Goth Next Door - Goths Eating Fries

Wochenschau #5/2018 : Ist Gothic zu sein aus der Mode gekommen?

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Authentizität ist die wichtigste Währung in Zeiten der multimedialen Selbstdarstellung, die der Zeitgeist gierig von uns einfordert. Wie oft steht das, was wir in Form von Instagram und Facebook über einander präsentiert bekommen im Widerspruch zu dem Menschen, der hinter den Pixeln zu finden ist? Die Szene führt so häufig für sich an, das Innere nach Außen zu kehren, doch wie weit ist das von der Realität entfernt? Äußerliche Gesamtkunstwerke unterscheiden sie häufig von dem, was der Grufti dahinter wirklich ist. Und das muss nicht zwangsläufig negativ sein, genug eigene Erfahrungen zeigen mir, dass meine Vorbehalte gegen ein allzu perfektes Äußeres manchmal unbegründet sind. Leider sind viele Blicke hinter die Kulissen auch tragisch, wie mein Erfahrungsschatz aus der Vergangenheit immer wieder schonungslos offenlegt. Hier schließt sich der Kreis. Denn auch wenn immer weniger Gruftis in freier Wildbahn gesehen werden, so ist Gothic und alles was damit zusammenhängt, aktueller denn je. Es ist nicht aus der Mode gekommen, es findet eben Online statt. Wieviel davon authentisch ist, wird immer undurchsichtiger.

Sachsen meets Dracula | Nerds in der Wildnis

Birte und Torsten sind die Leipziger Nerds aus der Wildnis, die in ihrem gleichnamigen Blog über ihre Expeditionen in die Natur berichten. Neulich begaben sie sich auf die Spuren von Dracula und stießen auf „Vampiroteuthis infernalis“, den Vampirtintenfisch. „Und das hier ist er: Vampiroteuthis infernalis ! Der Echte! Eben DER höllische Vampirtintenfisch, den Carl Chuns Netze aus den Tiefseetiefen fischte und den der damals zum Start der Expedition grade mal 20jährige Fritz Winter so hervorragend zeichnete.“ Besucht die Nature-Nerds und staunt, wie gierig der Mensch nach Wissen sein kann, das er womöglich nie wieder brauchen wird.

Review of Goth Pikes and The Gothic Shoe Company | Bracken Crafts

Das die Autorin die GSC empfiehlt ist, wie sagt man so schön, obsolet. Denn der Laden hat ja bekanntlich Dicht gemacht und ist spurlos verschwunden. Der Artikel dreht sich vielmehr um Goth Pikes, die spitze Alternative aus Berlin (Glasgow?), die nach der Pleite von GSC möglicherweise in Bestellungen ertrunken ist. Macht Euch gerne ein eigenes Bild von dem Review und trefft eine Kaufentscheidung, wenn ihr denn vor einer solchen stehen solltet. „Hi, Today I got my boots. They fit fine. However they are damaged in 3 places. Since the box they arrived in is in perfect condition and undamaged they must have been put into the box already damaged so I am not very happy at all. Since the box is perfect this is not damage from postage! I believe you have sent me „seconds“.

Seltsamer Stein an der englischen Nordseeküste | Süddeutsche

Der schwärzeste Schmuck ist aus Jet, wie die Pechkohle auch genannt wird. In der Übergangsphase von der Braunkohle zur Steinkohle entsteht ein tiefschwarzes, glänzendes und leicht schnitzbares Material, dann schon zu vorchristlichen Zeiten zu Schmuck verarbeitet wurde. Schöner Artikel in der Süddeutschen: „Der Morgen ist dunkel und diesig. Fahnen flattern und Taue schlagen an die Masten der Schiffe. Der Wind weht die klagenden Schreie der Möwen durch die leeren Gassen der Stadt Whitby in Yorkshire. Böen stürmen über die Nordsee und an die hohen Klippen hier an der Ostküste Englands. Whitby ist ein schmucker Ort, aber auch einer mit offenbar schwarzer Magie: Im Whitby-Museum funkeln in den Vitrinen Schmuckstücke aus dunkler Materie.

Schwester von Ann-Kathrin ist ein Gothic | Abendzeitung

Fußball, lieber Leser, ist das interessanteste Thema für einen Großteil der deutschen Bevölkerung. Doch damit nicht genug, alles was um die Superstars am Ball herum passiert, ist ebenfalls von Interesse. Und so wird aus der Schwester von Ann-Kathrin Götze, der Frau von Mario Götze, eine Schlagzeile, weil sie ein Gothic ist. „Eine Ähnlichkeit ist mit all der weißen Schminke und dem Gothic-Look nicht zu erkennen! Erstmals zeigt Ann-Kathrin Brömmel, die Ehefrau von Mario Götze, ihr ältere Schwester Stephanie. Knappe Kleidchen, sexy Make-up und eine stets geföhnte Walle-Walle-Mähne – so zeigt sich Ann-Kathrin Brömmel gern in der Öffentlichkeit. Und ist damit das genaue Styling-Gegenteil ihrer Schwester Stephanie Walter.“ Es gibt Schlagzeilen, die können doch nicht ernsthaft einen Menschen interessieren, oder? Da wollte die Ann-Kathrin ihrer Schwester ein paar Follower schenken und zack, sind diese komischen Leute da, einen Artikel daraus zu machen. Sitzen da echt Leute in den Redaktionen und durchsuchen die Tweets und Instagram Bilder der Spielerfrauen nach vermeintlichen Geschichten?

Die Schwarze Witwe in Darmstadt | Mina Miau

Mina und Victor haben die Wohnung verlassen, um beim „Friedhofsgeflüster auf dem Parkfriedhof“ mit Dr. Anja Kretschmer dabei zu sein. Warum man sie so nennt, ließen sie offen, nicht aber worum es ging: „Der Umgang mit dem Sterbeprozess und die Bestattungskultur einer doch wenig aufgeklärten Gesellschaft ist außerst interessant, teilweise natürlich morbide, aber eben auch unterhaltsam, sogar manchmal lustig und vor allem eins: Der Tod ist Teil des Lebens, Teil der Gesellschaft und wird nicht komplett verdrängt, wie in unserer heutigen „forever young“-Verblendung.

Make America Goth Again! | The Outline

Stellt Euch vor, eine selbsternannte Splittergruppe der schwarze Szene spricht sich für die Unterstützung der AFD aus. Undenkbar? In Amerika finden einige Goths den Trump ganz toll, warum dem so ist, versucht dieser Artikel zu beleuchten: „There are myriad reasons why goths say they support Trump. Some cited the president’s desire to bring factory jobs back to America, which might allow them to work graveyard shifts in dark, dungeon-like settings. Others said they felt a kinship with him. In one Youtube video, a self-identified goth Republican said that supporting Trump was an act of rebellion, and that standing up to the mainstream media, which tends to cast goths as Marilyn Manson-obsessed school shooters, was a “counterculture” move.“ Meine Meinung? Es gibt Dinge, die in der Szene und in deren Inhaltsstruktur nichts verloren haben. Politik und Religion sind zwei dieser Dinge. Was jeder Goth privat glaubt und wählt, steht auf einem anderen Blatt.

So sehen Gothics, Steampunks & Co. im Alltag aus | Bento

Der Ableger von Spiegel Online hat knallhart enthüllt, wie einige Gothics im Alltag aussehen. Weil auf dem Wave-Gotik-Treffen treibt sich ja so einiges herum: „Die „schwarze Szene“, die sich hier jährlich trifft, ist in Wahrheit tatsächlich ein recht bunter Haufen. Neben Gothic-Fans tummeln sich auf dem WGT unter anderem auch Mittelalter-Enthusiasten, Steampunks, Visual-Kei-Anhänger, Industrial-Nerds und Fetischisten. Sie alle aufzählen zu wollen, wäre größenwahnsinnig. Viele fühlen sich in gleich mehreren Richtungen zu Hause oder wollen sich nicht für die Medien einer bestimmten Szene zuordnen. “ Genießt die Fotostrecke und die zielsicheren Bildunterschriften.

Goth Doing Thing | The Goth Next Door

Sie sind wieder zurück! Die Goths vom amerikanischen Kontinent, die unter „The Goth Next Door“ schon vor Urzeiten gezeigt haben, wie man als Goth Ostern begeht, sind mit neuen Videos zurück. Zum Beispiel, wie man Fritten isst. Sinnfrei, verstörend, langweilig. So wie es sein muss.

Die Kuriosen Kreationen der Christine McConnell | Netflix

Die Königin des Zuckergusses und Maximalindividualistin Christine McConnell hat jetzt einen Folgenreichen Deal mit Netflix gemacht, in der sie als Serienstar nicht nur ihre atemberaubenden und essbaren Werke in Szene setzt, sondern auch sich selbst. Umgeben von Puppen im Jim Henson Style hat der Internetsender jetzt eine Miniserie mit ihr gestartet:

Toxic Tears: Sie schmissen Feuerwerk nach mir | BBC News

Auf BBC erzählt Kaya Lili, besser als Toxic Tears, von ihrem Leben als Goth im UK und beantwortet ein paar kurze Fragen: „Is goth going out of fashion?“ Immerhin. Es scheint ruhiger geworden zu sein in Belfast, Goths sind im Straßenbild rar geworden, dafür bündeln sich Online umso mehr Aktivitäten. So ihr Fazit.

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Gabrielle
Gast
Gabrielle

Danke für die kurze Erinnerungsreise nach Whitby. Es ist bereits sechs Jahre her, als ich dort war. Natürlich hatte ich schon vor der Reise nach Yorkshire von dem Stein gewusst und konnte mich entsprechend mit Kette, Armband und Ohrsteckern eindecken, was bei der riesigen Auswahl an schwarzen Geschmeiden sehr schwer fiel. Den eher schlichten Schmuck hüte ich gleich eines Schatzes und er wird nur zu besonderen Anlässen, oder bei unbändiger Lust ihn zu tragen, umgelegt.
Whitby selbst ist ja zudem auch bekannt für sein Goth Weekend, mit einem etwas stylischeren Laufsteg, als wir es vom WGT gewohnt sind. Ich könnte mir vorstellen, dass das Schaulaufen vor der Whitby Abbey exzessiv genutzt wird, um herausgeputzt vor der spektakulären Kulisse für die Fotografen zu posieren.

(ohne Kommentar :) )

gagates
Gast
gagates

da bringt die süddeutsche nen artikel über die pechkohle (gagat) und ich überseh‘ ihn glatt. habe lange nach einem schmuckstück mit der gesteinsart gesucht (bekommt man zu 95% suchergebnisse mit onyx) und dann endlich dem klischee entsprechend eins in leipzig zu wgt zeiten gefunden. mein nickname wurde mir praktisch schon in die wiege gelegt, dauerte nur noch etwas bis ich ihn auch mit leben gefüllt hab

Victor von Void
Gast

Als Ergänzung, und weil es in Minas Artikel nicht erwähnt wird: Die „Schwarze Witwe“ nennt sich deshalb so, weil Dr. Kretschmer für die Führung die Rolle einer Frau aus dem 19. Jahrhundert annimmt, die bereits einige Ehemänner unter die Erde gebracht hat und über ihrer Erfahrungen damit plaudert. Und mir scheint, dass die Dame ebenfalls in der Szene unterwegs ist, was wohl als zusätzliche Bedeutung auch noch in Frage kommen dürfte.

Thilo
Gast
Thilo

Es gibt Dinge, die in der Szene und in deren Inhaltsstruktur nichts verloren haben. Politik und Religion sind zwei dieser Dinge.

Nun Religion d’accord, aber ich bin der Ansicht, dass eigentlich alles politisch ist und auch so gesehen werde sollte. Insbesondere heutzutage ist es unbedingt wichtig, als Goth politisch zu sein. Wenn wir nämlich nicht mehr politisch sind, dann kommt der Tag an dem uns die Politik unsere Szene und unseren Stil wegnimmt … hatten wir alles schon :-(

Axel
Gast

Was passiert, wenn man meint „die Szene sei unpolitisch“ kann man seit vielen Jahren sehen. Etwa hier im Osten, wo sich Nazikader in dieser Szene schön breit machen konnten. Bis vor ein paar Jahren wurde beispielsweise die Security des WGTs von der damaligen Security-Firma eines bekannten Chemnitzer Neonazis durchgeführt. Ja, einer, der auch vor ein paar Wochen hier in Chemnitz mitmarschierte. Neben dem III. Weg und anderen gar lustigen Kameraden.

Man stelle sich mal vor, es hätte damals Stress zwischen linken Gruftis und Nazis gegeben. Na, auf welche Seite wäre diese Security wohl gewesen?

Dennis
Gast
Dennis

Mich stören zwei hier Punkte: die Rechts Links-Gleichsetzung und das Verständnis von politisch unpolitisch!
Die unseligen Raumkoorinaten, die mal (und noch immer) auf die Anordnung der Parteien im Parlament zurückgingen, greifen nicht nur zu kurz, sie führen auch in die Irre. Es sind eben keine Spiegelbilder um eine „Mitte“. Lassen wir die gewaltbereiten/-tätigen Enden außenvor: Sie sind kein Fall für die Politik, sondern für die Justiz. Darüber müssen wir wohl nicht diskutieren.

Den grundlegenden Unterschied sehe ich so: „Links“ (was wäre der bessere Begriff???) möchte das Leben für alle Menschen besser machen. Die Extremen darunter möchten sie gleichmachen, das könnte uns Schwarzen fremder kaum sein – außer dem anderen, ganz „Rechten“ Ende: Die haben die anderen schon vernichten wollen – nein, sie haben es schon einmal getan! Heute forden sie „nur“: Ausweisen, Ausbürgern! Nach Gutdünken und „Volksmeinung“, nach Rasse, Religion, Herkunft, … Noch gibt man sich „moderat“. Noch … Für mich ist das eine andere Kategorie, für mich verbietet sich daher diese Gleichsetzung!
In diesem Grundkonflikt kann ich daher auch eine „unpolitische“ Schwarze Szene nicht verstehen und nicht akzeptieren. Nein, „die“ Szene soll sich nicht zwischen Rot, Grün, Schwarz positionieren. Das wäre in so vieler Hinsicht absurd, schon deshalb, wie „DIE Szene“ nur ein ideeles Konstrukt und keine reale Einheit ist. (So wie „DAS Volk“ der Gegenseite!)
Für mich stehen, hier und heute, Demokraten gegen Rechtsextreme.
(Auch gegen Kommunisten würde ich kämpfen, aber die spielen heute wirklich keine Rolle.)

Demokraten streiten über Sozial-, Wirtschafts-, Europa- und Weltpolitik. Auch darüber, wen wir in unser System (sozial und politisch) einbeziehen sollen/dürfen/müssen/… Das kann manchmal wehtun, das ist auszuhalten. Ich sehe hier keine Position, die für „DIE Szene“ (s.o.) verbindlich sein könnte.

Die andere, Rechtsextreme Seite (Rechts =/= Konservativ!) leitet Staatsbürgerschaft vom Erbgut, Religion oder Vorfahren ab, Meinungsfreiheit vom vermeintlichen, selbstdefinierten „Volkswillen“ und Bürgerrechte von herrschenden Mehrheiten. Nein, das tun nicht nur die offenen Faschisten, sondern auch die AFD, für die die Rechte anderer Menschen ein größeres Problem darstellen als soziale Ungleichheit, Klimawandel, …

Muss ich hier noch beschreiben, wo eine schwarze Szene, deren Grundlage die Selbstausgrenzung ist, stehen würde, wenn Antidemokraten die Macht erringen? Wir Schwarzen stehen nicht nur für Freiheit, wir sind auf sie angewiesen! Die Freiheit anders auszusehen, zu denken, zu glauben … Nichtanpassung!

Dafür einzustehen IST POLITISCH! Das abzustreiten macht mich immer wieder fassungslos.!

Um es nochmals klarzustellen: „Politisch“ ist hier nicht „Parteipolitisch“, sondern die Verteidigung auch der Freiheit, auch unserer, anders zu sein. Lasst uns daher nicht um Begriffe wie Himmelsrichtungen streiten, aber seid politisch! Auch als „Szene“, denn unsere Existenz hängt davon ab!

Dennis
Gast
Dennis

Ja, da „die Szene“ nun mal (zum Glück) kein Parlament hat das eine Richtungsentscheidung treffen könnte, bleibt es schwierig. Zum Glück … Vermutlich sind wir ganz nahe beieinander, mit ein paar Deutungs-Problemen …

Ich hoffe auf eine Verschiebung der Diskussion, zum Beispiel in Foren wie diesem. Weg von der leider so verbreiteten Gleichgültigkeit (Realtitätsflucht?) zum Bewusstsein, dass die Freiheit, die wir genießen, erkämpft (ertrotzt?) wurde, und dass sie zu verteidigen ist, wenn diese Szene bestehen will. Was ist das sonst, wenn nicht politisch?

Vielleicht führen die Begriffe in die Irre: „Politisch als Parteienkleinkrieg“ und „Rechts-Links als irgendwie Spiegelbildlich“. Das macht es leicht, sich auszuklinken. Eine Weile war es ja auch fast so, jenseits von „Links“ (…partei) und „Rechts“ (CSU) gab es zwar ein paar Bekloppte, aber die musste man nicht erstnehmen. Aber heute jagen sie (wieder!) Menschen falscher Farbe durch die Straßen und träumen, als stärkste Kraft in manchen Bundesländern, vom Umsturz.

Die „Szene“ (nicht hier, in diesem wunderbaren Biotop) verschwendet so viel Kraft in Diskussionen über richtige Klamotten, falsche Musik oder Schläuche in den Haaren. Unsere Intoleranz muss sich endlich gegen jene richten, die unsere Freiheit angreifen, die unsere Themen missbrauchen. Hier wünsche ich mir eine wehrhaftere Szene.

Nein, ich habe da kein Patentrezept, wie das anzugehen wäre. Schon garkeine „reine Lehre“. Da sind nur die Leitplanken: Menschenrechte, Menschenwürde, Freiheit. Dazwischen kann es keine „richtige“, „offizielle“, … Szeneposition geben. Was aber jenseits davon ist, das müssen wir zurückdrängen. In der Szene und in der gesamten Gesellschaft. Mit Diskussionen wie dieser hoffe ich, ein Bewusstsein dafür aufzubauen. Das ist das Beste und vermutlich einzige, was wir da tun können. Das passt zur Szene, oder?

Dennis
Gast
Dennis

Oder sollten wir einfach den Begriff „politisch“ ersetzen, der für so viele hochgradig allergen scheint? Ich weiß nur keinen besseren, keinen, der (in diesem Zusammenhang) nicht andere Mängel hat. Humanistisch, freiheitlich, demokratisch …? Aber das wäre eine Nebeldiskussion. Die Verteidigung der Freiheit ist der Urgrund des Politischen. Warum winden wir uns da so? Ich sehe das einfach als Selbsttäuschung. Mit dem Kampf für das Recht auf Anderssein ist es geradezu unsere Wurzel. Sollten wir das nicht endlich aktzeptieren?

Durante
Gast
Durante

Ich lese hier ja eigentlich seit Jahren nur und verhalte mich ruhig (die sprichwörtliche Fliege an der Wand ;) ), aber jetzt fühl ich doch mal genötigt meine angeborene Schüchternheit zu überwinden und ein wenig zu nerven:

Was passiert, wenn man meint „die Szene sei unpolitisch“ kann man seit vielen Jahren sehen.

Genau den Gedanken hatte ich beim Lesen leider auch… :(
Auch ich als „alter“ Linker hab jetzt NICHT vor „die Szene“ in eine politische Partei zu verwandeln ;) , aber ich finde dass die Ablehnung von Faschismus eher eine Frage menschlicher Vernunft ist als eine politische Frage (Faschismus/Rassismus/… zu kritisieren/bekämpfen ist nicht wirklich dasselbe wie z.B. Werbung für eine konkrete Partei oder ein Volksbegehren zu machen oder dgl.).
Wenn ich auf einem „schwarzen“ Festival oder Konzert bin trag ich da meine politische Ansicht auch nicht so extrem nach außen wie ich das z.B. auf einer polit. Demo tun würde – Aber ein „Gegen Nazis“- oder „Schwarz statt Braun“-Button o.ä. muss natürlich mit auf das Event… ;)

@Dennis:

Da sind nur die Leitplanken: Menschenrechte, Menschenwürde, Freiheit. Dazwischen kann es keine „richtige“, „offizielle“, … Szeneposition geben. Was aber jenseits davon ist, das müssen wir zurückdrängen. In der Szene und in der gesamten Gesellschaft.

Ich wünschte ich hätte mehr als 2 Daumen die ich jetzt hochhalten könnte, klasse formuliert! :)

Mich stören zwei hier Punkte: die Rechts Links-Gleichsetzung und das Verständnis von politisch unpolitisch!
Die unseligen Raumkoorinaten, die mal (und noch immer) auf die Anordnung der Parteien im Parlament zurückgingen, greifen nicht nur zu kurz, sie führen auch in die Irre. Es sind eben keine Spiegelbilder um eine „Mitte“. Lassen wir die gewaltbereiten/-tätigen Enden außenvor: Sie sind kein Fall für die Politik, sondern für die Justiz. Darüber müssen wir wohl nicht diskutieren.

Unabhängig davon dass „die Mitte“ natürlich relativ willkürlich festgelegt wird (die CDU hat halt irgendwann mal gesagt „WIR sind die Mitte!“ ;) ) – Die Gleichsetzung Links = Rechts stößt mir auch immer sauer auf, is mir auch nicht wirklich begreiflich. Selbst WENN man die grundsätzlichen Ideale (Links = Solidarität/Gerechtigkeit/Frieden/… vs. Rechts = Führerprinzip/Rassismus/geschlossene Gesellschaften/…) völlig außen vor lassen würde, gibt es da noch einen fundamentalen realen Unterschied (genau jetzt und genau hier, in Deutschland)…
Vorne weg: Ich selbst bin ein friedlicher Mensch der sich von Gewalt immer erstmal instinktiv abgestoßen fühlt (habe auch noch nie einen Pflasterstein geworfen oder dgl.), aber dennoch ist es Fakt dass „linke Gewalt“ sich primär gegen Sachen richtet (Bankfilialen, Luxusautos, o.ä.), selten gegen Personen (und wenn dann bei Auseinandersetzungen mit Nazis oder gepanzerten Polizisten auf Demonstrationen). „Rechte Gewalt“ richtet sich primär gegen Personen (weil diese z.B. halt zufällig die „falsche“ Hautfarbe oder sexuelle Orientierung oder… haben), nicht auf Demos sondern bei spontanen Angriffen auf öffentlichen Plätzen (zumeist auch in Überzahl). Und wenn Rechte doch mal „Gewalt gegen Sachen“ ausüben handelt es sich bei „der Sache“ meist um ein angezündetes Flüchtlingsheim (in dem halt – „zufällig“ – gerade Familien schlafen)…
Auch wenn ich pers. allgemein gegen Gewalt bin (1. halte ich sie grundsätzlich für falsch, 2. ist sie in der Regel auch sinnlos)… aber DIESE beiden Formen von Gewalt VÖLLIG gleichzusetzen verstört mich immer sehr. Menschen (aber auch Tiere) sind zumindest für mich IMMER schützenswerter als z.B. Autos oder andere materielle Dinge…

@Dennis:

Für mich stehen, hier und heute, Demokraten gegen Rechtsextreme.
(Auch gegen Kommunisten würde ich kämpfen, aber die spielen heute wirklich keine Rolle.)

Dem ersten Satz gibt es nichts hinzuzufügen, was den zweiten angeht… Auch wenn es natürlich nichts bringt (der Begriff an sich ist wsl. für immer „verbrannt“), aber bei dem Punkt kann nicht anders als nochmal zu nerven :) : Echte „Kommunisten“ sind eigentlich per Definition immer Demokraten, Stichwort hierzu ist Rätedemokratie bzw. Räterepublik
(ja mei, ich hab damals zu Beginn meiner Jugend Marx, Engels usw. gelesen)
…das weiß leider heutzutage nur fast niemand mehr (der Begriff Kommunismus stammt ja ursprünglich aus dem 19. Jh., aber die heutige (falsche) Interpretation davon in den Medien usw. haben wir div. irren Faschisten/Schlächtern aus dem 20. Jh. zu verdanken, primär Stalin und Mao).

lg (und sorry für den langen Text)
Durante

River
Gast
River

Ein netter Artikel. Wobei diese Toxic Tears so ungefähr alles vertritt, was ich an der heutigen Gothic Kultur ganz furchtbar finde…

Durante
Gast
Durante

Hi Robert :) , was die Phrasen angeht hast du wohl recht ;) – Ich versuche mal meine Meinung zu diesem Thema noch etwas auszuführen:
Ich denke diese Szene muss absolut keine konkrete Richtung vertreten/bewerben (natürlich hätte ich als Linker nichts gegen eine „100% linke schwarze Szene“ (heutzutage sowieso utopisch ;) )…
…da aber Politik an sich ja NICHT der Grund ist warum Menschen „schwarz“ werden (da spielen ja z.B. u.a. Schwarzromantik, Melancholie, Musik und (hoffentlich nicht nur) Mode schon eher eine Rolle), ist es quasi nur natürlich dass diese „Geschlossenheit“ spez. bezogen auf das Thema Politik eben nicht vorherrscht. Auch für mich selbst war „Politik“ ja nichts was mich an spez. diese Szene herangeführt hat (wäre die Szene jedoch dediziert „rechts“ wäre ich def. nie ein Teil davon geworden).

ABER: Es sollte innerhalb einer Szene (zumindest wenn es in dieser nicht nur um Mode geht) meines Erachtens verbindende elementare Grundsätze geben, über die man sich im Großen und Ganzen einig ist – Quasi einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“.
In jüngerer Vergangenheit wurden als „Ideale“ der Gothic-Szene (z.B. in Interviews auf Festivals usw.) zumeist „Friedfertigkeit/Gewaltfreiheit“ und insbesondere „Toleranz“ genannt – Das wären beispielsweise sogar solche Grundsätze, NUR meinten die (überwiegend jungen) Goths mit „Toleranz“ damals wohl leider zumeist „Bei uns ist echt JEDER Depp willkommen!“ (im Zweifelsfall auch Neonazis)…
…anstatt „Für uns ist Toleranz ein hohes Gut und bei uns sind andere tolerante Menschen willkommen“ (und nein das ist kein Widerspruch ;) )…
…oder auch „Wir Goths wollen in unserer ‚Andersartigkeit‘ toleriert/in Ruhe gelassen werden und tolerieren deshalb eben auch andere Szenen/Lebensstile/Mentalitäten/… und wir wissen schon allein deshalb dass Rassismus/Sexismus/… einfach Quatsch ist“.
Dennis : …hat hier mit seinem letzten Kommentar ja auch etwas in der Richtung gesagt:

„Mit dem Kampf für das Recht auf Anderssein ist es geradezu unsere Wurzel. Sollten wir das nicht endlich aktzeptieren?“

Einen „gesellschaftlich-interoleranten Grufti“ (Rassist/Sexist/homophob/transphob u.ä.) kann ich persönlich nicht wirklich ernstnehmen. Gerade WIR sollten es eigentlich echt besser wissen nachdem was man als Grufti im Alltag so erlebt hat… Man war ja nicht nur angeblich „Satanist“, „Psycho“ oder „Freak“ sondern als geschminkter Mann manchmal halt auch eine „Schwuchtel“ oder dgl. ;)
(Und ein „Grufti“ der z.B. AfD wählt votiert defacto für eine Gesellschaft in der eben auch er später nicht mehr erwünscht sein wird…)

Deshalb denke ich dass es nicht nur grundsätzlich vernünftig ist, sondern auch im ureigenen Interesse der Szene wenn sie eine pluralistische, offene, demokratische Gesellschaft eindeutig befürwortet und sich „gegen Rechts“ positioniert.
Das ist dann auch nicht die Position einer bestimmten politischen Partei oder Bewegung, sondern eher nur der kleinste gemeinsame Nenner innerhalb des aufgeklärten, vernünftigen und (mehr oder weniger) gebildeten Teils der Bevölkerung.
(Um z.B. dann „Links“ zu sein müsste man die oben beschriebene Position ja noch mind. um das Ideal der „sozialen Gerechtigkeit“ ergänzen, was ein ganz anderes Thema ist.)

Wie du siehst geht es mir gar nicht um meine individuelle Weltanschauung (oder die eines/einer anderen) sondern eher um ein gemeinsames Fundament, den schon mehrfach erwähnten kleinsten gemeinsamen Nenner (sorry aber der Begriff passt einfach so gut!). :)

Ist ein rechts orientiertes national geprägtes Weltbild etwas, was in der Szene keinen Platz hat?

Meines Erachtens nach hat das in der Szene eigentlich keinen Platz, nein (aus den oben genannten Gründen). Und das dürfen entsprechende Zeitgenossen dann in Gesprächen auch ruhig merken (dass ihnen Unverständnis und Ablehnung entgegengebracht wird meine ich).

Ist der Grufti, der sich darüber skandiert, dass Flüchtlinge alles „geschenkt“ bekommen, während die eigenen Obdachlosen erfrieren, kein Grufti?

Meine Diagnose: In diesem konkreten Fall haben wir es dann wohl in erster Linie vor allem mit einem Idioten zu tun (eventuell sogar mit einem A.loch). ;)
Unabhängig davon dass jeder weiß dass die Mär von wegen „alles geschenkt“ Quatsch ist (außer eben den Leuten die einfach ALLES glauben was in ihren Facebook-Gruppen gepostet wird *seufz* )… ist mir noch NIE einer begegnet der dieses (bei Rechten aktuell durchaus beliebte) „Obdachlosen-Argument“ anführt, dem diese „deutschen“ Obdachlosen VOR DEM BEGINN der ganzen Flüchtlingsdiskussion NICHT völlig egal gewesen wären! Pure Scheinheiligkeit was einem da von Rechts entgegenschlägt… :(

Nur am Rande: Was „Gothics und Punks“ betrifft hab ich mal irgendwo(?) die schöne Formulierung gelesen: „Während Punks extrovertiert o. aggressiv auftraten und offen rebellierten, traten die Gothics quasi den geordneten Rückzug an“ (oder so ähnlich). Also beiderseits Ablehnung der gegenwärtigen Konsum- und Spaßgesellschaft, aber eben eine andere Reaktion auf diese Gesellschaft. Mir hat speziell der Satz mit dem „geordneten Rückzug“ immer irgendwie sehr gut gefallen… :)