Östro 430): “Soziale Verantwortung ist Punk” | TAZ

40 Jahre nach den goldenen Zeiten des Punks muss sich Martina Weith die Frage gefallen lassen, ob sie sich selbst noch als Punk sieht: “Kommt drauf an, wie man es definiert. Wenn es darum geht, sein Ding zu machen und soziale Verantwortung für sich und sein Umfeld zu übernehmen, dann bin ich Punk. Schnorrend auf der Straße sitzen, ist für mich noch kein Punk. Da wird es nur Ausrede. Bei unseren Anfängen in Düsseldorf galten wir mehr als die „Gymnasium-Punks“, wie es Peter Hein mal definiert hat. Anders als viele der englischen Punks, die proletarische Wurzeln hatten, kamen wir aus der Mittelklasse. Unpolitisch waren wir aber nicht.

“Ich sehe den Tod nicht als etwas Negatives” | Schemenkabinett

Das Schemenkabinett hat Künstlerin Sillycut interviewt. Die “Vergänglichkeitskünstlerin”, wie man sie vielleicht nennen könnte, beschäftigt sich mit dem Tod, um das Leben sinnvoll zu nutzen: “So sehe ich allerdings den Tod nicht als etwas Negatives, sondern als unabdingbares Element dieses Kreislaufs. Ich bediene mich oft der Vanitas-Symbolik und anderen Boten des Todes. Durch sie erinnern meine Werke den Rezipienten an die Endlichkeit seines jetzigen Lebens, gleichzeitig ist dabei die wichtigere Erkenntnis, das Leben sinnvoll und für sich erfüllend zu nutzen. Manche mögen diese Thematik als düster und pessimistisch wahrnehmen, für mich ist jedoch das Gegenteil der Fall. Da ich mich aktiv mit dem Tod auseinandersetze, kann ich das Leben viel achtsamer wahrnehmen und bewusster erleben. Ich habe also keine Todessehnsucht, vielmehr Lebensfreude.

Schwarzes durch die rosa Brille | Freie Presse

Tim Hofmann hat sich die Dokumentationen des MDR, die zum ausgefallenen WGT an Pfingsten gezeigt wurden, auch angesehen, kommt aber zu einer völlig anderen Meinung, als wir, wie in diesem Artikel zu lesen war. Für ihn, so schreibt er in seinem Artikel, ist die Doku ein “Rohrkrepierer”. Weiter schreibt er: “Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schwarze Szene selbst in der Hochburg Deutschland sehr klein ist und zudem seit Jahren schrumpft: Was man jedes Jahr in Leipzig sieht, das ist wirklich so ziemlich die ganz globale Community plus Zaungäste, und das WGT ist einer ihrer letzten verbliebenen Höhepunkte.” Einer der strittigen Punkte seines Textes, die wohlmöglich schon in der Definition – wer während des WGT Szene und wer Zaungast ist – scheitert. Dennoch: Hofmann hat in vielen Punkten völlig recht und bringt einige kritische Aspekte auf Tisch, die wir in unserer Betrachtung außer Acht gelassen haben. Bei Bedarf (Kommentare nutzen) mache ich gerne einer tiefergreifende Auseinandersetzung mit seinem Text.

Vom Ende der Genres in der Musik | rbb24

Bei rbb24 widmet man sich der Frage, ob Musikgenre ausgedient haben. Ein Trend, der sich in den USA breit machte, formt Bands, die sich keinem Musikgenre zuordnen lassen (wollen). Auch in Deutschland und Europa kann man vor allem auf Festivals beobachten, wie scheinbar unwichtig Genre geworden sind: “Selbst Festivals wie Rock am Ring, die sich traditionell einem Genre verschrieben hatten, holen nun Rap- und Popkünstlerinnen und -künstler ins Line-up. Dass auf Berlins größtem Festival, dem Lollapalooza, Besucher erst zu EDM (elektronischer Tanzmusik) abfeiern und dann zu Hip Hop steilgehen, ist inzwischen das Normalste der Welt. Genauso Genre-offen funktionieren viele der meistgeklickten Playlisten auf dem Musik-Streamingdienst Spotify. Sie ordnen Songs nicht nach Genre, sondern nach Stimmung oder Kontext: “Feel Good Friday”, “Songs to sing in the Shower”, “Coffee Break”.” (Danke Tanzfledermaus)

Shan Dark auf dem 1. Inoffiziellen Wave-Gotik-Treffen 2020 | Der schwarze Planet

Lest beim schwarzen Planeten, wie es in diesem Jahr auf dem ersten inoffiziellen Treffen war, denn die Wahl-Mainzerin ist für einen Tag nach Leipzig geflogen und hat ihre Eindrücke aufgeschrieben: “Einziger Wermutstropfen des WGT 2020: die Spenden-Boxen. Oh ja, ich habe gespendet und auch sehr gern. Da alles ohne Eintritt war, war die Bitte auch sehr verständlich. Gleichzeitig wird’s mir dabei in diesen Zeiten ganz traurig und bang um unsere kleine Subkultur und um alternative Clubs und Veranstaltungsorte. Wie viele der WGT-Locations werden bis 2021 überleben und verfügbar sein als Spielstätten? Darüber mache ich mir ernsthaft Gedanken. Aber vielleicht ergibt sich so automatisch eine Verkleinerung der Besucherzahl, ein verringertes Angebot und dadurch Reduzierung auf systemrelevante Besucher. Apropos: Wie viele waren eigentlich dieses Jahr da? Bestimmt circa 20.000.

Das langsame Sterben der Clubs | ttt – titel, thesen, temperamente

Ein ARD-Bericht über Club in der Krise: “Seit Beginn der Corona-Krise sind die Clubs in ganz Deutschland geschlossen – ohne Aussicht auf Öffnung. Womöglich wird es viele nach der Krise nicht mehr geben. Was das für die Kulturszene bedeuten wird, lässt sich nur erahnen.” Es gibt keine eindeutige Meinung, nur zwei Ansichten. Clubkultur ohne Clubs? Für die Einen ist das durchaus möglich, sie wünschen sich vielleicht ein Gesundschrumpfen der Szene, andere sind entsetzt, denn damit würden wichtige Orte sozialer Interaktion sterben.

Sie verlassen den amerikanischen Sektor – New Wave Rock in Berlin | YouTube

Eine Dokumentation, die 1980 ausgestrahlt wurde, zeichnet ein kleines Stück der damaligen Berliner Musikkultur nach. Die heimliche Hauptstadt war seinerzeit einer der wichtigsten musikalische Schmelztiegel Europas, die selbst internationale Künstler wie David Bowie oder Depeche Mode in ihren Bann zogen. Für deutsche Bands war die geteilte Stadt einer der wichtigsten Knotenpunkte der eigenen Entwicklung. Diese Dokumentation zeichnet anhand von “Ideal”, “PVC” oder auf den “Insisters” einen kleinen Teil dieser wahnsinnig aufregenden Zeit nach.

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I’m A Pastel Goth | Hooked On The Look

Für sie ist es eine Erweiterung ihrer Persönlichkeit, sie mag Make-Up und alternative Formen sich auszudrücken. Und hier schließt sich möglicherweise der Kreis zu einem Thema von weiter oben: Es gibt keine Genre mehr. Ohne musikalische Genre also auch keine Identifikationsgrundlage und Subkultur. Daher ist Jessica aus dem Video auch sowieso wie ein subkulturelles Patchwork. Von allem ein bisschen beeinflusst. So ein bisschen wie der Real Life Space Goblin.

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Roberthttps://www.spontis.de/author/robert-forst/
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Nabend. Ja, bitte den “rosa roten Brillentext” von Tim Hofmann hier behandeln. Danke :-)

Graphiel
Gast
Graphiel

Ich schließe mich da Wiener Blut an. An einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Text von Tim Hofmann wäre auch ich interessiert. Ich habe mir seinen Artikel natürlich durchgelesen und gebe ihm in einigen Punkten durchaus auch recht. Daher wäre ich sehr gespannt Robert wie deine Sichtweise darauf ist und ob wir da zu ähnlichen Schlüssen kommen.

Yorick
Gast
Yorick

Ich schließemich meinen Vorrednern an. Da gäbe es einiges zu sagen, auch hinsichtlich der medialen und vor allem akademischen Behandlung des ganzen Themenkomplexes “Schwarze Szene” im allgemeinen.

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Zum Thema Clubsterben und kleine “Szene”. Das Clubsterben…. ich würde es “schleichendes Schließen der alternativen Dorfdiscos” nennen, ist ein Phänomen das mindestens 15 Jahre und älter ist. Dieses führt dazu, das junge Leute schlechter “alternative” Musik auf die Ohren bekommen, seltener die Chance haben in ihrem Umfeld (Fahrtzeit maximal 20 Minuten) zu dieser Musik zu tanzen und zu feiern, und seltener ähnliche junge Leute mal live zu Gesicht bekommen…. Kennenlernen außerhalb von diese komische Internetzdings…. ungefiltert, frisch parfümiert oder nicht. Die Schuppen die übrig bleiben, sind entweder (bitte nicht in den falschen Hals bekommen) Russendiscos oder Bauerndiscos. Die wenigen alternativen Discos die in der Fläche bleiben, haben nur selten echte “schwarz/punk/grunge…alternative” Veranstaltungen… und da muss man schließlich auch grade Zeit oder Lust haben. Was als junger Mensch schon nervig… und teuer… ist, fahren 40/50/60 Minuten… EIN Weg… PkW was sonst… wird im Alter natürlich nicht besser. Dazu kommt, das die alternative Szene auf dem Land immer gemischter, ruhiger und durchlässiger erscheint bzw erschien, als Szenen im urbanen Umfeld mit “Urbanen Menschen”. Bitte korrigiert mich wenn ich da ganz irre. Kurz: Wenn Dorfgruftis auf Dorfgruftis in ihrer Nähe treffen, und in der Nähe ausgehen können, gehts leichter. Fällt da etwas weg, muss das unweigerlich zum Rückgang der Szene führen. Ob die wachsenden Städten, mit ihren Szenen, und ihren Angeboten, dieses Phänomen aufwiegen können, glaube ich persönlich nicht. Das Getippe im Internet ist auch kein Ersatz für Disco, Stammtisch, Kneipe, private Treffen.
Dazu kommt eine gesteigerte berufliche Flexibilität…. mehr arbeiten zu unmöglicheren Zeiten, örtliche Flexibilität, und weniger Möglichkeiten sich durch Familie und Nachbarn mal Zeit frei schaufeln zu lassen (nicht immer, aber doch immer wieder mal wieder). Außerdem winkt und blinkt ja überall Konkurrenz in der Freizeit, als diese mit “grufteligen Dingen” zu verbringen. Und zuletzt…. die Gesellschaft ist im Grunde doch noch ganz schön muffig spießig…. wollen Menschen also den Stress wenn sie aktiv sind oder zu erkennen…. und wenns nur der Blöde Spruch oder das blöde Vorurteil ist. Und wenns nicht direkt kommt, kommts von hinten rum.
Und als Letztes…. die Szene hat keine wirkliche Stammtisch oder Vereinskultur… niedrigschwellige Angebote für unter der Woche und am Wochenende. Klar, die Mitglieder wären auch weiter gestreut als ein Doppelkopfclub, ganz einfach weil es mehr Doppelkopfspieler als Schwarzkittel gibt, aber ich denke nicht das räumliche Distanz das einzige Hindernis ist.
Den Bereich Festivals, Kommerzialisierung… etc…. spare ich hier mal aus.
Und wir leben hier in einer sehr weit entwickelten, sehr vollständigen Demokratie, mit hohem Wohlstand. Ich will mir nicht ausmalen, wie eine Szene in einer fundamentalistisch, konservativen Gewaltherrschaft, mit minimalen Jahreseinkommen, schlechter Gesundheits- und Sozialvorsorge, und hoher Arbeitslosigkeit, aussehen würde. Und viele Aspekte davon finden wir ja in vielen Ländern dieser Erde. Viele Länder entwickeln sich auch von dem erreichten Maß an Demokratie wieder zurück, sind wirtschaftlich und menschlich eingeschränkt, oder schränken aktiv ein.

Sooooo….. tippe tippe tipp tipp tipp…. Quak hier, Quak da….

Ja, auch ich sehe den Ist-Zustand nicht rosarot und die Entwicklung verfolge ich sehr skeptisch, aber nicht ohne Hoffnung.

Nossi
Gast
Nossi

dieser Virus ist gefährlich und richtet immense Schäden an den inneren Organen an. Wer behauptet, es sei nur eine Erkältung, sollte sich eingehend erkundigen. Der Virus greift zum Beispiel das Herz an und verursacht Langzeitschäden. Bitte nicht verharmlosen. Die Masken tragen wir nicht nur zu unserem Schutz, sondern auch um andere zu schützen, falls man diese gefährliche Virus in sich trägt. Wie Robert richtig schreibt, es geht hier auch um soziale Verantwortung.

Herr Hofmann schicke ich selbstverständlich einen Liebesbrief, ich kann seine kritischen Worte verstehen und könnte diese sogar noch bin zum Exzess weiter vertiefen.
Ein Punkt der mich sehr verwundert ist, seit Jahren gibt es nur noch vereinzelt junge Menschen, die sich fürs Gothsein interessieren. Es ist einerseits seltsam, da es da musikalisch und philosophisch viel zu entdecken gibt, verstehen kann ich es allerdings schon. Wenn ich an diese mdr Doku denke, als 15 jähriger, hätte mich diese immens abgeschreckt und nicht unbedingt neugierig gemacht.

Der Grund warum sich junge Menschen nicht mehr für`s Gothsein begeistern können, ist eben genau der hier kritisierte Umstand. Selbstverliebte Langeweile ohne Ideen, zieht niemand an. Neuzugänge müssen viel Glück haben, jemand kennen zu lernen, der sie erst einmal tiefer in die Materie hinein führt. Wie oft kritisch bemerkt, die Gothic Szene hat sich in den letzten 20 Jahren einerseits zu tode toleriert (geiles Wortspiel gell^^), andererseits wird “anders” sein sofort mit “ich bin mehr Gothic als du” honoriert. Dieses alles zu tode tolerieren hatte eben den Effekt, die Gothicszene passte sich der schwarzen Szene an, die alles absorbierte, was eigentlich nicht da hinein passte. Ein Paradox, welches offensichtlich nicht funktionierte. Anders die metalszene, die sich in Form von depressive black metal, funeral doom etc immer einen ominösen Underground bewahrt hat und stets auch Scharen junger Leute begeistern konnte. Ich erinnere mich an eine Diskussion, wo die Jugend als graue langweilige Masse beschrieben wurde, es kaum noch Individualität gäbe. Daran sind teils auch die Lehrer an den Schulen, die Medien und sogar die Politik schuld, denn diese haben eine Aufgabe übernommen, die ihnen eigentlich nicht zusteht. Sie beeinflussen und drängen in eine bestimmte Richtung, anstatt neutral Möglichkeiten aufzuzeigen, was eigentlich ihre Aufgabe wäre. Eine Diskussion in der Schule sieht oft so aus, alle müssen einer Meinung sein, wer da nicht mit macht, wird diffamiert, eine Diskussion findet also nicht statt. Dieses sophistische Gebahren ist allerdings gefährlich, denn da bleibt kaum Platz für Individualität.
Da in der “schwarzen Szene” auch kaum noch Individualität gefeiert wird, kann sie folglich auch kaum jugendliche Rebellen anziehen.

Alsuna
Gast
Alsuna

Zu dem “Pastel Goth”-Punkt. Erster Gedanke war…aha..eine die nicht weiß ob sie “Sweet Lolita” oder “Gothic Lolita” tragen soll und der dann noch jemand mit der Kanone Farbe ins Gesicht geschossen hat. Wie man auf den eingeblendeten Bildern sehen kann hat sie früher auch anscheinend richtig gute Lolita-Outfits gehabt.

Naja sie kann ja rumlaufen wie sie will.

PS: Tut dieses riesige Septumdingsi nicht weh..?

Fantôme Noir
Gast
Fantôme Noir

Zum “Brillentext”:

Was der Autor meines Erachtens bei seiner Anmerkung über das Schrumpfen der Szene völlig außer acht läßt, ist daß die schwarze Szene – nach meiner Beobachtung – mit bedingt durch eine zunehmende Kommerzialisierung ab ca. der Jahrtausendwende einen immensen Schub erfahren hat. Plötzlich gab es hier nicht eine Disco, die alle paar Wochen mal was für die Gruftis angeboten hat, sondern in einem Kreis von grob 20km derer fünf oder sechs, die überwiegend wöchentlich was gemacht haben und jedesmal voll waren. Und mit “voll” meine ich ein “wenn Du nach elf Uhr abends erscheinst, wartest Du in ner Schlange und siehst dann drinnen rund um die Tanzfläche den Fußboden nicht mehr, weils so voll ist; scheißegal, ob das nun donnerstags, freitags, samstags oder sonntags ist”-Voll.

Und ja, damals war das eigentlich ein fester Bestandteil der Woche, so zwei bis drei dieser Läden jede Woche aufzusuchen und als sein zweites Wohnzimmer zu betrachten. War eine wundervolle Zeit, und ich bin glücklich, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein.

Aber schon damals war klar, daß dieses Wachstum nur temporär sein konnte. Wäre das so weitergegangen, gäbe es heute keine bunten Klamotten mehr zu kaufen ;-)
Wenn ich mal blind peilen darf, würde ich tippen, daß seinerzeit vielleicht
– 60% der Leute in Wirklichkeit z.B. frustrierte Technohörer und auf der Suche nach elektronischer Musik waren, da die Mainstream-Großraumdiskos der Endneunziger entweder dichtgemacht oder auf -urgs- Hiphop umgestellt hatten, den Elektro cool fanden und sich halt passend gekleidet haben, weil es gerade “in” war.
– 20% aus der blühenden Mittelalterszene kamen oder Metaller waren, die halt “noch” da waren (schließlich waren das überwiegend alte Rockschuppen, wo wir rumgegeistert sind) und ebenfalls mit Gothic nicht so viel am Hut hatten,
– und allerhöchstens 20% der Leute entweder Grufties waren oder als potentieller “Szenenachwuchs” gelten konnten und ernsthaft an dem interessiert waren, was denn eigentlich Sinn und Hintergrund der schwarzen Szene ist.

Ein ganz ordentlicher Teil der “Nicht-wirklich-Goths” ging damals auch mit aufs WGT – weil Freunde hingingen oder einfach aus Neugierde oder wegen der Party.

Inzwischen ist von diesen 20% “Ernsthaften” ein Teil aus den unterschiedlichsten Gründen “zurück ins Licht” gegangen, eine Menge (in meinem Bekanntenkreis der größte Teil) ist einfach zu häuslich geworden – und nur ein kleiner Rest ist noch da, geht regelmäßig weg und eben auch aufs WGT. Und einige sind auch einfach nicht mehr am Leben…
Gleichzeitig ist der Nachwuchs weitgehend ausgeblieben, auch wenn in meiner Stammdisco gefühlt die Talsohle langsam durchschritten war (und dann kam Corona…). Soweit ich das mitbekomme, haben aber viele Mainstream-Veranstaltungen hier mit demselben Problem zu kämpfen. In Zeiten von “Alles-on-demand” und sozialen Medien scheinen viele Leute nicht mehr Wert darauf zu legen, regelmäßig wegzugehen; das beobachte ich auch an den Kindern, die ich so mitkriege. Das einzige, was gefühlt noch echten Erfolg hat, sind Mainstream-Festivals, wobei die prozentual auch nur wenige Leute anziehen, gemessen am potentiellen Publikum.
In anderen Ländern sieht das in der Tat ganz anders aus, da hat der Autor recht. Ich bin in Guatemala City mal über einen winzigen 1m²-Stand in einem Kaufhaus mit zwei offensichtlichen Schwarzkitteln gestolpert und habe mich mit denen etwas unterhalten. Wie man mir sagte, hatte ich zufällig den einzigen Gothicladen in Guatemala gefunden. Bei solche Zufallsbegegnungen fällt schon auf, wie winzig die Szene in Wirklichkeit woanders ist…
Gemessen daran ist das WGT und die deutsche Szene schon ein echtes Phänomen.

… und jetzt hab ich so viel getippt, daß ich die anderen Punkte, die mir aufgefallen sind, nur kurz anreiße:
– Kreativität: in dem Maße, wie die Szene kommerzialisiert wurde, wurde der Druck kleiner, sich selber kreativ einzubringen (Beispiel: Klamotten). Umgekehrt habe ich das Gefühl, daß nun, wo die großen Anbieter verschwinden, wieder mehr Kreativität eingebracht wird: mehr kleine Stände von kleinen Ein-Personen-Unternehmen auf dem WGT, mehr Leute, die sich am Selbermachen versuchen. Möglicherweise auch mehr kleine Bands. Ob das wirklich so ist oder nur der Wunsch Vater des Gedankens? Ich weiß es nicht.
– Einflüsse: der Autor bezeichnet einen Einfluß der Szene als absurd. Dem würde ich so uneingeschränkt nicht zustimmen; allerdings kamen Einflüsse aus der Szene IMHO nur “über Bande”, und die daraus entstehenden Produkte beeinflußten ihrerseits erheblich die Szene. Als kleines Beispiel: dadurch, daß “der Mainstream” uns in irgendeiner Weise aufgegriffen hat, wurden irgendwann auch ein paar Typen in Hollywood auf uns aufmerksam, bastelten sich ein Bild zurecht, machten ein paar Filme draus – die dann wieder ihrerseits einen erheblichen Einfluß auf die Szene hatten.
Einen Einfluß auf das Denken und Handeln des Mainstream hatten wir denke ich nie, nicht mal bei zentralen Anliegen wie der Akzeptanz des Todes als natürlichen Teil des Lebens. Ich könnte aber nicht bestätigen, daß ein solcher Einfluß je ein Ziel der Szene war…
– Neofolk und die daraus hergeleitete Nähe zur Identitären Bewegung spare ich hier aus. Soweit ich das beurteilen kann, ist das ein berechtigter Kritikpunkt, von dem ich selbst aber nichts mitbekommen habe; die DJs in “meinen” Discos hatten ein sehr scharfes Auge darauf, sowas auszusparen und die zum Glück wenigen Leute, die offen rechte Tendenzen zeigten, wurden von Gästen und Türstehern gemeinsam vor die Tür gesetzt.

Insgesamt betrachte ich die MDR-Dokureihe als einen nach bestem Wissen recherchierten Bericht auf eine schwer zu greifende Szene aus einem bestimmten Blickwinkel, teilweise verklärt und sicher ohne Anspruch auf Vollständigkeit; aber absolut sehenswert.

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Auch wenn ich Dir soweit folgen konnte, fehlt mir eine Schlussfolgerung deiner Ansicht. Ist Clubsterben die unweigerliche Folge gesellschaftlicher Entwicklungen? Begrüßt du das “Sterben” im Sinne eines “gesundschrumpfens” der Szene? Sorgt eine geringere Verfügbarkeit vielleicht sogar für eine Rückkehr zu einem Art “Kern” der Szene?

Danke fürs Nachfragen Robert… meine Antworten.

1. Ja, ist sie für mich. Ist ein wenig wie in der Schweinebranche… wachsen oder weichen, konzentrieren oder verlieren, in der Zahl weniger aber dafür mehr, am Ende bleiben die Massenbuden über…. dafür ist das Endprodukt schön gleich frisch und sieht gleich aus.
Eine Gegenkultur dazu, also mehr Läden aufmachen, mehr Abwechslung, mehr hingehen, beobachte ich selber nicht in meinem regionalen Umkreis. Vielleicht jemand anderes hier? Ich schreibe von der Gesamtfläche, nicht vom Urbanen Raum.
2. Nein, ich sehe das sterben und die geringere Verfügbarkeit kritisch. “Harte” Kerne wird es so oder so geben, auch wenn es weniger Kerne bzw kleinere geben wird/könnte/…. durch die Entwicklung. Kerne können sich aber nur aus ersten Kontakten, und regelmäßigen Möglichkeiten zum Kontakt, bilden bzw verdichten über die Zeit. Die Hülle verflüchtigt sich irgendwann, Kerne, wie “gesund” auch immer bleiben. Oft sind es auch die Kerne, die dann irgendwann als letztes zerfallen, oder eben zum Glück nicht.
Das Problem das ich habe, ist aber, je weniger Leute, um so weniger Aktive und Kreative… das ist ja überall so. Und um so weniger Aktive und Kreative, um so weniger Aktivität und Kreativität kommt auch am Ende dabei raus. Persönlich gehe ich da vom Begriff Kern weg, hin zur Perle im Ozean. Weniger Ozean weniger Perlen. Immer alte Perlen zu bewundern wird ja irgendwann fad.
Ich schreibe nicht im Gedanken an die Styl Ikone oder Superband, sondern um schöne Menschen, bei schönen Veranstaltungen, mit schöner Musik (Band), bei mittleren und/oder kleinen Veranstaltungen…. nicht nur beim Massenevent WGT und Co. Um wieder ein Sinnbild zu bemühen: Wenn es weniger Entlein und Teiche gibt, um so weniger Schwäne können sich daraus entwickeln. Und um so weniger Schwäne es gibt, um so weniger Anreize haben die Entlein. Das können die angerupften Altschwäne gut oder schlecht finden. ;)

Fantôme Noir
Gast
Fantôme Noir

Wiener Blut : Hier in der Gegend ganz sicher. Es sind Discotheken jeglicher Couleur und Größe betroffen. Die Gründe sind vielfältig – vom Rauchverbot, das einen massiven Rückgang ausgelöst hat, den viele Läden bis heute nach eigenem Bekunden nicht verwunden haben, über einen (dadurch vielleicht mit ausgelösten?) Wandel des Konsumverhaltens bis hin zu örtlichen Gegebenheiten, die man unter “dumm gelaufen” einordnen muß (z.B. die Verlagerung eines kompletten Unicampus). Corona hat die Sache nach meienr Ansicht nur beschleunigt, aber nicht ausgelöst.

Was das Schrumpfen für die Szene ausmacht, wird nur die Zeit zeigen. Einerseits kann es dazu führen, daß die schwarze Szene mehr zu ihren Wurzeln zurückkehrt, sich ein Stück weit und am Ende vielleicht dadurch sogar gestärkt wird. Oder wir altern und sterben langsam aus… ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Old goths don’t dye – we just fade to grey…

shizzo
Gast
shizzo

Die nichtssagende Bedeutungslosigkeit der Mainstreammusik hat sicher auch zum Clubsterben geführt. Denn es verschwinden ja nicht nur die Undergroundclubs, die Großraumdissen sind mindestens ebenso betroffen. Abgesehen vom Hip Hop, identifizieren sich Teenager heute kaum noch mit Musik. Tanzen gehen, Clubs, etc. haben schon länger keinen hohen Stellenwert mehr. Zu meinen Zeiten waren die Media Control- Charts Dauerthema auf dem Schulhof. Und auch das Radio hatte eine ganz andere Qualität und konnte durchaus Inspirationsquelle für andere Musik sein.

Und noch etwas ist mir aufgefallen:
Der Drang sich abzugrenzen, einer Subkultur anzugehören, ist beinahe völlig verschwunden. Jugendliche orientieren sich komplett am Mainstream und den Facebook Profilen anderer und wirken deshalb sehr austauschbar.
Und mal ehrlich: Wann habt ihr das letzte Mal einen Rockabilly gesehen, einen Skinhead? Noch dazu einen, der nicht auf die 50 zugeht?

Und Goth selbst? Es gibt momentan extrem gute Sachen im Post Punk- und Synthwave Bereich. Allerdings sehen die meisten dieser Bands so überhaupt nicht “anders” aus.
Diese Subkultur ist aber eben auch entstanden, weil ganz früher mal Fans die Outfits ihrer Lieblingsbands nachahmten. (Die Klischees und das sogenannte “Lebensgefühl” wurden dann später “hinzugefügt”)
Woran also sollte sich ein Teenager heute orientieren, der auf Whispering Sons, Soviet Soviet oder Linea Aspera steht?

The Drowning Man
Gast
The Drowning Man

Shizzo: Ich Stimme dir in den meisten Punkten vollkommen zu..so sehe ich es auch. Nur das “Post Punk” im Grunde ja ein weites Feld war welches nicht unbedingt outfitbezogen war (The Chameleons waren outfitmässig auch nicht sooo anders..die Musik drückte nur etwas Eigenes aus, die mehr goth-affinen Bands aus dem Bereich schon eher..bei manchen Bands aus den 80ern kann man ja sowohl diesen als auch jenen Begriff verwenden. Aber bspw. Gang of Four oder The Sound auch wenn sie noch so melancholisch klingen halte ich nicht für explizit schwarze Bands..die sahen auch nicht wirklich hochgradig “anders” aus).

Wichtlhexe
Autor

Das Ende von Genres beobachte ich seit Jahren. Es gab immer wieder Bands, sie sich schwer einem einzigen bestimmt Genre zuordnen ließen. Ich habe das Gefühl, das manche Künstler oder Bands so viele Menschen wie möglich ansprechen wollen und bloß niemanden vergraulen wollen, weil sie sich einem Genre zuordnen. Und am Ende gibt es dann einen kommerziellen massentauglichen Einheitsbrei. Manchmal bleiben da auch Entwicklung und Kreativität völlig stehen, da man ja eh von allem ein bisschen was macht.

Bei HipHop zählt mittlerweile auch das ganze Drumherum, nicht nur die Musik an sich, sondern der ganze “Lifestyle”. Das kann man am Deutschrap gut beobachten. Da wird den Kindern und Jugendlichen ein Komplett-Paket angeboten, mit allem was so dazu gehört: Meinung, Musik, Einstellung, Klamotten, etc. Und das alles ohne sich selbst was zu überlegen.

Yorick
Gast
Yorick

Robert
Du scheinst vorauszusetzen, dass musikalische Abgrenzung nur über Genres verlaufen kann. Für meine Person kann ich das so nicht bestätigen. Ich beurteile Musik nicht nach stilistischen Merkmalen, sondern nach Stimmungen. Gothic z.B. höre ich nicht wegen der Gitarrenspielweise, sondern wegen der Dunkelheit.

Mit Genres, Stilen und Szenen lockt man anno 2020 keinen mehr hinterm Ofen vor. Authentische Seelenfinsternis hingegen vermag dies durchaus noch oder wieder. Klingt “edgy”? Soll es auch.

Graphiel
Gast
Graphiel

Wichtlhexe

Ich habe das Gefühl, das manche Künstler oder Bands so viele Menschen wie möglich ansprechen wollen und bloß niemanden vergraulen wollen, weil sie sich einem Genre zuordnen.”

Da gebe ich dir schon recht. Manche Bands scheinen sich wirklich nicht festlegen zu wollen und geben dann höchst schwammige Mischformen an, in der sie sich bewegen wollen. Das wirkt dann auch auf mich so ein wenig wie “von allem ein bisschen, aber von nix so richtig”

Andererseits kann ich es aber auch den Künstlern nicht verdenken. Sich auf ein bestimmtes Genre festzulegen kettet eine Band ja auch künstlerisch irgendwo fest und lässt keinen Spielraum mehr zu um zu experimentieren, sich weiterzuentwickeln oder gar gänzlich neue Wege einzuschlagen. So ganz einfach macht es die Hörerschaft den Künstlern dabei dann ja auch nicht. Kaum bewegen diese sich auch nur einen Schritt weit von ihrem anfänglich eingeschlagenen Weg fort, so ist das Geschrei der Anhängerschaft oft schon vorprogrammiert. Manche Leute kennen da ja durchaus herzlich wenig Pardon, sobald die favorisierte Band nicht mehr die selben 4 Melodiebögen spielt wie gewohnt. Da habe ich durchaus schon die absurdesten Anfeindungen unter den Kommentaren und Bewertungen gelesen.

Yorick

Ich beurteile Musik nicht nach stilistischen Merkmalen, sondern nach Stimmungen. Gothic z.B. höre ich nicht wegen der Gitarrenspielweise, sondern wegen der Dunkelheit.

Das halte ich ganz ähnlich. Klar, wenn eine Band glaubt mir glasklaren Metal als Gothrock zu verkaufen, dann werde ich sicherlich auch grummelig. Doch geht es mir beim hören von Musik auch viel mehr um die erzeugte Stimmung, als um die genaue Handhabe der Instrumente. Das dabei die Spielart durchaus einen Einfluss hat, dass streite ich gar nicht ab, doch hat für mich der überlieferte Inhalt mindestens genauso viel Bedeutung. Das Gesamtbild muss eben stimmen, damit mich ein Song mitnimmt. Oder anders gesagt: Wenn eine Band davon trällert fröhlich Blümchen zu pflücken und im Kreis zu tanzen, dann hilft es mir auch dann nicht, wenn sie das im stilistischem Gothrock macht. Dann würde ich mich höchstens fragen, ob die mich nun veräppeln wollen oder ich den tieferen Sinn hinter dem Song nicht verstehe. ;)

The Drowning Man
Gast
The Drowning Man

Graphiel: Ganz genau..sich musikalisch nicht festlegen zu wollen find ich sogar im Gegenteil richtig richtig gut…wenn man bedenkt das bspw. die Sisters oder auch eine Band wie Play Dead sich nie festlegen wollten..den “Gothic” Begriff sogar nicht mochten..und trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb für mich sowas wie die Prototypen des Begriffes “Gothic-Rock” erschufen (sprich “First And Last And Always” oder “From The Promised Land”). In meiner Wahrnehmung sind Definitionen und Schubladen als DJ relevant und hilfreich…damit auch weiss an welchem Abend man dann auch landet. Als Musiker hingegen empfinde ich sie als hinderlich..weil es in der persönlichen Expression auch limitiert. Wenn ich nur auf Schubladen fixiert bin kann nun wirklich keinen wirklich persönlichen Ausdruck entwickeln. Wobei es schon einen Unterschied macht ob es letztlich die Summe meiner Einflüsse ist (die ja sowieso unvermeidlich und auch durchaus ok ist) oder eben die Fixiertheit auf ein Genre. Im Endeffekt haben doch sowie nur hauptsächlich Journalisten die Etiketten draufgeklatscht..der musikalische Ausdruck ist jedenfalls so wie er ist..entweder man geht damit in Resonanz oder eben nicht. Aber ich mag musikalisches Bürokratentum auch nicht so wirklich. Das ist ja meiner Wahrnehmung nach auch doofe an der heutigen zeit..eben jene Fixiertheit auf ein Genre, was man auch vermarktungsmässig ausschlachten kann und was die Sache dann zu einer “Stylie-Geschichte” macht…während es in früheren Zeiten eher ein atmosphärisches Feld war in denen sich die Bands bewegten frei nach dem Motto “alles kann man machen”.

Wichtlhexe
Autor

Graphiel Ich kann deine Punkte durchaus nachvollziehen. Als Künstler sich irgendwo festzuketten schränkt massiv ein.
Andererseits sehe ich bei einigen “genre-losen” Künstlern und Bands, das sie eben nie komplett in ein Genre eingetaucht sind und am Ende nur an der Oberfläche kratzen. Ich mag es, wenn Künstler was von ihrem “Handwerk” und einem Genre verstehen, um anschließend damit kreativ zu arbeiten, z. B. sich einem komplett einem anderen Genre widmen, sich aus anderen Genres bedienen, etc. Das komplette Loslösen der Genres fördert ein gewisses Stümper-Dasein, das mit Möchtegern-Argumenten über “künstlerischer Freiheit” gerechtfertigt wird. Das gibt es auch natürlich in Genres, wie z. B. in Punk: du kannst nicht singen, kein Instrument wirklich spielen, deine Texte handeln von Abneigung gegen Staat und frischen Socken, es gibt keine Proben, etc. …eigentlich ist alles Scheiße, aber du rechtfertigst es damit, das es eben “Punk” ist. Oder du fängst an in total kindlicher Manier auf deinem Instrument herumzuspielen, und nennst es dann “Jazz” (und das ist ja sowas von intellektuell! Jazz muss man ja “verstehen” können.). Kannst überhaupt nicht singen? Wurst, dann wird eben im Studio brachialer Autotune draufgelegt, dann passt das schon.
Innerhalb eines Genres gibt es ja auch Strömungen und Entwicklungen, das sollte man nicht außer acht lassen. In dem Artikel kommt es fast so rüber, als hätten das einige der Künstler vergessen, oder halt eben “nicht gelernt”.

Und ja, Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt sie. Die Künstler und Bands, die sich keinem Genre zuordnen wollen und einfach großartig sind.

Graphiel
Gast
Graphiel

Wichtlhexe Bands, die ihre eigene Unfähigkeit damit rechtfertigen wollen, dass sie frei von irgendwelchen Genre ihrer Kreativität ungezügelten Lauf lassen gibt es natürlich auch. Aber sind das denn die Mehrheit oder eine zu verschmerzende Minderheit, die man kritisieren und dann wieder vergessen darf? Ich finde ja die meisten Stümper fallen dann auch ziemlich schnell mit ihrer Unfähigkeit auf und verschwinden wieder dahin wo sie herkamen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Künstler, die gerade weil sie sich nicht irgendwo festlegen wollen in ihrer Gesamtheit ganz tolle Werke hervorbrachten. Und das obwohl sich diese stilistisch teils gänzlich unterscheiden. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich auch alles davon lieben muss, doch bei wie vielen Bands trifft es schon zu, dass die komplette Discographie ein Traum ist? Also mal von Bands abgesehen, die aus welchen Gründen auch immer nicht über 1-2 Scheiben hinaus gekommen sind. Spontan fällt mir da gerade keine einzige Band ein, bei der dies für mich zutrifft.

Aber auch bei den Bands, die sich auf ein Genre festlegen sind bei Leibe nicht alle Goldstücke. Bei mir gehen zum Beispiel immer die Alarmglocken an, wenn eine Band so Sätze von sich gibt wie “Wir machen hauptsächlich Genre XY im Stil von Bands wie X und Y.” In 9 von 10 Fällen (so meine Beobachtungen) läuft es darauf hinaus, dass sich die Band dann auch anhört wie eine (oft schlechte) Kopie ihrer stilistischen Vorbilder. Das geht dann teilweise soweit, dass diese Künstler versuchen den Gesang ihrer Vorbilder “nachzuahmen”. Wenn ich Musik im Stil von The Cure (ein gern genommenes Vorbild) hören möchte, dann höre ich mir The Cure an. Da brauche ich dann keine Kopie die versucht wie Robert Smith zu klingen. Das finde ich dann persönlich sogar noch viel schlimmer, als Bands bei denen ich von Song zu Song immer wieder neu reinhören muss, weil ich aufgrund ihrer Vielseitigkeit nicht weiß was mich erwartet. ;)

Wichtlhexe
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Graphiel
Bands, die ihre eigene Unfähigkeit damit rechtfertigen wollen, dass sie frei von irgendwelchen Genre ihrer Kreativität ungezügelten Lauf lassen gibt es natürlich auch. Aber sind das denn die Mehrheit oder eine zu verschmerzende Minderheit, die man kritisieren und dann wieder vergessen darf?

Ich glaube, das ist ein sehr stark subjektives Empfinden. In den letzten Jahre, für mich, leider eine Mehrheit. Ist aber auch nur subjektiv.

Bei mir gehen zum Beispiel immer die Alarmglocken an, wenn eine Band so Sätze von sich gibt wie “Wir machen hauptsächlich Genre XY im Stil von Bands wie X und Y.” In 9 von 10 Fällen (so meine Beobachtungen) läuft es darauf hinaus, dass sich die Band dann auch anhört wie eine (oft schlechte) Kopie ihrer stilistischen Vorbilder. Das geht dann teilweise soweit, dass diese Künstler versuchen den Gesang ihrer Vorbilder “nachzuahmen”. Wenn ich Musik im Stil von The Cure (ein gern genommenes Vorbild) hören möchte, dann höre ich mir The Cure an. Da brauche ich dann keine Kopie die versucht wie Robert Smith zu klingen.

Wo muss unterschreiben? Da gebe ich dir Recht. Ich finde es schön, wenn man hört, von was die Band inspiriert wurde, welche Musik sie beeinflusst hat und welche Künstler sie geprägt haben, aber ich will auch keine 08/15-Coverbands haben. Dann lieber dem Original lauschen.

doch bei wie vielen Bands trifft es schon zu, dass die komplette Discographie ein Traum ist? Also mal von Bands abgesehen, die aus welchen Gründen auch immer nicht über 1-2 Scheiben hinaus gekommen sind. Spontan fällt mir da gerade keine einzige Band ein, bei der dies für mich zutrifft.

Mir fallen ein paar wenige ein. Das sind meistens Bands, die nach 5-6 Alben dann auch beschlossen haben, nicht mehr weiter zu agieren. Oder das sind Bands/Künstler, die eine so starke Fanbase haben, das sie auch mal schlechte Alben rausbringen können. Jene Bands, die einen fulminanten Start hingelegt haben, wurden beim ersten Album so stark gehyped, dass sie tatsächlich beim zweiten Album Ende-Gelände war. Da waren die Erwartungen dann zu hoch für alle Beteiligten. Da sind auch echte Talente dann verheizt worden.

Vielleicht liegt ja da auch das Problem. Es muss halt Gewinn abwerfen, für alle. Da ist dann kein Platz für Entwicklung oder ´nen Fehlgriff mehr vorhanden. Und deswegen sehe ich das pauschale “kein Genre” auch etwas kritisch (bin aber nicht gänzlich abgeneigt). Am Ende muss man es halt doch können, sowohl das eine, als auch das andere.

Wichtlhexe
Autor

Graphiel
Noch ein kleiner Gedankengang von mir. Da würde ich mich echt über deine Meinung freuen.

Vielleicht ist das Agieren der Künstler und Bands in das genre-lose Dasein eine logische Entwicklung der generellen Musikindustrie. Angefangen bei der CD. Da konnte man ja super auf “Weiter” drücken, wenn einem das Lied nicht so sehr gefallen hat, oder auf “Zurück”, um es nochmal zu hören. Da machte es vielleicht nicht mehr so viel aus, wenn sich nicht so gut gelungene Lieder aufs Album schmuggelten. Mit Musik-Streaming-Diensten ist das noch eine Stufe krasser geworden. Gefällt nicht? Egal…next Song please. Dazu noch die vorgefertigten Playlists, da klappt das noch besser. So hat sich ja alles generell verändert. Ein Lied muss innerhalb von wenigen Sekunden überzeugen, damit man es sich zu Ende anhört. Da haben es die genre-unabhängigen Bands/Künstler natürlich leicht. Sie bieten alles an, und du drückst auf “Weiter”, wenn es deiner “Coffee-Break-Mood-Playlist” nicht entspricht.

Ich fand auch schon immer, das es wenige Leute gibt/gab, die gute Playlists, Mixtapes oder Mix-CDs erstellen konnten. Als Schallplatten-Fan, fällt mir das zunehmend auf. Es gab früher deutlich mehr Alben, die man von Anfang bis Ende super durchhören konnte. Die waren echt gut aufgebaut, in sich stimmig und haben einen guten abwechslungsreichen Flow. Da ist was mit der CD einfach abhanden gekommen.

Graphiel
Gast
Graphiel

Wichtlhexe Hm.. also ich glaube auch dass Entwicklungen in der Musikindustrie eine Teilschuld an der Sache haben. Allerdings vermute ich eher das hier andere Gründe vorliegen. Wenn eine noch junge Band mit ihrer Leidenschaft zur Musik nicht nur finanzielle Miese fahren will, dann kommt sie sicherlich nicht drumherum in relativ kurzen Abständen neue Werke zu veröffentlichen. Vor allem dann nicht wenn sie wegen fehlender Mittel nicht in der Lage ist ihre Musik selbst zu vermarkten, oder einfach nur das Pech hatte an das falsche Management geraten zu sein. In Teilen hat dies meiner Meinung nach aber auch mit der Hörerschaft selbst zu tun, die zwar auf eine Art eigentlich immer nur das gleiche hören will, aber andererseits eine CD gerne nach 1-2x hören in die Ecke wirft und was neues fordert. Streamingdienste haben diesen Vorgang darüber hinaus vermutlich noch beschleunigt. Das läuft dann natürlich darauf hinaus, dass einige Alben auch mit sehr vielen Lückenfüllern gefüllt werden müssen. Nicht jede Band schafft es in einem überschaubaren Zeitraum lückenlos grandiose Werke zu produzieren.

Und da kommen wir dann auch zu einem weiteren Punkt in meiner Überlegung. Es gibt inzwischen auch einfach unglaublich viele Bands, die um Gehör miteinander wetteifern. Weit mehr, als es noch zu Zeiten der Schallplatte waren. Das dabei natürlich auch eine ganze Menge Müll produziert wird bleibt bei der Menge da auch einfach nicht aus. Da besteht heutzutage wohl die Kunst in erster Linie darin in dem ganzen Angebot die wirklichen Perlen zu finden.

Wichtlhexe
Autor

Graphiel

Und da kommen wir dann auch zu einem weiteren Punkt in meiner Überlegung. Es gibt inzwischen auch einfach unglaublich viele Bands, die um Gehör miteinander wetteifern. Weit mehr, als es noch zu Zeiten der Schallplatte waren. Das dabei natürlich auch eine ganze Menge Müll produziert wird bleibt bei der Menge da auch einfach nicht aus. Da besteht heutzutage wohl die Kunst in erster Linie darin in dem ganzen Angebot die wirklichen Perlen zu finden.

Ich glaub, es gibt nicht unbedingt mehr Bands. Die Dichte an Künstlern ist direkt proportional zum Umkreis, in denen sie agieren. Alles Dank Internet. Es gibt glaub ich mehr Bands, die sich mehr erhoffen, und das nicht nur als Hobby machen möchten. Da gibt es fantastische Geschichten, von Bands/Künstlern, die über Youtube, MySpace, Soundcloud, Facebook usw. ja entdeckt wurden, jetzt berühmt sind/waren und dabei mal eben Geld gemacht haben. Die extreme Kommerzialisierung der Musik, durch Streamingdienste, hat auch damit gelockt, das man eben plötzlich “ganz einfach” Geld mit seiner Musik verdienen kann. Es ist nichts anderes, als früher, wo man nach einem Gig seine Kassetten oder CDs dann verkauft hat. Ich kenn´viele Bands, die sich damit zufrieden geben, weils halt einfach das Hobby finanziert und man auf Null rauskommt (okay…sind alles Punkbands). Mit den Streamingdiensten sind allerdings viele aufs Glatteis geführt worden. Ich kann mich an einen Fernsehbeitrag vor vielen Jahren erinnern, wo u.a. eine Band darüber berichtet hat, das sie bei den Streamingdiensten zwar gut und schnell untergekommen sind, damit ihre Musik schnell und unkompliziert weiterbringen, aber es sehr sehr wenig Geld dafür gibt.

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